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Sie war in ihrem Aeußern Aristokratin, wie ihre Mutter, ohne deren allzu starre und allzu strenge Adelsanschauungen ganz zu teilen. In der Hinsicht stand sie in der Mitte zwischen Alexa und ihrem Vater, wie sie auch, sonst mit Alexa wenig Aehnlichkeit hatte. Diese war meist lustig, übermütig, zuweilen etwas burschikos und handelte oft ganz impulsiv, während Dagmar ruhig und gemessen war und allerdings mehr absichtlich als ihrem Temperament entsprechend eine gewisse vornehme Ruhe zur Schau trug.
Dagmar nahm von neuem die Zeitung zur Hand: „Es ist wirklich ein Unglück, Papa, daß wir nur auf die Kreuz- Zeitung abonniert sind — sie bringt so wenig, und das Wenige ist noch langweilig. Wenn ich an all die Blätter zurückdenke, die wir in Berlin im Hotel Continental hatten!"
„Ach ja--- das Hotel Continental!"
Der Graf sprach es mit einem Seufzer, als dächte er zurück an längst entschwundene schöne Zeiten, und als könne er sie durch seine Klage wieder zurückbringen.
Die Anderen sagten gar nichts, aber alle dachten dasselbe wie er. Und plötzlich waren sie alle ivieder in Berlin.
Es war aber auch diesen Winter wirklich zu nett gewesen. Wie alljährlich, waren sie im Januar dorthin ins Hotel Continental übergesiedelt, um die Hoffeste und zahllose andere Feste mitzumacheu, Premieren zu besuchen und sich zu amüsieren. Und der Zufall hatte es gefügt, daß es dieses Mal noch viel lustiger und hübscher gewesen war als sonst. Es war fast, als hätte sich der ganze Adel in der Residenz ein Rendezvous gegeben. Selbst Familien, die aus irgendwelchen Gründen in den letzten Jahren der Resideirz ferngeblieben waren, hatten sich dort wieder eingefunden, man hatte alte Bekanntschaften erneuert und neue angeknüpft. Es war einfach reizend gewesen, denn jeder hatte das gefunden, was er suchte. Die Gräfin hatte nur von Adelsgeschichten reden können, der Graf hatte in seinem Hotel in einer verabschiedeten hohen Exzellenz einen Herrn kennen gelernt, der ebenso leidenschaftlich und ebenso hoch Ecarte spielte, wie er selbst, hie Komtessen hatten getanzt wie noch nie, — kurz: man war sehr glücklich dort gewesen. Man blieb viel länger, als man wollte, und wenn man sich endlich entschloß, auf das Gut zurückzukehren, fo geschah es nur, weil man doch nicht immer int Hotel wohnen konnte. Die Freunde und die Bekannten waren schott alle fort, die Saison !var vor-, über, da mußte man, ob man wollte oder nicht, schließlich auch an die Heimreise denken.
„Zu Hause ist es ja auch sehr schön. Und wenn wir da erst wieder in aller Ruhe in den eigenen vier Wänden sitzen, werden wir uns sehr freuen."
So hatte der Graf eines Morgens beim Frühstück gesprochen. Er glaubte selbst nicht an das, was er sagte, und er erwartete deshalb auch nicht, daß die Seinen ihm irgendwie glaubten. Das taten sie auch nicht, aber trotzdem wurde das Wort: „Zu Hause ist es ja auch sehr schön" bald eine ständige Redensart, mit der man sich selbst belog, um sich Mut zuzusprechen, endlich die Koffer zu packen.
Seit drei Wochen war man nun zttrück, aber man hatte sich immer noch nicht eingelebt. Der Graf ging manchmal wie ein brüllender Löwe durch das Schloß und suchte einen Menschen, ,mit dem er Ecarto spielen konnte, — die Gräfin.vermißte den Umgang mit Ihrer Durchlaucht der Frau Fürstin und Ihrer Erlaucht, der Reichsunmittelbaren, und die beiden Komtessen sehnten sich nach Walzerklängen, nach lustigen Diners und nach den Theatern.
Es war wirklich „recht einsatn" auf dem wegen seiner herrlichen Lage, seiner prachtvollen Wälder und seines reichen Bodens weit berühmten gräflichen Gute Gründingen, und das große Schloß vermochte trotz seiner mit allem nur denkbaren Komfort und Luxus eingerichteten Räume, trotz seines märchenhaft schönen Gartens doch nicht über die Einsamkeit hinwegzutäuschen. Verkehr hatte man nicht allzuviel. Wäre es nach dem Grafen gegangen, er hätte jebett Tag Gäste bei sich gesehen. Aber die .Gräfin war sehr wählerisch mit den Leuten, die sie zu sich lud. Im allgemeinen hatte er sich ihrem Wunsche gefügt, aber schließlich doch durchgesetzt, daß wenigstens zwei Bürgerliche völlig freundschaftlich hei ihm verkehrten: sein Gutsnachbar Weidemann, ein wegen seitter Geradheit und Offenherzigkeit bekanntes OriginalZdessen ebenso originelle Tochter mit seinen Kindern sogar auf btt und du stand, und der
Landrat, obwohl! dieser —; tote die Gräfin es nannte •■=> mit seinen Automobilen,die ganze Umgegend verpestete.
Für einen häufigen Verkehr mit den anderen adeligen Gütertt lag Schloß Gründingen auch etwas zu isoliert. Man fuhr reichlich zwei Stunden bis zu den nächsten Bekannten. So sah .man oft wochenlang keinen Menschen bei sich, außer dem Nachbar Weidentann und dem Landrat. Allerdings, so oft .er irgend Urlaub erhielt, kam Hans aus der nahen Garnison auf einige Tage zum Besuch und brachte dann stets .ein paar Freunde mit. Das waren «dann immer lustige, fröhliche .Tage. Dann kamen auch die -Töchter von den.benachbarten Gütern, da wurde getanzt« gelacht, geflirtet, ausgeritten und getollt.
Und wenn es dann zum Abschied kam, Umreit alle traurig, der Graf am meisten, denn er mußte dann, stets noch vorher seinem Sohne eine Strafrede halten. Er tat es ungern, weil er immer daran denken mußte, daß sein Sohn alle seine leichtsinnigen Eigenschaften von ihm geerbt hatte. Aber er schalt dennoch, mehr aus Angewohn- heit, als aus Ueberzeugung. Und wenn er dann genug >• gescholten hatte, dann ging er an den Geldschrank und! drückte seinem Sohne eine Summe Geldes in die Hand« die monatelang reichen sollte, aber schon nach Wochen den Weg alles Irdischen gegangen war.
(Fortsetzung folgt.)
Die Hosenjagd.
Militär-Humoreske von Ernst von Hammer.
Vor seinem Kompagniechef stand mit finsterer Miene der Kammerunterosfizier der 1. Kompagnie und hörte einer Strafpredigt zu, die von den Pflichten des Funktionsunteroffiziers handelte. Mit der Pauke an sich hätte der würdige Vizefcldwebel Aselmeyer sich wohl bald abgefunden und einige Kantinenschoppen hätten ihm das Bewußtsein der eigenen Bedeutung für den Staat im allgemeinen und die 1. Kompagnie int besonderen wieder- gegeben. Aber der Strafpredigt war wie das Amen in der Kirche die Ablösungsverfügung von dem Kammerunteroffiziersposten gefolgt, und das war nicht fo leicht zu überwinden. Adieu, du schöne Morgenruhe, während die Kompagnie in Wind und Wetter hinauszog! Adieu, mollige Frühstückspause Hinterm Kantinenofen, während draußen Rekrutenball stattfand ! Adieu, sorgenloser Manöverbummel, indessen die Schützenlinie des Bataillons! gegen markierte und andere Feinde atemlose Sprünge von einem Breitengrad zum anderen machte ! Und Adieu, du monatlich« Zulage von baren zwei Talern für — besondere Mühewaltung!
„Verstanden?" beendete der Hauptmann seine Strafpredigt.
„Zu Befehl!" antwortete Aselmeyer, der noch so viel auf deut Herzen hatte, und war entlassen.
Als der brave Vize wieder einigermaßen zu sich gekommen war, entdeckte er auf dem Kasernenhof den Musketier Paschollek, der mit einem besonders schafsdämlichen Gesicht an ihm vor-z beischlich.
„Ich lass' mir totschlagen, hinrichten, köpfen — — der Kerl hat doch die Hosen geklaut! Und ich. kriegs doch noch raus! Und dann komm ich doch wieder auf meine Kammer zurück!"
Aselmeyers Zorn aus den kleinen schlitzäugigen Paschollek war zu verstehen. Vierzehn Tage lang hatte der in Untersuchungshaft gesessen, weil er in Verdacht geraten war, einen Hosendiebstahl auf der Kammer der 1. Kompagnie ausgeführt zu haben. Vierzehn Tage hatte sich die Militärjnstiz alle erdenkliche Mühe gegeben, den dämlichen Stanislaus zu überführen. Aber alle Juristerei prallte ab an des Polen: „Ich nix hab spodnie (Hosen) ge? stollen, panie majorze!" ■
So mußte er aus der Haft entlassen werden, denn es sehlteU Beweise für den Verdacht, den der brave Aselmeyer ihm angehängt hatte. Erstens, so hatte Aselmeyer ausgesagt, habe er den Polen am Tage des Diebstahls auf der Bekleidungskammer beschäftigt, Dann hätte Paschollek abends beim Abfragen gefehlt. Und aM anderen Morgen wären aus dem Stapel der 3. Garnitur zehn! Hosen verschwunden gewesen.
„Also hat der Kerl die Hosen gestohlen!" legte sich Asel- meyer mit seinem gesunden Menschenverstand den Zusammenhang zurecht. Und nun lief dieser Hosendieb frei umher, während er das Schlüsselbund, das Zeichen seiner Kammerherrnwürde, in andere! Hände legen mußte! — Aselmeyer hatte eine schlaflose Nacht.
Am nächsten Morgen trat der Vize mit der Bitte nm das Amt eines Korporalschaftsführers an seinen Hauptmann heran. „Welche Korporalschaft möchten Sie denn übernehmen, Aselmeyer?"- fragte der Chef gütig. „Die sechste, Herr Hauptmann!" „Wes- halb denn die gerade?" ^,Weil ich dann die sechs Polen in,meines Gewalt habe." „Aselmeyer, was wollen Sie mit dem Paschollek?" forschte vorsichtig der Hauptmann. „Ich will ihn beobachten, Herr Hauptmann! Denn gestohlen hat er nun doch. Und ich hab mir vorgenommen, der Dieb soll entlarvt werden!"
„Unsinn!" wies der Hauptmann ab. „Zu Befehl, Herr Hauptmann!" beharrte Aselmeyer. „Aber es tut sich nm meine Soldatenehre handeln, Herr Hauptmaini. Elf Jahre hab ich


