Ausgabe 
15.5.1912
 
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Marienkäferchen.

Wer kennt nicht von seiner Kindheit Her das feine, zierliche Käferchen, baldHerrgottsvögelchen", baldtzergottskalbchen" oder Herrgottspferdchen" genannt, das in der Kinderwelt nicht minder beliebt ist als der Maikäfer? Jedermann kennt wohl den Sieben- Punkt, den sieb-enpunktigen, Marienkäfer (Cocciuella septempnnctata), der, in zahlreichen Kinderreimen behandelt, Milch und Butter, Brot und Kuchen beschere, eine alte überlieferte Anschauung, die wohl aus der Eigentümlichkeit entstanden ist, daß das Käferchen beim Berühren einen gelben Saft aus den Seiten hervortretew läßt. Auch seine braunrote, durch sieben schwarze Flecken gehobene Färbung hat es mit einem gewissen Nimbus bekleidet. Bei unseren altgermanischen Vorfahren war das, säst tote die Verkleinerung einer Schildkröte erscheinende Käferchen als Frühlingstierchen der im lichten Aether wohnenden Frigga geweiht; selbst bis aus die alten Inder geht die Verehrung des Käfers zurück, denn schon in deren alten heiligen Büchern wird er als Schützling des Indra verehrt.

Die zahlreichen Arten des Marienkäfers halten sich immer vorherrschend da auf, wo au den jungen Blättern sich Blattläuse befinden, weil sich die Käfer und deren Larven von Blattläusen, ernähren nnd dem Gartenfreunde so in der Vertilgung dieses Un­geziefers ein bedeutender Helfer sind. Damit ist schon angedeutet!, daß alle Arten der Marienkäfer als Verfolger der Blattläuse des, besonderen Schutzes eines jeden Gärtners und Obstzüchters würdig sind. Ich habe schon durch Kinder mir die lieblichen Käferchen sammeln und bringen lassen, um sie aus die verlausten Zweige meiner Cordonapfelbäume zu fefeeit, wo ich alsbald einen Erfolg wahr nahm. ' _

Die bunt oder braunrot gefärbten Arten des MarienkäferchcnH sind aus den: Wicken hochgetvölbt, unterseits platt, also halbkugelig Und Tonnen die kurzen keulenförmigen Fühler hinter den Kopf

krdu gedient Und kann ntich jetzt nicht mehr in der Oeffentlichkeik sehen lassen, weil mir die Hosen gestohlen sind. Und so bitt ich denn den Herrn Hauptmann, daß ich den Polen in meine Korporal- fch-ast kriege."

Ms der Hauptniann noch überlegte, fuhr Aselmeyer mit be­wegter Stimme fort:Er wird von mir tvie'n Sohn gehalten werden. Auiühren tu ich ihn nicht. Aber meine Augen, die werden ihn Tag Und Nacht geleiten!"

Der Kompagniechef riskierte die Zusag-ä Und fettigen Tages >og der Vize als Korporalschaftsführer auf Stube 20.

, Einen so häuslichen Stnbenvater hatte die Sechste aber noch Ute gehabt. Hinter den Schränken in seinem Verschlag saß er - Abend für Abend und hatte ein Buch vor der Nase. Das war ein Uitterrichtsbüch,Schnell-Polnisch" genannt. Aselmeyer paukte fleißig, aber die schwierige Aussprache der polnischen Worte be- xcitete ihm manche Mühe, bis er auf eine gute Idee kam.

Mein Freund Stanislaus Paschollek!" rief er eines Abends rn den putzenden Haufen hinein,ich, habe mich entschlossen, die edle polnische Sprache zu erlernen. Dazu gehört, daß, ich ihr auch gelegentlich spreche. Daher gebe ich dich die Erlaubnis, in deute Muttersprache mich Ku antworten, wenn ich dich was frage. Verstanden, mein Sohn?"

Täk, panie Feldwebel!" grinste Paschollek und faßte wieder Nutrauen zu dem milde blickenden Gebieter.

_ "Ja," führ Aselmeyer freundlich! fort,in deine schöne Sprache kannst du mtch, alles anvertrauen, Paschollek. Du kannst mick erzählen von deine traute Heimat Torunia (Thorn), von deine Katarzyna, was wir Katharina nennen tun, von die feilte polnische JttsTt uitb auch, von dem echten Wodki darfst dir mich reden."

Der kleine schlitzäugige Paschollek machte reichlich Gebrauch 8^" ^'^m. Anerbieten und Aselmeyer sprach polnisch wie ein Abtchselschtffer, Ktskt und nippte Wodki, aber immer gegen Bezahlung, was den Paschollek, wenn er feinti Futterkiste von Hause bekam, höchlichst in Erstaunen setzte. So war Aselmeyer ein ge­rechter und milder Vorgesetzter, und Stanislaus fühlte sich in der -polnischen Wirtschaft", wie in der Kompagnie die 6. Korporal­schaft benannt wurde, äußerst wohl und zufrieden. Aber bei 'allem Wohlwollen hatte der brave Aselmeyer Augen und Ohren überall und chemerkte bald, daß feinePollen" regelmäßig kurz vor Zapfenstreich sich zu einem kleinen Nationalklatsch vor bem Ka­sernenportal zu versammeln pflegten. Ms er wie von ungefähr vorbei ging, sing er so manches Wörtchen auf, das ihm zu denken gab. Mau sprach! von einer Ehata (Arbeiterwohnung), von dem Kohane dziewcze (geliebten Mädchen) und von Spoduie (Hosen) ünd Paschollek prahlte laut:Kein Vergnügenn onite Damenn!"

.Sieh mal einer an!" schmunzelte Aselmeyer nnd verschaffte seinem Stanislaus öfter eine Urttuteforte. Von dieser Zeit an war der Vize nicht mehr so häuslich. Kurtz ehe -Paschollek die Kaserne abends verließ-, wartete er schon geduldig int Dunkel der Vaume, dte den Hof umgaben. Und bildete dann den Schatten des Ahnungslosen. Der bummelte Hierhin Und dorthin, endete aber süsser wieder an. derselben.Stelle vor der Kaserne der ländlichen polnischen Arbeiterinnen, die vor den Toren der Stadt untergebracht waren Dort endete Stanislaus Paschollek und kam erst knrz- vor Ablauf der Urlaubskarte wieder zum Vorschein. Noch öfter pilgerte Aselmeyer vergeblich zu der Ehata hinaus, an einem! lauen Maiabend aber hatte er Glück. Da saßen die Madel draußen auf der Blink an der Tür und mitten unter ihnen, wie iber Hahn im Korbe, Freund Paschollek. Wär das ein Geschnatter. Ter brave Vize hinter der Hecke hatte alle Mühe, zuzuhören. Er verstand zwar nicht alles, aber was er vernahm, war ihm Labsal. .Wenns nur bald recht naßkalt werden wollte!" kmirrte er in den Bart, als er lautlos davonschlich.

Am nächsten Samstag regnete es, und es herrschte eilte grimmige Kälte, wie ost zur Zeit der Schafschur.. Als das Ba­taillon zur Felddienstübung am nahen Rübenberge ausrückte, hüpfte Aselmeyers Herz vor freudiger Erwartung. In seiner Gruppe marschierte Stanislaus Paschollek aus T-orunia und- ahnte nicht, wie nahe ihm des Verhängnis am Nacken saß.

, Der Rübenberg hatte eine mit Heide und Unterholz und eine mit Zuckerrüben bestandene Hälfte. In der Heide begann die Uebiing, und wie es immer geschah, mußte eine starke Seiten« Patrouille gegen das ungangbare Rübengeländ-e hin sichern. Asel­meyer kannte diese Lokaltaktik, die schon unter drei Bataillons- kommäudeuren üblich gewesen war, und sprang auf einen Wink seines Hauptmanns tatendurstig mit seiner Gruppe vor und besetzte die historische Kiesgrube. Auf dem Marsch dahin machte Paschollek allerlei Mätzchen. Bald meldete er:Js sich feindliche Ka- walerya in Flanke prawo!" Bald rief er:Winkt uns Panie Kapitanie zurückgehen!" Schließlich heuchelte et:Hob ich Blutten an die Nasenn, Herr Feldwebel!" Es half ihm alles nichts. Asel­meyer besetzte die Kiesgrube, und Paschollek mußte sich neben ihn legen. Vorsichtig äugte her Vize über den Grubenrand-.

Richtig ! Da sind sie!" entfuhr es ihm. Was er sah, war eine Kolonne Rübemnädchen von der Domäne. Sie hackten singend Ünd schwatzend den Boden und bewegten sich langsam auf die. Kies­grube zu.

Das Fernglas kam nicht mehr von Aselmeyers Augen.Näher heran, -Gesellschaft!" knurrte er.Ich werde- euch packen! - Habt ihr sie nun an ober nicht? Verflixtes Regenwetter! Map erkennt es nicht! Ha, du schöne, runde Marianka! Du hast

?- du hast ach Mädel, ich liebe dich! Kocham Ci! Sv faai man in deiner edlen Sprache."

Stanislaus Paschollek war während der Beobachtungen Asel- mehers sehr unruhig geworden.Herr Feldwebel wollen der Herr Feldwebel nickst libber schreiben ein Meldung an Bataillon?" Richtig, mein Junge!" lachte Aselmeyer, und- dann schrieb er: Rudenberg. Ostabhang. Kiesgrube. 8 Uhr V. Vom Feinde Nichts neues. Die Kgl. 3. Hosen sind alle in Anmarsch. Ich werde ihnen angreisen. Aselmeyer."

W der Bataillonskommandeur die Meldung gelesen hatte,- rief er den Hauptmann heran.Ihr Bizefeldwebel ist verrückt geworden!"Ich glaube nicht, Herr Major, muß aber z'ur Auf­klärung melden, daß! er feit Monaten auf der Jagd nackt seinen gestohlenen Kammerhosen ist. Es scheint, er hat sie entdeckt!"

Die Hosen? Wo? Auf dem Rübenberge? In seiner Kies­grube ?"

In diesem Augenblick kam schon eine zweite Meldung:Rüben­berg. Ostäbhang. Kiesgrube. 8 Uhr V. Vom Feinde nichts neues. Damit, daß die Kgl. 3. Hosen nicht können auskneifen,- bltte ich um Verstärkung."

Wollen selbst sehen, was da los äst!" entschied der Komman­deur Und gallopierte mit dem Hauptmann der Kiesgrube' zu. Aber noch ehe er ankam, - stürzte Aselmeyers Gruppe unter gellendem Hurra mit aufgepflanztem' Seitengewehr aus dem Versteck hervor und attackierte die Rübenmädchen, die kreischend entfliehen wollten.

Stoj, cicho!" (Stillgestanden!) brüllte Aselmeyer, und im! Nu waren die Mädchen umringt, die sich merkwürdigerweise alle svie auf Kommando in die Huke fetzten.

Vizeseldwebel! Mensch! Was machen Sie denn da!" herrschte der Major den siegreichen Aselmeyer an. Wollen Sie die Mädchen wohl sofort freUaffen!"

Herr Major, es ist besser, daß ich ihnen sesthalteu tu!" keuchte der Vize, ganz rot im Gesicht vor Erregung.Diä Mädel haben nämlich haben nämlich die Hosen an!": Unsinn!"Zu Befehl! Aber Unsere Hosen, die haben fiel doch au!" Und dabei gab er der Marianka eilten Stoß.Krok pospieszuy! Marsz! Marsz!" (Laufschritt, marsch, marsch!)

Marianka war sehr militärfromm. Sie gehorchte und trabte all. Und da sah man sie, eine richtige Soldatenhose mit roten Biese, die in betten Schmierftieseln steckte. So hatten sich die Mabel vor den Unbilden des kalten Maitages geschützt.

Aselmeyer triumphierte, und durch sein zehnmal wiederholtes Kommando wurde das Vorhandensein aller zehn Hosen festgestellt.

Rusz sie!" (Rührt.euch!) donnerte der Feldwebel, und damt bekam er in Ansehung seiner polnischen Sprachkeuntnisse die Er­laubnis, die heulenden Mädchen zu verhören. Was da herans- kam, überraschte nicht. Freund Paschollek war der gütige Geber gewesen. Er zierte sich auch nicht mehr, es einzugestehen. Er hatte an einem Wend nach der Arbeit sich auf der Bekleidungs^ raminer einschließen lassen, dann aus dem Fenster hinaus feiner wartenden Marianka dieGeschenke" zugeworfen. Am änderest Morgen war er seinem geöffneten Gefängnis unbemerkt ent­schlüpft. ~~ - v i

Am häutigen denkwürdigen Abend saß Aselm-eyer als' wieder stmemannter Kammerunteroffizier noch recht fpätär Stunde in der Kantine. < Bon 12 Uhr an sprach er -nur noch polnisch ünd erzählte gegen Morgen seine Hasenjagd zum dreißigstenStale1.