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6. Kapitel.

Das rheinische Armeekorps biwakierte gegen den mar­kierten Feind.

Der Spätsommerabend überdeckte mit sammetnen Fit­tichen das gewaltige Bergplateau des Hunsrücks zwischen Jdarwald und Hochwald.

Und in die Nacht hinein in endloser Reihe loderten die Lagerfeuer weithin über die endlose Ebene. Ueberall feier­ten die Mannschaften das lustige Fest des Löfselbegrabens:

Die Leute des zweiten Jahrgangs, die unmittelbar nach Manöverschluß in die Heimat entlassen werden würden, schmückten, Kompagnie für Kompagnie, einen mächtigen Baum mit Strohschleifen, und ein jeder hängte vom Inhalt seines Toriristers hinein, was nun ausgedient hatte, seinen Eßlöffel, seine abgewetzte Stieselbürste, Putzlappen, Knopf­gabeln ...

Die wunderliche Trophäe wurde unter derben Soldaten­späßen und unablässigem Absingen des Reserveliedes durch das Lager getragen und schließlich mit Hallo und Kinder­jubel in die Glut des Biwakfeuers versenkt.

Heimatstimmung... Heimkehrseligkeit überall...

Heimkehrseligkeit?! - '

Leutnant Flamberg saß mit Carstanjen und dem Fahnenjunker vorm Offizierszelt der ersten Kompagnie.

Ihren Kapitän hatte die Königliche Erste heut nur von weitem zu Gesicht bekommen, wenn die kleine Kavalkade vorübersprengte, über welcher die diagonal geteilte schwarz- weiß-rote Standarte der Brigade flatterte.

Und Martin Flamberg hatte den ganzen Tag darauf geharrt, daß Major von Sassenbach, der Vorsitzende des Ehrenrats, ihn zitieren würde...

Dabei trug er einen Brief in der Brusttasche seines Dienstrocks, einen Brief vom Samstag, der nur das eine Wort enthielt:

U eber-über-übermorgen .!!!!"

Gott im Himmel!... dort in der Ferne harrte seiner die sehnende Braut... und er... er wartete auf den Be­fehl, sich zu verantworten, weil er das Weib eines andern berührt...

Wohl war es ein Abschiedskuß. gewesen ... aber er würde mit feinem Leben dafür einzusteheu haben...

Das hatte an seinen Nerven gerissen den ganzen Tag ... hatte wie mit Keulen immerfort auf seinen Schädel ein­gedroschen, bis er ganz stumpfsinnig und apathisch ge­worden war...

Nur der Soldat in ihm, der hatte funktioniert... mechcw nisch... unfehlbar sicher...

Obwohl er zu Fuß war, hatte er seine Kompagnie ganz anständig durch die Wechselfälle des heißen Marsch-, Ge­fechts- und Biwaktages geführt. Und Major von Sassen­bach hatte ihm mehrfach aufmunternd zugenickt:Ich werde Ihnen eine ganz passable Kvnduite schreiben können, Flam­berg!"

Was hatte der Major nur heute? Er war den ganzen Tag so merkwürdig vergnügt ?

Durch Martins Herz aber zog immerfort das Erinnern jener wenigen furchtbaren Sekunden, in denen er dem Manne gegenübergestanden, dem er das tiefste Leid seines Lebens zugefügt:

Ich stehe zu Ihrer Verfügung, Herr Hauptmann...!"

Sie werden morgen von mir hören!"

Keine laute Szene kein wildes Wort der Wut des Grimms.

Ein paar eisig korrekte, formelhafte Wendungen und doch in jeder Silbe der unsühnbare Haß die Feindschaft bis aufs Messer der Racheschrei die Todesdrohung!

Und heute rätselhaftes Schweigen.

Gott der Grund war leicht einzuseben: der Haupt­mann war zur Brigade kommandiert oer Dienst ging allem andern vor es hätte an jeder Gelegenheit gefehlt, Die Meldung an den Ehrenrat zu erstatten.

Aber diese Situation war gräßlich sie erstickte die Kraft des Widerstandes r- machte stumpfsinnig ünd wehplos.

Der Gedanke an Cäcilie ivar wie das Erinnern eines fernen, schaurig holdseligen Traumes'.

Der Gedanke an Agathe folterte das Herz noch tiefer mit schmählicher Scham.

Und aus dem innersten Herzensschacht kroch die Reue herauf die Reue um unwiderbringlich Verlorenes Um ein ganzes, großes, herrliches Lehen des Schaffens, des

Genießens um ein Leben voll Liebe und' Schönheit H voll freudigen Gebens und dankbaren Nehmens.

Alles war hingeworfen vergeudet um eines Augen­blicks haltloser Leidenschaft willen.

Reue 1 Reue

Und eines nur hatte Bestand im gestaltlos wogenden Getriebe der anklagenden, schamvoll zerrissenen Empfing düng.

Dies eine Wissen: daß man einstehen werde für das eigene Tun r regungslos eisernen Herzens ohne Wimperzucken brs ans Ende bis ans Ende.

Mannesehre... Soldatenehre... Offiziersehre wahr­haftig, doch kein leerer Wahn das alles--!

Wenn es eine Sühne gab auf Erden, dann war es die: klaglos die Stirne, die Brust Hinhalten der rächenden Kugel ... stumm und stolz zusammensinken... hinabtauchen in den läuternden Tod ...

So sann Martin Flamberg. Und neben ihm in behag­lichem Verdauungsschweigen hockten mit übergeschlagenen Beinen auf ihren Kisten die beiden blutjungen Knaben, der Leutnant, der Fahnenjunker... unkund der Schrecknisse des Lebens, der Leidenschaft...

Und ringsum jubelte die Heimatsehnsucht von zehn­tausend jungen Gesellen, die nach, zwei Jahren in Königs Rock übermorgen in trunkener Wiederkehrwonne nach Hause flattern würden.

Rach zwei Jahren, die ihnen mehr, weit mehr gewesen waren, als sie heut ahnen konnten, als ihnen vielleicht! jemals zum Bewußtsein kommen Würde...

Zwei Jahre, in denen sie Soldaten gewesen waren... in denen ihr Leben seiner Vereinzelung, seiner Kleinlichkeit und Alltäglichkeit entrissen worden war und eingcgliedert in die großen Verhältnisse, das mächtige Leben der Gesamt­heit ... der Nation... des Volkes...

Zwei Jahre, in denen sie aus Gelsenkirchenern Und Rheydtern, aus Erkelenzern und Neu Wiedern zu Preußen ... aus Mäurertagelöhuern und Bandwirkern, ans Feilen- .hauern und .Ackerknechten zu wahrhaften, waffengeübten Soldaten geworden waren...

Ach 'ja, wohl war's manchmal scharf hergegangen in den zwei Jahren aber das alles war ja nun übens standen...

Was bleiben würde... was sie mit nach Hause nahmen ... war's zu verlangen, daß sie das heute schon begriffen vielleicht überhaupt je begreifen lernten?!

Doch würde mancher vielleicht nach Fahren, aus deut täglichen öden Einerlei der Berufsarbeit, aus der Enge be­schränkter, kinderreicher Häuslichkeit mit Dankbarkeit und Sehnsucht zurückdenken an die zwei Jahre in Luft und Sonne, in Waffenglanz und munterm Kampfspielauf grüner Heid im freien Feld"!

Heut freilich heut hatten sie alle nur den einen Ge­danken: übermorgen geht's zu Muttern!

Und unablässig, immer von neuem klangen übers weite Feld die Weisen der Reservelieder:

Nun scheiden wir aus eurem Kreise und ziehen aus den bunten Rock!

Wir treten an die Heimatreise mit einem Reservistenstock.

Geschlossen geht es aus dem Dore zum letzten Mal vergnügt hinaus. . > Die Mütze sitzt auf einem Ohre, und keine Waffe schmückt uns aus!

Herrgott von Bentheim!" fluchte Leutnant Carstanjem dieses verdammte Reservistengegröhle wächst einem, weiß der Himmel, zum Halse heraus!"

Flamberg lächelte:Das wird Sie wohl Ihr ganzes militärisches Leben hindurch begleiten, lieber Freund! Und wenn Sie sich einmal die Mühe geben wollen, sich in die Gefühle der Burschen, die da singen, hineinzuversetzen, dann wird's Ihnen seltsam Wohl und weh dabei werden dann werden Sie anfaugen, die Würde des hohen und herrlichen Berufs, den Sie haben, ein wenig tiefer zu begreifen! i: Was da singt und jubelt, das ist das Heimatveriangen der deutschen Jugend, die euctj anvertraut ist zur Erziehung in Waffenkunde Und Mannhaftigkeit. Die Gefühle, mit denen diese Leute das Reservelied singen, sind die Grad-! messer für eure Berufstüchtigkeit wenn sich in diese Heim-- kehrseligreit nicht auch ein unverstandenes Gefühl von schiedswehmut mischt, wenn diese Leute nicht in spätern Fahren mit leuchtenden Augen und geheimem Erinnernngs-