Ausgabe 
13.7.1912
 
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den Altar umschließt, eine Entwicklung durch. Um den anfangs geradlinigen Chorschluß legen sich spater Kapellen. Die Kirchen Von Neuberg und Marienfeld u. a. führen die Seitenschiffe bis zum Chorabschluß durch. Schließlich erhält die Ostseite noch einen Umgang, an den sich Kapellen anschließen. Dieses ist besonders in Ebrach und Riddagshausen in Braunschweig der Fall, während der Ostumgang und die Ostkapellen in Arnsburg (jetzt nicht mehr erhalten) nur einen Versuch dazu darstellen.

Das Kloster Arnsburg selbst verdankt seine Entstehung der Belehnung des um 1150 gegründeten Benediktinerklosters Alten­burg mit dem Schlosse -Arnsburg durch Kuno von Münzenberg, die später zur Aufhebung von Altenburg führte. Arnsburg wurde 1174 dem Cisterzienser-Orden übergeben, der hier eine .Abtei mit dem Abt Gerhard von Eberbach im Rheingau gründete. Durch Schenkungen und Erwerbungen vergrößerte sich allmählich der Grundbesitz und damit das Vermögen des Klosters, ein Reichtum, den der 30jährige Krieg aber sehr zusammenschmelzen ließ. Ganz besonders chatte die Kirche unter dem Kriege zu leiden. Doch erholte sich das Kloster ziemlich rasch von diesen Schicksalsschlägen, bis der Reichsdeputations-Hauptschluß, wie so vielen geistlichen Stiftern, auch Arnsburg 1803 ein Ende machte. Die Abtei ging in den Besitz des Grafen von Solms-Laubach über. Der Grundbesitz des Klosters fiel an das Solmser Fürstenhaus.

Die Verwitterung der Kirche war aber inzwischen so rasch vor­geschritten, daß 1828 eine Entfernung der am meisten beschädigten Teile notwendig wurde, die dem Gotteshaus im wesentlichen das heutige Aussehen gab. Ein Opfer dieser Verwitterung wurden auch das quadratische Gewölbe, das Altarhaus und Vierung, d. h. den Teil zwischen Langhaus und Querhaus, früher überdachte, und ebenso. das rechteckige und die vier quadratischen Gewölbe­joche, die einst die Decke des Hauptschiffes gliederten.

Ganz besonders romantisch muten jetzt die vierkantigen Pfeiler an, die das Hauptschiff von den Nebenschifsen scheiden. Sie gaben der Ruine erst das charakteristische Gepräge. In den älteren Teilen der Kirche herrscht der romanische Rundbogen vor, zudem sich ehemals sechsteilige Kreuzgewölbe in den Neben­schiffen geseilten. Schüchterne Anfänge der Gotik verraten sich in diesem romanischen Teil aber bereits in der Verwendung von Sänlenköpfen mit aufrollenden Blättern, die ein Kennzeichen der Gotik sind, und in den zum gotischen Trisoriuni überleitenden Fenstern in den Umsassungswänden des Hauptschiffes über den Rundbogen. Und zwar liegen diese älteren Teile auf der östlichen Seite, der Chorseite. Ihr Bau wurde wahrscheinlich 1174 be­gonnen. Die übrigen gotischen Teile der Kirche mit den noch erhaltenen vierteiligen Kreuzgewölben in den Seitenschiffen be­weisen, daß später eine Unterbrechung des Baues stattgefunden haben muß. Nach Wiederaufnahme der Arbeit wurde das Bauen jedenfalls sehr beschleunigt. Wenigstens deuten die gotischen Teile des Klosters auf beinahe dieselbe Entstehungszeit hin. Bewunderns­wert ist die Anlage der Gewölbeträger im Hauptschiff, die sich gleich einem Ann aus der Mauer hervorstrecken. Eine eben­solche Würdigung verdienen die riesigen Eckpfeiler an der Vierung. Den Altarraum schloß ehemals eine halbkreisförmige Apsis ab, um die sich zwei Nebenapsiden gruppierten. Die Grundmauern dazu sind durch Ausgrabungen festgestellt worden. Die Ver­bindung mit den früher vorhandenen Kapellen vermittelten aus jeder Seite des Altarraumes zwei große Bogcnöffnungen, die noch gut erhalten sind. Vielleicht werden weitere Ausgrabungen die Grundmauern der Kapellen, die sich noch in der Erde östlich von dem Altarhaus befinden, ihrem Dornröschenschlaf entreißen.

In der nördlichen Umfassungswand der Kirche befindet sich eine interessante Tür, die in ihrem oberen, von einem Spitzbogen überwölbten gradlinigen Abschluß an die einfachen Steinbalken über den Türen der karolingischen Zeit erinnert. An dem nörd­lichen Nebenschisf erhebt sich das Denkmal Johanns von Linden und der Guda v. Bellersheim aus dem Jahre 1394, das den Vergleich mit dem Besten der spätgotischen Grabmalkunst aushält.

Diese spätgotische Bildnerei liebte es besonders, den Männern breite Formen zu geben. Sie suchte aber auch dem Innenleben der Figureir lebendigen Ausdruck zu verleihen und überdachte sehr oft ihre Gestalten durch einen Baldachin, den eine Nische in Spitzbogenform schaffen muß. Das Gewand ist gewöhnlich als ein dicker Stoff wiedergegeben, dessen Falten daher oft plump erscheinen. Diese Eigenschaften prägen sich auch in dem Grabmal von Arnsburg aus. Der zierliche Kopf des Ritters geht auf .Einflüsse der Antike zurück, die gleichfalls den Köpfen einen möglichst geringen Umfang gab. Der eigentlich künstlerische Wert des Grabmales liegt in der meisterhaften Wiedergabe des Antlitzes der Guda, deren vornehme Züge eine tiefe Enipfindung atmen. Diese Vorzüge lassen auf einen recht bedeutenden Künstler schließen.

Der Kirche legt sich im Westen, von ihr durch eine Mauer geschieden, eine Halle vor, die bis auf die noch oben in einem Rundbogen schließende Tür in der westlichen Außenseite gotische Bestandteile aufweist. Die Verbindung mit der Kirche vermittelte eine zweite Tür, die in das nördliche Seitenschiff führte und jetzt zugemauert ist. Sie kann, da sie ganz nebensächlich erscheint, als Beweis dafür dienen, wie wenig Wert der Gottesdienst der Cisterzienser aus den Besuch von Laien legte. Das 18. Jahr­hundert liest die das dreiteilige Deckengewölbe der Vorhalle heute gliedernden Rippen entstehen. An die Sakristei, die sich südlich ian das Altarhaus anschließt, stößt der herrliche Kapitelsaal, der

zur Abhaltung größerer Feierlichkeiten diente. Die Fenster, di« seine Ostwand durchbrechen, verbinden in dem Spitzbogen, der sich über zwei kleineren Rundbogen mit Säulen als Trägern wölbt, gotische Motive mit romanischen. Die Fenster auf der Westseite sind dagegen in reinem gotischen Stil gehalten. Die Decke des Saales bilden Kreuzgewölbe ohne Rippen. Die Spitzbogenform prägt sich aber schon in den zierlichen Gurten aus, die auf die mittleren Pfeiler hinübergreifen, ebenso auch in den schwerfälliger behandelten Gurten an den Umfassungsmauern. An den Kapitel­saal fügt sich ein weiterer Raum, der bisher als Vorratsraum angesehen wurde. Gegen diese Verwendung sprechen aber stark die hier früher vorhandenen Pfeiler und Gewölbe, die auf einen wichtigeren Zweck schließen lassen dürften. Den oberen Stock dieses Baues, des sogenannten Konventsgcbäudes, nimmt der ge­meinsame Schlafsaal der Mönche ein, der sich in der späteren Zeit in Einzelzellen verwandelte. Um den Hof des Klosters führte ehemals ein Rundgang, von dem noch Spuren in den Gewölbestützen an der unteren Wand des Konventsgebäudes fort­leben. .An der oberen Wand sind gleichfalls noch die jetzt zu­gemauerten Rundbogen der Fenster des ursprünglichen Schlafsaals und die rechteckigen Oeffnungen der späteren Zellenfenster er­kennbar. Die nördliche Seite des Hofes ziert der Grabstein Johanns von Falkenstein, dessen künstlerischer Wert an das Denk­mal der Guda von Bellersheinr jedoch nicht heranreicht. Der Bau, der die südlich« Seite des Klosterhofes abschließt, entstammt der Spätrenaissance. Er endet an der Außenseite nach Osten in einen Pavillon und soll später auch auf der anderen Seit« fort­gesetzt werden.

Im Anschluß an den Besuch Arnsburgs fand in Lich ein« Besichtigung verschiedener Bürgerhäuser und namentlich der Marienkirche statt, -Auf die prächtigen siühgotischen Grabdenk­mäler der Kirche (vom Eingänge aus betrachtet, auf der linken Seite hinter den: Altar das vierte und fünfte Denkmal) sei hin­gewiesen ; sie dürften in ihrer tiefen Empfindung in der Früh­gotik ihres gleichen suchen. Mögen diese Zeilen dazu beitragen/ und das ist ihr vornehmster Zweck, weitere Kreise für unsere! so reiche deutsche Kunst, besonders aber der eigenartigen Kunst/ die uns in den Cisterzienserbauten entgegentritt, zu. gewinnen und das. Verständnis, zu erleichtern. H,

Die Entstehung des Bernsteins.

i Während über die Entstehung der Stein- und Braunkohl« noch bis in die neueste Zeit hinein die tvunderlichsten Theorien vorgebracht wurden, hatte man über Bildung eines anderen brennbaren Steins, des Bernsteins, früher Börnstein genannt .(von dem altdeutschen börnen = brennen), schon im Alter- tume eine richtige Vorstellung. Wegen der oft eingeschlossenen: Insekten erklärte schon Aristoteles, daß der Bernstein als Harz aus Bäumen gequollen sei. Der zur Zeit Christi lebende römische .Geschichtsschreiber Tacitus schreibt:Ich denke mir, daß, wie in den fernen Gegenden des Morgenlandes, wo Weihrauch und Balsanr ausschwitzen, es so auch auf den Inseln und Küsten des! Abcndlaudes fruchtbare Wälder und Haine gibt, wo Baumharz/ durch die Strahlen der nahen Sonne ausgezogen und flüssig gemacht, .ins nächste Meer hinabrinnt und durch Sturmgewalt ans' gegenüberliegende Ufer geschwemmt wird". Tacitus nahm also an, der Bernstein werde in den damiligen Wäldern ausgeschwitzt, und er machte nach der phantastischen Naturanschauung jener Zeit die jm Äbendlande untergehende Sonne dafür verantwortlich.

Heute wissen wir, daß die Bernsteinwälder in einer jetzt etwa 1 Million Jahre zurückliegenden Zeitepoche grünten, und daß das ausgeschiedene Harz ebenso wie bei den heutigen Nadel­hölzern dem Äandverschlusse diente. Zwei Erdperioden sind es, die uns Ueberreste von Wäldern in größeren Massen hinterließen/ nämlich die Steinkohlenzeit oder Karbonformation und die Braun­kohlenzeit oder das Tertiär. Der Bernstein gehört jedoch aus­schließlich dem Tertiär an. Wenn es in der etwa 200 Millionen Jahre zurückliegenden Steinkohlenzeit trotz der gewaltigen uns überkommenen Steinkohlenlager nicht zur Bernsteinbildung kant/ so hat das seinen Grund darin, daß die damaligen Pflanzen noch keine harzausscheidenden Organe entwickelt hatten. Bedeckten zur Steinkohlenzeit Wälder von üppigen Tropengewächsen das Fest­land bis weit zu den Polargegenden hinauf, so herrschten zur Braunkohlen- und Bernsteinzeit schon den Heutigen verwandte Arten vor. Bei dem noch immer verhältnismäßig warmen Klima gediehen neben Palmen- und Lorbeerhaiuen große von immer­grünen Eichen, Buchen und vor allem Kiefern und Fichten be­standene Wälder. Die Nadelhölzer bildeten die eigentlichen Bern- steinbäumc, und zwar waren es vorwiegend Kiefern, deren man neben einer Fichtenart vier Arten als Bernsteinlieferanten nach­gewiesen hat. In den damaligen Urwäldern. waren natürlich Beschädigungen der Bäume weit häufiger als in unseren wohl­gepflegten Forsten. Neben Wind und Wetter fügten pflanzliche Parasiten und die reiche Tierwelt den grünenden Bäumen immer neue Wunden M Größere Tiere brachen in dem dichten Ge­strüpp ganze Aeste ab. Eichhörnchen schälten ganze Rinden ab/ der Specht zimmerte seine Höhlungen hinein. Manche Baum­riesen zeAchmetterten bei ihrem Todessturze weit 'im Umkreis« ganze Kronen und rissen in den Borken weite Wunden auf. Ge- ivaltige Unwetter knickten oft ganze jahrhundertealte Wälder.