M2 - Nr. 178
ii
W
Die Dame im Pelz.
.Roman bon G. W. App le ton.
Machdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Der nächste Zeuge war Gregory. Seine Augen suchten die meinen, und ich bemerkte einen Blick, der sagen zu wollen schien: „Ich habe Ihnen eine böse Suppe eingebrockt, aber vergeben Sie mir, wenn Sie können." Der arme Kerl tat mir wahrhaftig leid. Ich lächelte und nickte ihm ermutigend zu, worauf sich sein Gesicht sofort aufheiterte. Er suchte seine erste Aussage möglichst aozu- schwächen. Er erklärte, daß ich ihn nur ganz beiläufig gefragt, daß er das Fläschchen nur gewohnheitsmäßig gefüllt habe, daß dies zu seinen Obliegenheiten gehöre und auch diesmal nicht auf meinen besonderen Wünsch geschehen sei. Aber trotz alledem schien mir die Aussage dieses einwandfreien Zeugen auf die Richter einen für mich sehr belastenden Eindruck zu machen, und ich fragte mich wieder von neuem, welcher Teufel mich an jenem Abend geritten haben müßte, mit meinem Assistenten über Acouitvergiftung zu sprechen.
Doch noch schlimmer wirkte das Zeugnis des Ortspolizeiinspektors. Er zog einen Brief aus der Tasche, den er bei meiner Leibesvisitation bei mir gefunden hätte. Es war das ominöse Schreiben, worin mir §err Barton mitteilte, daß meine Tante ihr letztes Testament noch nicht unterzeichnet habe.
„Es bietet sich Ihnen jetzt also eine günstige Gelegenheit, fassen Sie auf alle Fälle zu," las der Beamte mit Nachdruck. Richter und Vorsitzender schüttelten bedeutungsvoll die Köpfe; das war für mich das Motiv zur Tat gewesen. Doch als der Inspektor weiter las: „Die verdammte Hephzibah weiß nichts davon und wähnt sich als alleinige Erbin," empfand ich offen gestanden eine große Freude, als ich bemerkte, wie meine Feindin plötzlich kreidebleich wurde und den uniformierten Mann ungläubig anstarrte.
Nach Schluß der Zeugenvernehmung ergriff Herr Barbon das Wort zu einem kleinen Plaidoyer. Er wies darauf hin, daß es in hohem Grade unwahrscheinlich sei, haß meine Taute gerade in einem unbewachten Augenblick von der Medizin genommen haben sollte, obwohl sie doch angeblich den Verdacht gehabt habe, daß ich ihr etwas hineingegossen hätte. Was seinen eigenen Brief betreffe, so habe er mir damit nur den guten Rat geben wollen, mich noch rechtzeitig mit meiner Tante auszusöhnen. Er möchte daher den Gerichtshof warnen, durchaus unschuldigen Worten einen falschen Sinn unterzuschieben und auf Grund bloßer und noch dazu unzureichender Indizien einem unbescholtenen Manne ein so furchtbares Verbrechen zuzu- tr einem
Die Richter hielten mich jedoch für hinlänglich der» dächtig, und nach einer Stunde befand ich mich bereits wieder in meiner Zelle im Wandsworther Untersuchungs^ gefängnis.
*
Die Zeit zwischen dem Untersuchungstermin und der Hauptverhandlung verstrich sehr langsam. Von dem, was zu meinen Gunsten unternommen wurde, erfuhr ich wenig ober nichts, und das geflissentliche Schweigen Mortimers und Herrn Bartons hätte mich direkt beunruhigen können, wenn mir ihre frohen Mienen bei ihren Besuchen nicht das Gegenteil gesagt hätten. Von Inspektor Beale persönlich hörte und sah ich freilich nichts, obwohl man mir erzählte, daß er eifrig für mich arbeite. Was mich aber mehr als alles andere mit frischem Mut beseelte, war ein Brief Marcellas, worin sie mich bat, nicht zu verzweifeln: die finsteren Wolken über mir begännen bereits, sich zu zerteilen, und sie bedauere nur, mir in meiner Einsamkeit nicht die Zeit vertreiben zu können. Aus alledem schloß ich, daß sich meine Aussichten bessern müßten unjS ich im nächsten Termin wahrscheinlich eine angenehme Ueberraschung erleben würde.
Endlich brach der ereignisreiche Morgen heran. Goldene Sonnenstrahlen durchfluteten draußen die Welt, einige erhellten sogar meine kalte Zelle. Die Wärter behandelten mich scheinbar weniger barsch als sonst. Es mußte eine Wendung eingetreten, etwas günstiges für mich int Anzüge sein. Das spürte ich, und meine Brust schlug höher. Selbst der ,/grüne Wagen" hatte seine Schrecken verloren. Ich konnte beinahe fühlen, wie sich meine Wangen wieder röteten; ich zweifelte nicht mehr, daß ich bald der Freiheit wieder zurückgegeben würde.
Sicheren Schrittes und erhobenen Hauptes, frei von aller Bangigkeit, betrat ich den dichtgefüllten Gerichtssaal. Besonderen Halt gab mir noch der Anblick Marcellas, die nicht weit von nur entfernt saß und mich mit hoffnungsfreudigem Gesicht zärtlich anblickte.
Doktor Pennyfeather wiederholte seine Aussage, wie er sie das letzte Mal abgegeben hatte; allerdings nicht ganz so keck wie damals.' Mortimer, der mir heute als Rechtsbeistand diente, nahm ihn in ein scharfes Kreuzverhör. Er steifte sich ganz besonders auf das Urteil des Sachverständigen, daß der Verstorbenen mehr als eine Unze Aconit beigebracht worden sein müsse, und brachte dann ein authentisches Werk über Toxikologie vor, um diese Annahme zu stützen. Außerdem bedrängte er ihn hart wegen des leeren Fläschchens, das er im Krankenzimmer gefunden haben wollte. Ob er unter seinem Eid aussagen könne, daß auch wirklich Aconit darin gewesen sei, ob er den Rest des Inhaltes untersucht habe? Das hätte er nicht — auch nicht für nötig gehalten. Die Etikette auf dem Fläschchen und die Tatsache, daß meine Tante an Äcouit- vergiftung gestorben sei, genüge doch wohl. Dieser Au- pcht vermochte Mortimer absolut nicht beizupflichten, gab


