Ausgabe 
15.1.1912
 
Einzelbild herunterladen

30

anders geworden hier. 9?a ... wundern wir uns nicht! darüber. Es ist der Lauf der Welt."

Wenn's nur auch besser geworden ist, Exzellenz?"

Na. . . ivas weiß ich? Besser oder schlechter, das sind schließlich relative.Begriffe. Es kommt ganz auf den Gesichtswinkel an, unter dem man sieht. Und wir schauen eben aus dem alten. Lassen wir's. Die Hauptsache bleibt: die Jungen hier werden, wenn's drauf ankommt, ihre ver­dammte Pflicht und Schuldigkeit tun, wie wir. Dessen bin ich gewiß. Wir nun wir sind eben alt Eisen. Prosit, alt Eisen!"

Der gescheite Alte, der einst unter Mo-ltke lauge die breiten karmoisinroten Streifen an ben Unaussprechlichen getragen, hatte gewiß recht. Aber das würgende Gefühl in der Gurgel wurde Gudarcza darum doch nicht los.

Und dann war da noch eins: er war erstaunt, daß man allenthalben schon von Eberhards Absicht, sich ver­setzen zu lassen, wußte . . . und daß man sie so gar nicht mißbilligte. Der Kommandeur sagte zwar:Schade, igerr von Gudarcza. Ich verliere Ihren Herrn Sohn ungern, er ist ein tüchtiger Offizier. Wer, lieber Himmel, wie die Verhältnisse liegen, verdenken kann ich's ihm schließ­lich nicht." Und der junge Hauptmann von Hellstein kam zu ihm heran:Papa hat mir heut erzählt. Ich gratuliere, Herr von Gudarcza. Ihr zweiter Herr Sohn kommt sicher ins Amt, und unser guter Eberhard. . . nun, den seh ich schon im Dragonerrocu Schade, er war uns allen ein lieber Kamerad. Aber wenn ich die Moneten gehabt hätte Pardon ich wäre auch nicht gern zu Fuß durch den Sturz­acker gestrampelt."

Die Moneten die Moneten>

Ja . . . ja . . ." meinte die alte Exzellenz Beer­hoven beim Moselwein.Sie haben mächtig geerbt, Gu- varcza, hör ich. Freut mich, werdend brauchen können. Glücklich au sich macht's ja nicht, aber 's ist immerhin 'n sehr angenehme Zugabe, sozusagen. Heute! Heute ganz besonders. Ich will auch da nicht schelten, bewahre. Das große Rad, Zeit genannt, dreht sich eben, und die Anschau­ungen ändern sich. Ja. Ain Ende: das Gold ist 'ne ganz schone Sache, vorausgesetzt, daß man sich von ihm nicht unterkriegen läßt. So wie'solch guter Tropfen Wein auch 'ne feine Gottesgabe ist, wenn inan seiner Herr bleibt."

Exzellenz tat einen tiefen Zug, bei dem immer der buschige Schnurrbart, der noch keine Bartbinde kennen ge­lernt hatte, sein Teil abbekam. Er wischte sich barni die Borsten rechts und links mit dem Handriicken ab, daß die Tropfen flogen, schielte in das Glas und fuhr fort:Was ich noch sagen wollte... da fiel mir vorhin was ein, als ich Sie sah! Neulich hab ich einen Verehrer vor: einem Fräulein von Gudarcza kennen gelernt, und der Name ist so selten. Es muß wohl eine Tochter von Ihnen sein oder eine Nichte."

Ich habe zwei Töchter, Exzellenz Signe und Do­rothee." Indem er's sagte, wußte er ganz genau, daß es sich nur um Signe handeln konnte.

Signe! Na natürlich Signe. Wunderlicher Vor­name, den man so leicht nicht vergißt eigentlich 'ne sehr praktische Sache. Also, und nun fällt mir ein, wer der Schwärmer war. Unser Kreis-Magnat nänrlich, Prinz Bill Hoburg. Wir kommen sonst selten zusamnien, ob­wohl mein Klitschchen an seine Herrschaft grenzt; sinte- znal er sich mehr an der Riviera anfhält, als in unserem Lausewinkel, was ich ihm an sich nicht verdenken kann. Lllso neulich waren wir bei der Baronin Kellhof zum Tee. . . labbrigste Sorte... da sprach er von seiner letzten Reise und, warten Sie mal, von seiner Tante, der Fürstin Bum-Bum, der Geier soll die Namen von all den kleinen Fürstlichkeiten behalten, die dem geduldigen deutschen Boden entsprossen sind. Und über die Hoheit kam er auf höchstdereir Hofdame" Exzellenz lachte die ihm jedenfalls interessanter erschienen war als die gnädigste Tante."

Gudarcza fühlte wohl, daß seine Frage der Mißdeu­tung ausgesetzt war. Wer er fragte dennoch:Was ist das für ent Mann, dieser Prinz?"

Na, wissen Sie. . ." Der General machte eine kleine Pause, wischte sich wieder einmal rechts und links über den feuchten Schnurrbart und blickte unter seinen schweren Äilidern ein wenig forschend seinem Gegenüber ins

t.Also, alter'Freund, das is nn so'ne Sache. Spielt

da vielleicht was? Ich mag mir das Mau! nicht ver-< brennen."

Keine Spur, Exzellenz." Gudarcza lachte. Er meinte die volle Wahrheit zu sprechen, aber das Lachen kam ihm' doch nicht ganz von Herzen.

So na denn. Und übrigens kann ich schließlich vertreten, wenn ich was sage. Also der gute Hoburg mein Mann ist er nicht. Ich mag die Leute mit 'nem! Hofton, die immer nur flüstern, nicht; so'ne Menschen^ linder, denen man die sechzehn Ahnen immer äußerlich anmerken soll, die vor lauter Mattieren keine Manier mehr haben. Aufne hohle Nutz schätz ich ihn ein. Ob 's wahr ist, daß das Luderchen jeut, kann ich nicht sagen. Wäre am Ende auch noch nicht das Schlimmste, denn er hat 'nen guten Güterdirektor, und die Herrschaft hält schonnen Puff aus. So, alter Freund, und nun wollen wir man gehn. Die Glock hat Mitternacht ge-i schlagen."

Als Gudarcza in seinem Droschkenauw heimfuhr, wurde das würgende Gefühl im Schlunde immer ärger. Es war nun nicht mehr nur Eberhard, um den's ihn verdroß, er mußte auch wieder an Signe denken. Und daran, wie klein er sich vorgekommen war, als er Viktor Kalteuegg schreiben mußte, daß seine Hoffnungen Träume gewesen wären. Und daran, daß Signe mit dem Prinzen Hoburg zusammen in Berlin angekommen war derhohlen Nuß". Der alte Beerhoven war immer ein guter Menschen- beobachter gewesen.

Er nahm sich vor, am nächsten Bdorgen mal bei Signe auf den Busch zu klopfen. Er wollte ein ernstes Wort mit ihr sprechen. Recht väterlich und ernst. Sie war immer offen und wahrheitsliebend gewesen, schon aus Stolz. Sie würde ganz sicher auch diesmal kein Hehl vor ihnr habeu.

Der Gedanke beruhigte ihn allmählich

. . . im Grunde," sagte er sich,ist das Ganze^doch eine recht haltlose Kombination. Daß der Prinz Signe schön fand, war nicht zum Verwundern, und daß er ein bissel von ihr geschwärmt hat, ist auch nicht zum Staunen. Und daß Signe und er 'sich auf der Reste getroffen und sie gemeinsam fortgesetzt haben: Du lieber Himmel, eigent-, lieh war auch nichts dabei. Grade, weil es Signe war. Irgend ein Schäfchen hätte dabei Gefahr an ihrem guten Ruf leiden können; Signe nie, denn Signe vergibt sich nichts. Das ist so gewiß, wie das Amen in der Mrche. Bleibt also die Absage an den armen Viktor. Na jai . . . traurig genug für den lieben Kerl! Aber wenn in! Signe doch'nun mal die Liebe zu ihm erloschen ist? ! Viel­leicht war die überhaupt nur ein Flackerfeuerchen gewesen^ von der Art, wie sie ja kaum irgend einem jungen Dinge erspart bleibt."

Sprechen wollte er jedoch mit Signe. Ernst und väterlich. . .

Er wachte am nächsten Morgen mit dem gleichen Vor-, satz auf. Aber es kam so, wie es ihm neuerdings oft mit seinen Vorsätzen ging. Sie gelangten nicht zur Ausfüh­rung. Es war geradezu zum Rasendwerden, und es war auch geradezu lächerlich, was sich jetzt alles zwischen Wollen und Vollbringen für ihn ein schob.

(Fortsetzung folgt.)

Der Lu!erkapper.

Ein Beitrag zur Gießener UniversitätSgeschichte, Von D. 'Dr. Diehl, Stadtpfarrer in Darmstadt.

Wer die Schriften des berilchtigten Magister Friedrich Christian Laukhard kennt, hat ohne Zweifel auch die Be­kanntschaft der Persönlichkeit tzemacht, bte in der Ueberichrift der vorliegenden Studie genannt ist, des E u l e r k a p p e r. In seinen Memoiren gedenkt Laukhard des Mannes eingehend in des ersten Bandes stinstem Kapitel. Er berichtet uns da, daß unter diesem: Namen ein Theologe namens Euler zu versichen ist, derwegen eines illegalen Beitrags zur Bevölkerung" sein Studium verlassen mußte und zur Zeit, da Laukhard in Gießen studierte, daselbst als ..Mädchenschulmeister, Leichenbitter, Kantor an der Zuchthanskirche und Klingelbeutelträger in der Stadtkirche" wirkte, em äußerst lächerlicher Mensch", bei demMienen, Anzug, Gang, kurz alles, so auffallend beschaffen war, daß ihn niemand ansehen konnte, ohne überlaut zu lachen".Er war darum", schreibt! Laukhard,der allgemeine Gegenstand für die Neckereien bec Gießener Studenten und diese Neckereien nannte man Euler- kappereien". lieber diese Eulerkappereien, die sehr merkwürdige