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beten — diese schöne Ruhe, die ihm umso wertvoller war, seitdem er eine neue Arbeit begonnen . . .
Ja — die Ruhe seines Herzens gefährdeten! —
Denn, so albern ihm das auch vorkam —। bei dev Erinnerung an jene Szene auf der Chaussee regte sich in ihm noch etwas anderes, als bloß das Gedenken an eine peinliche und lächerliche Blamage. Es war ein dumpfer, uueiugestcmdener Schmerz in ihm, daß seine Retterin aus der so lächerlichen wie gefährlichen Situa- tion nicht nur eine Dame, daß es. . . just diese Dame gewesen !
Sein arbeitsames, entsagungsvolles Jugendlebeu hatte ihn nicht allzu häufig in gesellschaftliche Berührung mit Damen jener Kreise gebracht, denen er seiner Lebensstellung nach heute angehörte.
Die Unzulänglichkeit seiner Verkehrsformen machte ihm das offizielle Gesellfchaftstrekben zur sinnlosen Qual und ließ ihn ganz erkennen, wie inhaltleer eigentlich doch all jene Formen des Beisammenseins seien, die überhaupt Männer und Frauen seiner Kreise zusammenführten.
So war sein Verkehr fast gänzliche auf die gleichfalls unverheirateten Gelehrten jener Hochfehulen beschränkt gewesen, an denen er bisher gelernt oder gelehrt hatte.
Aber nicht ungestraft beschäftigt man sich ein Leben lang mit den Schöpfungen der Kunst, der Poesie. . .
Denn was ist ihrer aller Mittelpunkt?--
Das Weib! die unabsehbare Fülle der Empfindungen und Erlebnisse, welche die Berührung der Geschlechter dem Mannesleben erschließt. . .
Und so lebte unerschlossen . . . unerlöst in den Tiefen dieser Gelehrtenseele die Sehnsucht aus der Theorie, aus dem Studium, aus der Nachempfindung heraus, in die Wirklichkeit... in das Schauen... in das Erleben. . .
Das aber, was sich vor ein paar Tagen auf der Landstraße neben dem Froschtümpel abgespielt, war das nicht ein Erlebnis gewesen . . . kein sehr rühmliches . . . kein sehr reiches . . . aber doch immerhin eine Wirklichkeit, nicht bloß der Reflex einer solchen, nicht bloß ihr Spiegelbild in einer Dichterseele. . . einem Buch. . . einem Werk?
Sein erstes, sein einziges Erlebnis, und — eine Fortsetzung würde es ja doch finden muffen — den fchnl- Ligen, den längst fälligen Dankesbesuch. —
Und eines Morgens um zwölf ließ sich Wilhelm Fro- benius von dem getreuen Schmitz den Ueberrocf, frischgewaschene weiße Glacehandschuhe und den altmodischen Helm mit dem silbernen Landwehrkreuz zurechtlegen. . .
Eine halbe Stunde später stand er in einem dunkeln .Salon mit Mahagonimöbeln und grünen Plüschfauteuils ... an den Wänden in schweren, goldenen Leisten tief nach- gedunkelte Bilder preußischer Offiziere in den Uniformen vergangener Jahrzehnte und blasser Damen in schwarzen Krrnolingewändern. . . daneben in auffallendem Kontrast protzige-Rahmen, welche die Bildnisse eines grobknochigen Mannes vom Typus des industriellen Emporkömmlings und einer schlichten, spießbürgerlichen Fran in violetter Seidenrobe umschlossen...
Eine zarte Dame mit nervösem, spitzem Gesicht, unruhig flackernden Augen, scharfer, leichtgeröteter Nase und schlichtem grauen Scheitel trat ans dem Nebenzimmer herein: „Bitte Platz zu nehmen, Herr Leutnant!"
Jrobenius versank fast in dem niebern Sammetsessel und hatte einige Mühe, seine langen Beine, den Säbel und Helm schicklich unterzubrittgen. „Gnädige Frau werden bereits gehört haben... ich hatte neulich das Unglück . . . man hatte mir ein unbrauchbares Pferd geschickt , . . und Ihr Fräulein Tochter... ."
„Ach, der Herr sind Sie!' —" Rücksichtslos kritisierend musterten die grauen Augen die Erscheinung des Besuchers.
„Ich möchte also Ihrem Fräulein Tochter noch einmal meinen Dank für ihren gütigen Eingriff aussprechen —"
„Ach, das war wohl nicht mehr als Christenpflicht von Nelly, Herr Leutnant!"
„Werde ich die Ehre haben, das gnädige Fräulein selbst zu sehen —?" ■
„Meine Töchter sind wieder pusgeritten, aber sie müssen jeden Augenblick wiederkommen!"
Einen Augenblick Stille. Wilhelm Frobenius fühlte sich namenlos geniert. 1 , '
Frau von Sasfenbach hatte inzwischen ihte Prüfung heendet —A — Nein — der Herr war ungefährlich!
Und in viel liebenswürdigerem Ton stellte sie nun die üblichen Fragen: Wie der Herr Leutnant sich im Regiment gefalle. . . wie er mit seinem Kompagniechef zufrieden sei. . . ob er sich auf das Manöver freue. — — Er sei ja wohl Gelehrter int Zivilverhältnis -— und aus Bonn — sieh da — aus dem schönen Bonn am Rhein.
, Ob er auch die dortigen Verwandten ihres Mannes,. Seine Exzellenz den Generalleutnant ,a. D. von Sassenbach und seine Damen kenne —:
Das mußte Frobenius natürlich verneinen
Hinter seinem Rücken öffnete sich mit raschem Ruck die Tür. — Er fühlte: da ist sie--
„Ah ,sieh da — der Herr Leutnant Frobenius —i na, endlich!" Schelmisch drohte das Mädchen mit dem Finger.
Sie hatte sich nicht Zeit genommen, sich umzukleiden . . . schlank und straff stand sie da . . . knapp umschloß das graue Reitkleid die elastische Gestalt. . .
Auf ihren Lippen lag ein Lächeln . . . ein Lächeln von so ganz anderer Art als neulich am Froschtümpel . . .
Und mit ausgestreckter Linken hielt sie dem Besucher einen stattlichen Folioband entgegen, auf dem--sein
Name stand . . . „Man hat sich inzwischen mit Ihnen beschäftigt, tote Sie sehen, Herr — — Leutnant. . ."
Mit einem Male überkam den Gelehrten das Gefühl einer tounberbaren Sicherheit. Schau, schau — nun wußte sie, nun mußte sie wissen, wen sie vor sich hatte . . mußte wissen, daß er picht immer das hilflose Opfer! unmöglicher Situationen toar^
„Werden Sie glauben, Herr Seutnant, ich hast nicht nur Ihr Buch gelesen . . . ich hab auch znM ersten Male seit meiner Pensionszeit den Schiller wieder vorgeuom- nten —!"
„Ah--das ist schön! — Aber nun lassen Sie mich
Ihnen nochmals meinen aufrichtigen Muk —"
„Aber so schweigen Sie hoch bloß von der albernem Geschichte. . . das war ja nicht der Rede wert... Ich hab Ihnen zu danken . . . ich!"
Und mit peinlicher Ueberrafchung ward nun Frau von Sassenbach die stumme Beobachterin eines Gesprächs über Gegenstände, die in ihrem Salon noch niemals verhandelt worden waren . . . ,
Was war das. . . Nelly glühte ja bei der Unterhaltung mit diesem langstelzigen Herrn, wie sie kaum je im Ballgespräch mit einem ihrer Verehrer geglüht hatte. .
„Erinnere dich, Nelly, daß wir heute mittag bet Frau von Czigorski zu Tisch gebeten sind! es wird Zeit, dich umzukleiden!"
Der Besucher verstand. „Ich darf -die Damen nicht länger aufhalten!"
„Ich hoffe, Sie werden mir noch mehr von Schiller erzählen, Herr Frobenius," sagte das Mädchen, indem es sich erhob'.
„Ich fürchte," meinte Frobenius, „dazu wird kaum Gelegenheit sein!"
Aber g-etoifj! — erstens sehen wir uns doch nächstens auf dem Regiments fest — Und zweitens werden wir doch hoffentlich bald -einmal das Vergnügen haben —. nicht wahr, Mama? — Herrn Frobenius hei Uns zu sehen!?"
„Ich hloffe das gleiche," sagte Frau von Sassenbach in einem Ton, der wenig mit dem Inhalt ihrer Worte stimmte.
„Leben Sie wohl, Herr Frobenius, und feien Sie nochmals bedankt . . . ja . . . seien Sie bedankt . -Auf Wiedersehn, Herr Frobenius!"
Beim Ausstehen kamen Beine ünd Säbel abermals in Konflikt.
Was tat’S ! f—. — Auf Wiedersehn! hatte sie gesagt auf Wiedersehn — —
(Fortsetzung folgt.)
künstlerische Fabrikarchitektur.
Von Paul Westheim (Berlin).
Fürst, Adel, Kirche, das waren die Bauherren der alten Z etL Irgendwie lassen sich die großen -Architekturwerke der Vergangen hett fast immer auf eine von diesen Mächten zurückführen. Schlösser und Kirchen werden natürlich heute auch noch gebaut, aber, genauer besehen, wird einem bald klar, daß hinter den meisten und größten unserer Bauaufgaben ein neuer Faktor: der Verkehr, der Handel, die Industrie, mit einem Work: das große Kapital steht. Für Bahnhöfe und Brücken, Kauf- und Warenhäuser, Kraft-


