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der war enttäuscht -ob der spießbürgerlich soliden, der schwer­fällig unbedeutenden Erscheinung. Für -einen wackeren Hand- werksmann hielten ihn die Fremden, wenn sie. ihn über die alte Neckarbrücke in Tübingen seinem freundlichen Haus mitten im Rebgarten zuschreiten sahen, nicht für den berühmten Dichter, Professor und Politiker. Sein schüchternes Auftreten, sein linki­sches Benehmen, die schon früh die Mutter tadelt, mochten durch seine Linkshändigkeit, durch seine große Kurzsichtigkeit verstärkt Werden, doch lagen sie zutiefst in seinem! Wesen begründet. Schweig­sam, verschlossen, ungepflegt in der Kleidung war er von jeher, und wenn die Mutter gehofft hatte, der Aufenthalt in Paris Werde ihm etwasäußere Gefälligkeit" verleihen, als sie die ironische -Frage tat, -ob mau auch in Paris an den Nägeln karre, so täuschte sie sich.Du bist und bleibst auch in Paris noch der alte trockene Vetter," schalt ihn ärgerlich das neugierige Schwester- chen,schreibst nur immer von Bibliotheken, Museen usw., Sachen, die mich ganz und gar nicht interessieren. Schreibe lieber auch von den Pariser Mädchen, was sie für Kleider anhäben und bergt, was freilich für Dich blinden Heß schwere Fragen sind. Doch für was hast Du Deine Brille?" Und dann werden allmählich auch seine Briefe kürzer, steifer, mißmutiger, bis schließlich seine Frau scherzen kann, jedes Ding habe seine zwei Seiten, ihres Mannes Episteln jedoch nur eine. Selbst den Elterm scheint er entfremdet, und der alte Jugendfreund, der stets übersprudelnde Justinus Kerner, schleudert ihm den Vorwurf ins Gesicht:Stumm wie ein Fisch bist! Wahrscheinlich auch fast so kalt!" Ter eben herangereifte Jüngling, der auf der Mittagshöhe seines Schaffens steht, verzeichnet in seinem Tagebuch-, das uns erst vor einiger

Zeit (1897) zugänglich gemacht wurde, nichts als Tatsachen in knappster Form, keine Gefühlsergüsse, keine Reflexionen. Schon hier eine alle Kleinigkeiten beachtende Pedanterie, eine peinlich abgeinessenc zercmoniöse Haltung, ein ausgesprochenerSinn für Feierlichkeit".

Dieses Fehlen jedes äußeren schönen Scheins, diese schaM- volle Verbissenheit, diese rauhe Schale um! den edlen Kern, sie sind bezeichnend für das echt Deutsche dieser Persönlichkeit. Tiefe Innerlichkeit, schweigende Treue, derbe Gesundheit, die Merkmale, die er als urtümliche im Charafter seines Volkes suchte und fand, waren ihm eigen und sie Mochten sich in solcher Schärfe bei ihm zu entfalten, loeil er sich in einem strengen Gegensatz fühlte zu dem modischen Treiben der Romantik, die das Gekünstelte und Krankhafte aus eigenstein Fühlen pries. In den Briefen an Loeben und Kerner ringt fein starker Widerwille gegen solche Phantastik zum Ausdruck; aus derNachtseite der Natur" drängt er ins klare Sonnenlicht, und aus heiliger, schmerzlicher Er­regung protestiert er gegen pes Freundes Kerner, aus Tieck und Novalis geschöpften Wahn, daß Tod die innigste Vereinigung sei mit dem Geiste der Natur und Krankheit das Hinstreben danach. -Alles Wühlen in Sensationen, alles Auspeitschen der Nerven und Gefühle, wie es die Romantiker so liebten, war ihm verhaßt.Tas bloße Reflektieren und das Aussprechen von Gefühlen," sagt er einmal,scheint mir nämlich nicht die eigentliche Poesie aus­zumachen. Schaffen soll der Dichter, Neues hervorbriugen, nicht bloß leiden und das Gegebene beleuchten." Mit unerbittlicher Selbstkritik betrachtet er seine eigenen Musenkinder uird merzt schonungslos aus, was ihm nicht genügt. Erst die große kritische Ausgabe feiner Gedichte, die Erich- Schmidt und Julius Hartmann veranstalteten, hat gezeigt, wie viele Gedichte er seinem unbestech­lichen Urteil geopfert, wie unermüdlich er gearbeitet hat, bevor er die vollendete Formklarheit, die souveräne Sprachbehandlung seiner Reisezeit erreichte. Neidlos erklärte er, Kerner sei un­gleich mähr Dichter, als er, und scharf erkannte er die Ursache seines frühen Verstummens:Das rege glänzende Spiel der Phantasie, wodurch SernerS Dichten sich charakterisiert, geht Meinem Treiben in der Poesie aut Meisten ab, und dieses besteht, wenn ich überhaupt davon sprechen darf, Mehr Nur in dm dunkleren Regungen; des Gemüts, dem verhüllten Herzensschlag. . . Meine Art zu dichten ist Mehr Sache der Stimmung, welche abgebrochen, augen­blicklich ist, und was außer derselben gedichtet oder zwar in Der­selben entworfen, aber nachher ausgeführt ist, wird mißlingen."

Die schweren verhüllenden Schleier, die der wortkarge spröde Uhland üm sein inneres Erleben und Gestalten gebteitet, sind erst in allerletzter Zeit durch die.Veröffentlichung seines Briefwechsels (191-1/12) gelüftet worden, und mit Staunen vernimmt man nun diese jugendlichen Ergüsse, die zu den verborgenen Quellen seiner Poesie führen. Auch er hat mit Jean Paul geschwärmt und' sich Mit Novalis in das Dunkel der Ahnung gestürzt, aber sein schwäbischer Wirklichkeitssinn und sein frischer HuMor führen ihn aus allen Irrwegen stets wieder auf den graben Weg ruhiger fester Lebenssicherheit. Der kurze Ueberschwaug der Jugend, der dichtende Eifer der Genossen, die sich um' ihn in derschwäbischen Dichterschule" scharen, das erste gewaltige Erleben des Mittel­alters in seinen Studien, sie lassen in Uhlands Gemüt alle Knospen­der Phantasie springen, entfalten in ihm einen üppigen Dichter- srühling, dem kein Sommer und kein Herbst folgen sollten. Ms dies seelische Blühen und Drängen in den Sorgen und Aufgaben des Mannesalters entschwand, war auch die innere Notwendig­keit des Schaffens dahin und still hängte Uhland die Leier an die Wand. Schulübungen hätten die Reimgewandtheit des Knaben gezeigt, tastende Nachahmungen von Osttan, Klopstock, der jungen Nom antik waren gefolgt. Als er türmt 1810 die Seintat, aus. der

er seine Kraft gefog-en, verläßt und in Paris die Distanz und Frechheit der Freude -empfindet, beginnt die reiche Ernte, die den DichterrühM Uhlands für alle Zeit ausmacht. Ihm war es ge­geben, das lautere Gold des Volksliedes- zup vollkommenen Schön­heit der Kunstpoesie ju hämmern, schalkhafte Anmut und derben Humor mit sittlichem Ernst und markigem Pathos zu vereinen-, in seinen Balladen und Romanzen die altck Heldenzeit wieder auf­leben. zu lassen, Grimm und Spaß der Recken meisterlich zu, treffen. Diese Verbindung von einfacher Naivität mit einer kristallklarett Form hät seinen Gedichten einen Platz im Herzen unseres Volkes verschafft, wie kaum einem andern Dichter, außer Schiller; ait der Wiege erklingen feine Lieder und am Grabe; wir lernen sie in der Schule, uitb sie begleiten uns durchs Leben.- Weder Goethes absprechendes Urteil noch Heines Witzkritik haben ihnen geschadet; wir erkennen die Enge seines Talentes, deM auch im Drama und im größeren erzählenden Gedicht nur das Lyrische gelang; wir empfinden die Blässe und Weiche mancher Bilder, die seine zahllosen Nachahmer noch mehr.entwerteten. Un- venvelklich bleibt die Frische, die Kraft und die künstlerische Voll­kommenheit seiner besten Schöpfungen.

In Uhlands Wesen sind der Dichter, der Gelehrte und der Politiker eins. Seine Poesie hat durch diese beiden andern Haupt- eleMente seiner Natur wertvolle Anregungen erhalten. Tie Be­geisterung für die Dichtungen des Mittelalters war das erste große Erlebnis seiner Jugend, und in seinen Studien zur Sage und Dichtung fand er die besten Stoffe für sein Schaffen. Diese Liebe zur altdeutschen Vergangenheit stempelt ihn zum Romantiker, und die Gestalten und Motive seiner Dichtung sind jene Mächte geworden, die Tieck in seinemAufzug der Romanze" als die Sinnbilder des Romantischen erscheinen läßt: Glaube und Liebe, Tapferkeit und Scherz; Pilgerin und Troubadour, Ritter und Hirtenmädchen. Seine herrlichen vaterländischen, Gedichte, diese Muster einer rein künstlerischen Tendenzpoesie, sind aus seinen politischen Kämpfen erwachsen. Je mehr aber der Dichter ver­stummte und nach 1830 hat er nur Weniges noch geschaffen- desto stärker traten Polittker und Gelehrter hervor. Man hät Uhlands politisches Wirken noch nach seinem Tode sehr laut, fast überschwenglich gepriesen. Heute ist der Glanz des Abgeord­neten, des Redners in der Paulskirche verblaßt; der mannhafte! Demokrat, der hartnäckige Oppositionsmaun, der eigensinnige Par- tikularist, der zwischen den Parteien stand und dem Preußen als deutsche Vormacht ein Greuel war, lebt nur noch in den Paar- Liedern, die so unvergeßlichdas gute alte Recht" Preisen, den! Schwindelhaber" verspotten und inbrünstig beten:

Wenn heut ein Geist herniederstiege. Zugleich ein Sänger und ein Held ..."

Viel bedeutsamer ist des Dichters wissenschaftliche Arbeit ge­wesen, und sie scheint mir in weiteren Kreisen auch heute noch nicht genügend geschätzt und genützt zu werden. Von den acht Bänden seiner Schriften zur Geschichte der Dichtung und- Sage, die uns die germanisch-romanische Vorzeit und die mittelalter­liche Dichtung in einer im einzelnen überholten, im ganzen un­erreichten Weise darstelleu, ist nur eine einzige Neuausgabe er­schienen. Sein biographisches Meisterwerk, die schöne Darstellung Walthers von ber Vogelweide, entstanden aus einem wirklich kongenialen Nacherleben, ist noch immer nicht Volksbuchigeworden, und daß seine Sammlung deutscher Volkslieder in jedem guten deutschen Hause eine Stätte finden solle, ist ein frommer Wunsch Treitzschkes geblieb-eu. Und doch steht Uhland .als -Erwecker und Entdecker der Geistesschätze unserer Vergangenheit neben den Brü­dern Grimm, wie das Scherer so schon betont hat. Auch aus ihm ruhte derSegen der Solidität", im Gegensatz zil den krausen Anregungen, die die Frühromantiker ausstreuten. Seine erste Arbeit über das altfranzösische Apos, das Resultat seiner Pariser Studien, war eine Epoche machende Leistung, die einen großen Stoff meisterte und Klarheit und Ordnung hineiubrachte, und die gleiche Kraft der Anschauung und Zartheit ber Deutung lebt in feinen Arbeiten zur deutschen Volksdichttmg und germanischen! Mythologie.Ich betrachte sie nicht lediglich als eine .Auswan­derung in die Vergangenheit," meint er von diesen Studien,eher als ein rechtes Einwanbern in die liefere Natur des deutschen! Volkslebens, an dessen Gesundheit man irre werden muß, iuenit man einzig die Erscheinungen des Tages vor Augen hat, uttb! dessen edlem, reichern Geist geschichtlich darzustellen, nM so weniger unnütz fein Mag, je trüber und" verworrener die Gegenwart sich anläßt. Drum ist ein Sichversenken in diese Schriften mit ihrem edlen Stil und herrlichen Inhalt -ein stählendes Geistesbad noch in unfern Tagen; aber auch auf den Urgrund ber Uhlandschen Dichtung schaut nur, wer diese wissenschaftlichen Werke kennt; so sagt es sein eigen Wort:Wer sich nicht mit meinen SttidieN! besaßt, kann auch nicht über mich schreiben."

Lichtkultur vor (00 Jahren.

Unter den gewaltigen Fortschritten, die Komfort und Luxus in der äußeren Lebenshaltung in den letzten 100 Jahren gemacht haben, ist wohl der erstaunlichste in derLichtkultur" geschehen^ in der Z imm er b el eu chtu n g. Wir können uns' heute gab nicht Mehr vorstellen, wie dunkel es vor hundert Jahren aMWus- lichen Herd war, welche unendliche Mühe das Feueranzündeni verursachte. uub in.nichts Wie Ms. ber Urgroßvater Wehr be-