Ausgabe 
15.2.1912
 
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der lejjfe'n im Saal. Doch seltsam, ihr Eintritt, der sich sonst wie der Beginn einesTriumpHzuges für sie gestaltete, blieb heute fast unbeachtet. Ja, die schöne Fran mutzte zum ersten Male ihre Tanzkarten in den goldenen Gürtel stecken, ohne daß sie begehrt worden war. Sie war außer sich. Doch die gesellschaftlichen! Formen, die sie meisterhaft beherrschte, siegten über ihren Acrger, unb lächelnd setzte sie sich in den Kreis älterer Damen, die ihren Platz auf der Estrade eingenommen. Man begrüßte sie dort mehr verwundert als erfreut, und sie dankte dem Zufall, der ihr noch im letzten Moment zur Polonaise einen ihrganz un­bekannten Tänzer zuführte. In der ersten Tanzpanfe fast ne ansrnhend in einer Nische 'des kleinen Wintergartens. Sie iah, wie ihre einstigen Freunde und Verehrer sich um eine reizende, etwas zarte, junge Schönheit scharten, die heute ihr ersteswcbitt feierte. Die weitze Toilette, fast gleich int Schnitt der ihren, floh in weichen Linien um den fast überschlanken Körper, die kaum gerundeten Arme zeigten noch wenig plastische Vollenoung, und dennoch lag .etlvas Poetisches in dieser knospenhatten Er­scheinung, das wirklich Hinreitzen mußte. Auch Frau Melanie empfand- diesen Zauber, da hörte sie plötzlich, ihren, Namen rn ihrer allernächsten Nähe. Sie horchte auf und rückte ihren Letsel tiefer unter die breiten Palmenziveige. >zMmer mehr erbleichte ihr Antlitz, und immer fester preßten sich ihre Lippen zufainmen, als ivollten sie einen Schrei unterdrücken.

Wenn doch Frauen sich selbst kennen würden," hörte sitz eine ihr wohlbekannte Stimme,sie würden zur rechten Zett von deut 'Schauplatz ihrer Triumphe abtreten und sich selbst um e en anderen die schöne Illusion erhalten,, einmal für ^ne Zett ttll- siegerin gewesen zu sein. Doch dretes krampfhafte Ausharren auf dem Platz, der längst anderen gebührt, macht sie lächerlich und bringt sie um die Achtnng. Frau Melame^ollte fichs gewng sein lassen und den Weg ihrer erwachsenen Tochter fretgeben, die längst auf den Augenblick harrt, die Kinderschuhe auszuzrehcn.

Geh, Wilsberg, sei nicht so hart, du warst doch der Treuesten "'^"Jch wars und bins auch noch, doch heute ladet die schöne Frau selbst den Fluch der Lächerlichkeit auf sich, wenn fte glaubt, mit Fräulein v. L., der Achtzehnjährigen, konkurrieren zu können. So mutz sie eben fühlen, daß sie ihren Platz an einer amerön Stelle auszufüllen hat als hier tm Ballsaal.

Es muß doch schwer sein, so in der Blute auf alles zu verzichten Es gehört eine-starke Ueberwindung dazu, plötzlich einen Strich zii ntacheü: Bis hierher und nicht Wetter.

Kroß anaeleaten Ratu.ren kamt es nicht schwer fallen, und kleinlichen feigen, die sich nicht selbst befehlen können und blind bleiben' wollen, denen gebührt eben die Zurucksetzung, die die gSTÄr m.d d°m- * » « einet'' Extratour, män hielt soeben deinen Lieblingswalzer.

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in die Garderobe und gab einem Diener den Befehl, ihren .Hann aus dem Rauchsalon zu holen. Als der Jufttzrat bestürzt hiuam-- eilte hörte er daß seine Frau ihn bereits im Wagen erwarte. wie uöMa Dunkelheit gab Frau Melanie Zeit, fich zu sammeln und ÄTeiÄ V* ÄL/W von einer heftigen Migräne befallen, das Fest verlostenmime.

Als der Rat am nächsten Abend etwas erschöpft au^> dem Rur'rau beimkelirte da ihn dringende Privatbesprechungen über L"Ä4*««-Sät es

ttiri» Kruiobnbeit in einem einfachen dunklen Kleide tu tmem Boudchr Aschen, emsig schreibend. Auf seine Fragen nach ihrem Befinden antwortete sie mit- einem etwas müden Lächeln, e * MW MWi *'ÄÄte6Ä '&>«* Re «. Ei- HM.« IW» fiif» zu ist Zeit, Teo, daß wir uus zu Äause em wcntg ääää*- sw 3 uberwallendtzm Glücksgefühl umarmte der Rat ferne H-rau.

Wie ich mich danach gesehnt habe!" sagte er ans tiefstemumrn. "Warum hast du es mir nicht gesagt? -entgegnete fie M- b°"^Wcil ich glaubte, daß es dir eilt Bedürfnis ist, die Gesellig- feit bchnMciie auf. - Wie seltsam, dachte sie, noch vor wenigen Tagen hätte es sie Tränen gekostet, einem frohen Abend zu cnt- saaen und jetzt ? Nach den stillen,. einsamen Stunden der Nacht, die sie'durchwacht, durchkämpft, durchlttten, hatte fiechich zum Entsagen durchgerungeu. Niemand follte ahnen, wie schwer 09 'Si^ löst^sich aus den Armen ihres Mannes und rief scheinbar in ihrem alten fröhlichen Ton:Jetzt, Herr Jnstizmt, beginnen für uns von neuem die Flitterwochen. Bis Aniiy hetmkehrt und wir um des Kindes willen unsere Räume öffnen, damit die Jugend mit ihresgleichen froh und glücklich genießen kann."

Er entgegnete nichts, sondern strich sich sorgenvoll über die Stirn utid schaute noch lange auf die Tür, durch die die graziöse Gestalt seiner Gattin geschlüpft. Er hatte sich 'vor zwanzig Jahren in das bildschöne adlige Fräulein, das kaum in der Gesellschaft aufgetaucht, beim ersten Sehen leidenschaftlich verliebt. Ihre Ehe war eine ungetrübte und sie wäre vollkommen glücklich ge­wesen, wenn Melanie ihre Genußfähigkeit nicht nur auf die ge­selligen Vergnügungen beschränkt hätte, wenn sie teilgeitoimnen an Höherem und Ernsterem. Mer wie sehr er sich auch, bemüht hatte, fie zu sich emporzuziehen, er blieb ihr gegenüber stets der Schwächere. Niemand vermochte so lieb zu schmeicheln,, so letden- schaftlich-zärtlich Wünschen und Wollen zu äußern als sie, und er konnte ihr weder heute iwch früher widerstehen.. Oft beschttch ihn an der Seite dieser Frau eine Leere, aber sie fand stets das rechte Mittel, ihn wieder in ihren Bekannten'keis zu bringen. Und auch heute war er zu schwach, ihr zu sagen, daß wohl ihre Schönheit sich zu voller Blüte entfalte, daa aber langsam die Jahre jenen Schmelz ihr genommen, fenes iinerklarliche.Etwas, das bat Reiz der Jugend ausmacht. Ob sie es selbst nicht sah. Er wußte doch, daß ihr Freund, der Spiegel, .oft M Rate ge­zogen wurde. Sie sah doch bei anderen ettt langsames Verblühen. Glaubte sie sich davon befreit?

Schrilles Klingeln ließ den Justizrat aus, tiefem «innen ausfahren. Im nächstett Augenblick brachte der Diener eine Menge Postsachen. Da fiel ihm gleich ein kleiner Brief in die Hande Anny schrieb aus der Pension, fern einziges Töchterchen! Rascy durchflog er die Seiten und strich zärtlich über die Blatter, uoer Me kindlichen Schriftzüge.Ich sehne mich nach Euch und zahle die Tage bis zum Frühling, ich möchte heim. Sctt zwei Zähren hatten die Eltern die damals Sechzehnjährige in der beruhutten Pension Madame F. in Lausanne untergebracht; und der Rat war sich täglich mehr bewußt, wie schwer ihm die Trennung von seinem Kinde gewordat, und lvie selbst die angestrengteste Berufsarbeit, die abwechslungsreichsten Vergnügungen ihn nicht hinwegtänschen konnten über das große .Entbehren, lern Kind uni. sich zu sehen, lieber sein ernstes Gesicht zog es wie Trauer, und er sagte leise:Wenns doch erst Frühling wäre!

Im nächsten Moment erschien Frau Melanie int Rahmen der Tür:Schnell, schnell, Teo, ich begleite dich, wir haben keine Zeit zu verlieren!" Das kleine Portefeuille öffnend, das der Rat aus den Tisch gelegt, rief sie fröhlich:Dank, Vielen wank. Du bist rührend gut, und ich werde wieder tue Schönste sein, die Wlerschönste." v m . i

Anny hat geschrieben," erwiderte der Rat.

So, sie ist doch gesund? Jetzt habe ich keine Zeit zu lesen, du hebst Mir den Brief auf, nicht wahr?" Fran Melanie hatte sich bei den letzten Worten sehr eingehend mit dem Zuknöpfen der dänischen Handschuhe beschäftigt und sah jetzt zu ihrem Gatten aus.Was hast du, Schatz? Habe ichs wieder nicht recht ge­macht? Ich erscheine dir wieder als recht lieblose Mutier, v, bitte, nicht böse sein, wer weiß in ein zwei, vielleicht tu drei Jahren bin ich schon Großmütterlein und stricke für mente Enkel Strümpfe!" Und hell anslachend zog sie den ernsten Mann mit sich fort. _ . , . ...

Gnädigste wünschen die' Robe in weiß, mit den rosa Bluten? 'fragte die Verkäuferin noch einmal und sah Fran Justizrat etwas ungläubig an. m ,

Gewiß," war die Antwort,die Meiste Robe mit den rosa Blüten." . (

Für gnädige Frau selbst?"

Die Rätin biß sich auf die Lippen. Sie war empört.Ich glaube deutlich gesprochen zu haben."

Wir könnten ja für gnädige Fran 'ein anderes Blumen- ar van gement wählen, vielleicht Flieder, vielleicht"

Mein Fräulein, ich habe bestimmt, und- Sie gehorchen, sonst sehe ich mich gezwungen, meine Einkäufe in einem anderen Hause zii machen." -

Tie Verkäuferin wurde blaß und sagte dann, sich über­stürzend:Verzeihen, gnädige Fran, doch es ist mir peinlich Fräulein von L. will am -Sonnabend das ganz gleiche Kostüm da glaubte ich, da meinte ich -"

Ach so," antwortete hochmütig die Rätin.Wenn zwei das Gleiche tragen, wirkt es dennoch verschieden." Mit einem etwas spöttischen Lächeln wandte sie sich um.Ich hoffe, daß meine Anordnungen strengstens befolgt werden."

Tie folgenden Tage kam Melanie kaum zur Besinnung. Fast jede Nacht hatte sie dnrchgetanzt und erst gegen Mittag war sie im Frühstückszimmer erschienen und hatte schnell die Anordnungen für den Nachmittag erteilt. Ihre Gedanken be- schästigteit sich fort und fort mit den Triumphen, die sie gefeiert. Sie war überall Siegerin geblieben, hatte am meisten getanzt und war stets von einem Schwarm Verehrer umringt, die sich glücklich schätzten, die allergeringste Gunst von ihr zn empfangen. Dennoch schlich sich wie teilt Schatten das Gespräch im Modehaus neulich in ihre Gedanken, und sie erwartete mit nervöser Ungeduld die Toilette. t ..

Als sie am Wend in düst meisten, duftigen Kleide vor dem Spiegel ihres Ankleidezimmers stand, fühlte sie sich sieges- fictvif;, berauscht von ihrer Schönheit. ' Sie erschien als eine