Ausgabe 
15.4.1912
 
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sehen; nur er liebt die Natur, die grüne, die bunte, mit flehender Zärtlichkeit- Solch ein Großstädter war Theodore Rousseau, von ihm wird uns erzählt, wie er aus einem Mansardenfenster über die Tücher von Paris dahingesehen hätte, tote er ^Schornsteine in Baumstämme verzaubert glaubte, die engen Spackste derHü in romantische Felsschluchten, und wie er mtt Liebe an einem Baum bina, der da irgendwo unterhalb der JJcaniaroe wucys. Rousseau zählte des Baumes Knospen, er kannte ledes Blatt. Ta er rüdem als ein Maler zur Welt gekommen war, mußte es geschehen, daß die ^Mansarde in der Rue de Taitbout das un­bewußte Werden der Paysage intime kennen und reifen ließ-

Tbsodore Rousseau wurde 1812 als der Sohn ernes Pariser Schneiders geboren: etwa 40 Jahre früher waren in London und nicht weit davon Turner und Constable zur Welt gekommen. Diese beiden Engländer haben das begonnen, was die Franzosen vollenden sollten; der dämonische Pionier, der den Nebel der Themse und die Wunder des von der Sonne übergluhten Meeres ÄÄmKt« Bild« »und

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Romantik des Delacroix bedräng, doch hielt sie fest g j

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Mmr in der Mansarde erklungen waren, trieben ihn uach Barbizon. 1833 ist er dort zum erstenmal; und Salon

spickt er ein Bild aus der Wahrheit der Natur in den ^aron der Schulweisheit. Man nimmt es aut, man beehrt es sogar -l Mi»yallle dritten Grades; künftighin aber strauben sich die Perücken und verwehren hartnäckig den ungebildeten Bauern, den Barbaren die den Wald grün wie Spinat unb nicht edel malten, den Eintritt zu den heiligen Totenkammern. Erst nach der Revolution von 1848 hat Rousseau wieder un Salon aus­stellen dürfen Er hat sich durch den Refus, nicht bekehren lassen;

irfit nach Italien gegangen, heroische Heldenszenen zu schaRoniKren Er Mt sich an das Wort des Georges Michels: Wem nicht ein Umkreis von einer Meile genügt, sem ganzes Äen darauf zu malen, der ist wahrlich kein Künstler " Er fand an den Ufern der Seine und auf den Spaziergangen nicht weiter als bis Meudon und St. Cloud schon so viel Schönheit/ das; ihm gar der Wald von Fontainebleau wie ein unerschöpfliches Paradies erschien, wie eine unsterbliche Leidenschaft, wre em Reich­tum, den zu studierm und zu bewältigen ein Menschenleben nie­mals ausreichen könnte.

Tas müssen Tage wie aus der Jugend der Erde gewesen sein, als Rousseau, Corot und Millet, Traz, Marly und Croissy unter den Eichen und Buchen des Fontainebleauer Waldes den Morgen belauschten und der scheidenden Sonne uachriaumten, unter den Stößen der Stürme erbebten und an dem Geflüster der Blätter im Frühlingswind sich entzückten. So verMeden diese Verliebten der Natur auch waren, so fühlten sie sich doch eins m der völligen und rastlosen Hingabe an den Tunst der Erde und dre Musik der Wipfel. Millet sah die unendliche Ebene und das schwere Geschlecht, das ihr entwachsen schien. Corot sagte über Rousseau. Er ist ein Adler. Was mich betnfft ich btin nur eine Lerche, die ihre kleinen Liedlein in die grauen Wolken steigen laßt. Corot malte Espen, Pappeln, Erlen und Birken, das Sittnge und Webende, die Seligkeit des Nichts; er malte mit leichten, fliv- renden Strichen, mit Tupfen, die nach einer letzten, verwehten Melodie des Rokoko zu tanzen schienen. Rousseau war in der Tat das völlige Gegenteil; er malte die Eichen und Buchen, die massigen Stämme und die knorrigen Aeste, das geballte Laub und die festgekrallten Wurzeln. Er malte das alles mit bewußter Klarheit, deutlich gegliedert,, viel durchdacht.. Er war in seiner Jugend ein guter Mathematiker gewesen; seine letzten Arbeiten zeigen das Durchbrechen dieser Veranlagung, eine beinahe krankhafte, sich im Detail völlig verlierende Registratur. Während der glücklichen Jahre im Walde von Fontainebleau half das strenge innere Maß dem ernsten Künstler zu der epischen Größe seines Erlebens. Wenn man Corot dem Fra Angelico vergleicht, so darf man bei Rousseau an Mantegna denken. Unmittelbarer stellte sich dieser Franzose in die Entwickelungslinie, die von Ruysdael und tzobbema notwendig in die moderne Welt führen mußte; solche holländische Verwandtschaft macht beinahe vermuten: es gäbe in Rousseaus Blut irgendwie ein germanisches Erinnern. Etwas ähnliches meinte Muther, wenn er von dem unermüd­lichen Waldwanderer sagt:Er hat etwas von einem Mär­tyrer, dieser unersättliche Beobachter, der das Studium der Terrain- konstruktiou und die Anatomie der Baumäste wie einen heiligen Gottesdienst betrieb, dieser Mann, dessen Leben ein einziger Kampf war."

Einmal ist Rousseau einem Holzfäller begegnet; den fragte er nach dem Unterschied zwischen einer Eiche und einer Latte. Er

gab ihm zugleich die Antwort:Aus einer Eiche macht man eiste Million Latten, aber eine Million Latten machen keine Eiche." Das war es, diese mystische Ehrfurcht vor dem Baum; von ihr ergriffen, bezwungen und beflügelt schuf Rousseau unsterbliche Bilder. Machtvolle Individuen, Eichen und Buchen, drängen aufwärts und breiten sich robust. In ihren Verzweigungen nistet die Energie. Man hört den Saft im Stamm steigen; man suhlt den Stamm aus der Erde bringen. Und wenn solche Bäume zusammenstehen, in einer Räumlichkeit vereint, glaubt man Helden geschart zu sehen. Rousseau hat auch anderes gemcklt. Eine karge Ebene und darin ein halbversiegter Tümpel, Haide ringsum; einige Msche, in denen der Wind zerrt, einige dürre Stämme/ eine Kuh, ein Weib, eine heilige, schwarze, schwere Einsamkeit. Oder: abgesprengte Felsen trotzen in die Höhe. Man sieht, tote das Wasser der Eiszeit an ihnen gefressen. Man fühlt^Urwelt und Weltengewitter. In solcher Finsternis des Deluviums stehen Häuser wie Gefangene, wie geängstigt durch noch nicht verstummtes Erdgebrüll. Und wiederum Schauer der Einsamkeit schwanken über dem Tal der Auvergne. Verfallene Hütten stehen Neben zer­mürbtem Gestrüpp; ein gejagter Wolkenhinmrel drückt nieder. Wre ein gotisches Epos sind die Bilder Rousseaus.

Er arbeitete mit unermüdlicher Ausdauer. Noch vor fernem Tode ward ihm vollkommener Ruhm zuteil. Als er 1867 ge­storben war, brachte schon der erste Tag 72 000 Franken, und damit den kompakten Beweis für den Sieg des Meisters von Barbizon über die längst vergessene Akademie. Wenn wir heute an Rousseau zurückdenken, so möchten wir ihn beinahe einen Vor­läufer des van Gogh heißen.

vermischter.

* Das Opfer eines V e r e ins ab zei che« s. Der prächtige Watipihirsch (Cervus canadensis )scheint nach einer Mit­teilung des Internationalen Patentbureaus Ingenieur Carl Fr. Reichelt, Berlin SW., das Schicksal des Büffels und der Indianer zu teilen. Während man die Watipis in der Mitte des vorigen Jahrhunderts noch nach Millionen zählte, trifft man sie heute nur noch ganz vereinzelt an. Zu ihrem Unglück hat sich in den Vereinigten Staaten eine halb geheime Gesellschaft derElche" gebildet, die in den Watipis eine dem europäischen Elch gleiche Hirschart erblickt und die Zähne des Watipis als Vereinsabzeichen gewählt hat. Da diese Gesellschaft ungeheuer verbreitet ist in den Vereinigten Staaten und in Kanada zählt man mehr als 3 Millionen Mitglieder so wurden die Watipis in großen Mengen nur ihrer Zähne wegen getötet, die hoch im Werte stehen. Die amerikanische Regierung sah sich nun veranlaßt, die Jagd auf Watipis gesetzlich zu verbieten. Die Jäger aber sanden einen grausamen Ausweg. Unterstützt von Cowboys umstellen sie die Herden, fangen die Tiere mittels Lassos, fesseln sie und reißen ihnen die Zähne aus, ohne sich viel darum zu kümmern, daß die nach dieser barbarischen Operation völlig erschöpften Tiere des Hungers sterben müssen, da sie nicht mehr imstande sind, Gräser und Kräuter zu kauen. Hier hat das Gesetz also ein Uebel an- gerichtet. Mit Genugtuung kann konstatiert werden, daß die gesamte amerikanische Presse gegen diese Grausamkeiten einen heftigen Feldzug eröffnet hat, sobald dieselben bekannt wurden.

* Der Rauchverzehrungsring. Im Reisebriefkasten der Fr. Nachr. findet sich folgende nette Auskunft:Fritz". Sie fragen an, was bei vielen Lokoinotivenl der rote Ring aut oberen Ende des Schornsteins für eine Bedeutung hat. Hm. Tie Einen sagen, es fei dies ckn Zeichen der preußisch-hessischen Eisenbahngeineinschaft: Was oberhalb des roten Ringes sei, gehöre den Hessen: was unterhalb den Preußen. Andere behaupten, der Ring sei das Zeicheii, daß die betreffende Ma!» schine mit Rauchverzehrung eingerichtet sei. Sie werden wohl selbst herausfinden, wer in dieser schwierigen Sache recht hat.

Silbenrätsel.

a, be, bel, den, bert, bo, d, da, e, er, go, ha, li, ne, pel, inon, se st, re, z, zo.

Aus vorstehenden Silben und Buckstaben sollen sieben Wörter gebildet und derart untereinander gesetzt werden, daß die Anfangs­buchstaben von oben nach unten und die Endbuchstaben von unten nach oben gelesen, ein geflügeltes Wort ergeben. Es bedeuten aber die einzelnen Wörter der Reihe nach folgendes:

1. Männlichen Vornamen.

2. Fraueufigur aus einem Schiller'schen Drama.

3. Kulturpflanze.

4. Kostbares Kleidungsstück.

5. Eine Blume.

6. Ein Nagetier.

7. Astronomische Bezeichnung. (Aufl. in nächst. Nr.l

Auflösung des Ergänzungsrätsels in voriger Nummert Laß, Pilger, Sorge aus dem Spiel, Sie mache dich nicht bang;

Hienieden braucht der Mensch nicht viel, Ties Wen'ge auch nicht lang.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lang«, ®tefcafc