Ausgabe 
15.4.1912
 
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Aber gern, meine gnädigste Frau! Mit größtem Ver­gnügen versicherte liebenswürdig der alte Seemann. ,,^ch werde mich ihm gleich nachher bekannt machen.. ®a ©te ihn empfehlen, wird er ja sicherlich eine rühmliche Aus­nahme

Von dem allgemeinen Stumpfsinn Islands wachem Nicht wahr?" ergänzte sie, neckend aus seinen Tollpunkt auspielend, und hob, ihm lächelnd zutrinkend, den Sekt­kelch. Der Kapitän lachte herzlich daß sie ihn so gut kannte! und leerte, sich artig verbeugend, fern Glas.

Nun, seien Sie ohne Sorge," versicherte sie dann, ihren Kelch wieder niedersetzend.Doktor Amthor wird Ihnen schon gefallen gerade Ihnen. Uebrigens ist er ja auch gar kein richtiger Isländer, sondern eigentlich ein guter Deutscher."

Ah, was Sie nicht sagen!" staunte Neidhardt und ließ sich Näheres von ihr darüber erzählen.

Inzwischen war aber der neue Schiffsgast auch der Gegenstand der Unterhaltung der jüngeren Herren gewesen, die mit zu der Tischgesellschaft des Kapitäns und der jungen Frau gehörten. Der Regierungsrat und der Leutnant waren nicht wenig erstaunt gewesen, als sie da vorhin, zu Beginn des Diners, ihren Führer von neulich, an dessen Stelle sie gestern so gern gewesen wären und dem sich die schar­mante junge Frau so ruhig anvertraute, als Reisegenossen entdeckt hatten.

Sehn Sie doch bloß, Görtz! Da sitzt ja wahr­haftig der lange Isländer drüben bei der lustigen Sieben." So hieß auf dem Schiff die kleine Junggesellen­gruppe, die gerade ihrer sieben zählte.

Der Regierungsrat setzte sich langsam das Augenglas ein; er vermied es grundsätzlich, durch schnelle Beweg­ungen seiner vornehmen Würde Abbruch zu tun oder gar etwas jugendlich zu erscheinen.Was wer?" näselte er, mit zusammengekniffenem Auge suchend.

Na, der Kerl neulich von den warmen Quellen; Sie wissen ja: Unser Führer der König von Thule!"

Was, der? Richtig!" Er hatte ihn nun drüben entdeckt.Was hat denn der hier zu suchen? Uebrigens, König von Thule ist gut!" wandte er sich, lachend, wieder v. Kreßmann zu.

Na ja," begründete der Leutnant geschmeichelt lächelnd diesen neusten, von ihm geprägten Spitznamen.Der Mensch tat doch so, als ob ihm ganz Island erb- und eigen­tümlich gehörte:Dies alles ist mir untertänig" zitierte er mit übertriebenem Pathos und einer großen Geste über den Tisch hin.

Haben Sie recht! Aber was will denn der Kerl bloß hier?"

Mit gerunzelter Stirn und affektiert breitgezogenem geöffnetem Mund, was kalte Verächtlichkeit markieren sollte, starrte Herr Görtz-Schilling auf den Fremdling.

Na offenbar mitjondeln!" erklärte humorvoll der Leutnant.Sie sehen ja doch, er reist als erster Klasse- Passagier wie Sie und ich."

Hätt' ich dem Menschen niemals zugetraut. Ich hab' ihn für 'nen ziemlichen Schlot gehalten."

Js er ooch trotzdem!" entschied Kreßmann.Seh' ich prnnavista. Sehn Sie doch! Der Kerl trägt ja Röll­chen !"

Mit einem belustigt-höhnischen Laut winkte er mit den Augen nach den losen Manschetten Amthors hinüber.Bei Uns im Kasino geht das Sprichwort: Wer Röllchen trägt, stiehlt auch silberne Löffel! Na, für mich ist der Gentle­man damit erledigt." Und mit kühler Verachtung zog er die Blicke von dem - unwürdigen Gegenstände zurück.,

Die Tafel war dann aufgehoben worden, und die Ge­sellschaft hatte.sich bei dem milden Wetter auf den ver­schiedenen Deckplätzen verteilt, um im Freien den Abend zu verbringen.

Der Kapitän hatte sich, seinem Versprechen gemäß, gleich zu Dr. Amthor begeben. Mit gespannter Erwartung hatte Frau Söllnitz, in ihrem Deckstuhl neben Mr. und Mrs. Sanderham sitzend, auf das Erscheinen der beiden Herren gewartet; denn sie nahm an, daß Neidhardt ihnen den neuen Gast gleich zuführen würde. Zerstreut nur plauderte sie daher mit dem liebenswürdigen, feingebil­deten Ehepaar aus Washington; ihre Blicke schweiften be­ständig umher, voller Unruhe und Verlangen. Da sah sie plötzlich unten in dem Gang die Gesuchten einbiegen und heraufkommen. Es zuckte ihr in den Gliedern anfznspringen

und ihnen entgegenzueilen; aber sie mußte sich ja be­herrschen. So blieb fte denn äußerlich ganz ruhig in ihrem bequemen Schiffsstuhl sitzen, auch jetzt, als die beiden Herren zu ihnen traten.

Meine Herrschaften, gestatten Sie, daß ich Ihnen Herrn Doktor Amthor aus Reykjavik vorstelle," präsentierte der Kapitän den neuen Bekannten den Amerikanern, die ihn mit einemshakehands" nach ihrer Sitte willkommen hießen.

Frau Professor Söllnitz sind Sie ja schon bekannt," wandte Neidhardt sich daraus zu der jungen Frau, die ihm mit einem herzlichen Blick dankte. Dann reichte sie Amthor die Hand.

Schön willkommen an Bord, Herr Doktor," begrüßte sie ihn freundlich in leichtem Konversationston.Also haben Sie doch noch Ihren Plan ausgesührt, und so plötzlich!" Ein heimlicher Druck ihrer Hand aber sagte ihm verstohlen^ wie groß ihre innere Freude war, die sie ja hier nur nicht zeigen durfte.

Amthor aber, der sie mit offener Herzlichkeit hatte begrüßen wollen, blickte sie betroffen an. Ihm war die Gabe solch geschickter Cachiecung der innersten Empfindungen nicht verliehen. Er suchte daher, sich verneigend, noch nach dem passenden Wort, als sie ihm mit ihrem gewandten Geplauder vor den Augen der anderen Bekannten zu Hilfe kam. >

Nun, wie fühlen Sie sich denn an Bord? Schon ein bißchen häuslich eingerichtet in Ihrer Kabine?i Haben Sie denn noch gute Unterkunft gefunden?"

Danke, gnädige Frau," im Bestreben, auf ihren Ton einzugehen, verfiel er in ein übermäßig reserviertes Wesen. Ich bin noch ganz gut unter gekommen. Natürlich fiihle ich mich vorläufig noch etwas fremd an Bord."

Nun, das wird sich bald legen. Man wird hier ja so schnell bekannt." Ein schalkhaftes Ausblitzen ihrer Augen traf ihn.Schließen Sie sich nur uns ein bißchen an das heißt, wenn Sie nicht etwa Besseres mit sich, anzu­fangen wissen."

Er sah sie an, und befremdetes Staunen sprach aus seinem Blick.

(Fortsetzung folgt.)

Gießen vor hundert Jahren.

Mach ungedruckten Berichten.)

Von M. P l o ch - Darmstadt.

Zum hundertsten Mal« wird sich binnen kurzem jene große Zeit jähren, da di« Fürsten und Völker des östlichen Europas anfingen, sich auf sich selbst zu besinnen, um endlich nach heißem! Bemühen ihre Befreiung von dem schwer auf ihnen lastenden Joche des ersten Napoleon zu erzwingen. Für Deutschland galt es nicht nur den ihm verbündeten Nationen gleich Blut und Eisen zur Erreichung dieses Zieles einzusetzen. Ihm war es auch diesmal wieder, wie so oft schon infolge seiner geogra­phischen Lage beschieden, den hauptsächlichen Schauplatz für die kriegerischen Ereignisse abzugeben und deren unausbleibliche Fol­gen: Notstand und Seuchen über sich ergehen zu lassen. Schwer hat damals auch besonders unter den letzteren die Stadt Gießen und ihre Umgebung gelitten und es dürfte nicht ohne Wert sein, hierüber die alle Einzelheiten berührende Schilderung eines Augenzeugen zu vernehmen. Als solcher hat ein mit allen in Frage kommender! Verhältnissen engverwachsencr Sohn Gießens und seinerzeit eine im besten Sinne des Wortes stadtbekannte Persönlichkeit, der Großh. Hess. Geheimerat und Prof, der Me­dizin an der einheimischen Universität Ernst Ludwig Wilhelm Nebel (17721854) Aufzeichnungen in Form eines Tagebuches hinter­lassen. Sie berühren, getreu der ihnen zu Grunde liegenden Absicht, die schon Von vornherein durch die ihnen verliehene Aufschrift Chronica Gießensis gekennzeichnet wird, fast ausschließ­lich städtische Zustände und Vorkommnisse. Daß es sich der Schreiber, jedenfalls infolge dieser Wsicht, beinahe ausnahmslos versagt hat, die eigene Empfindung oder Ansicht zum Ausdruck zu bringen, muß, int Hinblick auf dessen, von maßgebenden ein- . heimischen Zeitgenossen des öfteren als hervorragend gerühmte Geistes- und Charaktereigenschaften, als sehr bedauerlich erscheinen.- Uvd ebenso, daß der begeisterte Baterlandsfreunv oer er war und als welcher «r z. B. nach Mitteilungen seiner Kinder dem Menfchen Goethe niemals die der Person oes korsischen Eroberers «ntgegengebrachten Huldigungen verzieh, in der Chronik nur äußerst fetten und alsdann auch mir zwischen den Zeilen zum Vorschein gelangt. Ist demgemäß der Rahmen der in Rede stehenden Aufzeichnungen nur ein beschränkter, so wäre es den- , noch verfehlt, in ihnen nicht mehr sehen zu wollen als eme getreue Wiederspiegelung örtlicher Zustände. Sie dürsten titel* mehr in einzelnen ihrer Teile wenigstens als ein Zett-