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wir einen merkwürdigen Ruf, in demselben Augenblick saust ein Mächtiger Silberaffe über den Pfad, rauscht und knackt es in den Baumen, und wie das wilde Heer flüchtete über unseren Köpfen eine wohl hundertköpfige Affenherde in wilden Sprüngen von Wipfel zu Wipfel davon. In den Schluchten am Abhange des Himalajas gibt es zahlreiche Leoparden und Panther. Ein junger Leopard verirrte fick- bis in unser Hotel und wurde 'tion einem Eingeborenen erschossen.

Ferien find immer zu kurz und allzuschnell saßen wir wieder in der Dandhy, um heruntergetragen zu werden in die Ebene., Tas heißt, den halben Weg marschierten wir und hatten dabei noch eine letzte herrliche Aussicht. Die Berge waren wieder voll­ständig in Wolken eingehüllt, und in Wolken marschierten wir dahin. Aber ungefähr in 1500 Meter Höhe hörten die Wolken jählings auf, und wie unter einem sich hebenden Vorhang ent­hüllte sich die vor der Wendsonne bestrahlte Ebene. We, ihr Berge, bis wir nächstes 'Jahr wieder Zuflucht zu euch nehmen I

Delhi, 8. Oktober 1912.

Hermann Schlosser«

Neues vsn Jens Peter Jacobsens.

Dichtungen und Bilder.

Der große dänische Dichter Jens Peter Jacobsen, dessen farbenglühende Stimmungskunst den stärksten Einstuß auf unsere jungen Dichter gewonnen hat, hat in Deutschland eine zweite Heimat gefunden, so daß wir in ihm einen unserer Künstler ver­ehren und lieben, lieber großen Plänen ist der, früh Verstorbene, dessen Dichten von dem unirdischen Schimmer einer anderen Welt verklärt erscheint, dahingegangen, und nun, da uns seine Per­sönlichkeit bereits historisch geworden ist, wird der Wunsch rege, neben dem Vollendeten auch das Unvollendete, die Fragmente und Entwürfe, die er hinterlassen, kennen zu lernen. Erst diese kargen Vermächtnisse lassen den Verlust voll ermessen, den das Dahinscheiden des Achtunddreißigjährigen der Weltliteratur ge­bracht hat. Aus diesem Grunde nimmt der Insel-Verlag in, die deutsche Gesamtausgabe, die in den nächsten Tagen erscheinen wird, auch die unvollendeten Dichtungen und Bilder auf, die sich noch vorgefundeii haben: zugleich erhält diese Ausgabe durch die Veröffentlichuna der Naturwifsenschastlichen Schriften des Dich­ters, der zuerst als Botaiiiker die Natur beobachten gelernt hat und dann als der erste wissenschaftliche Vorkämpfer Darwins in Dänemark aufgetreten ist, eine Vollständigkeit, wie sie bisher auch keine dänische Ausgabe besaß. Wir sind in der Lage, einige dieser köstlichen und bisher iwch unbekannten Proben Jacobsenscher Kunst unseren Lesern schon heute vorzulegen.

Doktor Faust.

Es kam ein Rcitersmauu durch einen Hohlweg in einem Walde geritten.

An beiden Whängen hinauf standen große, kahle Tannen, ganz hoch oben hinauf, bis der Wipfel der obersten in der Sonne stand; aber da unten, da war es dunkel, und das Licht war karg.

Und der Lenzwind kam schwer durch den Weg daher.

Und der Reitersmann kam auch schwer, und er schleppte eine große Sense hinter sich drein, so daß sie mit ihrer blitzblanken Spitze in der schwarzen Erde pflügte.

Auf fahlgelbem Roß saß er, und alt saß er vorüber im Sattel, in Falten und Bauschen von Wallendem und Schwarzem, mit einer weißen, mageren Hand um den Schaft der Sense.

Er war größer, als Menschen sind, und es war kein Weißes in seinen Augen, nur das Schwarze, das sieht. Und wohin er ritt, da ward die Lust um ihn her erfüllt von dem modrigen, erdig- herben Dunst aus dem feuchten welken Laub, das gärte, aus dmr Boden, der verfaulte, ans den Baumstümpfen, die vermoderten und in Zunder übergingen, und aus dem Moos, das verwitterte. Und von den hohen Bäumen prasselten die alten trockenen Zweige nieder und machten Lärm und machten es All, so daß der Huf­schlag seines Pferdes war wie der einzige Laut in der Welt.

Und der Husschlag noch eines Pferdes, hinter ihm, weit weg.

Er hielt an und lauschte; dann nickte er, als verstünde er, und er ritt weiter. ,

Es währte eine Weile, dann kam ein anderex Reitersmänn zum Vorschein aus einem1 Pferd, das rot war.

Auch er war größer, als Menschen sind, aber er war anzu- schen wie eilt Bursche von ungefähr zwanzig Jahren mit blondem Flaum auf den glatten Wangen und um den goldenen, lächelnden Mund. _,r.

Halb aus Beiderwand und aus Konigspurpur zur Hälfte war seine Kleidung; aber die schlanken Glieder kamen blendend nackend hervor unter dem Beiderwand und unter dem Purpur, heidnisch nackend. Denn es war Amor, dieser Bursche mit den Locken, die sich um sein Haupt kräuselten wie güldene Spahne, und auf seinem Rücken hing der Köcher mit den Pfeilen, aber den starken Vogen hätte er in die Mähne des Pferdes geknotet.

Und wohin er ritt, da krümmten die Farnen ihre braun- zottigen Schnörkel über die Erde empor, das modrige Laub ward lebend von gelben und weißen Schößlingen, und tausend Keime traten aus ihrem Winterschlaf, während überfrische Blum«t unter dem Dunkel der Winterblätter.hervorblauten, während die Knospen über feinem Haupte int Schwellen lichter wurden und

eine eigentümliche Art von Sänste, worin mon von 4 Kulis getragen wird. Die Eingeborenen haben hier schon einen aus­geprägt mongolischen Typus. Meistens kleine, stämmige Kerls mit leicht geschlitzten Augen und flachgedrückten Gesichtern. Alle sind sie sehr ttästig, abgehärtet und ausdauernd, und die Eng­länder rcfrutieren aus diesen Leuten ihre Gurkha Infanterie, die neben den Sikhs ihre besten und kriegserprobten Eingeborenen- Truppen bilden. Berühmt sind diese Bergleutchen auch für ihre große Ehrlichkeit. Was nach den Bergen hinaufgeht, Gepäck, Post, Lebensmittel, Baumaterialien, kurz alles und jedes, wird durch die Kulis hinaufgetragen. Und zwar schleppen diese Kerls ganz unglaubliche Lasten auf dem Rücken, aber mit einem Trag­riemen so um die Stirne befestigt, daß die ganze Last auf der Stirne ruht wie bei Ochsen. Und nie wird irgend etwas ge­stohlen, kommt nur das geringste weg, trotzdem keinerlei Kontrolle geübt wird. Man sagt, die Leute feien so ehrlich, wie sie schmutzig sind, aber ich glaube, das ist übertrieben, so ehrlich kann nie­mand sein.

Sechs dieser Kulis schleppten mich in weniger als vier Stunden nach Mussoorie hinauf, eine sehr anständige Leistung. In einer Zahnradbahn reist man zweifellos bequemer, aber selbst in einem solchen primitiven Dandhy aus der feuchtheißen, fiebererfüllten indische» Ebene hinausgetragen zu werden in eine immer reiner und immer kühler werdende Lust, ist ein Gefühl, das nur der ganz nachempfinden kann, der es einmal mitgemacht hat. Man kommt sich ungefähr vor, wie wenn man bei der Besichtigung eines großen Dampfers aus den stickig heißen Maschinenräumen wieder in die freie Luft gelangt.

Mussoorie ist heute etwa, was wir unter einem Modebad ver­stehen. Es gehört zum guten Ton für die Damen, dort von April bis Oktober zu übersommern und für die Herren, wenigstens auf ein paar Wochen Urlaub hinaufzugehen. Biele mieten eine Villa (in Indien Bungalow genannt) für den ganzen Sommer, viele wohnen in den zahlreichen Hotels und Boardinghouses. Das Weitaus beste gehört einem Sachsen, der schon fast ein Menschen­alter hier draußen ist, eine Irländerin geheiratet und sein Deutsch fast vergessen hat. Freilich wenn er Hindustani spricht, kommt wieder der unverfälschte sächsische Tonfall heraus. Aber auch seine Küche ist von deutscher Güte, und da wir auch noch zwei deutsche Ehepaare aus Caleutta antrafen und einen deutschen Tisch bildeten, so fühlten wir uns dort ganz heimisch.

Man fann in der Tat manchmal in Mussoorie vergessen, daß man in Indien ist. Auf den Spaziergängen in den herrlichen Wäldern Begegnet man oft stundenlang keinem Eingeborenen, Wohl aber elegant gekleideten Damen und Herren,. was uns zuerst ganz wunderbar, beinahe unwirklich vorkommt, bis wir uns Wieder daran gewöhnt hatten. Will man freilich nicht gehen, was zu­nächst der sehr dünnen Lust wegen ziemlich anstrengend ist, so muß man sich wieder auf indische Art und Weise befördern lassen, nämlich in einer Rickshaw. Von vier Kulis wird man in rasendem Tempo auf den schmalen Wegen dahingefahren, oft an tiefen Ab­gründen vorbei. Wagen können auf diesen Wegen garnicht fahren, und als Beförderungsmittel dienen außer den Rickstzaws nur Dandhies und Pferde. Damen machen ihre Besorgungen hoch zu Roß oder, wenn weniger amazonenhaft veranlagt, in einer Sänfte. All dies Leben und Treiben, so interessant es an sich ist, muß aber gänzlich zurücktreten hinter den eigentlichen Schön­heiten von Mussoorie. Ms wir ankamen, lagen die Berge in Wolken gehüllt, aber als ich am nächsten Morgen auf die Veranda des Speisesaals BinauStrat, da lag die ganze Schneekette des Himalajas mit ihren 7000 Meter hohen Bergriesen im Glanze der Morgensonne vor mir. Ein wandererbarer Anblick! Darnach habe ich fie noch ost gesehen, in der Morgen- und in der Abend­sonne, halb in Wolken verhüllt und ganz klar, aber die weitaus schönste Aussicht hatten wir doch bei folgender Gelegenheit: Es hatte zwei Tage geregnet und wir waren vollständig in Wolken eiugehüllt. Am Morgen des dritten Tages war prachtvolles Wetter. Wir brachen in aller Frühe auf und erkletterten nach einer herrlichen Wanderung durch die morgenftischen Wälder einen wohl nahezu 3000 Meter hohen Punkt. Um die Aussicht, die sich uns da in der ausgehenden Mvrgensonne bot, eindrucksvoll zu schildern, müßte man Dichter sein, lieber die Mussoorie zunächst gelegene Kette nackter, schluchtendurchfurchter Felsberge hinweg, an sich schon kleine Riesen, die sonst einen großen Teil der Aus­sicht versperren, sahen wir da in tiefherabreichendem Neuschnee die gigantischen Massen einer der Hauptzüge des Himalaia in fchicr endloser Ausdehnung vor uns. Wahrhaft eine Grenzmauer, Wie sie nur Götter setzen können, gegen Tibet und China, die man in unabsehbarer Feme hinter diesen Riesen ahnen kann Und als Wir uns umwandten, da reichte unser Blick über bte Vor­berge des Himalajas und der von ihnen eingeschlossenen Hoch­ebene hinweg weit, weit hinein in die Ebene des Pumab, des Landes der fünf Ströme, deren kleine Nebenflüsse in der Ferne wie silberne Bänder glitzern. Der doppelte Anblick ist geradezu iibcrwältigenb, und wir können nur immer schauen, schauen und uns nicht satt sehen an diesen großartigen Bildern. Der Abstieg ist kaum minder schön, bei jeder Biegung des Weges eine neue herrliche Aussicht, ein neuer Ausblick auf die Schneeberge. Ty­pische Alpenlaudschast, versicherte mir Mein Schweizer Freund, in die nur die mit vielfarbigen Dalien übersäten Bergabhauge einen fremdartigen Reiz hineinbrinaen. Mit einem' Male hören