Ausgabe 
15.4.1912
 
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bild von kulturgeschichtlicher Bedeutung dästehen und' als solches nicht nur der Aufmerksamkeit der heutigen Einwohnerschaft Wehens, sondern auch der weiterer Kreise gewiß sein.

Es soll hier nur kur- daran erinnert werden, daß Gießen i«t Jahre 1812 eine Stadt von etwa 4000 Einwohnern gewesen ist, um deren Häusergebiet sich das Ueberbleibsel der ehemaligen Festungswerke, die sogenannte Schoor, eng wie ein unregel­mäßig gebogener Reisen spannte. Ihm schloß sich nach außen hin ein breiter Gürtel von Wiesen und Gärten an und diesem wiederum Ackerfeld, das sich! bis hu den, die Talsohle begrenzenden Höhen hinzog. Die Universität war, infolge der unaufhörlichen Kriegswirren, nur schwach besucht. In der Stadt lag damals noch das hessische Leibregiment, das ihr nur wenig später (1821) Streitigkeiten zwischen Studenten und Soldaten halber entzogen werden sollte. Industrie und Handel ausgedehnterer Art kannten die Bewohner nicht. Wer nicht Soldat, Beamter oder Professor War, lebte von ieinem Handwerk oder von Ackerbau und Viehzucht.

Die großen Zeitereignisse betreffend , sei folgendes voraus^- geschickt: Um nun auch das stolze Zarenreich zu demütigen, war Napoleon im Mai 1812 nach Rußland anfgebrochen. Mit einer Streitmacht von '477 000 Köpfen, die neben der französischen Armee die Truppen sämtlicher, dem Franzosenkaiser infolge des Rheinbundes zur Heeresfolge verpflichteten deutschen Fürsten unter ihnen die des Großherzogs von Hessen umfaßte. Das durch die Niederlagen von 1806 und 07 anscheinend noch ganz ohn­mächtige Preußen war zur Beisteuer eines Hilfskorps von 20 Ö00 Mann (unter Pork) herangözogen. Ein ebensolches hätte Oester­reich (unter Schwarzenberg) freiwillig gestellt. Ein letzter von Napoleon zu' Dresden gemachter Versuch, seinen Schwiegervater, den Kaiser Franz, zu einer umfassenderen Teilnahme an dem Feldzuge zu gewinnen, hatte sich als erfolglos erwiesen. Am 14. September war 'Moskau erreicht worden. Vom 30. melden die Aufzeichnungen Nebels, denen hier in der Hauptsache nur das, was mit' den weltgeschichtlichen Ereignissen in Zusammenhang steht, entnommen werden soll:Heute kam die Nachricht hier an, daß Kaiser Napoleon mit der französischen und alliierten Armee in Moskau eingezogen sei."

Ueber Nacht ein starker Transport französischer Wagen in der Stadt."

An dem Stadtkirchenbau ist in diesem Sommer fleißig ge­arbeitet worden. Der Bau des Entbindungshauses" jetzt land­wirtschaftliches Institutist beendigt. Der Bau soll auf 20 OOÖ fl. gekommen sein. Auch an den Wachhäusern und am Ausgang der Stadt ist bisher fleißig gearbeitet worden. Dagegen hat die Arbeit an der Grünberger Chaussee in diesem Jahre laut höherem Befehl geruht. Vielleicht aus Furcht vor Militär­straßen."

4. Oktober.Heute, Sonntags, war in der Kirche eine so­genannte Siegespredigt (s. 30. Sept.). Eine Eskadron badischer Husaren über Nacht hier."

2. Dezember.Tie Nachricht von dem Rückzug der Fran­zosen ans Moskau kam hier an. Es gehen täglich Wagen mit Munition, Wein und anderen Armeerequisiten aus Frankreich hier durch. Die Pulverwagen müssen sämtlich um die Stadt fahren."

17. Dezember.Die Nachricht kam hier an, daß Kaiser Napoleon v!on der Armee bei Wilna abgegangen und durch, Frank­furt und Hanau passiert ist." Am 5. Dezember hatte Napoleon genau wie vordem in Aegypten und Spanien, sobald er es sich nicht mehr verhehlen konnte, daß seine Sache schief gehen.werde die von ihm nach! Rußland geführten Heere im Stiche "gelassen nnb war nach möglichst beschleunigter Reise am 19. Dezember nächt­licherweile und nur vvn wenigen seiner Getreuen begleitet 'in Paris eingetroffen.

24. Dezember.Die traurige Nachsicht von dem totalen Ruin der französischen Und alliierten Armee bei dem Rückzug von Mos­kau, von den erstaunlichen Verlusten unserer Leute an Erfrorenen, Toten und Verwundeten kam hier an."

1. Januar 1813.Im Einhorn war in der Silvesternacht Ball von der sog. Gelehrten-Gesellschaft. Im Löwen eine Ge­sellschaft Honorationen (Mannespersonen) vvn 48 Couverts. Es wurde auf den Straßen erstaunlich mit Pistolen geschossen Und! Mordschläge gelegt. Jeder wünschte dem Anderen zum neuen Jahre Glück Und keine Russen oder Kosaken." Die älteren Einwohner Gießens werden sich! beim Lesen dieses Eintrages mit Genugtuung daran zurückerinnern, daß auf Silvester 1870/71, als ebenfalls Deutsche und unter glücklicheren Umständen in Feindesland ständen, kaum jemand in ihrer Stadt Lust und keines^- falls Gelegenheit M Ballfveüden gehabt hätte. Ein Gegensatz zwischen zwei Zeitaltern, der indessen nicht allein in einer Ver­besserung der Sitten, soUdern niehr noch in der ganz unterschiedlich gearteten Zusammensetzung der beiden in Ryde stehenden Heere begründet sein dürfte.

17. Januar.Es sind bisher viele französische Kanonen durchgekommen (sämtlich auf überzogenen Frachtwagen mit Rädern und Lafetten) auf dein! Wege nach! Magdeburg, um die in Rußland erlittenen Verluste einigermaßen aus'zugleichen."

6. Februar.Marschall Macdonald, Herzog von Tarent reiste Heute von der Armee kommend Uer itattK Er frühstückte im Posthause." Jetzt Walltorstraße 24.

7. Februar.Es marschierten 100 Mann als' Kommando mit einem Regierungs-Kommissar in die Ortschaften der Remter Hungen, Willingen, Romrod, weil die Bauern dort erklärt hatten, daß sie die starken Steuern nicht bezahlen könnten. (Sie fügten sich der Gewalt.)"

13. Februar.Die geringen Ueberreste unseres Chev-Regi- mentes, etwa 30 Mann, kamen aus dem Felde zurück. ' Mit ihnen der Rest des badischen Husarenregimentes, etwa 15 Mann. Es liegen noch mehrere Soldaten von beiden in preußischen Hospi­tälern. Sie haben heute in Heuchelheim Rasttag."

22. Februar.12 unserer Kanoniere ^amett mit 5 Kanonen aus dem Felde hierher. Es waren 104 Kanoniere ausgezogen, manche sind noch in Hospitälern zurück. Die Kanonen sind beim Rückzug über die Beresina gerettet worden. Dagegen sämtliche Wagen mit Munition und Montierungsstücken verloren gegangen."

23. Februar.Wegen der vielen Kranken im Lazarett sind solchen noch 2 Zimmer im Bürgerhospital und 2 im Stadtschul­hause am Ende der Hintergasse" jetzt Wetzsteingasseein­geräumt worden. An den letzten Ort kamen sämtliche .Krätzige."

25. Februar.Obrist v. Gall, Kommandeur des hiesigen, beinahe ganz anfgeriebenen Leibregiments kam vvn Danzig hier an. Um aus dem Depot der Reserve und Rekruten schleunigst ein neues Leibregiment zu bilden."

26. Februar.Es kamen zwei Bataillone Kohorten, die jetzt das 135. Linienregiment genannt werden, als Einquartierung hier an. Ein Teil kam aufs Land. Es waren manche invalide, abgelebte Offiziere dabei, so einer, der nur eine Hand hatte. Die preußischen Lazaretts werden, wegen des Vordringens der Russen, förmlich, aus'geleert. Es kamen viel Elende Uer an, teils von unseren Leuten, teils Badenser, teils Franzosen."

28. Februar.Heute wieder ein Regiment Kohorten als Einquartierung in der Stadt."

11. März.Die Königin vvn Westfalen fuhr mit einem Gefolge von sieben Wagen, vvn Garde-Karabiniers geleitet, hier durch nach Paris." Die Königin Katharina war eine württem- bergische Prinzessin. Napoleon hatte sie mit seinem jüngsten Brirder Jerome verheiratet uni>' zugleich aus seinen Eroberungen für diesen das Königreich Westfalen, mit der Hauptstadt Kassel, zusammengestellt. Die erwähnte Durchreise bedeutete eine Flucht vor den die napoleonische Armee verfolgenden Russen.

15. März.Starb Margarethe, des pensionierten Soldaten Stumpf Ehefrau, 40 Jahre alt. Sie war vor kurzem aus Spanier zurückgekehrt, war dort Marketenderin gewesen und hatte sich beim Durchwandern des Guadalquivir Erkältung und Lungensucht zugezogen."

Die Pferde vom Marstall des Königs von Westfalen, nebst schönen neuen Chaisen, kamen vvn Kassel her hier durch und blieben im Hirschen" jetzt Seltersweg 12über Nacht."

Das 9. französische leichte Infanterie-Regiment (die Leute liegen größtenteils im Buscckcr Tal) manövrierte im Feuer auf dem Trieb."

16. März.Es kamen zwei französische Detachements als Einquartierung. Gegen Abend Durchmarsch eines Regiments Ko­horten nach Lollar zu. 'Dabei zwei Kompagnien französischer Garnison, zwei Bataillone unserer Leute, welche zum Leibregi­ment formiert werden. Durch, alles dies wimmelt es in der Stadt vvn Soldaten und Kriegsgeschrei."

17. März.Heute gingen die Kühe zum erstenmal hinaus."

19. März.Da die bisherigen Anstalten zur Aufnahme der kranken Hessen und Franzosen nicht ausreichten, wurden auch noch Kranke in die Ziegelhütten" standen links von der jetzigen Kaiser-Allee im freien Feldegebracht, besonders solche, von welchen Ansteckung zu befürchten war."

Die Professoren gerieten in Aufregung, weil einige Mit­glieder der Kriegskommission vorgeschlagen hatten, das Kollegium" wtzige Aula auf dem Brandplatzals Lazarett einzurichten,"

(Fortsetzung folgt.)

Theodore Rousseau.

(Geboren am 15. April 1812.)

Von Robert Breuer (Berlin).

Abgeschnitten von der freien Natur durch ein glühendes Häusermeer, eine Esse, von Arbeit und Leidenschaft geschürt, hat der arme Weltstädter Augenblicke, tvo ihm der Anblick eines einzigen frischgrünen Blattes den Besitz eines Smarag­des aufwiegen könnte." Diese Worte schrieb A. Teichlein in dem Nachruf, den er 1868 dem toten Rousseau in der Lützow- schen Zeitschrift widmete. Tie Sehnsucht des Gefangenen der Großstadt nach einem Morgen im Walde, nach einem blühenden Wiesenhang soll den psychologischen Schlüssel weisen, daß es Londoner und Pariser waren (heute könnten wir noch sagen: nnd Berliner), die das moderne Landschaftsbild, das Bild von der Seele und den letzten Heimlichkeiten der Aecker und der Bäche, entdeckten. Diese Psychologie ist durchaus richtig; alle, die verflucht sind, im Grau der Häuserwüste eingepfercht zu sein, kennen diesen schweifenden Drang nach den: grünen Blut und dem feuchten Atem der Natur. Nur der Großstädter spürt den quälenden Hunger, Felder und Hügel, Büsche und Blumen zu