Ausgabe 
15.2.1912
 
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-,Na, Ihr Herr Sohn hat mir Rede gestanden, als er sich aus dem Arrestchen meldete. Ich sage ja, wenn dre guten Papas nur immer rechtzeitig eingreifen wollten. Nur nichts auf die lauge Bank schieben, nur nichts hm- trödeln. Immer feste aus die Weste. Ja, und nun soll er mir stramm Dienst tun. Ich hab ihn in die Königliche Dritte gesteckt. Der Braneck wirb ihn schon an die Kan­dare nehmen." z

Auch noch in einer anderen Beziehung hatte tue- väter­liche Aussprache mit Eberhard guten Erfolg. Er erschien tvieder häufiger in der Kilganstraße, bet den Eltern. Es lag dann wohl bisweilen eine leichte Befangenheit über ihm, ein Schatten; aber der stand ihm eigentlich vorzüglich. Er war liebenswürdiger als in all den letzten Monaten, auch gegen die Schwestern.

Einmal als sie beim Tee vor dem Kamin zusanunen- faßen, erzählte er:Wißt ihr das Neuste? Unser netter kleiner Horfeck hat sich zur Schutztruppe gemeldet."

Signes Löffel klirrte zu Boden. Und sie bückte sich schnell, um die Blutwelle, die ihr Gesicht überflutete, zu verbergen.

. er kommt voraussichtlich nach Kamerun. An­genehmes Klima. Die alten Horsecks sollen außer sich sein. Na verdenken kann man's aber eigentlich unsereinem' nicht. Man kommt doch mal aus dem ewigen Allerlei heraus, läßt sich einen anderen Wind um die Nase wehen und wirft so manche Sorge hinter sich."

Mutter erhob lebhaft Protest. Ihr schwante schon, daß Eberhard auch eines Tages auf so verrückte Ideen kommen könnte. Am Ende hatte ihn Vater doch zu hart angefaßt. Sie barmte ein wenig, führte die schönsten Redensarten ins Gefecht vonBleibe im Lande und nähre dich redlich" bis zuWarum in die Ferne schweifen". Es paßte nicht recht, aber es paßte doch einigermaßen. Und schließlich brachte sie alles gegen die Kolonien im allgemeinen vor, was sie in den Reichstagsverhandlungen gelesen hatte. Darob ergrimmte dann Vater, und es gab eine lebhafte Debatte.

So konnte Signe sich, ohne aufzufallen, fortstehlen.

All die Tage hindurch war immer wieder das todes­traurige Gesicht Horsecks vor ihr aufgetaucht, wie sie es am Ballabend im Spiegel gesehen hatte. Sie brauchte, konnte sich ja keinen Vorwurf machen. Immer war sie Horfeck aus dem Wege gegangen, niemals hatte sie ihn ermutigt. Gerade ihn nicht. Aber es schmerzte sie stets aufs neue, wie er ihr Nein aufgenommen hatte, schmerzte sie in tiefster Seele. Und wie ein Fluch erschien ihr bis­weilen ihre Schönheit.

Lange stand sie oben allein in ihrem blauen Zimmer am Fenster, sah in das stille Gärtchen hinaus 11116 sann. Die große Sehnsucht kam über sie: Warum bin ich nicht ein schlichter Mensch, gradlinig und einfach? Wie Dodo etwa. Warum mischen sich bei mir immer die Instinkte, gute und schlechte? Warum hab ich nicht einmal die Energie zu einem ehrlichen Ringen mit mir selber?

Selig find die Einfältigen

Vielleicht wäre alles anders geworden, wenn die Eltern mich mit Ernst und Strenge erzogen hätten. Aber von klein auf war ich der verzogene Liebling. Immer bekam ich recht. Immer hieß ich die kluge, die schöne Signe fast wie ein Wunderkind wurde ich groß.

So tateu's die Eltern. Aber die Welt tat's ja nicht anders. Ein Wunder ist's nicht, wenn ich dem eigenen Ich einen Altar errichtete und täglich darauf opferte. Ich hätte eine ganz andere sein müssen, ivenn ich's nicht ge­tan hätte. Eben ein schlichter, gradliniger Mensch und nicht solch komplizierte Natur, die ich leider bin.

Aeudern! Ja ändern! Wenn nur die Kraft dazu da wäre und die Selbstzucht, lind nicht dieser Wirrwarr des Lebens. Und schließlich nicht die Freude au all dem Tand dieses Lebens. Es schreit zum Himmel: wenn ein Mensch wie ich auch täglich aufs neue all die Richtig­keiten erkennt, zum Greifen klar verzichten mag er schließlich auf keine von ihnen.

Und der ganzen Weisheit letzter und armseligster Schluß ist: das große Rad dreht sich, weiter und alles bleibt beim alten.

Und in .einer Stunde kommt die Jungfer, und ich schlüpfe in eine andere Aalhaut und fahre zum Ball Beim russischen Gesandten, und will's der Zufall, so kommt heut wieder eine Mücke geflogen und versenkt sich die Flügel.

Armer Horfeck ich hatte dir etwas Besseres ge­wünscht i|.

Es war die Zeit im Jahre, in der sich die Gesellig­keit drängte. Mutter hatte sich nun einmal vorgenommen, die Töchter von vornherein, gleich im ersten Jahre, über­all einzuführen. Sie stöhnte zwar nach den ersten Beiden Wochen, und Vater stöhnte auch. Wer nachdem beide das richtige System andern Vätern und Müttern abgelauscht hatten, ging es ganz gut: sie wechselten in der Beglei-t tung ab. Die liebe Jugend selbst durfte, sollte dafür in jeden neuen Tag hineinschlafen, um für den nächsten Wend' wieder frisch zu sein.

Dodo brachte das auch fertig.Ich Bin wie der große Napoleon, ich kann dein Schlaf kommandieren," sagte sie wohl. Signe war weniger glücklich. Sie lag ost, wenn sie nach Mitternacht heimkam, noch stundenlang wach oder saß träumend vor dem Kaminfeuer. Man sah es ihr nicht an, ihre Schönheit gewann vielleicht sogar durch einen leichten Zug der Ermattung. Aber ihre Nerven ließen nach. Es kam wohl vor, daß sie das Bedürfnis fühlte, sie aufzureizen, daß sie eine Stunde vor der Ausfahrt zu Vater herunterging:Papa, gib mir ein Glas starken Wein." Dann lachte der alte Herr:Na ja, ihr Schwär­mer. Ich kenn das. Wart mal, ich hole uns beiden 'ne halbe Flasche Pommery . . . das ist die beste Peitsche. Mir ist auch verdammt flau zumute."

Und überall, wo die Schwestern hinkamen, war Ho- burg. Auf dem zweiten Hofball war er; auf dein Emp­fang Beim Reichskanzler war er, er nahm am Kavalier-- ball im Kaiserhof teil, er war auf dem Ball des Kriegs- nnuisters und fehlte auf keinem der großen Feste in den Gesandtschaften.

Rührend" hatte Dodo einmal spöttisch gesagt.

Aber Signe hatte keinen Grund, sich über Hoburg zu beklagen. Er näherte sich ihr nur, wenn sie im großen Kreise war. Er suchte nicht mehr wie früher ein Gespräch unter vier Augen. Er bat sie nur ganz ausnahmsweise um einen Tanz. Er war sehr zurückhaltend, sehr beschei­den geworden und noch korrekter äks früher.

Nur daß sie bisweilen einem fragenden Blick seiner müden Augen Begegnete:Hier Bin ich. Ich warte meiner Stunde. Ist es so recht?"

Dann kam manchmal eine forcierte, ihr sonst ganz fremde Erregtheit über sie. Sie sprühte in der Unter­haltung, sie lachte, sie kokettierte. Mochten die Mücken,- diese törichten Mücken sich doch die Flügel versengen!l

(Fortsetzung folgt.)

Abdankung.

Skizze von I. O p P e n.

Du hast es also doch fertig gebracht," sagte der Justizrat Heufeld und zählte noch einmal die seinen Billetts, die er lang­sam aus den Kuverts nahm.Acht Einladungen für sieben Tage! Tas ist wirklich Sollten da die Kräfte nicht doch unterliegen?"

Die 'Angeradete dehnte sich gähnend in ihrem Fauteuil und zupfte die seidenen Schleifen ihres Morgenkleides zurecht.Ich begreife dich wirklich nicht, Teo, daß Bit dir Sorge machst. Wir sind doch jetzt in der Saison, und was sollte man schließlich mit den Abenden beginnen, wenn man sie nicht in heiterer Gesellschaft! zubringen würde!"

Der Justizrat seufzte.Dein Talent zum Genießen ist wirk­lich groß. Ich für meine Person hätte gn dem dritten Teil genug. Außerdem wenn maus recht betrachtet, gewährt es dir wirklich einen solchen Genuß? Seit zwanzig Jahren immer dasselbe, die gleichen Routs, die gleichen Diners, die gleichen Wohltätig- kcitsveranstaltungen, man muß doch einmal müde werden!"

Die schöne Frau legte den Arm um, den. Hals des Gatten und sagte schmeichelnd:Dein Brummen hilft nichts, deine Philosophie noch weniger, du tust doch, was mir angenehm ist, und ich- fühle mich doch nur wohl in der Gesellschaft. Nicht wahr, du erlaubst doch für den Ball beim Kommerzienrat X. die weiße Robe, die wir neulich im Fenster bei G. bewunderten?"

Aber, Melanie, wieder eine .neue Toilette, muß es denn sein?"

Es muß, es Muß, Liebster. Ich habe schon meine Arran­gements getrosten, und du füllst mir wohl ein wenig die Börse, aber keine blauen Scheine," schloß sie lachend,nur braune, braune!" und aufspringend küßte sie ihn flüchtig auf beide Wangen. Jetzt gehts rasch an die Toilette, um halb drei hole ich dich vom Bureau ab. Du hast eine kleine Ueberraschuug gewiß für mich bereit," rief sie, sich in der Tür mnweudend.