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Stille Liebe.
Novellette von Paul Bl iß.
Sie war Sängerin. Kr war Kapellmeister. Beide waren am Stadttheater engagiert.
Er liebte sie mit der ganzen Glut seiner sünfundzwanzig Jahre. Es war jene hohe wahre Liebe, die den Mann für ewig festhält, wenn sie über ihn kommt.
Aber sie versprach nichts. Wähl lieh sie sich seine Aufmerksamkeiten gefallen, und auch manche kleine harmlose Zärtlichkeiten gestattete sie ihm, denn sie hatte bald einsehen gelernt, daß er ein
entziehen. — Der Lakai meldete, daß die Hofequipage vorgefahren sei.
Der Wirt brachte die Rechnung, und als sie der Erbprinz beglichen, lachte man herzlich darüber, daß die Lakaien doppelt so viel gebraucht hatten wie die Herrschaften.
Sechstes Kapitel.
Graf zu Hollen war, nachdem ihn nachmittags der Erbprinz entlassen hatte, in höchstem Erimme ins Schloß geeilt. Er ließ sich bei Exzellenz von Graul melden und klagte ihm die widerfahrene Zurücksetzung.
Der Oberhofmarschall war außer sich.
„Unerhört, unerhört, Graf. Also, erlauben Sie, die Sache liegt so: Der Erbprinz hat vorher nichts von einer Ausfahrt verlauten lassen. Erst als er wußte, .daß die Fürstin in Begleitung der Hämmerling — nicht wahr -—?"
„Genau so, Exzellenz. Und dann hat er mich einfach als überflüssig beiseite geschoben."
„Hm, hm. Hören Sie, Lieber, Wenn mich nicht alles täuscht, habe ich die Sache erfaßt: Dem Prinzen lag fern, Sie zu kränken, ihm war vielmehr daran gelegen, allein auszufahren."
„Sie meinen wegen der Hämmerling?"
„Ich bin davon überzeugt. Der Prinz ist ein Don Juan comme il saut. Wir haben Beispiele sattsam aus Berlin. Unser Geschäftsträger In der Reichshauptstadt hat mir genügend darüber berichtet. Und Fräulein von Hämmerlings Reize sind doch nicht wegzuleugnen."
„Allerdings nicht, Exzellenz, nein, auf Wort, sie ist superb."
„He, he r— superb. — Also auch Sie, Graf? Na, dem sei, wie ihm wolle, jedenfalls müssen wir verhindern, daß Unser künftiger Landesherr der Hofdame von Hämmerling mehr als fürstliches Interesse entgegenbringt"
Graf zu Hollen sann vor sich hin.
„Oder sind Sie anderer Meinung, Graf?"
„Ich überlege mir soeben, ob es nicht doch besser wäre, Mr ließen den Erbprinzen vorläufig gewähren, eh — ich Meine — selbstverständlich sind das ganz vertrauliche, private Besprechungen, Exzellenz?"
„Wer natürlich, mein Bester, natürliche"
„Ich meine, es ist doch gut, wenn man sich die — na, sagen wir i—- die Gunst seines zukünftigen Herren schon quasi pränumerando sichert."
„Ich verstehe Sie nicht, Graf." ।
„Aber Bester, machen Sie mir's doch nicht so schwer. Ich will sagen: Wir lassen Seine Hoheit jetzt ruhig gewähren, wollen aber im geeigneten Zeitpunkt nicht verfehlen, Seine Hoheit nahe zu legen, daß wir um seine Allüren wissen."
„Ah - ah ,
„Großartig, was? • ■
„Einfach famos. Alle Wetter, solch weitschauenden Diplomaten hätte ich gar nicht in Ihnen gesucht."
„Nicht wahr? — Aber mehr Privatdiplomat. — Und was sagen Sie zu meinem Plan?"
„Ich heiße ihn gut — bin vollständig einverstanden, um so mehr, als wir dadurch vielleicht auch dem Minister ein bißchen von seiner Stelle helfen könnten."
„Wieso das?"
„Na, wenn der regierende Herr des Erbprinzen Neigung erfahren sollte, würde er doch wohl in erster Linie den Minister zur Verantwortung ziehen."
„Natürlich — natürlich. Denn dessen Pflicht wäre es ja wohl zuerst gewesen, Seiner Hoheit die Augen zu öffnen."
Die beiden Herren schieden im besten Einvernehmen, beide im Bewußtsein, heute zur Festigung ihrer Machtstellung in späterer Zeiten ein gutes Stück beigetragen zu haben.
' (Fortsetzung folgt.)
tüchtiger Musiker war, ein gediegenes Wissen haltch Und daß sie viel von ihm lernen konMe. Deshalb war sie bestrebt, seine Gunst sich zu erhalten. Sie war arm und von maßlosem 'Ehrgeiz beseelt, sie wollte empor, groß, gefeiert und berühmt werden. Wer si« konnte ihr bißchen Gage nicht für teuere Lehrstunden ausgeben, weil sie ihre alte Mutter unterstützen mußte. Und deshalb hielt sie sich gut mit dem jungen Kapellmeister, der sie umsonst unter-, richten wollte.
Das alles wußte er wohl. Er fühlte auch, daß sie sich oft zwang, lieb zu ihm zu sein, und' er merkte ces, daß all ähr Interesse immer nur ihrer Kunst galt, aber trotz alledem liebte er sie, und je länger sie ihn auf ein liebevolles Wort warten ließ, desto! heißer nur wurde sein Sehnen, desto leidenschaftlicher liebte er sie. Sein Gefühl für sie war so hoch und hehr, so rein seine echte Liebe, daß er stets voll froher Hoffnung auf die Zukunft war: o, -er wollte warten, bis sie selbst zu ihm kam, bis sie selbst sich ihm an die Brust warf — er wollte werben um siie, b-is er sie errungen hatte.
So wartete er zwei Jahre.
Nun war sie fertig. Alles was' sie war, dankte sie ihm. Sein ganzes Wissen und Können hatte er an sie gewendet. Wer nun war sie auch heraus aus dem Nichts, jetzt stand'ihr die Welt»offen^ ein Weg empor zum Ruhm und Glanz.
Als sie zum erstenmal die Carmen sang, da war ihr Schicksal entschieden. Sie hatte einen wahren Triumpherfolg, und mit einem Schlage war sie berühmt. Sie wurde gefeiert, und big Engagementsangebote kamen mit jedem Tage glänzender.
Sie schwamm in Wonne und -Entzücken. Mit nassen Augen! kam sie zu ihm, der sie zu dem gemacht, was sie nun war, und mit heißen Dankesworten stand sie vor ihm.
Auch er war überglücklich. Er hielt ihre zitternde Hand fest umfaßt, und während sie vor ihm stand, kam all seine heiße Liebe lodernd empor, und plötzlich zog er das geliebte Weib an sich, umfaßte sie und mit bebender Stimme flüsterte er: „Paula, ich habe dich über alles lieb! Komm, werde nun mein Wieib!"
Da aber entwand sie sich seinen Armen und rief: „Nein, nein! Ich muß hinaus in die Wett, mich lockt der Ruhm und der Erfolg! In diesen engen Mauern würde ich verkümmern; mein Element ist die Bühne mit ihren tausend Reizen und Enttäuschungen; für die Familie bin ich nicht geschaffen."
Sie verließ ihn und ging nach der Hauptstadt in ein glänzendes Engagement.
Und er ließ sie ziehen. Mit keinem Wort hielt et sie zurück. Wer in seiner Brust blieb eine Wunde zurück, blutend und schmerzvoll, und ob er äußerlich auch derselbe blieb, innerlich wurde er krank, denn der Gram nagte an ihm und raubte ihm die Ruhe seiner Tage und den Schlaf seiner Nächte, denn er liebte sie noch immer.
So vergingen ein paar Jahre. Er, hatte sie nicht wieder! gesehen. Und sie hatte auch nichts von sich hören lassen. MeV dennoch war er genau unterrichtet, wo sie war und was für Erfolge sie errungen hatte. Alles wußte er, was sie betraf.
Er war nun dreißig Jahre, fein Haar fing an, grau zu werden, und auf sein Gesicht kamen die Falten des heimlichen Kummers.
Eines Tages wurde er krank, ernsthaft. Er kam in eine Privatklinik. Eine barmherzige Schwester pflegte ihn.
Ein heftiges Nervenfieber hatte ihn gepackt. Wochenlang lag er schwer darnieder, oft war er ganze Tage lang bewußtlos und raste in wilden Fieberansällen, und immer verfolgte ihn das Bild der stolzen Geliebten, oft rief er ihren Namen, wenn er in tollen Phantasien von der alten Sehnsucht befallen wurde.
Mit nie ermüdender Geduld saß Schwester Marie an seinem Lager und pflegte ihn. Tag und Nacht, und wenn er dann mal ein paar Tage fieberfrei war, dann nahm er wohl die schmale zarte Hand der Wärterin, unb streichelte sie zärtlich und voll inniger Dankbarkeit, und mit leiser Stimme sprach er dann: „Sie sind mein guter Engel, Schwester Marie; Ihre liebe Art der Behandlung ist tote ein Balsam auf meiner wunden Seele. Nie kann ich Ihnen das danken, was Sie für mich getan haben. Leise küßte er ihr die Hand.
Und dann wurde Schwester Marie rot und in fast atemloser Verlegenheit entgegnete sie: „Aber ich tue doch nur meine Pflicht^ <pCrr
Lächelnd verneinte er. „Nein, Sie tun mehr, das suhle Und empfinde ich wohl", sagte er leise und küßte wieder ihre Hand. _ , . .
Als der Frühling kam, durfte der Kranke zum erstenmal mä Freie hinaus, freilich nur eine halbe Stunde in der Mittagszeit.
Am Arm der Wärterin ging er hinaus in den Garten und setzte sich in einen der bequemen Stühle. Schwester Marie saß neben ihm. ,
Rings stand die Welt in all ihrer wunderbaren Blutenherr- lichkeit. Die Sonne strahlte vom wolkenlosen Himmel. Aus allen Zweigen jubelte der junge Lenz. Und die Luft war voll von süßen Düsten.
Ueberwältigt von all der Pracht schloß der Kranke die AugeN, und dann faßte er nach den Händen der Wärterin, und ganz leise sprach er: „Ach, Schwester Marie, daE Leben ist doch herrUch, wenn man gesund und jung ist,"


