710

Vielmehr der Hoffnung Ausdruck, daß die Geschworenen sich ntit einer derartigen oberflächlichen. Schlußfolgerung eines Arztes, und tvemt er eine noch so geachtete Stellung einnehme, nicht zufrieden geben würden. In einem io ernsten Falle tote diesem, wo das Leben eines unbeschol-, tenen Mannes auf dem Spiel stehe, seien Tatsachen, aber keine Indizien zu verlangen. Damit setzte er sich, und Peunyseather trat ziemlich kleinlaut ab.

Dann kam die alte Hexe Hephzibah an die Reihe. Sie sah verbissener und unversöhnlicher aus als je^ zuvor und wiederholte ihre früheren Angaben. Das Gericht ließ ihr einen sehr weiten Spielraum, und ich merkte, daß sie am liebsten gesehen hätte, wenn ich . möglichst bald der lebendigem Leibe verbrannt worden wäre so groß war ihr Haß gegen mich. Endlich nahm Mortimer sie gründ­lich ins Gebet. Er fragte sie, ob sie dem Angeklagten einen Boten geschickt habe mit der Aufforderung, sofort nach Putney zu kommen, da seine Tante tut Sterben liege und ihn noch zu sprechen wünsche? Das hätte sie keines­wegs und die bloße Vermutung müsse sie mit Entrüstung zurückweisen. Welch absurde Idee!

Mortimer erwiderte, daß er keine Lust habe, mit ihr zu disputieren, ihre unter Eid gemachte Aussage, daß dies nicht geschehen sei, genüge ihm. Er wünsche nun noch zu wissen, wer außer ihr selbst, der Verstorbenen« und dem Angeklagten am Wend der Ermordung noch im Hause gewesen sei:Niemand außer der Krankenpflegerin, die ihm die Tür aufgemacht hat," antwortete sie, auf mich deutend.Welches ist der Name und die Adresse dieser Pflegerin?" fragte Mortimer. Hephzibah biß sich auf die Lippen, schien aber keine Antwort zu finden.Ich sehe," .sagte Mortimer,daß Sie sich nicht mehr erinnern können." Hephzibah ging auf . diesen Leim und versetzte:Nein, ich kann mich wahrhaftig nicht mehr entsinnen."Schön," fuhr Mortimer fort,nun muß ich aber noch eine Anforderung an Ihr Gedächtnis stellen: wie hieß die andere Dame, die sich an jenem Abend noch int Hause befand?"

Ich hätte nie geglaubt, baß. dieses hagere Geschöpf im ganzen Körper so viel Blut hatte, wie mit einem Mal in ihr Gesicht schoß, um ebenso rasch wieder zu verschwinden und eine Totenblässe zu hinterlassen. Sie verstehe diese Frage nicht, erwiderte sie.Sie scheint mir ziemlich klar," versetzte Mortimer und wiederholte sie. Doch! sie konnte sie auch jetzt nicht beantworten; sie blieb bei der Beteue­rung, daß äußer den Genannten und Doktor Peunyseather keine Seele weiter in jener Nacht im Hause gewesett sei.

Ich konnte mir zwar nicht denken, woranf mein Freund mit dieser Frage hinaus wollte, aber trotzdem war ich von ihrer Bedeutung überzeugt, zumal ich bemerkte, daß sie auch auf die Geschworenen großen. Eindruck machte. Hephzibah wurde sogar derartig schwer dadurch betroffen, daß sie trotz aller Anstrengung sich nicht mehv auf den .Beinen zu halten vermochte und halb ohnmächtig hinaus­getragen werden mußte.

Als nächster Zeuge wurde Gregory aufgerufen. Er trat so fest und zuversitlich auf, daß ich mich darüber wunderte, denn ich konnte nicht fassen, wieso er sich seit dem letzten Male derartig verändert haben sollte. Doch meine Neugierde wurde bald befriedigt. Er begann seine Aussage gleich, damit, daß er das vorige Mal einen wich­tigen Umstand vergessen habe; und nun erzählte er, tote damals am Nachmittage ein Junge gekommen sei und ihm mündlich die Botschaft überbracht habe, Herr Doktor Williams der gerade nicht zu Hause gewesen sei möge schleunigst nach Putney zu seiner Tante kommen, die im Sterben läge und ihn zu sehen wünsche. Die vorher- gehende Zeugin habe dies zwar unter Eid bestritten, aber der Junge sei bereits zur Stelle und würde die Richtigkeit dieser Angabe auf .Wunsch gerne bestätigen.

Diese Erklärung verursachte selbstverständlich große Er­regung unter den Geschworenen. Daun stand Mortimer auf unh rief:Henry Tibbs!"

Ein rotbäckiges Bürschchen trat vor unfr legte mit einer Unbefangenheit, aus der die Wahrheit seiner An­gaben sprach, ein überraschendes Zeugnis ab. Am Nach­mittage vor dem Morde fei ihm ein Weib auf der Straße begegnet, das ihn «gefragt habe, ob er sich einen Schilling verdienen wolle. Diese Frage habe kaum einer Antwort bedurft, und er fei bald mit dem Schilling unb dem «Fährgeld in der Tasche unterwegs gewesen. Er sollte in Richmond die, Adresse des. Herrn Doktor .Williams aus­

findig machen und ihm sagen, seine Tante läge im Sterben und er soll sofort nach Putney kommen. Er habe diesen Auftrag an den letzten Zeugen ausgerichtet und er erkenne in der Zeugin Hephzibah mit aller Bestimmtheit die Person wieder, die ihtn damals das ®efi> gegeben habe. Heph­zibah wurde dann wieder in den Gerichtssaal gebracht; ihre Gesichtsfarbe war ganz graugrüit, uni)' der Junge rief gleich:Das ist f'e. Ja, das ist fe, die mir in der Gärtnerstraße den Schilling gegeben hat. Sie stattn Schleier vor, aber ich kenn fie trotzdem wieder."

Hephzibah suchte «die 'Erklärung des Burschen zu ent- kräfteit, aber ihre lendenlahmen Ausreden, die sie mit leiser, stockender Stimme vorbrachte, machten einen keines­wegs glaubhaften Eindruck. Sie wttrde gleich« wieder hinausgeführt, die Richter schüttelten bedeutungsvoll die Köpfe, und die Federn kratzten hörbar über das Protokoll­papier. Daun erhob sich Mortimer wieder und rief In­spektor Beale.

Sie sind der Vorstand der Kriminalabteilung« in Scot­land Pard?" sagte er.Jawohl, das bin ich," antwortete Herr Beate in selbstbewußtem Tone. Sofort waren aller Augen auf ihn gerichtet. Ich will seine Rede hier nicht wörtlich« wiederholen, sondern -nur die Hauptpunkte her­vorheben:

Die Polizeibehörde hatte schon vor Wochen von einer ausländischen Verschwörerbande in London Wind bekom­men. Ihre Ziele seien zwar noch! nicht genau zn durch­schauen, aber soviel sei vollkommen klar gewesen, daß sie es in erster Linie auf die Vernichtung des Beschuldigten und der jungen Dame abgesehen hätten, mit der er sich verlobt hatte. Ein Anschlag auf das Leben der Braut fei bereits gemacht und int letzten Moment nur durch das Dazwischentreten des Angeklagten vereitelt worden. Dabei sei einer der Verschwörer getötet und ein anderer verwundet und nachträglich verhaftet worden. Die Er­mordung des Fräulein Donaldson sei die Tat derselben Gesellschaft und der Angeklagte seiner festen Ueberzeugung nach absolut unschuldig daran.

(Fortsetzung folgt.'

Ludwig Wand.

(Zu seinem 50. Todestage, 13. November.)

Von Dr. Paul Landau.

Schlicht Wort und gut Gemüt, ist das' ächte deutsche Lied." Dies treffliche alte Sprichwort nennt Nhland in einem Bries an den Grasen Soeben seinen Wahlspruch und bekennt als das Ziel seines Dichtens:In Bild, Form' und Wort tnich der größten Einfachheit zu befleißigen, sollte sie mir auch den Vorwurf der Trockenheit zuziehen, die einheimischen Weisen zu gebrauchen, vaterländischer Natur und Sitte nachztthängen, mir unsere ältere Poesie und zwar unter dieser wieder die wahrhaft deutsche, zuml Vorbild zu nehmen." Durch dies treue Festhalten an der hei­mischen Vergangenheit, dies innige, neuschöpferische Erleben der volkstümlichen Dichtung ist er vor vielen ein Liebling unserer! Nation geworden und wird es immerdar bleiben. Ein halbes Jahrhundert nach seinem Scheiden ertönt noch immer Emanuel Geibels Totenklage um denMeister und Helden,", dessen Schild rein war wie fein Gedicht, in alben Herzen:

Trum', wenn wir seinen Weisen lauschen. Umweht es uns wie Heimatluft, Wir hören deutsches Waldesrauschen, Wir atmen deutschen Maienduft.

Die Herrlichkeit verschollner Tage Steigt Mondbeglänzt vor uns herauf, Und geht beim 'Waldhornruf der Sage Das Herz' in süßem Schauer auf.

DenKlassiker der Romantik" hat D. Fr. Strauß Uhlaub getauft und die wundersam einzigartige Verschmelzung wider-- strebender Eigenschaften, die in ihm verkörpert war, damit treff­lich gekennzeichnet. Schwärmerische Hingabe und schroffe Zurück­haltung, strömendes Gefühl und trockene Nüchternheit, kraftvolle Glut der Phantasie und gehaltene Mäßigung wo hätten sie sich wohl je in einem Poeten sonst noch zu solch klarer Har­monie, zu so reintönendem Wohlklang bereinigt? Bei der Be­trachtung feiner Persönlichkeit fällt «einem ein, was Friedrich Schlegel von der deutschen Kunst sagte, sie sei rechtlich, treu­herzig, gründlich, genau und tiefsinnig," dabei unschuldig «und etwas ungeschickt. Mit den geistvoll barocken Irrlichtern, die damals den deutschen Dichterwald durchtanzten, mit einem Fr. Schlegel und Brentano, einem Zach. Werner und B. D. At Hoffmann verglichen, war dieser aufrechte knorrige Eichbaum der äußerste Gegenpol des nach ihrem Sinne Poetischen. Und wer iw kejnemt Aeußrrn Ws Wst. des romantischen Dichters suchte^