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zugelehnt war, drückte ich sie sanft auf und trat leise em. Zu meinem Erstaunen herrschte in dem Zimmer tiefes Dunkel. Mcht nur die Vorhänge waren heruntergezogen, sondern auch die Läden geschlossen, so daß ich nur schwierig die schlanke, schwarzgekleidete Gestalt entdeckte, die auf dem Sofa lag, das Antlitz in den Kissen vergraben. Sie hatte offenbar meinen Eintritt nicht gehört, da sie sich nicht be­wegte; und;, gerührt durch ihre ergreifende .Haltung, näherte ich mich ihr in einem Aufruhr der Gefühle, der mich alle Förmlichkeit und Höflichkeit und überhaupt alles um mich vergessen ließ, mit Ausnahme der Tatsache, daß ich sie liebte und der festen Zuversicht, daß es in ihrer Macht lag, mich glücklich zu machen. Sanft legte ich ihr meine Hand aufs Haupt und flüsterte zärtlich : Stehen Sie auf, Geliebte. Jede Schranke, die zwischen uns getreten sein mag, ist gefallen. Stehen Sie auf und hören Sie, wie innig ich Sie liebe!

Sie schluchzte, wie nur ein Weib zu schluchzen vermag, dessen innerstes Herz gerührt ist. Dann stand sie mit einer gewissen großen Bewegung auf und wandte mir ihr Antlitz zu, das von. einem Gefühle durchleuchtet war, wie es selbst das Dunkel im Zimmer nicht zu verbergen vermochte.

Wie kam es dann, daß mir der Verstand stillzustehen drohte, und daß mein Herz zu schlagen, aufhörte?

Die Gestalt vor mir war nicht Dorothea, sondern Gilbertine.

, 8.- Kapitel.

Me wär es mir eingefallen, die Erklärung unserer geheimen Befürchtungen auf dieser Seite zu suchen. Ich hatte bei meinen Besuchen im Hause Frau Lansings die eine der beiden Cousinen so oft gesehen wie die andere; aber da Gilbertine am Tage, als ich mit ihr bekannt wurde, bereits mit .meinem Freund Sinclair verlobt war, kam ich natürlich nie auf den Gedanken, in ihrem Gesicht irgend­welche Zeichen von Interesse für mich selbst zu suchen, sogar wenn meine sofortige und unberechenbare Leiden­schaft für Dorothea dies zuge-lassen haben würde. Doch jetzt, als sie mich mit ihrem nicht mißzuverstehenden Lächeln und ihren glänzenden Augen anschaute, aus denen für immer alle schmerzlichen Gedanken geflohen zu sein schienen, drängten sich mir tausenderlei kleine Erinnerun- sgen auf, die mich nicht allein über meine Blindheit zum Erstaunen brachten, sondern auch gleichzeitig_ eine Erklä­rung sür die eigentümliche Haltung boten, die Dorothea mir gegenüber stets eingenommen hatte, und viele andere Dinge mehr, die einen Augenblick zuvor noch in undurch- dringliches Dunkel gehüllt gewesen waren.

All dies geschah in einer Sekunde. Mittlerweile trat Gilbertine, wie berauscht Volk meinen Worten, einen Schritt Sick und murmelte mit leiser Stimme, ohne ihre strah- e Miene zu verlieren, die einzelnen Worte deutlich betonend:

Jetzt noch nicht; es wäre zu früh. Lassen Sie mich nur die Freude genießen, daß ich meine Freiheit wieder habe, und daß der Mut, meine Freilassung zu erhalten, von meinem eigenen Zutrauen herrührt, das ich plötzliche zu Herrn Sinclairs gutem Herzen faßte. Letzte Nacht oabei schauderte sie sah ich nur einen anderen Ausweg einen Weg, dessen Schrecken ich mir kaum in Wirklichkeit vorzu­stellen vermochte. Aber Gott rettete mich von einem so schrecklichen, ja so nutzlosen Verbrechen, und diesen Morgen

Es wäre grausam gewesen, sie sortsahren zu lassen, grausam, dazusteh-en und dieser leidenschaftlichen verirrten Seele zu erlauben, sich in so naiver Weise zu entblößen, wäh'- rend ich meine Aufmerksamkeit zur Hälfte der Türe zu­wandte und den Schritt derjenigen erwartete, die ich nie so sehr geliebt hatte, wie in diesem Augenblick, möglicherweise, weil ich erst gerade jetzt die Ursache ihrer scheinbaren Wankelmütigkeit zu verstehen begann. Mein Drang war so gebieterisch, meine Pflicht und die Obliegenheit meiner Stellung so klar 'vorgezeichnet, daß ich bei dieser Stelle eine Bewegung machte, die Gilbertine erst'zu zögern, dann zu schweigen veranlaßte. Wie sollte ich diese peinliche Pause des Schweigens anssüllen? Wie khr begreiflich! machen, welch großen, welch grausamen Fehler sie begangen? Die Aufgabe hätte stärkere Gemüter als das meinige verwirrt. Mir fehlte tpr Mut hu -einer Erklärung. Aber stärkte Mich der Gedanke an Dorothea, vielleicht auch die wahre Freund­schaft und das Mitleids das ich für Sinclair empfand.

Fräulein Gilbertine, begann ich, ich will mir nicht bett Anschein geben, als ob ich Sie tricht verstanden hätte. Die Lage.ist zu ernst, die Ehre, die Sie mir antun, zu groß; nur bin ich gebunden und kann daher diese Ehre nicht annehmen. Die Worte, die ich äußerte, galten Ihrer Consine Dorothea. Ich erwartete, Dorothea hier vorzufinden und habe Sie in dar Dunkelheit mit ihr verwechselt. Ich, liebe seit lange schon Ihre Cousine im geheimen, wie ich zugebe, aber mit ehrbaren Absichten uno mit der heißen Hoffnung, sie eines Tages zu meinem Weibe zu machen. Ich, ich

Glücklicherweise war es nicht nötig, den, Satz zu be­enden. Die warme Hand erstarrte in der meinigen zu Eis, die weitgeöffneten, wie geblendeten Augen, ihr Zurück­schrecken, das mädchenhafte Erröten, das sich vertiefte und Wangen, Kinn und Stirne übergoß, um dann wieder zu ver- huschen, bis ihr ganzes Antlitz weiß wie Marmor unb an­scheinend ebenso kalt war all dies verriet mir, daß sie meine Worte begriffen, und baß Gilbertine Murray, die unvergleichliche Schönheit, der verhätschelte Liebling einer Gesellschaft, die jeden Reiz, beit sie besaß, bewunderte und kannte, mit Ausnahme ihres leidenschaftlichen Tempe­raments und ihres lieb ebedür fügen Herzens, baß dieses Weib beit Gipfel seiner mannigfachen Leiden erreicht, und daß ich es war, der sie zu diesem Punkte gebracht hatte.

Ueberwültigt von Mitleid, gleichzeitig aber eine tiefe Achtung vor ihr und ihrem Schmerze fühlend, bemühte ich, mich, einige lindernde Worte zu sagen, denen sie aber sofort durch eine bittende Handbewegung ein Ende machte.

. (Fortsetzung folgt.)

3m Himalaja

Das jetzt wieder zur Hauptstadt Indiens erhobene Delhi ist ebenso bekannt für seine kalten Winter wie berüchtigt für seine heißen Sommer. Von April bis Juni hatte ich in meinem Kontor eine Durchschnittstemperatur von 40 Grad Celsius, während die Schattentemperatur im Freien an manchen Tagen bis ans 46 und 48 Grad Celsius stieg. Während der dann folgenden Mon- soons fiel die Temperatur wohl nm einige Grade, wurde aber durch den erhöhten Feuchtegehalt der Lust fast noch unerträglicher. Im 'September läßt der Regen nach, die Sonne setzt mit Macht ein und saugt die Feuchtigkeit wieder aus dem Boden heraus. Tas ist unsere schlimmste Zeit. Die Mosquitos kommen in Millionen und mit ihnen alljährlich eilt Ausbruch von Malaria, der nnter Eingeborenen und Europäern gleich schlimnr wütet und seine Opfer fordert. Auch ich mußte trotz Chininprvphylaxe daran glauben und wurde von dem englischen Regierungsarzt nach den Bergen beordert, sobald einmal das schlimmste Fieber ge­brochen war.

Hills" sagt der Engländer, Hügel, . . . und meint den Himalaja. Aber in diesem Wort liegt zusammengefaßt der un­endliche Vorteil, den der Enropäer in Indien vor denen in den meisten anderen Tropenländern voraus hat. Was wäre Indien ohne seinehillstations", in die man im Sommer Frauen und Kinder schicken, wo man Kranke gesund pflegen und seinen Er­holungsurlaub zubringen kann, wohin sich auch, soweit als mög­lich, die Regierungs- und Verwaltungsbehörden zurückziehen. Die drei größten und bekanntesten dieser Hügelstationen sind: Dar­jeeling, Sommersitz des Gouv-erneurs und der Verwaltung von Bengal; Simla, SomMerresidenz des Vizekönigs und Sitz, der Regierung; und schließlich Mitfsoorie, ohne irgendwelche offizielle Verwendung, dafür aber der Lieblingszufluchtsort von Frauen und Kindern, sowie zahlloser Urlauber aus Armee- und Zivil­dienst aus allen Teilen Indiens, trotz der für europäische Begriffe kolossalen Entfernungen.

Von Delhi aus bringt uns meinen Schweizer Freund, Konkurrenten tmb Hausgenossen und mich eine zwölfstündige Bahnfahrt bis nach Dera Dun. Die Bahnlinie durchbricht in zwei Tunnels die Siwaliks, eine niedrige Bergkette, die dem Himalaja in seiner ganzen Längenausdeynung vorgelagert ist und einen Streifen fruchtbarer Hochebene begrenzt. Inmitten dieser hier in ein fruchtbares Gartenland verwandelten Hoch­ebene liegt Dera Dun, die Endstation der Bahn, zugleich eine starke, Garnison. Die Weiterreise von hier wird in einer Tanga unternommen, starken zweirädrigen, von Maultieren oder Berg- Pbnnies gezogenen Wagen. Die Zugtiere sind an einem an der Deichsel feststehendem Joch so angeschirrt, daß der unterwegs mehrfach nötig werdende Wechsel in kürzester Zeit vollzogen wer­den kann. Auf dieser Tanga geht es dann im flotten Trab bergauf bis zu dem etwa 1000 Meter hoch am Fuße des eigentlichen! Himalajas gelegenen Gebirgsdorfe Rajpur. Hier sind wir nun aber auch mit unseren gewöhnlichen Beförderungsmitteln gründ­lich am Ende. 'Für den etwa 15 Kilometer langen, meist sehr steilen Aufstieg nach Mussoorie (2500 Meter hoch) muß man sich ent­weder mit einem der struppigen kleinen Bergponnies beritten machen otzer sich einer Dhandy anvertrauen. Eine DHandy ist