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Die von Gründingrn.
Roman von Freiherr von Schlicht.
(Nachdruck verboten.)
I.
Die gräfliche Familie von Gründingen Hütte sich, tvie st.ets, and) heute gleich nach dem Diner in das Wohn- Kunmer zurückgezogen, sich um den runden, großen Tisch herum versammelt ■— und langweilte sich entsetzlich.
. L- Und aus dieser langen Weile heraus gähnte der Graf jetzt plötzlich f;oi laut, so intensiv, so anhaltend und so von Herzen kommend, daß seine beiden Töchter ihr Lachen Ulcht unterdrücken konnten, während die Gräfin, eine große, schlanke, noch, immer schöne Erscheinung, obwohl sre den Fünfzigern nicht mehr fern war, ihrem Mann emen ihrer aristokratischen Blicke zuwarf.
„Aber Eduard." Das war alles, was sich ihren Lippen .entrang, aber es genügte auch vollständig.
Der Gras richtete sich aus seiner Halbliegenden Stellung in die Höhe, setzte sich gerade und aufrecht im Stuhl Mrecht und bat, zu seiner Frau gewandt: „Entschuldige, Konstanze, daß ich so laut gähnte, — aber offen gestanden, ich finde es jeder Beschreibung spottend langweilig."
„Dir irrst dich, Eduard," klang es hoheitsvoll zurück. ^,Jch habe es dir in diesen Wochen, die wir nun von unserer Reise zuriick sind, schon zu wiederholten Malen gesagt: es ist nicht langweilig, sondern nur einsam."
„Den Unterschied verstehe ich nicht, das habe ich dir in den letzten Wochen ebenfalls schon zu wiederholten Malen erklärt."
„Und ich verstehe es auch nicht," stimmte Alexa, die jüngste der beiden Töchter, ein mittelgroßes, schlankes, zierliches Geschöpf, ihrem Vater bei. „Auch ich finde es Nicht einsam, und auch nicht einmal langweilig, sondern geradezu kommissig stumpfsinnig."
Die Gräfin ließ ihre Handarbeit in den aristokratischen Schoß fallen und faltete entsetzt die langen, schmalen Finger mit den tadellos manicurten Nägeln, wahrend der Graf seinem Verzug am liebsten einen Kuß gegeben hätte. Aber da seine Gemahlin anders zu denken schien, jals er, so küßte er sein Kind doch nicht. Nicht etwa, als ob er vor seiner Frau zu viel Respekt, um nicht zu sagen: Angst, gehabt hätte — o nein! Das nicht. Seitdem er ttls Rittmeister den Abschied genommen und sich auf das von seinem Onkel ererbte Stammschloß seiner Familie zurückgezogen hatte, war er ein freier Mann, sein eigener Herr, und vor allen Dingen: der Herr dieses Hauses. Niemand hatte hier etwas außer ihm zu sagens er konnte tun und lassen was er wollte, er konnte seine Tochter zum Beispiel jetzt küssen oder sie auch nicht küssen, ganz wie es ihm beliebte. Und so küßte er sie nicht.
Es dauerte lange, bis die Gräfin sich endlich gesammelt Batte. Dann sagte sie: Alexa, du hast da eben Morte
gebraucht und Ausdrücke in den Mund genommen, die für eine Komtesse im höchsten Grade ungehörig sind. So, wie du, spricht keine junge Dame, nicht einmal eine bürgerliche, höchstens ein ungebildeter Hausknecht."
„Und außerdem noch mein lieber Bruder Hans, Sr. Majestät schönster und leichtsinnigster Husarenoffizier."
Aus dem Lehnstuhl des Grafen heraus klang ein halbunterdrückter Klageseufzer, ein: „Ach ja!" der Zustimmung. Seine Alexa hatte recht wie immer; ein bildschöner Bengel war der Hans ja, aber leichtsinnig — dafür gab es bald keinen Ausdruck mehr. Er selbst war ja in seiner Jugend allerdings auch nicht anders gewesen, er hatte das Geld mit vollen Händen ausgegeben und manche Nacht beim Jeu gesessen; auch er war ein Windhund getoefeit, aber nach seiner Meinung doch nicht ein solcher Windhund, wie sein Sohu Hans, für den das Geld gar keine Rolle spielte und der das Glück, der Sohn eines vielfachen Millionärs zu sein, in vollen Zügen genoß.
Aber der Seufzer des Grafen wurde nicht gehört. Die Gräfin war von einem Entsetzen ins andere gefallen^ und in dem saß sie noch fest.
„Wie?" — kam es endlich von ihren Lippen. — „Solche Ausdrücke gebraucht .Hans — mein Sohn Hans? Das kann und will ich nicht glauben."
Hans war das Lieblingskind der Gräfin, er hatte, wie sie, die schlanke, aristokratische Erscheinung, die schlanken, schmalen Füße und Hände, er war, wie sie, von seinem alten Namen durchdrungen und mit seinen tadellosen Manieren ihr Verzug.
„Ich will es nicht glauben," nahm die Gräfin noch einmal das Wort, „aber wenn auch. In der Reitbahn und im Pferdestall kann man sich schon mit Rücksicht auf seine Umgebung nicht immer so gewählt ausdrücken, wie man es als gebildeter und vornehmer Mensch möchte. Aber hier in diesen Räumen und in unserer Gegenwart sind derartige Ausdrücke durchaus unpassend."
Alexa wurde ungeduldig. Die ruhige Art, in der ihre Mutter jedes einzelne Wort bedächtig aussprach, machte sie oft nervös, und es wurde ihr dann schwer, zuzuhören, ohne die Mutter zu unterbrechen. So atmete sie denn jetzt erleichtert auf, als diese endete. Und bann bat sie: „Sei schon wieder gut, Mama, du weißt ja, ich denke mir nichts Böses dabei, wenn ich einmal solchen Kraftausdruck brauche. In Zukunft will ich es auch nicht wieder tun, dann will ich auch ganz artig nur sagen: es ist hier langweilig." — „Nein: einsam," — wollte sie sich verbessern, aber sie kam nicht dazu, denn gleichsam, als hätte sie nur auf dieses Stichwort gewartet, setzte ihre Schwester Dagmar in diesem Augenblick hinzu: „Zum Sterben langweilig!" Und sie schob die Zeitung beiseite^ in der sie bis jetzt geblättert hatte.
Dagmar war ein auffallend hübsches junges Mädchen von zweiundzwanzig Jahren, groß und schlank, mit einem wundervoll feinen Profil und sinnenden großen Augen,


