Ausgabe 
15.5.1912
 
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zurnckziehen. Die frimten Larven, die in ,ber Vertilgung bet1 BlaK- läuse unersättlich sind, hangen sich Set der Verpuppung mit der Schwanzspltze an Pflanzenteile an, die Puppen selbst bleiben öfters in der geborstenen Larvenhaut stecken. Es gibt im Laufe des Sommers mehrere Bruten, und schließlich überwintern die Käfer in sicheren Verstecken, unter abgefallertem Laube, hinter losge­löster Baumrinde usw. Wenn dann die Käfer im Frühling ihre Schlupfwinkel verlassen, dann erfolgt die Paarung mtb Has Ab­legen der gelben Eier an Stellen, wo Blattläuse vorkommen, und je mehr Blattläuse man an jungen Trieben beobachtet, desto mehr Larven der verschiedenen Arten ihres Verfolgers wird man da finden, die alle auf aufgespreitzten Beinen umherlaufend, die trägen, dicken Blattläuse zu erhaschen sitchen. Nachdem die er­wachsene Larve die letzte Haut abgestreift hat, entschlüpft der weiche Käfer, der bald Ur die weitere Vermehrung seines Geschlechtes sorgt, so daß unter günstigen Bedingungen in einem Sommer drei Bruten entstehen. So sorgt die Natur immer dafür, daß nicht (eine Art der Geschöpfe zum Nachteile anderer überhand nimmt. So sind der übermäßigen Vermehrung der Blattläuse einige Schranken gesetzt durch die Lebens- und Ernährungsweise der Marienkäfer, die, wie auch die Blattlauslöwen, die Larven der Florfliegen und diejenigen einer kleinen Schlupfwespenart ausschließlich von Blatt­läusen sich ernähren und gewaltig in den Reihen dieses Ungezieftrs aufrämnen. Das ist ein Beispiel des stetigen Kampfes ums Dasein rn der organischen Welt, selbst im Reiche der kleinen Insekten- welt. Gr.

DerBlutritt ein Himmelfahrtsbrauch.

ES ist der 41. Tag nach Ostern, der Tag nach Himmelfahrt, im Volksmund auch Wetterieiertag genannt. Durch die Scheuer eines Bauern in der Nähe von Weingarten bei Altdorf bewegt sich eine merkwürdige Prozession. Die meisten Teilnehmer sind beritten, sie sind militärisch gekleidet, sie tragen Fahnen, Musik be- fiteilet ihren Zug; einer hat dieheilige Blntglocke", die beständig gelautet wird, und der Kustos reitet auf einem Schimmel und ist weiß gekleidet. Wohin diese Prozession sich bewegt, da bringt sie den Feldern Segen, daß kein Welter ihnen schaden kann, und auch den Pferden, auf denen Prozessionsteilnehmer reiten, ist der Ritt heilsam. Denn bei diesemBlutritt", wie die Prozession heißt, wird ein Trovfen des heiligen Blutes Christi durch die Felder getragen. Dieser Blutritt ist eine Sitte, durch die Weingarten feit alter Zett berühmt ist, aber sie steht keineswegs ohne Seitenstück da, im Gegen­teil, Prozessionen in der Himmeliahrtszeit und am Himmelfahrts­tage selbst kennen alle deutschen Landschaften und beinahe alle ger­manischen Völker.

Die kirchliche Einrichtung des Himmeliahrtsumzuges geht viel­leicht auf den südgallischenBischof Mamertus von Vienne, einen betDrei gestrengen Herren", zurück, der zur Abwendung unheim­licher, erdbebenartiger Naturerscheinungen im Jahre 450 Bitt- prozessionen anordnete. Von hier aus verbreiteten sich solche Bitt- prozessionen über das ganze Gebiet der alten Kirche, und auf der Synode von Orleans (551) wurden schon Himmelfahrtsprozessionen allgemein angeordnet, für die die Bestimmung getroffen wurde, daß Knechte rmd Mägde an den Tagen, wo sie stattfänden, von der Arbeit befreit sein sollten. Die Kirche griff hierbei, wie bei so vielen Festen, einen Brauch, der aus heidnischer Zeit erhalten war, auf, um ihn in christliche Gestalt einzukleiden. Flurprozessionen, Grenz­umzüge, Eschprozessionen oder wie sie sonst heißen, halten schon die alten Germanen abgehalten. Bonifacius hat die heidnischen Ge­bräuche bei diesen Umzügen einmal geschildert rmd erwähnt dabei auch Bilder, die dabei herumgetragen wurden. Viel früher hat Tacitus von den Usern der Ostsee den Umzug zu Ehren der Göttin N e r t h u s geschildert. Die vorchristlichen Grenzumzüge, bei denen Götterbilder durch Felder und Haine getragen wurden, gehören zu den Frühlingsfeiern: in der Zeit, wo die Natur sich erneut und verjüngt, wurden den Göttern Opfer dargebracht, rmd ihre Bilder, die ute gleiche Kraft hatten, wie die Götter selbst, wurden umher- getragen, um die Unholde des Feldes und alles Unheil zu bannen.

Im Mittelalter sanden in außerordentlich vielen Landschaften Himinelsahrtsumzüge statt, die christlich aussahen und eS auch waren, dabei aber noch manche heidnische Ueberresie mit sich schleppten. Uebrigens waren diese Umzüge meistens heiterer Art und an Scherzen fehlte es dabei nicht. Sie hatte» unter andeiem den Zweck die Flur- und Besitzgreirzen alljährlich neu festzustellen, und deshalb mußten junge Leute und Kinder dabei sein, die den genauen Verlauf der Grenzen ihrem Gedächtnisse einprägen sollten, im ihrem Gedächtnisse zu helfen, verwendete nm» eine besonders kräftige Art der Eiiiprägung, nämlich eine gutgezielte Ohrfeige oder ernen kräftigen Rippenstoß. Der Wettersegen oder die Feststellung der Grenzen waren Zweck der Prozession.

Srenzen waren Zweck der Prozession.

Die deutschen Namen dieser Himmelfahrts-Prozessionen sind schon oben genannt worden; bei den Engländern trägt die Himmel- lahUsivoche, in der sie stattfinden, den Namen Betwoche, bei den Hollandern Kreuzwoche, iveil den Prozessionen Kreuze voraus- getragen werde». DerBlutritt« zu Weingarten, bei dem die Jteliqiue bet Benediktiner-Abtei zur Segnung verwendet wird, sich zwanglos in diese Prozessionen ein; sie ist weitaus die veiuhmteste ihrer Art; etwas weniger befannt ist derAblaß" des Thüringer Dorfes Günstedt. Wie die meisten Festbräuche dieser

Art sind auch di« Himmelfahrts-Prozessionen im Erlöschen. Im ®uben Deutschlands halten sich die Bräuche gewöhnlich länger* mäqrenb sie im Norden schon ausgestorben sind. Nach einer An gäbe Reichhardts hat im Jahre 1894 in dein Dorfe Nietleben bet Halle noch em Flurumzug zur Feststellung der Ortsgrenzen statt- gefunden. In Biedenkopf finden sie als großes Volksfest all« zehn Jahre statt. ______ x. p.

heil dir, Gießen!

m . .... Mel.: Heidelberg, du Jugendbröntrer^ Gießen, deine Musensohne fingen dir ein Jubellied I da» <8 uns die Zukunft schöne, bleibt dein Bild uns im Gemüt, feunben, die wir nie bereuten, trauen uns dir ewig an. Gießen, Stadt der Jugendfreuben, schönes Gießen an der Lahn. Deine Häuser, deine Kneipen sind das Heim der Poesie, und zum Salamanberreiben fehlt's an Stammquartieren nie.

ihr mich nach alten Gaffen? Geht mir hin und seht euch um! selbst dre allerneusten Straßen schienen mir bisweilen krumm. Zu des Gleibergs satter Grüne lockte uns der Maientag l und des Staufenbergs Ruine sah manch frohes Zechgelag, Wo der Mönch statt vor demLiebchen vor demKreuz sich einst verbeugt, Schlffenberg, dein Söllerstübchen, fand ich manchmal gar zu feucht. Selbst die Lahn, des Rheines Schwester, ist umhaucht vom Burschengeist, nimmer dulden wir Gelöster, wenn uns wer den Neckar preist, -mrd) das Wehr der alten Mühle zog der Fux den Kahn hindurch, und tm Bowlenvorgefühle rudert et zur Babenburg.

Deine Mädchen, schönes Gießen, scheinen zwar von außen kalt, doch ein andres Lied von diesen rauscht der Philosophenwald. Selig in des Klubsaals Tiefen schivang der Fux fern Mädel rum, nur die alten Inaktiven kranken lieber einen um.

Ach,wie mußt das Blatt sich wenden, wo Herr Goethe scheltend spricht' /Biefe Gießener Studenten raufen doch studieren nicht.« Säh er heut Student und Spießer, nimmer wahrlich sprach er Hohn, und ein echter, rechterGießer" liebt den flotten Musensohn.

Also dichtet ein Philister, nimmt fein buntgewirrtes Band, , ®.eb und Kind vergißt er, fährt hinauf ins Hessenland,

fegt sich nieder zu den Jungen, stimmt den Jubelkantus an, und im Jubel ist's verklungen:Heil dir, Gießen an der Lahn*.

Wilhelm F <

Büchertisch.

Griebens Reiseführer, Band.19: ^München ünd dre Königs schloss er", mit 2 Karten (und 2Grun8- rissen, 29. Auflage. Verlagsbuchhandlung Albert Goldschmidt, Berlin W. 35. In der Sammlung boit Grieb ens Reise­führern ist soeben eine.neue sorgfältig durch!gesehene Auflag« des FührersMünchen" erschienen. , Die Besucher der Jsarstadt findet in diesem Buche-alles was Ur ihn wissenswert und interessant ist. Ein praktisch angelegterRundgang gibt sofort einen Gesamt­eindruck der Stadt. Mit großer Sorgfalt und Ausführlichkeit sinh die Museen und Kunstsammlungen beschrieben; auch die im Iah« 1911 erfolgte Neuordnung in der Alten Pinakothek ist berücksich« tigt. Mit einer ausführlichen Schilderung der näheren und wei­teren Umgebung Münchens, sowie der bayerischen Königsschlösser, schließt das Reisehandbuch, das.als zuverlässiger Ratgeber emp­fohlen werden kann. ------------

Schachaufgabe.

Von E. A. Schmidt.

Weiß.

Weiß setzt mit dem dritten Zuge Matt. Auflösung in nächster Nummer.

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Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummert Schweigen ist auch eine Antwort.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen NniversitSts-Buch- und Steindruckerei, R. Lang«, Gieß«»