Ausgabe 
14.2.1912
 
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Bärenjagd in Rußland.

Von Oskar G r o s b e r g, St. Petersburg.

Das Stubenmädchen meldet:Herr, in der Wiche ist ein Bauer, der Sie zu sprechen wünscht."

Ich lege die Feder beiseite und begebe mich in die Küche. Da steht mein alter Freund Michei, ein Bauer aus dem Wologda- scheu, vermummt und 'vereist, denn es sind draußen 24 Grad R., und ein höllischer Nordost jagt durch die Straßen Petersburgs. Michei macht eine tiefe Verbeugung und streicht seinen langen Bart, an denr eine Garnitur Eiszäpfchen klirrt. Er steht mit seinen Bastschuhen in einer kleinen Pfütze, die sich aus den Schnee- Massen an feinen Füßen gebildet hat.

Guten Tag, Michei, was gibts?"

Wir kommen zu dir, Herr, um deiner Gnaden mitzuteilen, daß wir ein Bärchen Haben."

Ich bemerke hier, daß der russische Bauer im förmlichen Gespräch von sich im ersten Fall der Mehrzahl zu sprechen pflegt Und gern die Verkleinerungsform benutzt.

Ein guter Bär?"

Gott mag das wissen, Väterchen Euer Hochwohlgeboren. Ich meine, er muß gut sein, denn aus dem Lager steigt viel Dampf auf."

Liegt er fest?"

Wie in Abrahams Schloß. Wie festgebünden liegt er, der Herzliche. Ich bin dreimal am Lager gewesen. . Nichts _ rührt sich. Der Schnee liegt zwei Arschin hoch. Nur aus einer Oeffnuug steigt Dampf auf, wie von einer Lokomotive."

Na, na!"

Bei Gott, Herr, du kannst mir glauben. Der liegt fest, Lenke ich, und dann gehe ich nach Hause und sage meinem Weibe: Awdotja, sage ich, der ist für den Herrn unfern Wohltäter, das Bärchen. Und so bin ich denn nach Piter gekommen und zu deiner Munden. Kauf das Bärchen, Herr, erweis uns die Wohltat."

Und Michei machte wieder eine tiefe Verbeugung und drehte seine ungeheure Fellmütze an der knolligen Hand. Wir wurden rasch handelseins. Michei sollte für das Bärenlager, das er im Wologdaschen Urwalde entdeckt hatte, 75 Rubel erhalten. 20 Rubel erhielt er sofort. Der Rest war nach dem Abschuß zu begleichen.. Ein mächtiges Mas Schnaps besiegelte bett Vertrag. Michci legte den Kopf zurück, schloß die Augen und ließ das Feuerwasser langsam in feine ausgepichte Gurgel fließen. Dann krächzte er inbrünstig Und fuhr mit dem Handrücken über den Mund.Gott gebe dir Gesundheit, Herr," sagte er, indem er ein Stuck Wurst in den Mund stopfte, und dann schob er sich, nachdem er genaue Jn- ftruttionen erhalten, seitwärts zur Tür hinaus.

Nach drei Tagen standen luir, Freund Paul und ich, um die Mittagszeit auf dem Perron der kleinen, verschlafenen Land­station int Gouvernement Wologda. Michei verstaute unser Gepäck Und die Gewehre in seinem Schlitten, in einem anderen nahmen wir mit Pauls berühmtem sibirischen VerbellerScharik" Platz. Scharik wurde in eine Decke gehüllt, denn es! fror Stein und Bein Und wir hatten gute zwanzig Werft vor uns.

Mit Gott!" rief Michei, und wir fuhren ab. Die kleinen Witigen Pferdchen griffen gewaltig aus, so daß die hellew Glocken an der Duga, dem Krummholze, gellend durch die unendliche Stille dieser gottverlassenen Einöde schallten. Mit beut Klange der Glocken verband sich das Heulen des Ostwindes, der harte Schnee- körner klirrend über die weite Fläche trieb. Durch unsere Dochi, sibirische Pelze aus Elchfell, vermochte er jedoch nicht zu bringen, und auch unsere Füße waren in mächtigen Filzstiefeln, die mit Lammfell gefüttert, wohl verwahrt.

Endlich lag die Ebene hinter uns und wir gelangten in bett Wald, wo man vor Wind geschützt war und sich einePapiros" durch bett bereiften Bart in den Mund zwängen konnte. Auch Michei wurde versorgt, denn wir kannten den Duft feiner Tabaks­marke 'ojtS früherer schmerzlicher Erfahrung.

In majestätischer Ruhe waren die gewaltigen düsteren Tannen Und die hochschäftigen Kiefern; auf ihren Arsten lagern gewaltige Schneentassen, die!aluch Unterholz uitd Bruch beinahe vollständig' verbergen. Das ist noch Urwald, der ttichts von regulärer Be­wirtschaftung weiß; er wächst, wie er will. Was überständig ist, fällt und bleibt liegen und auch den Baumleichen sproßt neues Leben. Hier gibt es weder Schläge, noch Kanäle, ttoch Wege, keine Spur von Kultur. Nur diese Einsamkeit und den tiefen Eindruck der düster-großartigen Nordlands'natur.

Hell bimmeln die Glöckchen. Michei feuert die Pferdchen durch kauten Zuruf an, sie jagen mit einer Geschwindigkeit dahin, die man ihnen kaum zutrauen würde, wenn man ihre Leistungs­fähigkeit und fabelhafte Ausdauer nicht kennte.

Der Wald liegt nun hinter uns. Am Rande einer Lichtung sehen wir im Glanze der dünkelrot versinkenden Sonne das Dörfchen Micheis. Die letzten Strahlen der Somte vergolden die Dächer der niedrigen Hütten und.sie sprühen durch den kerzengerade aus den Schloten aufsteigenden Rahch. Auf der Schneeebene liegen bereits die tiefblauen Schatten der Dämmerung. Michei feuert die Pferd­chen an:Na, meine Lieben, reckt die Beinchen, der Haber ist nicht iueit! Vorwärts, meine Falken, zeigt, was ihr könnt!"

Knirschend halten die Schlitten vor Micheis Hütte. Die ^wrfköter stürzten kläffend herbei Und Scharik macht sich mit

chueit tu der üblichen Weise bekannt. An der Tür empfängt uns Micheis Weib, die stattliche Awdotja; ein grellbuntes Seiden tuch schmückt ihr blondes Haupt, und den Gästen zu Ehren hat sie eine blütenweiße Schürze angelegt. Wir begrüßen sie mit Handschlag und Scherzen und sie schält uns aus unferen Pelzen und Filz- sttefeln.. In der verräucherten Blockhütte strömt der riesige Ofen infernalische Hitze aus. Ans dem Tische brodelt der Samowar unbj wir trinken Tee, während Atvdotja unsere Vorräte auspackt und uns dann bedient. Michei trinkt mit Sachverständnis einige Gläs­chen Kognak und auch Awdotja läßt sich nach einigem Sträuben überreden. Wir essen, trinken und schwatzen. Natürlich von Bären. Von Chomeeit und Möglichkeiten und Michei erzählt von fernen Rekontres mitMischka", oderGeneral Toptygin"/ wie der Russe den Herrn seiner Wälder nennt. Er zeigt furcht­bare Narben an seiner Brust und an seinen Armen, die von ge­fährlichen Begegnungen mit Mischka Zeugnis ablegen. Er er­zählt, wie er einst mit haarscharfem Beil und Messer auszog und einen Bären ans dem Lager scheuchte. Als der Bär seinen Kopf hervorschob und Michei mit deut Beile zum Schlage ans holte, glitt er aus, und int nächsten Momente fühlte er die Pranken des wütenden Tieres auf seiner Brust.Zum Glücke hatte ich," er­zählte Michei,meinen rechten Arm frei, ich betete zur heiligen Mutter Gottes von Kasan, gelobte ihr eine Kerze von 5 Pfd. Und stieß zu. Der Bär stürzte wie ein Berg über mich und schlug verendend feilte Zähne in meinen Arm, so daß die Knochen knirsch­ten. Er wog 18 Pud und ich bekam für das Fell .110 Rubel!"

"Wir hatten nun Tee bis:,,zum siebenten Schweiß getrunken/ und satt waren wir auch. Scharik lag bereits auf 'dem heißen Ofen und blaffte im Schlafe. Nachdem wir unsere Mauserbüchsen sorgfältig geprüft, legten wir uns auf das in einer Ecke der Hütte hochaufgeschichtete Stroh und unsere Reisepelze und wir schliefen bald ein, nachdem Michei Und sein Weib auf dem Ofen geklettert waren, der die Schlafstätte des nordischen Bauern darstellt.

Michei hatte einige Mühe, uns um 3 Uhr zu wecken, beim in der heißen Hütte schlief es sich nach der Fahrt durch die Bären-, kälte ganz prachtvoll. Awdotja machte ganz unbefangen Toilette- und dann bereitete jie den Samowar und das Frühstück. Um 4 Uhr waren wir fertig zum Aufbruch; wir hatten etwa acht Werstchen Weg und Steg zu marschieren. Wir schulterten unsere Büchsen, schnallten die kaukasischen Kinschals (lange Dolche) um und Michei versah sich mit der Royatina, der Bärenfeder, und steckte eine scharfe wuchtige Axt in den Gürtel. Awdotja machte über jeden von uns das Zeichen des Kreuzes und dann legten wir die Schneeschuhe an und glitten über ein mondbeschienenes Feld in den schweigenden Wald hinein.

Wir kämpften uns schweigend und stark schwitzend durch Jung­wuchs und über chaotisch durcheinander gewirbeltes Fallholz; je weiter wir vordrangcn, um so schlimmer wurde es. Bald waren wir außer Atem und Michei,, der Scharik führte, machte ein Zeichen. Wir hielten, um Kräfte zu sammeln, denn nun waren wir kaum eine halbe Werst vom Lager entfernt. Nach einer halben Stunde setzten wir den Marsch, mit äußerster Behutsamkeit und vielen 'Erholungspausen fort. Endlich wies Michei auf einen Hügel ton Fallholz, aus dem die ton Wind und Wetter gebleichten Wurzeln einer gestürzten Kiefer gespenstig zum Himmel ragten,: Dort," flüsterte er,dort".

Wir schlichen näher. Da sahen wir ans einer schwarzgähnenben 'Oeffnintg starken Dampf mtfsteigen, der Bär lag also fest. Das war um so gelvisser, als Scharik dumpf zu knurren begann und die Witterung einsog. Wir machten uns aktionsfähig. Die Büchsen und Messer wurden nochmals geprüft und wir nahmen Aufstellung, während Michei mit einer langen Stange ins Lager stieß und Scharik wild Hals gab. Lange regte sich nichts, dann prasselte plötzlich der Hügel auseinander, und eine ungeheure dunkle Masse kollerte in den brnsthohen stäubenden Schnee. Wir hörten ein dumpfes Schnauben, das Krachen brechenden Holzes und wütendes Schmatzen. General Toptygin gab offenbar Fersen­geld.

Hund lösen!" brüll ich Michei zu Und wie der Blitz ist Scharik dem Bären nach; er springt ihn an und retiriert. Mischka richtet sich indigniert brummend auf. Wir sehen, daß es ein tüchtiger Bursche ist. Nun macht er Kehrt und saust mit unglaub­licher Geschwindigkeit durch den stiebenden Schnee auf Uns zu,. Frennd Paul feuert aber schlecht ab; der Bär wischt mit der rechten Pranke über den Fang; in diesem Moment ist Scharik wieder heran und Michei steht stoßbereit mit der Royatina im nächsten Augenblicke muß der Bär uns aunehmen. Während! ich mein Messer aus der Scheide reiße, an sicheren Schuß ist nicht zu denken, richtet der Bär sich wieder auf uns, Paul schießt, der Bär wankt hin und her und nun jagt Michei ihm die Royatina in den Leib und der Koloß bricht röchelnd zusammen. Das schwarze Blut färbt den Schnee im weiten Umkreise. Das alles hat sich in kaum fünf Minuten vollzogen. Michei entblößt den Kopf und bekreuzigt sich nach den vier Richtungen des Himmels! während ich meinem Freunde auf meinem Kinschal den Bruch überreiche.

Wir schätzen den Bären auf 15 bis 17 Pud; es ist'ein pracht­voller Kerl. Und nun holen wir die Schnapspulle heraus und stoßen ins Horn, um den Schlitten herbeizurnsen, der uns folgen sollte. Während wir Ms noch an einem Feuercheu wärmen-