W
x_L
ytf
!E
M
MM
WM
Lommerleutnsnts.
Roman von Walter Bloem.
Copyright 1910 by Grethlein & Co.
Machdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Wenige Tage nach Beginn der Hebung hatten sich die Reserveoffiziere wieder vollständig im Regiment eingelebt, und jeder von ihnen suchte und fand seinen nähern Verkehr da, wohin sein Wesen ihn wies.
Hielt Professor Brassert sich an die älteren und fried- lichern Elemente, so war der Referendar Dormagen der Mittelpunkt einer Gruppe, die nach dem Mittagessen stets endlos beim Skat zusammenhockte, abends auf der Kasinoterrasse einen Syphon Münchener nach dem andern vertilgte, Sonntag nachmittags beim Sekt kleben blieb und nachts gar häufig im Rauchzimmer beim Tempeln. Oder man zog auch Zivil an und suchte die Varietees oder noch verschwiegenere Orte nächtlicher Ergötzung auf. Dieser Gruppe schloß sich auch meist Herr Klocke an, den es nur grämte, daß er nicht so flott mit dem Gelds um' sich werfen konnte wie der wohlhabende Jurist. Die Beliebtheit, die jener durch Ansetzen zahlloser „kalter Enten" sich zu verschaffen suchte, strebte er dadurch zu gewinnen, daß er freigebig von seinem unerschöpflichen Vorrat an zweideutigen Anekdoten spendierte oder seine schier unglaubliche Geschicklichkeit in Kartenkunststücken produzierte, was vor dem Verfahren seines Kameraden «entschieden den Vorzug der Billigkeit hatte.
Wieder ein ganz anderer Kreis war es, dem sich der Forstassessor Troisdorf angeschlossen hatte. Man hätte ihn die Gruppe der Mißvergnügten nennen können. Ihm gehörten alle jene jungen Sperren an, die es aus irgendeinein 'Grunde nicht verstanden hatten, sich die Gunst der höheren Vorgesetzten zu erringen. Es waren nicht nur die Schlechtesten im Regiment. Hier wurde unablässig geschimpft, auf die Vorgesetzten, auf die erfolgreichern Kameraden, die als Streber gebrandmarkt wurden, als Leute, die „über Leichen gingen". Auch in diesem Kreise wurde scharf gezecht, aber mehr aus Wut und Enttäuschung denn aus Liebe zur Sache.
Frobenins war ziemlich allein geblieben. Unter den «aktiven Offizieren hatte er keinerlei Anschluß gefunden. Man behandelte ihn mit korrekter Liebenswürdigkeit und beständiger höflicher Zurückhaltung. In der Oeffentlichkeit Vermied es jeder, sich mit ihm zu zeigen. Und freilich, ein Vergnügen war es auch Nicht, an seiner Seite durch die Straßen der Garnison zu spazieren. Wo er ging, da ge=i leitete ihn ein beständiges Schmunzeln auf allen Gesichtern her Passanten, die Straßenjugend rief ihm freche Bemerkungen nach, ja, es war, als |oo selbst die Pferde un& Hunde Meuten, nnd stutzten,, WM tte die lange Gestalt im schwarzen
Ueberrock aus der Zeit Albrechts des Bären einherwandeln sahen . . .
Frobenins merkte das natürlich sehr wohl. Er wußte sehr gut, daß der größte Teil des ungünstigen Eindrucks, den er hervorrief, auf die Verfassung seiner Equipierung zurückzuführen sei, und ging lange mit sich zu Rate, ob er nicht doch seinem Herzen einen Stoß geben und sich von Kopf bis zu Füßen bei dem ersten Uniformschneider! der Garnison neu einlleiden lassen solle. — Aber das hätte ihn wenigstens vierhundert Mark gekostet, und er hatte sich nun einmal, seinen bescheidenen Verhältnissen entsprechend, fest vorgenommen, bei den Neuanschaffungen für die Hebung nicht über die hundertzwanzig Mark Equipierungsgelder hinauszugehen, die ihm zustanden. Die aber waren bereits für die inzwischen eingeführten Uniform- änberungen sowie für Reithosen .und Reitstiefel draufgegangen ...
So trotzte er denn weiter dem Schmunzeln des Straßen- Publikums wie der Zurückhaltung seiner Kameraden.
Sein einziger außerdienstlicher Umgang war Flam- berg. Und das entschädigte ihn vollkommen — in ihM verehrte er, der Kunstgelehrte, den schaffenden Künstler, wie dieser seinerseits in dem Kritiker den idealen Adressaten« seiner Lebensarbeit. Gar manche Stunde verbrachten die beiden Gleichgesinnten im Cafe, in einer Weinstube drunten in der Stadt oder auf der Stube des einen oder des andern bei kaltem Abendbrot und Flaschenbier in ernstem Geplauder über die zeitbewegenden Fragen der Malerei . . . der Dichtkunst. . . der Kunst überhaupt.
Dennoch füllte dieser Umgang die Mußestunden des Privatdozenten nicht völlig aus; denn Flamberg legte Wert darauf, auch außerdienstlich viel mit den aktiven Kameraden zusammen zu sein. Es war sein Grundsatz, während der acht Wochen Uebungszeit ganz und gar sich in einen Soldaten zu verwandeln, und so wußte er auch mit der ganzen proteischen Wandlungsfähigkeit seiner Künstlerseele sich der Sprache, den Umgangsformen, der Weltanschauung des Kreises anzupassen, welchem er für diese kurze Zeit durch den Rock angehörte, beit er trug.,
Wilhelm Frobenins wußte sich zu trösten. Die dienstfreien Nachmittage, die kurzen Abendstunden benutzte er, um den Grundriß seiner Vorlesung für das künfllge Wintersemester zu skizzieren, die das Drama des Naturalismus zum Gegenstände haben sollte.
Von Tag zu Tag hatte er die peinliche Pflicht aufgeschoben, sich bei seiner Retterin, der Tochter seines Bataillonskommandeurs, für den siegreichen Kampf mit Kuno dem Schrecklichen zu bedanken.
Für einen Menschen, der, wie er, so sicher jM Kreise seines Wirkens und Schaffens zu stehen gewohnt war, mußte es ein peinlicher Gedanke sein, eine gesellschaftliche Komödie zu spielen, die für sein inneres Leben keine Bedeutung hatte und ihm doch eine Reihe von Empfindungen' bringen mußte, welche die Ruhe seines Lerz.ens gefähr-


