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Break wählen, oder noch besser die vierspännige Coach --g ich könnte ja selbst fahren."
„Ach ja, bitte, Papa," rief Alexa. Sie hatte sich schnell in das Unvermeidliche gefügt, Claire nicht allein begrüßen zu können. Vielleicht würde sie trotzdem Gelegenheit finden, ihr auf dem Bahnhof ein paar Worte zuzuflüstern, jund wenn nicht, dann lagen die Zimmer, in denen Claire wolMew sollte, ja neben dem ihrigen. Sie würde ihr beim Umkleiden helfen, ihr abends vor dem Zubettegehen Gesellschaft leisten, da würden sie sich schon aussprechen können.
Der Gras hatte nicht umsonst den Vorschlag gemacht, daß er selbst kutschieren wolle. Er wußte, daß Dagmar, so entschlossen sie auch sonst in ihrem Wesen und so mutig sie beim Reiten war, während des Fahrens oft ängstlich wurde, weil sie sich da nicht auf sich selbst, sondern auf die Geschicklichkeit eines anderen verlassen mußte. Und der Graf war kein allzu tüchtiger Fahrer, wenigstens nicht, wenn er den Viererzug lenkte. So hoffte er, daß Dagmar rufen würde: unter diesen Umständen bleibe ich doch lieber zu Hanse. Und er hatte sich schon vorgenommen, das nicht übelzunehmen, sondern sich darüber zu freuen.
Aber Dagmar sagte gar nichts. Und als der Graf noch einmal von der Coach anfing, und Dagmar fragte, oh es ihr auch recht sei, meinte sie nur: „Aber Papa, es ist doch ganz gleichgültig, welchen Wagen du nimmst."
So mußte er sich ins Unvermeidliche fügen; aber er gewann nicht so schnell, wie Alexa, seine gute Laune wieder, sondern knurrte den ganzen Abend vor sich hin und war selbst am nächsten Morgen noch mißgestimmt. Angeblich: weil er nun schon vier Abende kein Ecarts hatte spielen können; in Wirklichkeit: weil er während einer ziemlich schlaflosen Nacht vergebens nach einem Vorwand gesucht hatte, unter dem er Dagmar -hätte bewegen können, zu Hause zu bleiben.
Da, im letzten Augenblick, als der Wagen schon vorgefahren war, nahte ihm Hilse.
(Fortsetzung folgt.)
neu, hofften aber, in vier bis fünf Tagen aus Schlsoßj Gründingen zu erscheinen. Er selbst käme morgen nach- rnittag um drei mit dem Bummelzug, ferne Braut erne Stunde später mit dem Schnellzug; denn daß sie beide ohne eine Anstandsdame denselben Zug benutzten, grnge nach den bestehenden Sitten ja nun ernmal nicht. Cr würde auf dem Bahnhof die Ankunft ferner Braut abwarten und dem Herrn Grafen sehr dankbar fern, wenn er zu dem Schnellzug einen Wagen an die Bahn schicken wür^Das ist doch ganz selbstverständlich," meinte der Graf, „und ebenso selbstverständlich ist es, daß ich mit zur Bahn
fahre mit dir!" rief Alexa. „Nicht wahr, Papa, das erlaubst du mir? Du weißt ja garnrcht, tote ich mich darauf freue, Claire kennen zu lernen."
Die Gräfin widersprach: „Lieber Eduard, ich sinde, du gehst mit deiner Freundlichkeit gegen den Baron etwas zu weit. Gewiß schätze und achte auch ich ihn von ganzem Herzen, aber ich meine trotzdem: es würde genügen, wenn Alexa allein fährt. Abholen muß die beiden natürlich jemand. Ganz abgesehen davon, daß es anders unfreundlich wäre, würde ich es auch nicht recht passend finden, schon der Leute wegen nicht, wenn das Brautpaar hier ganz allein, ohne jede Begleitung, ankäme." ,
Doch der Graf blieb standhaft: „Es tut mir leid, Konstanze, aber ich kann dir nicht beistimmen. Daß es schließlich genügen würde, wenn Alexa allein führe, weiß ich sehr wohl, aber warum soll ich den beiden gegenüber die Höslichkeit auf das bescheidenste Maß beschränken? Ebenso wie Alexa, bin auch ich begierig, Claire kennen zu lernen." , , , . ,
„Wenn du gestattest, Papa, möchte auch ich Mitsahreu, um die Braiit des Barons gleich zu begrüßen," nahm Dagmar da plötzlich das Wort.
Auf alles war der Graf vorbereitet gewesen, darauf! nicht! So blieb ihm fast der Bissen im Halse stecken. Und auch Alexa war ganz starr.
„Dagmar, wie kommst du denn nur darauf?" fragte sie endlich. „Heute morgen hast du noch so unfreundlich über den Baron gesprochen, und jetzt willst du ihn mit abholen, — wie hängt denn das zusammen?"
Die wahrheitsgemäße Erklärung vermochte Dagmar natürlich nicht zu geben. Um dein Baron zu zeigen, daß sie sich absolut nichts aus seiner Verlobung mache, hatte sie vorhin, als man von der bevorstehenden Ankunft des Brautpaares sprach, gleich beschlossen, mitzufcchren. Blieb sie zu Hans, so konnte er darails folgern, daß ihr eine Begegnung unter den veränderten Umständen peinlich toar, daß sie ein Zusammentreffen mit ihm und seiner Braut so lange wie möglich hinauszuschieben wünschte. Je unbefangener sie ihm gegenübertrat, je herzlicher sie Claire in die Arme schloß, um so deutlicher zeigte sie ihm, daß sie seine Verlobung als etwas ganz Selbstverständliches hinnahm, daß sie selbst nie daran gedacht hatte, die Seine zu werden, daß ihre Worte: „Nie, niemals!" hoch nicht, wie er geglaubt, nur eine leere Redensart, sondern ihre gewissenhafteste Ueberzeugung gewesen waren.
Und sie freute sich schon ans fein verlegenes Gesicht, mit dem er ihr gegenüberstehen und ihr seinen Dank für die freundlichen Glückwünsche aussprecheu würde!
„Nicht wahr, Papa, es ist dir doch recht, wenn ich mitfahre?"
Der suchte vergebens nach einer Ausrede; wenn Dagmar ihn begleitete, dann konnte von einer herzlichen Begrüßung auf der Bahn nicht die Rede sein.
Anstatt direkt zu antworten, sagte der Graf: „Ich muß Alexa beistimmen: dein Entschluß überrascht mich." „Mich auch," mischte sich die Gräfin ins Gespräch. „Wer ich muß sagen: er erfreut mich. Er ist mir ein Zeichen dafür, daß Dagmar sich unsere ernsten Worte von heute morgen zu Herzen genommen hat, daß sie einsieht, wie unrecht sie dem Baron tat, und daß sie den Wunsch hat, wieder gutzumachen. Das müssen wir natürlich unterstützen. Und da meine auch ich: Dagmar fährt mit."
„Dagmar fährt mit!"
Der Graf wiederholte es -ganz mechanisch. Die Sache patzte ihm absolut nicht.
„Was nehme ich denn da für einen Wagen?" fuhr er nach einer kleinen Pause fort. „Da sind wir dann alles in allem fünf Personen, -da müßte ich- schon den großen
Arnsburg und die CifterZienser.
Wie alljährlich, so unternahm auch in diesem Sommer Professor Dr. Rauch mit den Studierenden der neueren Kunstgeschichte Ausflüge, die infolge ihrer mit seinem Geschmack gewählten Ziele in hervorragendem Maße dazu angetan waren, das Verständnis unserer deutschen Kunst durch praktische Anschauung wesentlich zu fördern. Während die beiden ersten Ausflüge nach Büdingen und Butzbach führten, hatte sich der letzte Ausflug, den das Wetter ganz besonders begünstigte, das schöne Arnsburg und das Städtchen Lich zum Ziele gewählt. Um Arnsburg in seiner kunstgeschichtlich-en Bedeutung zu würdigen (es zählt zu den am besten erhaltenem Ruinen Hessens), ist es erforderlich, auf seine Entstehung und damit auf die Geschichte des Cisterzieuser- Ordens und des seine Wiege; bildenden Clugniazeuser-Ordcns! einzugehen. , , , ,
Der Orden von Clugny, zu den Benediktinern gehörig, darf das Recht für sich 'm Anspruch nehmen, mit als erster den Kampf gegen den Laien — Einfluß in der Kirche und die Verweltlichung der Geistlichkeit — eröffnet zu haben, nachdem die Versuche einzelner an der Verwilderung und an dem zu weltlichen Sinn der Geistlichkeit gescheitert waren. Eine Parallele dazu bildet der von einem Clugiazenser, dem Abt Robert von St. Michel Tonnöre, um 1090 gestiftete Cisterzienser-Ordcn, dessen erstes Kloster Molesne an der Seine war, der aber erst nach der Gründung des Klosters Citcaux (lat. Cistercium, daher der Name Cisterzienser) und namentlich nach dem Eintritt des hl. Bernhard, dem ersten Abt des von ihm gegründeten Klosters Clairvaux, einen großen Aufschwung erlebte. Dieser Cisterzieuser-Orden nun stellte sich die Aufgabe, dem gleichfalls verweltlichten Mönchtum seine ursprüngliche Reinheit wieder zu geben, ein Versuch, der bei den Clugniazensern in seinen Anfängen stecken geblieben war. 1119 erringt der Orden die päpstliche Anerkennung und verfügt bereits mehrere Jahrzehnte später über zahlreiche Tochterklöster. Entsprechend seinem Hauptziel, die Mönche der Welt zu entfremden und die Verbindung mit den Laien möglichst zu erschweren, suchte seine Ordensregel dem Gottesdienst seinen öffentlichen Charakter möglichst zu nehmen und in den Ordens kirchen, soweit es anging, Einfachheit und Schmucklosigkeit einznbürgern, ganz im Gegensatz zu den damals, üblichen Prachtkirchen. Daraus erklärt sich bei den Cisterzienser« Kirchen das Fehlen jeglicher Verzierungen und prachtvoller Ausstattung, vielmehr beschränkte sich der Schmuck auf das baulich« Gerüst. Die Cisterzienser-Kirchen waren daher meistens Gewölbebauten und ersetzten die mit der karolingischen Zeit den Kirchen sich anfügenden Türme der größeren Einfachheit halber durch Dachreiter über der Vierung. Die bauliche Ausgestaltung der Westfront, welche besonders der Gotik eigentümlich ist, fehlt tut allgemeinen.. Dafür aber machte der Ostteil der Kirchen, der


