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Gudarcza klopfte das Vaterherz. Was' wär bciut da los, in drei Geiers Namen? Etwas Schlimmes? Nach etwas Gütern sah das vertrocknete Kavalleristengesicht mcht aus.
Sie waren denn, nachdem die Tafel aufgehoben, durch ein paar Nebensäle gegangen, bis sie endlich erne srcre Fensternische fanden. ,
„Ja. . . eigentlich ist hier mcht der rechte Ort. ^ch möchte Ihnen die Ballstimmung auch nicht gern verderben, lieber Herr von Gudarcza. Was, so mit zwei. schonen Toch- tcrn ■— -eine famöse Sache! Ihr ältestes Fraulern rochier . . . allerhand Achtung . . . Ja , . . also . . zu ang- stiqen brauchen Sie sich gerade nicht. Es ist nichts zum Halsbrechen. Aber ganz gut ist's doch wohl, wenn ich Ihnen mal' reinen Wein einschenke, 'n Vater kann ost besser Vorbeugen, wie solch armer Oberst. Nämlich. . . Ihr Herr Sohn tut in letzter Zeit wirtlich nicht gut. Anfangs war er ganz famos: fast zu viel Eifer und riepges Interesse. Ich freute mich über die gute Akqusttton fürs Regiment. Auch eilt guter Kamerad . . ja. Aber mut, seit ein paar Wochen wie verwandelt. Unlustig, mit Verlaub zu sagen: faul im Dienst. Bald hier ein Versäumnis, bald da. Na, kurz und gut, oder nicht gut: ich hao ihn vorgestern auf drei Tage eiubrummen müssen. Aber das iil's ja lischt. ' Mein Himmel, wir beide werden wohl auch mal Stubenarrest genossen haben! Ich fürchte nur, es steckt was anderes, Gefährliches dahinter. Ich hab auch schon horchen lassen. Natürlich. . . cherchez la fenime . . ."
Der Oberst spielte mit seinem Einglas zwischen den langen, trockenen Fingern.
„Ra, sch bin ja kein Duckinauser Beileibe nicht. Und Sie sicher auch nicht. Es ist itur . . . eine vertrackte Geschichte ist's: die Sache soll tiefer gehen. Sprechen Sie selber mal mit Ihrem Sohn. Vielleicht beichtet er. Vielleicht kriegeii Sie die Chose ivieder in Dreh ... ja. . . und nun müssen wir wohl zurück in den Saal."
Signe hatte ihre abweisende Haltung angenommen. Sie argwöhnte schon den ganzen Abend, daß Horfeck sich erklären würde, und sie hätte ihm so gern das Demütigende oder das Wehe ihrer Abweisung erspart. Aber er ließ sich nicht schrecken. Er ivich nicht von ihrer Seite, er wollte nicht verstehen. Und als dann Hoburg aufgetaucht wär, schien er erst recht die Besinnung verlorett zu haben.
Bei dem Rückgang in den Ballsaal sprach er es aus, mit bebenden Lippen. Und sie sagte, so schonend wie cs ihr nur möglich war, noch ehe er vollendet hatte: „Tas nicht, Herr von Horfeck! Bitte ■— nicht weiter. Es kann nicht sein."
Ganz leise wär das herüber- und hlnubergegaugen, mitten unter all den Menschen, mitten in dem gedämpften Surren ntld Summen, llnd dann gingen sie weiter, als wäre gar nichts geschehen. Aber einmal sah Signe in einem der großen 'Spiegel, daß ihr Begleiter totenblaß geworden, war.
Er tat ihr aufrichtig leid. Ein netter, wohlerzogener Mensch von guter alter Familie, liebenswürdig, ehrlich, anständig, alles, alles. Nur, daß er ihr immer tote eut Knabe erschien, trotz des flotten Bärtchens auf der Oberlippe. Vielleicht war er auch nicht älter als sie selbst. Nicht einen Augenblick hätte sie zweifeln können, daß ste nein sagen mußte. Aber er tat ihr so unsäglich leid. Ihm hätte sie am liebsten beide Hände hinstrecken mögen: „Nehmen Sie sich's um Hitttmels mitten nicht so zn Herzen! Es lohnt wirklich nicht. Es gibt hübsche Mädchen genug. Sie finden bald, bald eine, die Sie lieb hat, mit der Sie glücklich werden. Ich — ich bin überhaupt nicht zum Beglücken geschafseu . . ."
Während sie so durch die Säle schritten, wortlos nun, dachte sie immer: „Wenn ich nur Do do gleich wicder- finden könnte. Nach Hause möcht ich." So hilflos kam sie sich vor. Daun neigte sich Horfeck vor ihr. Ganz tief. Und wieder hätte sie ihm gern gesagt: „Schlagen Sie sich's ans dem Sinn! Es lohnt nicht." Wenigstens die Hand wollte sie ihm reichen. Aber es schien, er sah ihre leichte Bewegung nicht. Und gleich darauf war er verschwunden, untergetäucht in der flutenden Masse, und irgend ein gleichgültiger Obenhinbekanuter stand an seiner Stelle vor ihr und sprach gleichgültige Worte.
Endlich erspähte sie die Schwester. Ganz iit der Nähe stand Dodo und schien sich himmlisch zu amüsieren. Nein,, ihr durfte sie die Freude des Abends nicht verderben. Nur die Zähne aufejnauderdrückeu und plaudern und plan
dern, je gleichgültiger desto besser. Der Aufbruchwar ja doch nicht mehr fern.
Draußen auf dem Korridor, wo schon einzelne Diener harrten, traf Herr von Friedberg, der Adjutant des Reichs- kanzlers, auf Hoburg, der gerade in feinen Pelz schlüpfte r „Haben Sie Ihren Wagen unten, lieber Prinz?" fragte er, „Sie könnten mich ein Stückchen mitnehmen. Ich möchtd noch auf eine Stunde zu Borchardt."
Hoburg nickte. Sie gingen nebeneinander die breite Treppe hinunter. Und Friedberg meinte: „Wissen Sie, Prinz, das schönste Mädchen im Saal war doch diese Gudarcza. Ich sah sie merkwürdigerweise heut zum ersten- mal. Das ist ja eine Schönheit ersten Ranges. Schade, daß die so dumm ist."
Mitten auf der Treppe blieb Hoburg stehen. Er wußte nicht recht: „Lachst du den Menschen nun aus oder schickst du ihm morgen jemand über den Hals." Aber da sah er in das ehrlichste, harmloseste Gesicht. Friedberg meinte: nur ganz erstaunt: „Warum bleiben Sie denn stehen, Hier zieht es."
„So," sagte Hoburg im Weitergehen. „Dumm? Fräulcttt von Gudarcza dumm?"
„Na ja. Denken Sie sich, ich stand eben mit ihr eine! Weile zusammen. Ich bin doch nicht auf ben Mund gefallen. Aber glauben Sie wohl, daß ich eine vernünftige Antwort aus ihr herausbekommen hätte! Kein Bein. Ja und nein und dann ganz konfuses Zeug, und einmal lachte sie völlig unmotiviert. Wirklich — schade! 'ne dumm« Frau hat ja auch ihre Vorzüge, sagt man, aber nee >—< ich danke —"
Sie standen unten im Portal.
„Da ist mein Wagen, Friedberg." Der Prinz knöpfte seinen Pelz fester zu. „Bitte, benutzen Sie ihn nur. Ich gehe lieber noch ein Stückchen. Im übrigen haben Sie ganz recht... wenn Sie danken. Aber ein Menschenkenner sind Sie nicht, mein Lieber. Gute Nacht ..."
Einige Minuten später schritt Vater mit beiden Töch-- tern die Treppe hinunter.
Dodo war noch Feuer und Flamme und schwätzte totes eine Elster. Aber Vater und Signe waren stumm.
Mitten auf der Treppe blieb Dodo stcheit. Sie war nämlich empört: „Was habt ihr denn nur? Nicht ein
„Kontm, Kind!" drängte der Vater. „Hier zieht es."
Dodo schob das Näschen noch ein Stückcheir weiter aus dem hvchgeschlageueit Pelzkragen heraus, höchst indigniert, ober sie gehorchte. Nur daß sie im Trotz Voß Stufe zu Stufe erklärte: „Himmlisch! — Göttlich! — Kaiserlich — mit einem Wort! — der schönste Abend -i meines Lebens —“
Sie hatte noch eine Masse Steigerungen in petto, aber so läng die Treppe war, schließlich hatten die Stufen doch ein Ende. Sie standen unten im Portal und mußten warten. Der Wagen konnte sich nicht gleich loslösen. Vater knöpfte sich den Pelz fester zu.
Da sagte Dodo: „Du, Signe, was ist eigentlich dieser nette kleine Herr von Horfeck für ein Menschenkind?" Und als die Schwester die Antwort schuldig blieb: „Komisch — ich nagelte ihn mir vorhin noch mal fest. Aber so etwas hab ich noch nicht erlebt. Völlig konfus tu ar er, feine drei vernünftigen Worte konnte man aus ihm heraus'- bringelt, und ein ganz blödes Lächeln hatte er." Sie lachte. „Entweder tst er ein bißchen dumm von Natur und hat nichts zugelernt, oder er hatte eilt paar Glas Sekt zu viel' getrunken."
Signe antwortete nicht. Sie fröstelte.
Da kam endlich der Wagen.
Ms Dodo unterwegs wieder zu fprechen Begann unöl noch einmal von Horfeck anfing, faßte Signe ihren Amt! und drückte ihü: „Hör auf — ich bitte dich! Ich habe! furchtbare Kopfschmerzen — ■— Und int übrigen: Du, irrst! Herr von Horfeck ist . ,
Mer sie brach den Satz aß, ohne ihn zu vollenden', und drückte sich tief in die eine Ecke des Wagens Vater hatte den Kopf auch weit zurückgelehnt. Wenn, dann und! wann, das elektrische Licht grell durch die Fenster fiel, sah Dodo, daß: Vater und Signe ganz elend aussahen.
„Komisch," dachte sie. „Nach solch einem herrlichen I Feste/'
(Fortsetzung folgt.) ,,


