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Kera am Stammtisch, im Familienkreise, in der Schar ; Kinder von der Zeit erzählen, da sie den bunten Rock trugen — von Ihnen erzählen, kleiner Carstanjen — ihrem muntern, liebenswürdigen kleinen Zugführer, dein es zwar zuweilen auf eine Handvoll Schweinehunde und KameD- nasen nicht ankam... der aber doch im Grunde seines Herzens ein todgnter, lebensfreudiger und grundehrenwerter Junge war, der in seinen Rekruten und alten Kerlen etwas mehr sah als bloß die Objekte einer lästigen, stumpf- innigen Berufstätigkeit — wenn das nicht so wäre — dann ähe es schlimm aus um unser deutsches Heer... um unser deutsches Volk..."
„Jesses, Jesses, er predigt — die Reserve predigt!" rief Carstanjen mit komischem Entsetzen und doch innerlich gepackt — ein wenig geschmeichelt — ein wenig ergriffen aber auch — „Junker, schnell 'ne neue Pulle! —"
Da trat ein Füsilier, es war der Pferdebursche jdes Majors von Sassenbach, zu den Herren heran, stand stramm: „Der Herr Major läßt die Herren Offiziere bitten, ins Bataillonsstabszelt zu kommen zu einer kleinen Bowle!" „Wir werden kommen!" sagte Flamberg. „Ja, einer von uns muß natürlich bei der Kompagnie bleiben — also zunächst mal Sie! Ich löse Sie nachher ab — also auf Wiedersehen!"
(Fortsetzung folgt.)
Das Loka!.
Berliner Bars.
Studie von Wilhelm I d e l e r.
. „Tja", sagte mein Freund, der Lebemann, „das Lokal! Es gibt nur eins . . . Freilich gibt's viele in Groß-Berlin. Wer das sind Massenausschänke. Ansammlungen von Plebs. 'Das Lokal! Tas ist was für die Eingeweihten. Ein Schiboleth, das untrügliche Kennzeichen, an dem man den Gent merkt. Da bracht man nicht erst zu sagen: Heut abend geh' ich dahin und dorthin. Es gibt nur ein Lokal, wo man hingeht. Mode, wie alles! Plötzlich sind wir da, und der Triumph zieht mit uns ein, wo's vorher gähnend leer war. Keiner weiß es vom andern, keiner sagt's dem andern. Wir haben eben die Witterung dafür. Hin tzieht's uns mit magischer Gewalt: das ist tipptopp und nichts anderes! Schwer zu sagen, was den Reiz des Lokals ausmacht. Das Undefinierbare, eine Kleinigkeit. Vielleicht ist's die Frisur eines Barmädels, die kurzgeschnittene Ponies über den Ohren trägt, oder das Pvnceaurvt der Vorhänge, oder ein Kerl, der herzzerreißend Ziehhärrnonika spielt, oder eine Sektmarke. Und allmählich konrmt sie hinter uns her, die ganze Herde. Sind sie erst da, dann sind wir fort. Oh, dafür Haben wir ein feines Gefühl. Tas Lokal ist entweiht, seine Intimität ist hin. Wenn erst Onkel Franz uns ausbaldowert hat und die Frau Kommerzienrat es „gesehen haben muß", — dann fliegen wir auf, wie eine Schar Sumpfhühner beim Schuß. Herrr.... Fort sind wir und „ward nicht mehr gesehn". Wo anders haben wir uns niedergelassen, wo es schitscherin-grüne Wandbespannungen gibt und eine Barmaid mit einem blonden Madonnenscheitel und echten Bourbon-WhiÄy . . ."
Erstaunt starrte ich den Wissenden an, diese abgekürzte Chronik unserer Zeit: „Ihr Armen, ihr ewig Ruhelosen! Also eine stete Hetzjagd Euer Leben, die Jagd nach dem Lokal. Eine Bar nach der andern bezeichnet die leuchtenden Spuren Eures Bumm'el- weges, denn Bar ist doch nun mal Trumps in der fortschreitenden .Amerikanisierung unseres Daseins, und wenn sie auch mit einer echten Nankee-Bar nichts mehr gemein hat, als den langen Schenk- tisch nnd die hohen Hocker, sie ist doch einzig stylish, tote two- step und Nigger-song und der berühmte Wackeltanz ä la Grizzlie- Bär. Ich möcht' wohl mal die Walstätten Eurer jüngsten Kulturtaten besuchen, möchte durch die verlassenen Vorhallen Eurer früheren Triumphe zu dem geweihten Raume Vordringen, der gegenwärtig Euer Tempel und stilles Asyl ist, zu dem Lokal!" „Topp, wird gemacht," sagte mein Freund. „Wir wollen die Bar-Reise antreteir. Sperr Augen und Ohren auf: Du durchlebst ein Stück Entwicklungsgeschichte der Großstadt . . ."
*
Wir halten vor einem jener Vergnügungspaläste neuesten Stils, die eine ganze Stadt der Lustbarkeiten umschließen. Jahrmarkt und Sportplatz und Vogelwiese zugleich. Hier geht's zum Cafs und dort zum Kino, da zur Eisenbahn und dort zu den Bädern. Und bte Treppe hinauf — zur Bar. Zwei getrennte Räume. Einer gewöhnliches Ball-Lokäl, der andere intime „Liebeslaube". Die Decke in stimmungsvollem Grün, aus dem die elektrischen Sterne grell hervorleuchten, leichte Spaliere an der Wand. Eine Seite nimmt beide Mal breit die Bar ein mit ihrem wunderlichen Gemisch „nixender" Barkeeper, auf hohen Stühlen wippender Jünglinge und lachender Huldinnen. In der Mitte drehen sich die Paare eingeengt von den Tischen, an denen man „Drinks" nimmt; auf den erhöhten Estraden wohnt die feierlichere, kühlere unä teuere Zone des SeW, . .
„Es war einmal," seufzt mein Virgil leise melancholisch. „Das war mal 'ne ganz amöne Sache. Ta gab's bloß Sekt und Tarnen wurden allein nicht reingelassen. Da sah man nach Totletten. Jetzt kamt jeder rein, der ’n Whisky Soda für 1 Mark zählt. Und alles ist aus. Greuliche Schwemme!" Ich sehe mich um. Ich verstehe nicht recht, was er meint. Freilich ist das Publikum nicht erlesen, doch echte Großstadt, echt Berlin. Tie Madels möglichst jung, manche noch reine Kinder mit kurzen Neidern und Backfischfrisuren. Aber der Tanz! Tie wenigen Paare, die sich mit saloppem Schwünge zu drehen suchen, wirken wie abnorme Erscheinungen einer vorsintflutlichen Welt. Herr und Dame, die Scyultern möglichst hoch, fast über den Kopf gezogen, den gekrümm- ten Rücken steif, wie den Buckel einer Katze, wenn's donnert — so halten sie sich an den ebenfalls steif ausgestreckten Händen gtzwckt und fallen nun monoton von einem Bein aufs andere/ wirklich wie Meister Petz in seinem Zwinger. Etwas Verzerrtes, Maskenhaftes zerschneidet auch die Gesichter, als wären die Seelen ganz wo anders, als hätten die Hocker vor der Bar Kleider an-, gezogen und rutschten nun durch den Saal hin und her vor dem eckigen grinsenden langen Brett. . . Tahin, dahin! Ein anderes Bild. —
Hier ist vornehme Stille. Weite Farbenflächen. Ein Futurist hat seinen Maltopf ausgegossen. Ein stumpfes, weiches/ leuchtendes Grün in den großen Eingangszimmern als einziger Akkord. Dieses Grün nannte Oskar Wilde die Farbe der Dekadenz, der höchsten Verfeinerung, der müden Lust und des Verbrechens. Grün die Garderobe, grün die bauschig gerafften Vorhänge an den Türen, grün Decke und Fußbelag. An den Wänden ein paar Plakate von Chsret, Zeichnungen von Toulouse-Lautrec und Beardsley.
Nun die Trompetentöue des vollen Rot. Der Hauptsaal/ in dem soupiert wird. Die quietschige Geige verschmilzt mit dem hämmernden Klavier zu den seltsamsten Dissonanzen. Dazwischen schrillt die Gassenjungengrazie der Piccolo-Flöte. Nur ein Tust von Extravakanz schwebt über den Tischen, an denen Herren und Damen speisen. Selbst im eigentlichen Barraum' ein gedämpftes Milien, feines Braun der Bespannungen, und Vorhänge, schlanke Eleganz der Tische und Stühle.
„Hier hausen die Philister," sagt mein Freund mit leiser Verachtung. „Diese Bar ist keine Bär mehr. Es ist ein „bürgerlicher Abendtisch", der Stil hat; fteilich schicken Stil. Aber was nützt der beste Geschimack, wenn das Tempo fehlt und die Leidenschaft und die Lebewelt? . . ."
Und er zielst mich aus diesen entgötterten Hallen. Er schleppt mich in ein kleines Lokal, zu ebener Erde, neben einem ganz rno- bernen Riesen-Cafe. Ein enger Raum, dicht mit Stühlen und Tischen besetzt, ohne besondere Merkmale. Gleich am Eingang die Musik: Klavier, Cello, Ziehharmonika. „Siehst du," beginnt wieder der Mentor, „das war früher das Lokal. Ter Kerl da mit der Harmonika, der kann Couplets und Zoten reißen, fast wie Giampietro. Und bann tanzen da zwei Mädels, die eine so'n richtiger Zille-Typus aus der Ackerstraße, und die andere, eine Slawin mit kurzen Locken. . ."
„Wo kann man denn hier tanzen?" „Na, eben. Dia bringen's fertig. Zwischen den Tischen und Stühlen, wie zwei Aale: die tanzen dir auf einem Handteller einen Tango. Wie die schieben können! Ruhig, gemessen, ohne was umzuwerfen, und doch mit Feuer . . . Na, die Witze von dem Harmonikaspieler wurden nicht besser, wenn man sie siebenmal die Woche hörte. Wir zogen aus . . . Aber komm, wir wollen endlich in das Lokal . . ."
*
Die Fahrt geht los. Straße um Straße lassen wir hinter uns. Tie grellen Reflexe des elektrischen Lichts hören auf, es huschen nur noch einzelne Laternenscheine zu uns herein.
„Wo bringst du mich eigentlich hin? Willst du mich verschleppen !"
Er lächelt nur. Blendendes Licht strahlt plötzlich auf. Wit halten in einer Reihe von Wagen. Ein festlich erleuchtetes Lokal, aus dem leise Musik bringt.
„Tag, Fred! Servus, Martin! N’Wend, Gusti."
Hier kennt sich alles und mein Freund kennt alle., Hier ist man zu Hause. Wir treten ein. Nichts, gar nichts. Hinter bäh' Büfett nickt die Schenkbanre wie im Schlaf und ein verlorener einziger Kellner gähnt hinter der Serviette. Eine Vorstadtschenke!
Mer keins hält sich hier auf. Alles -erklimmt die steile, enge winklige Treppe.
Die Musik wird lauter, lieber dem weichen Schmelz der Geigen zirpen die Mandolinen, zittern die Gitarren. Stimmen, Lachen und Gläserklirren.
Wir sind da.
In einem niedrigen Raum — es toar wohl vordem eine Mietswohnung, aus der die Wände entfernt sind — sind durch luftiges Stabwerk eine Menge von Nischen, Kojen, Ecken und Lauben geschaffen. Hellrote Vorhänge und Trapiernngen, von gelbverhängten Beleuchtungskörpern unterbrochen. Lustig lichte Stimmung. Hübsche Durchs und Ausblicke, durch das Stabwerk und über die Geländer hinweg, in ein wechselndes Bild lebhafter Menschengrnppen. Alles ist sichtbar und doch meint jeder intim und unbelanscht zu fitzen. ,
Daher die Ungezwungenheit und doch eine gewisse Tecenz, Mh Grazie. Wan sitzt aleiMajn in einem ZiMWr; jeder fühlt


