Samstag, den H- Dezember
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Das Amethyst-Fläschlein.
Eine Erzählung von A. K. Green.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Ich dankte ihm und war 'schon im Begriffe, sie dort aufzusuchen, als Herr Armstrong nach mir rief. Ich bin Wohl eine halbe Stunde mit ihm auf seinem Zimmer gesessen, um die Angelegenheit nach allen Seiten zu besprechen. Er betonte sodann die Notwendigkeit, sich von den meisteir seiner Gäste verabschieden zu müssen, unter denen — wie er ausdrücklich bemerkte — ich mich nicht befand. Dann, als ich endlich hoffte, das Thema sei erschöpft, plauderte er von seiner Frau und wie sehr sie sich den schrecks- lichen Zwischenfall zu Herzen genommen habe, und daß er an der Möglichkeit verzweifle, ilsr je tlarzumachen, daß es notwendig erschienen sei, den Coroner kommen zu lassen. Und hierauf redete er von Sinclair, aber mit einer gewissen Zurückhaltung, in sorgfältig gewählten Worten; als ich schließlich einsah, daß mir die, Unterhaltung nicht das geringste nützen könne, und daß ich fortwährend in eine stärkere Aufregung über die Verzögerung geriet, die mich des unschätzbaren Vorrechts zu berauben drohte, Dorothea als erster von ihrer Rehabilitation in den Augen aller Gäste zu benachrichtigen, entzog ich mich der Unterredung, indem ich eine Entschuldigung mit so gutem Erfolg vorbrachte, daß ich endlich wieder auf der Diele war. Der erste Mensch, dem ich dort begegnete, war Sinclair.
Bei diesem unerwarteten Zusammentreffen fuhr er unwillkürlich zurück; ich übrigens auch. Dann blieben wir beide stehen. Hocherstaunt starrte ich ihn an, denn! der Mann schien sich von Grund aus verändert zu haben und, sü unerklärlich ich dies fand, am allerdeutlichsten in seinem Benehmen mir gegenüber. Doch versuchte er, liebenswürdig zu sein und mich wie vordem in freundschaftlicher Weis« zu behandeln. Sobald wir uns aus der Hörweite der anderen befanden, bemerkte er:
Du hast gehört, was Gilbertine gesagt hat. Es liegt kein Grund vor, an der Wahrheit und Richtigkeit ihrer Aussage zu zweifeln. Ich wenigstens hege keine Zweifel daran, und wenn du mein Freund bist, wirst du es auch nicht tun. — Dann fuhr er, mit Ungestüm und einem Glanz im Auge, der seinem sonstigen Aussehen gar nicht entsprach, fort, indem er einen unglücklichen Versuch machte, ohne Leidenschaft zu reden: Unsere Hochzeit ist verschoben, auf unbestimmte Zeit hinaus. Es liegen Grunde vor, die Fräulein Murray dies anzuordnen bestimmten. Dir will ich aber anvertrauen, daß verschobene Hochzeiten selten durch Heirat gekrönt werden. Ich habe nämlich auch in der Tat soeben Fräulein Murray von allen Verpflichtungen mir gegenüber entbunden.
Der Blick maßlosen Erstaunens, mit dem ich ihn be
trachtete, rief ein Erröten — das erste und einzige, Has ich je an ihm bemerkt habe — auf feinem Antlitz hervor. Was sollte ich sagen? Was konnte ich auf eine solche Erklärung hin ertoidern, die so unmittelbar nach der Versicherung von Gilbertines Unschuld erfolgte? Nichts. Bei dieser unbestimmbaren, aber doch merklichen Erkältung, die in unseren Beziehungen zueinander, ich weiß nicht wie, eingetreten war, fühlte ich meine Zunge gefesselt.
Er bemerkte meine Verlegenheit, möglicherweise auch meine innere Erregung, denn er lächelte ein wenig bitter und ging ein paar Schritte auf und ab, ehe er fvrtfuhr:
Ich grolle Fräulein Murray nicht. Ganz abgesehen von der Achtung, die ihrer Stellung gebührt, werde ich ihr, solange ich in diesem Hause weile, alle Aufmerksamkeiten eines Freundes erweisen. Das ist alles, was ich dir sagen wollte, Walter. Wir beide haben zürn letzten Male dieses Thema berührt!
Schon war er fort, ehe ich mich noch genügend von meiner Verwunderung erholt hatte, um einzusehen, daß ich in die Unterhaltung gar nicht eingegriffen, noch irgend eine Erklärung für den wahren Sachverhalt gefunden hatte, der uns doch einmal den größten Grund zur Beunruhigung gegeben: nämlich Beatons Traum, dann den halbunterdrückten Schrei hinter Sinclair, als er die todbringenden Eigenschaften des kleinen Fläschchens zum ersten Male auseinandersetzte, und schließlich die ungewöhnliche Begier dieser beiden jungen Damen, einen Gegenstand zu berühren und zu besitzen, der ein weibliches Herz unter normalen Umständen eher ab stoßen als anziehen mußte.
Bei jedem Ereignis dieses fortwährend wechselnden Dramas hatte mi.ch mein Instinkt dazu geführt, mir di« Begebenheiten klar zu überlegen und so womöglich den Schleier von dem Geheimnis zu lüsten. Aber nunmehr fühlte ich mich nicht dazu veranlaßt. Mein einziger Wunsch war, zu handeln und zwar ohne Aufschub. Dorothea hielt — trotz aller gegenteiligen Behauptungen Gilbertinens —> den Schlüssel zu dem Rätsel in ihren eigenen Händen. Sonst würde sie Sinclair nicht jenen überraschenden und naturgemäß unangenehmen Rat gegeben haben — einen Rat, den er befolgt zu haben schien —, Gilbertine Murray nicht zur festgesetzten Zeit zu heiraten. Nur eine von ihr erhaltene und bewahrte Bekanntschaft mit Tatsachen, die uns bis jetzt noch verschlossen waren, konnte sie zu einem solchen Schritte bewogen haben.
Dann aber konnte ich einzig und gllein bei ihr Auskunft zu erhalten hoffen. Und so schien mir der einzig« Weg der zu sein, sie in dem Zimmer anfzusuchen, wo sie, wie ich erfahren hatte, warten wollte. Wenn wirklich eine tatsächliche Dankbarkeit dem vertrauensvollen Blick zu Grunde lag, den sie mir am Ende unserer letzten Zusammenkunft zugeworfen hatte, so würde sie mein Vertrauen sicher mit einer Eröffnung von ihrer Seite belohnen.
Sobald ich diesen Entschluß gefaßt hatte, war ich auch schon an der Tür« des Boudoirs angelangt. Da sie nur


