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Normen annahmen, gibt uns Laukhard eingehende Nachrichten. Er schildert uns, wie namentlich im Jahr 1776 der arme Mann, bcr am Wagengößchen wohnte, von der Bude eines neben ihm hausenden Studenten (namenss Schacht) aus, schwer heimgesucht ward, und wie diese .Heimsuchungen auch im Jahre 1777 weitergingen, trotzdem mehrere Studenten darüber ins Karzer Indern mutzten, und „Euler um den Verfolgungen zu entgehen, seine Wohnung wechselte". Euler erscheint in Laukhards Dar- stellung als ein harmloser Mensch, der unfähig war, sich gegen die Ängrifte zu wehren und der zu ihrer Beseitigung nur das CT ne tat, daß er die Missetäter, die er kannte, dem Rektor anzeigte.
, Außer in seinen Memoiren hat Laukhard sich später noch CTnmal ausführlich mit der Persönlichkeit Eulers besaßt. Im Jahr 1804 gab er ein besonderes Büchlein über sie heraus, be- Irtelt: „Eulerkappers Leben und Leiden, eine tragisch-komische Geschicht e". Zwar betont er in der Vorrede, daß, er mit seinem Helden den „famösen Kerl" nicht meine, die Studenten den Beynamen Eulerkapper gegeben"; „jeder Gießer könne wohl bezeugen, datz sein Eulerkapper eine ganz andere Personnage sei, als jener im Jahr 1796 in der Kaplans- gas;e zu Gießen verstorbene Eulerkapper". Aber wer das Buch lrest und mit den Notizen in den Memoiren vergleicht, merkt sofort, daß die beiden Eulerkapper identisch sind. Laukhard hat Nur das Vor- und Nachleben seines Helden gebührend geändert.
Die geschichtliche Forschung hat bisher sich mit den „Lauk- hardischen Gestalten" noch recht wenig befaßt. Es ist deshalb wohl eine dankenswerte Aufgabe, wenn wir dem geschichtlichen Euler, mit dem die Eulerkappereien tatsächlich getrieben wurden, nnmal nachgehen und dann feststellen, was an dem Eulerkapper, der uns in „Eulerkappers Leben und Leiden" geschildert wird, Dichtung und was Wahrheit ist.
Daß die Eulerkappereien der Jahre 1776 und 1777 vorge- vekommen sind, und daß sie zu ihrem Objekt einen Mädchenschul- lehrer namens Euler hatten, steht außer allem Zweifel. Es geht das schon aus der Tatsache hervor, daß sowohl 1776 wie 1777 landgräfliche Verfügungen herauskamen, die die Hänseleien des Madchenschulmeisters Euler bei schwerer Strafe verboten. Aber auch sonst haben wir Zeugnisse, die uns die Geschichtlichkeit der Eiilerkappereien bezeugen. So liegt in den Personalakten des Gießer Madchenscliulmeisters Johann Philipp Euler ein Schreiben des Gießener Geheimen Rats Klip st ein, datiert vom 6 ten Novmiber 1776, in dem wir lesen, „datz der Schiilmeister Euler rrn Gespött der Studenten worden sei, welche ihn nächtlich pro- docrren nnd wobey dieser Tropf nicht einmal die Gelassenheit vesltzt, es verächtlich stillschweigend anzuhören, sondern nebst den ©einigen mit Stangen und Steinen Ausfälle auf die Studenten »Hut, und dadurch sie immer mehr irritirt, so datz die Universität Wit Straffen der Studenten immer belästigt ist und doch die Unruhe kaum stillen kann".
Tie Personalakten, denen dieses Schreiben beiliegt, berichten Uns über den Mann folgendes. Johann Philipp Euler, der um 1720 geboren war, besuchte anfänglich das Gießer Paeda- vogmm und studierte hierauf in Gießen Theologie. In seiner Studienzeit verging er sich mit der Tochter des damaligen Gießer Mädchen,chulmeisters JohannKarlSaalseld, der in zweiter Ehe mit Eulers Schwester verheiratet war. Obwohl Euler seine Geliebte heiratete, war es die natürliche Folge dieses Falls, daß Vater Euler „die Studia aufgeben mußte". Er blieb in Gießen wohnen und „nährete sich", wie es in einem amtlichen Berickst aus dem Jahr 1764 heißt, „bürgerlich". Später übernahm er die Privatinformation einiger kleinen Kinder. Er fchcint auch mit seiner Unterweisung einigen Erfolg gehabt zu haben. Wenigstens rühmt er sich im Jahr 1796 in einem Schreiben, „daß er ehedem wlche Leute gebildet habe, die zu Ehren gekommen, als des Derrn Regierungsrath Buff Herrn Söhne, den jetzigen Herrn Ober- sckstiltheiß R a y ß, den Herrn Registrator Finck unb derer noch mehrere". Im Jahr 1764 bot sich Euler die Gelegenheit, in tinen öffentlichen Menst zu kommen. Sein Schwager und Schwiegervater Saalfeld starb, und Euler glaubte, ein Anrecht auf Nachfolgerschaft in dessen Menst an der Mädchenschule um so mehr zu haben, als er monatelang Saalfeld in seinem Dienste Unterstützt hatte. Er meldete sich um die Stelle, erhielt sie aber Nicht. Vielmehr ward sein Schwager Johann Karl Saalfeld ihm durch das Gießer Konsistorium vorgezogen, da er sich bereit erklärt hatte, „seiner Stiefmutter als der Hinterbliebenen armen Wittib »u Erziehung ihrer vier Kindler sechs Jahr lang von dem zu genießen habendten Salario auS dem Geistlichen Landtkasten nll- jährlichen dreyßig Gulden abzugeben, auch! dieselbe benebst ihren Kindtern dietze Zeit über in der Schuhlwohnung zu dickten, auch die Information derer Kindler und alles übrige darzu gehörige mit allem Fleiß nach denen zu leistenden Promissionen gewissen- hafst zu versehen, daß nicht die geringste Klage erfolgen falle". Diese Versprechungen fielen bet Superintendent Benner; der bet der Stellenbesetzung das Hauptwort zu sprechen hatte, um fo mehr -ins Gewicht, als stadlkundig luat, daß „Euler, der Saal- feldiu Bruder, gegen feine Schwester alles Zuredens vhn- «eachtet die äußerste Härtte spühren ließ, außer daß er finalster sich zu 10 Gülden, ein vor allemahlen abzugeben, erklährete".
Tiefer Ausgang der Bewerbung brachte Euler in große Erregung. Mit Hilfe von einflußreichen Hintermännern brachte er M dahin, daß einige Tage, nachdem die KtnMrrytg SpaMds
als Mädchenlehrer vvm Gießer Konsistorium am 7. September 1764 verjügt ivorden war, ein vom 6. September datiertes land- gräfliches Schreiben in Gießen einlief, das „die erfagte Mägdgens Praeceptorats-Stelle dem Candidato Theol. Joh. Phil. Euler, welcher ohnedem die Schule seit dreymertel Jahr vieariando versehen und wegen seines Lebeuswaitdels gute Zeugnüsse vor sich bat', übertragen ward. Gleichzeitig wurde Saalfeld die Stelle entzogen, „als der sich letzthin bei dem Fürstlichen Hoflager in Cranichstein so übet conbuifiret, daß ih-me eine solche Stelle anzuvertrauen sehr bedenklich feyn würde". Saalseld, der bereits arn 10. September in feine Stelle eingeführt worden war, versuchte nunmehr alles, _ um seine Belassung in seinem Dienste zu erlangen. Er stellte in einer Eingabe an den Landgrafen dar, daß er nicht leugnen wolle, „daß er in seiner Jugeudt etroan zu Darmstadt, allwo er bei) dem Herrn Kriegs-Rath Neufvillö sennret, oder an einem andern Ort he, ein Jugeudt Fehler begangen habe ; aber das habe er längst bereuet und Gott abgebeten. Wenn diese Tatsachen jetzt hervvrgeholt würden, so fei das nichts als elende Anschwärzung seiner leiblichen Schwester, die gar keinen Grund dazu habe, denn gegen Euler lägen, wie stadtkundig sei, noch viel schlimmere Tinge vor, worüber er, Saalfeld, „viele Materie" in Händen habe. Auch das Konsistorium schloß, sich Saalseld an. Es ließ in seinem Bericht durchblicken, daß es für Euler, dessen „schmähsüchtige Bitterkeit und gehässige An- schwärtzung" widerlich sei, gar nichts übrig habe, und bat, Saalseld in feinem bereits angetretenen Dienste zu belassen. Aber es half nichts. Am 29. Oktober wurde Euler nochmals in feinem Dienste bestätigt und Saatfeld endgültig zurückgewiesen. Ausschlaggebend war dabei die Tatsache, daß die vor kurzem vorgekommene böse Konduite Saalfelds im Kranichstein er Hoflager^ in der dieser sich „nickst nur stark berauschet, sondern in der Trunkenheit auch allenley Raisonnements und widersinnige Reden gegen die Westliche Hofhaltung daselbst ausgestotzen", die selbst bei dem Korps der Brühfleischfresser — den Gardereutern — das allergrößte „Aergernus" hervor gern feit hatten.
Johann Philipp Euler war von diesem Zeitpunkte an über 40 Jahre lang Gießer Mädchenschicklehrer. Er schied aus feinem Dienst, nicht wie Laukhard mitteilt, 1796, sondern 1807. Am 4. September dieses Jahres ward er pro emerito erklärt, und ihm — auf Veranlassung seiner Gönner — trotz deutlich zu Tage getretener jahrelanger Dienstlüderlichkeiten — „wegen seines viele Jahre hindurch treu verwalteten Schulamts der Genuß des ganzen Schullehrergehalts ad dies vitae" zngesprochen. An seine Stelle trat Johannes Koch, bisher Unteroffizier, der den Lehrer- gehalt aber erst nach Eulers „hiernächsligem Absterben" erhalten sollte.
Neben seinem Schuldienst hatte Elfter auch kirchliche Dienste zu versehen. Er mußte, wie dies auch sein Vorgänger Saatfeld von Anfang an getan hatte, „jeden Sonntag denen Annen einen Gottesdienst im Hospital mit Singen undt Ablesung einer Predigt halten". Diesen Gottesdienst — Lesegottesdienst — hielt Euler noch im Jahre 1807, da ihn sein Nachfolger Koch auch in diesem Amte ablüstc. Im Jahr 1796 wird sogar bezeugt, daß er sehr diensteifrig in dieser Predigttätigkeit war. Er machte cs „fehl' lang", so daß seine Kirche öfters länger als die Stadtkirche andauerte, weshalb manche arme Leute aus dem Hospital seinem Gottesdienst in harten Wintertagen fern blieben, „da sie es in der langen Zeit für Frost nicht aushalten konnten".
Endlich ist zu erwähnen, daß Euler tatsächlich, wie Laukhard erwähnt, auch noch Leichenbitter war. Im Jahr 1796 verteidigt er sich gegen den Vorwurf, datz er mitunter seine Frau Schule halten lasse, damit, daß sein Leichbitterdienst ihn zwinge, mitunter vorübergehend feine Fran mit der Aufsicht in der Schule während seiner Abwesenheit zu berrmten.
Wenden wir uns nunmehr von dem äußeren Lebensgang des Mädchenschullehrers Euler zu dessen P e r s ö n l i ch k e i t, so müssen wir betonen, daß Laukhard gewaltig täuscht, wenn er uns Euler als eine Art .Sampel" vorstellt, der sich alles gefallen ließ, Lächerlich mag Euler in manchen Beziehungen gewesen fein, aber gutmütig war er keineswegs. Das beweisen vor allem feine Personalakten. Es wird wenig Lehrer in der damaligen Zeit in Heften gegeben haben, die bei der Behörde als Querulanten in so übtiem Namen standen wie Euler. 'Jörgen 10 Gulden Witwen- gehalt, den Euler seiner Schwester, der Schulmeisterin Saalfeldin, auf obrigkeitliche Anordnung hin jährlich auszuzahlen hatte, har er über 20 Schriftstücke int Laufe der Jahre eingereicht, in ihnen in der widerlichsten Weise sich über seine Schwester ausgesprochen und stadtkundige Gerüchte immer und immer wieder zu Ohren der Behörde gebracht, nur um die 10 Gulden Abgabe zu ersparen. ■ Nim kann ja nicht geleugnet werden, daß die Saalfeldin ein anstößiges Leben führte, namentlich als ihre Töchter groß geworden waren. Aber die harten Vorwürfe, die Euler gegen sie erhob, verdiente sie nicht; ganz besonders nicht von seiner Seite. Auch den Studenten gegenüber benahm sich Eifttt keineswegs als gutmütiger Hampel. Der oben mitgeteilte Bericht Klipsteins beweist, datz er sich mit Stangen und Steinen den Musensöhnen zur Wehr setzte, unb auch sonst erfahren wir, daß Euler mit feinen Gegnern manchen harten Strauß im Wagen- gäßchen ausgefochten hat. Endlich sei noch erwähnt, daß 1794 gegen Euler ein Disziplinarverfahren wegen Mißbrauch der elterlichen Gewalt schwebte, das im Jahre 179.5 nur deshalb nieder-


