Ausgabe 
15.4.1912
 
Einzelbild herunterladen

pjz - Nr. 59

w

l b,111 Iw

Myujpi

'.-^1

Der König von Thule

Roman von Paul Grabein.

(Nachdruck verboten.^

(Fortsetzung.)

VII.

Küssen ist keine Sünd"

Die banalen, aber gefälligen Walzerklänge, die die Kapelle derHamburg" auf lebhaftes Verlangen des grö­ßeren Teiles der Tischgesellschaft fast jeden zweiten Tag während des Diners spielen mußte, zogen wieder einmal durch den eleganten Speisesalon der ersten Kajüte, wo die übliche froh angeregte Stimmung und reichliche Wärme herrschte. Man war schon beim Gis. Die Wangen -der Damen stray.t.u rosig, die Herren zeigten vielfach sogar schon die verräterischeWeinfahne" im behaglich-vergnügten Antlitz; allenthalben perlte der Sekt in den Kelchen, und die Unterhaltung schwirrte durcheinander wie im Pa- vageienhaus imZoologischen", pflegte Kapitän Neidhardt immer zu sagen.

Er schenkte seiner Tischdame, Frau Söllnitz, gerade die flache Schale des langen Stengelglases er trank den Champagner grundsätzlich nur ans dieser Form mit der üblichenVeuve Cliquot" voll, als der nur zu gut bekannte Walzer einsetzte. Lebhaftes Bravo und Hände­klatschen von einem Seitentisch begrüßte das Musikstück.

Ja bravo, brävo" ahmte der Kapitän mit einem geringschätzigen Seitenblick zu den Lärmern deren breite, englische Aussprache nach.Natürlich wieder die Cow- Boys!" so benannte er eine ihm höchst widerwärtige Ge­sellschaft amerikanischer Herren, die dort mit ihren Damen saßen und deren Manieren allerdings nicht die besten waren. Ritschard Uaeger oder den Schunkelwalzer was anderes kennt die gräßliche Gesellschaft ja nicht! Na, soll uns aber nicht abhalten!" Er präsentierte mit der Eleganz des alten Offiziers seinen Kelch vor der Tischnachbarin.Darf ich gehorsamst Ihr Wohl trinken, meine gnädigste Frau?"

Eva Söllnitz tat ihm freundlich Bescheid, aber während fie ihm zutrank, flog ihr Blick über die lange Tafel hin­über zu einem Seitentische, wo ein halbes Dutzend unver­heirateter Herren beisammen saß. Dort hatte der Ober­steward auch den neuen Gast placiert. Mit heimlicher Sehn­sucht und Ungeduld schaute die junge' Frau dorthin. Sie hatte ja noch keine Gelegenheit gehabt, Dr. Amthor zu sprechen; ja, noch nicht einmal einen stummen Gruß hatte sie mit ihm gewechselt.

Vorhin, vor dem Diner, als sie suchend auf dem Schiff Umhergegangen war, hatte sie ihn nirgends gefunden gewiß hatte er sich in seiner Kabine eingerichtet und jetzt bei Tisch saß er leider abseits und ihr halb den Rücken zukehrend, so daß er sie noch nicht bemerkt hatte. Und doch hatte sie so daraus gebrannt, ihm wenigstens mit

einem lächelnden Blick zu danken und den ersten Gruß zu entbieten. Es war ja in ihr eine so namenlose Freude, daß er nun doch noch gekommen war. Nach ihrem traurigen Abschiede auf Nimmerwiedersehen! So war ihm doch auch an einem Beisammensein mit ihr gelegen gewesen. O, wie sehnte sie sich nach dem ersten Wort von ihm! Was er wohl sagen, ob er wohl andeuten würde, daß das Verlangen, mit ihr weiter zusammen zu sein, ihn doch noch zu guter Letzt umgestimmt habe?

Wie endlos lang doch das Essen heute dauerte! Nervös spielte ihre Rechte mit dem kleinen Fächer, während sie den Blick immer noch drüben am Tische weilen ließ.

Sie konnte Amthors Gesicht nur halb von der Seite sehen, aber sie vermochte doch zu erkennen, daß er still dasaß, mit ernster Miene, und nicht teilnahm an der lauten, fast lärmend lustigen Unterhaltung an seinem Tisch, wo ein kugelrunder Rechtsanwalt aus Berlin in seiner schnoddrig-witzelnden Art das große Wort führte. Von Zeit zu Zeit sah sie, wie Amthor den Kopf zurgSeite wandte und wie suchend über die Nachbartische wegblickte. Kein Zweifel, er suchte sie! Wie klopfte ihr das Herz schneller! So gern hätte sie ihm mit leisem Zuruf ihren Platz hier hinter ihm verraten.

Ihr isländischer Bekannter scheint sich etwas ver­einsamt hier zu fühlen," wandte sich Kapitän Neidhardt plötzlich an sie; er war ihrem Blick mit den Augen gefolgt.

Frau Söllnitz fuhr leicht zusammen. Erst wollte eine Verlegenheit in ihr auffteigen, sie fürchtete, daß ihre un­bewachten Blicke ihrem Nachbar ihre Gedanken verraten haben möchten; aber der harmlose Ausdruck in seinen Zügen beruhigte sie schnell wieder. Sie hatte Neidhardt gleich zu Beginn der Tafel mit voller Absicht erzählt, welch sonderbarer Zufall das doch sei, sie kenne den neuen Schiffs­gast! Es sei ja ihr Führer auf dem Ritt zu den warmen Quellen, der Dr. Amthor. Er habe allerdings auch schon zu ihr davon gesprochen, daß er einmal gern auf ein paar Wochen hinaus wollte aus der Einsamkeit Islands aber der Entschluß, mit derHamburg" zu reisen, müsse ganz plötzlich bei ihm gekommen sein; wenigstens habe er ihr diese Absicht neulich nicht kundgetan.

So war denn auch jetzt offenbar die Bemerkung des Kapitäns ganz unverfänglich, und die junge Frau konnte es wagen, an diesen eine Bitte zu richten, die sie schon lange im stillen hegte.

Ja," bestätigte sie ihm seine Beobachtung.Ihm ist sicherlich drüben nicht wohl. Dr. Amthor ist ein sehr an-, genehmer, aber etwas ernster Mann, der zwischen die Herren da nicht paßt. Er tut mir eigentlich leid, wie er so still! da sitzt. Er hat sich unser neulich so liebenswürdig an­genommen, daß ich mich gern ein bißchen revanchieren möchte. Als Frau kann ich das doch aber nicht gut. Wenn. Sie aber, Herr Kapitän, sich seiner erbarmen und ihn gelegentlich in unsere Gesellschaft ziehen wollten, so Wäre- das recht lieb von Ihnen, und ich würde mich freuen."