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tvährerS Zugvögelscharen gleich schwarzen Zeichen über den graublauen Himmel dahergesegelt kamen.
Amor ritt an der Seite des Alten mit der Sense. Sie mKen einander zu und ritten dann selbander durch den Hohlweg, ohne Ml reden; und als der Weg ans dem Walde herauskam, und sie auer über das Md mit sich nahm, nach der Heerstraste, uiw sie die große Stadt gerade vor sich hatten mit ihren braunen Bachern, ihren hochragenden und grauen Turmrinnen und ihren goldschimmernden Kuppeln, da nickten sie einander ivteber zu, nut
Und sie ritten auf der Heerstraße dahrn, die sich brert und grau schlängelte, schmäler und schmäler in der yerne, bis sre als feiner, weißer Faden in das schwarze Auge an einem der roten Tore der Stadt hineinlief.
Und sie ritten. „ .„...
Dicht vor dem Dor war ein großer, kahler Krautgarten mrt krummästigm Slpfelbäumen, und in das ein Haus, das Grevel für Giebel aufgeschossen war unter langen steilabfallenden Ziegeln und dessen viele schwarze Schornsteine 'hintereinander mrt eisernen Stangen und mit strammen eisernen Ketten gestützt waren.
Dort machten sie halt. „ . ,
Nach Osten zu war da ein Fenster, so groß tote em Tor, ein unendliches Dambrettnruster von winzig kleinen, in Blei gefaßten Knorren aus Glas. Es war geöffnet und in die Maner fest- geb'üt. und in der torqroßen Oesfnung stand Doktor Faust und starrte nach der Richtung hinaus, in der, wie er wüste, der Wald und der Hohlweg lagen. ,
Und der Tod und Amor ritten vor das Fenster, unsichtbar, wie sie waren, ohne einen Schatten zu werfen.
Und da hielten sie, größer, als Menschen sind, und der Wind klatschte mit dem schwarzen Mantel des Todes und mit Amors Purpur, und ihre großen Pferde streckten die Hälse durch das Fenster hinein und beugten sich, halb im Schlaf, mit den schweren Köpfen über Bücher und Pergamente, auf ihrem Zaumwerk knaupelnd, und der Schaum aus ihren Mäulern tropfte in Flatschen nieder auf schwarze Schristzeilen und farbenkrästige Initialen.
Ein Gedanke drängte sich Doktor Faust stärker auf als der andere, wie er dastaud, seine Handflächen auf das breite Fensterbrett gestützt, eine ringgeschmückte Hand vor jedes Pferdes Maul. Und das Licht Hob die klare Bleichheit seiner Stirn und seines Antlitzes hervor und zählte jedes Haar in seinem dunklen gelockten Bart. „
Hörbar klang jeder Gedanke von ihm 116er ine beiden Unsichtbaren da draußen.
— 'Jetzt bin ich vierzig Jahre, — dachte er: — zehn, zwanzig, dreißig Jahre kann ich noch leben, dann ist alles vorbei!
Wieder ist es Frühling, wieder habe ich ein Jahr weniger
(Der Tod kommt, um den vierzigjährigen Doktor Faust anf- zusuchen; aber Amor bittet für ihn, und der Tod schenkt ihm- neue vierzig Jähre. Nach Verlauf dieser Zeit kommen die , beiden wieder geritten, um ihn zu holen. Sie finden einen Greis, dem die Jahre nichts genutzt haben: seine Kraft war vor vierzig Jahren verbraucht, die ganze letzte Hälfte seines Lebens ist em totes Leben gewesen.)
Eine Reiseerinnerung.
Draußen in dem weißen, blendenden Licht über dem See kam ein Boot daher: eine kleine, schwarze Planke, ein graues Segel, gewiegt und geworf-en, schwindend getaucht, kommend gehoben, weggeblitzt, hervorgeblitzt von dem blendenden Glanz.
Dann wurde es von der Landzunge verborgen.
Es war nicht ein Segel da draußen $u sehen, nicht einmal ein weißbusiger Vogel unterbrach die weite Fläche des Sees, und breit und blau, wie der Himmel niemals blau ist, strahlte das Wasser unter dem vollen, mächtigen Lichtfall des Tages; weiß und lila getönt in nebeliger Ferne, silbergestreist kvrnblau oben unter dem Bergschatten, goldkörnig, glitzernd, goldkörnig wimmernd über der Tiefe dahin und auf der breiten, weiten Nehrung in reichem und farbengesättigtem Azurblauen, gewiegt in runden, kammlosen Wogen, glatt wie gleitendes Glas, wie Kristall, das in tadelloser Klarheit schwillt, erhellt von eisblankem Licht, beschattet von seegrünem Schein — sah man die Wasser des Gardefees.
Und dann wieder schoß das Boot da draußen vor der Landzunge sicher und unverdrossen dahin in dem sterbenden Wind, Näher und näher, vorbei an den niedrigen grauen Olivenfeldern, hinein unter des Monte Valdos lehmbraune Hügel, und noch Näher, wo die grasgebundene Sandzunge sich vorstreckt, so ganz nahe mit schlaffen Segeln und fast keiner Fahrt langsam an die Bretterbrücke des Hotels herangleitend.
Da waren nur die Zweie im Boot, ein rotbemützter Fischer und ein blondhaariger Fremder, der gleich an Land stieg und träge oder träumend in den Garten ging.---
Darwin.
Die Natur ist wie ein wunderbar großes Schloß mit Tausenden von Sälen und Zellen, mit düstern geheimen Gängen,, die ans Licht des Tages führen, und mit offenen Söllern, die in Nacht und Nebel hineinleiten. Da sind Vorhallen mit offenen Säulen
reihen, wo man ohne weiteres hineingeht, und säle, die zugänglich sind, wenn man die Tür fest anfaßt; da sind aber auch viele, viele Türen, die es Jahrzehnte von Gewalt und Last kostet, aufzubekommen, und es gibt welche, an denen alle Behendigkeit, alle Anstrengung vergeblich war. Lange war e§; öde im Schloßt viele standen da in weiter Ferne und freuten sich ob seiner Schönheit und Majestät, einige trieben sich in den Vorhafen herum, und noch weniger faßten die geschlossenen Türen au; jetzt herrscht aber ein Treiben, Tür um Tür !vird aufgezwängt, und einer nach dem anderen kommt aus dem Schloß heraus und erzählt von den Wunderdingen, die sie dort sahen. Vor etwa zehn Jahren kam ein älterer Mann von dort heraus. Er war zwanzig, dreißig Jahre durch viele kleine Zellen und viele gewundene Gänge umhergewandelt, bis er an eine große Halle kam mit herrlichem Gewölbe, mit mächtigen Tiefen und großen, weiten Aussichten, und er erzählte, was er in den Zellen und in der Halle gesehen, und einige meinten, er sei bis ans Herz des Schlosses gelangt, andere aber sagten, ihm habe in der Vorhalle geträumt.
Der Mann war Charles Darwin, und was er erzählte, war, wie alles, was auf Erden lebt, wie ein gewaltiges Gewand ist, das sich selbst webt, wo der Laus und die Farbe eines Fadens die des anderen bedingt, und allmählich, wie die Zeit schwand, ward das Gewebe reicher und prächtiger . . .
Vermischtes.
Notes, Notizen. Die Herueller der Merkbücher halten zunächst noch an dein lächerlicben Brauche fest, Notes darauf zu drucken, was der landläufige Deutsclie dann „noteß" zu lesen und zu sprechen beliebt. Die Fremden aber, die unsere Notes-Bücher sehen, ulken iveidlich darüber, >vie über so manchen fremden Zovf, der uns immer noch hinieii hängt, und den abzuschneideii uns gar so viel Ueberwindung kostet. Einige wenige bedrucken zwar ob- bemeldete Büchlein nut dem Worte „Notizen"; das mag man stch schon gelallen laßen, denn man spricht ja auch davon, daß man sich eine Notiz oder Notizen machen will. Blanche aber ^wollen noch weiter gehen und selbst die „Notizen" im deutschen Sprachtempel nicht dulden, >vas man nicht einmal als Heitzipornerei ait- zuiehen braucht; sie verlangen, daß man „Merke" sage «ie machen sich em Merk statt einer Notiz, oder, wenn sie Oesterreicber sind, auch eine Merke. Alan könnte also füglich „Merken" oder „Merke" aus die Büchlein schreiben; hinter dies zweite (eigil. die Mebrzabl des sächlichen Merk) auch ein Ausrufzeichen: dann liest maus als Befehlsform des Zeitworts: „Alerte (dir, was dtin ftebt) 1" Auch „Merkbuch" ist ent hübsches, auch schon dutlämüich bekanntes Wort, so daß wir wirklich aller „Notes-, ja selbst der Notiz-Bücher sebr wohl entraten könnten. Also versuchts einmal, Ihr Merkbuchmacher!
* Im Dusel. Maier befindet sich in angeheitertem Zustande auf dem Wege nach seiner Wohnung. Unterwegs begegnete ihm ein fliegender Würstchenhändler, der ihm zuruft: „Heiße Wiener!" — Maier (freudig über die Vorstellung überrascht, lüstete seinen Hut und erwiderte): „Sehr angenehm! —>
Heiße Maier."
* Weißgewaschen. Richter: „Wollen Sie Ihr Verbrechen eingestehen?" — Angeklagter: „Nein, mein Advokat hat mich von meiner Unschuld überzeugt!"
* Berechtigter Wunsch. Lehrling: „Kann ich nicht ein paar Wochen auf der anderen Seite sitzen, Herr Meister?" — „Warum?" — „Damit 's linke Ohr auch so lang wird tote 's rechte." „ .
* Anknüpfung. Herr: „Auf mich als Säten modit Ihr Bild einen vorzüglichen Eindruck/' — Maler: „Weil Ste gerade vom Leihen sprechen, könnten Sie mir nicht zwanzig Marl leihen?" ____________
BMerrätfe!.
11»!
I i V
pm lllll
Auflösung in nächster Nummer.
Auslösung des Ergünzungsrätsels in voriger Nummerj Sorge und Plage Wächst alle Tage: Mutzt sie verjagen Oder ertragen.
Redaktion: ».Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße»,


