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Die von Gründingen.
Roman von Freiherr von Schlicht, (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Und den Mann, der wankelmütiger war als mancher junge Husarenleutnant, hatte sie ernst genommen, den hatte sie gefürchtet, weil sie immer deutlicher fühlte, daß sie vergebens gegen ein wärmeres Gefühl der Zuneigung für ihn ankämpfte, — das sie mit ihrem Stolz nicht Liebe nennen wollte, und das doch Liebe war —- jene Liebe, die nicht im ersten Augenblick der Begegnung wie ein Strohfeuer entflammt, um dann ebenso schnell wieder zu vergehen,. sondern jene Liebe, die dem anderen abgetrotzt und abgerungen wird, die um so leidenschaftlicher gum Ausdruck kommt, je langer sie gewaltsam niedergekämpst wurde, und die, wenn sie endlich das Herz, ergreift, auch dauernd ihren Platz dort behält.
Dagmar schämte sich vor sich selbst, daß sie sich mit diesem Baron so viel in Gedanken beschäftigt hatte. Sie machte sich Vorwürfe, daß sie ihn von Anfang an nicht noch viel mehr in seine Schranken zurückgewiesen hatte! Dann wäre ihr eine Niederlage, wie diese, erspart geblieben.
Und diese Niederlage ließ sie nicht zur Ruhe kommen H ihre verletzte Eitelkeit lehnte sich dagegen auf, daß er eine andere, ein bürgerliches Mädchen, ihr vorzog! Daß er sie selbst, nachdem er wochenlang um sie gerungen, nun etnfad) stehen ließ und ihr damit zu v-erstelM gab: ich bin deiner überdrüssig — es macht mir keinen Spaß mehr, dir zu huldigen — heirate meinetwegen, wen du willst — ich verzichte.
Wenn noch wenigstens ein Streit, irgend eine besondere Veranlassung diesen Umschwung seiner Gesinnung hervorgerufen, wenn sie nur irgend eine Erklärung für sein Benehmen gehabt hätte! Er hatte sich nicht einmal die Mühe gegeben, sein Benehmen ihr gegenüber irgendwie zu motivieren, das hatte er nach seiner Meinung wohl nicht nötig; denn es ist ja nun einmal das Vorrecht der Männer, einer Dame den Hof zu machen, solange es ihnen beliebt, um sich dann einer anderen zuzuwenden. —
Niemals! — das schwur sie sich in diesem Augenblick aufs neue — hätte sie ihn erhört, niemals hätte sie eingewilligt, die Seine zu werden! Aber sie hatte ihm den Korb erteilen wollen; nicht sie, sondern er hätte gedemü- tigt dastehen sollen.
Wie sie ihn haßte! Und wie sie auch Claire haßte, von der er früher nie gesprochen, deren Namen er nie genannt, und die ihm jetzt nur zu begegnen brauchte, uw ihn zu ihren Füßen zu sehen, um ihr den sicheren Sieg über ihn zu rauben!
Wie sie ihn haßte! Und wie sie ihn wegen seiner Schwäche verachtete! — —■
Und noch eins kam hinzu, Claire zu hassen, wenn sie selbst sich dies auch nicht offen eingestand: sie hatte den Baron oft im stillen mit den anderen Herren bec, glichen, die früher um ihre Gunst warben. Er war für sie ein Mann, und daß Claire es vermocht hatte, ihm so schnell diesen Nimbus zu nehmen, daß sie ihr zeigte: du hast dich geirrt, er ist genau so schwach und wankelmütig wie alle anderen; man muß auch ihn nur zu nehmen wissen! — das erfüllte sie mit einer ohnmächtigen Wut gegen ihre Rivalin. Weil diese ihr die Kraft und Energie eines Mannes, an die sie geglaubt, als ein Phantom zeigte--. ,f
Und trotzdem, wenn Claire kam — und es wurde ja nur noch von ihrem bevorstehenden Besuche gesprochen — dann mußte sie ihr mit Freundlichkeit und Herzlichkeit gegenübertreten. In keiner Weise durfte sie verraten, was in ihr vorging, um .der anderen keine Veranlassung zih geben, sich doppelt und dreifach ihres Sieges zu freuen. Verliebte erzählen sich ja alles — so würde sie sicher erfahren haben, daß eine Komtesse Dagmar auf Schloß Gründingen sei, der der Baron einmal den Hof gemacht habe! Würde er die Wahrheit gestehen und sagen, daß er um ihre Gunst gerungen, oder würde er nach Art prahlender Männer und um seiner Braut gegenüber seinen eigenen Wert zu heben, erzählen: sie, Dagmar, hätte ihn einzufangen versucht, aber er habe mutig und tapfer ihren Lockungen widerstanden? Sie knirschte mit den Zähnen und stampfte mit dem Fuß aus.--
Wenn sie nur wenigstens dem Baron ihre Verachp tung zeigen, wenn sie ihn nur wenigstens darauf hätte aufmerksam machen können, tote wenig seine stolzen Worte: ich habe noch stets meinen Willen durchgesetzt und werde das auch in Zukunft tun! ihr imponierten — wenn sie ihn nur auf den Widerspruch zwischen seinen Worten und seinem Tun hätte Hinweisen können!
Aber auch das durfte sie nicht; sie durfte in keiner Weise tun, als hätte seine Verlobung irgendwelchen Eindruck auf sie gemacht! Im Gegenteil: sie mußte sich stellen, als freue sie sich, daß er eine Braut gesunden, als sei sie glücklich, daß sie nun selbst vor seinem Werben sicher wäre, — und sie mußte sogar eine Gelegenheit finden, ihn an seine eigenen Worte zu erinnern, „daß das Schicksal doch stärker sei, als unser eigener Wille."
Je mehr sie sich als Besiegte fühlte, um so mehr mußte sie, wenn er ihnen seine Braut zuführte, als Siegerin dastehen! Und jte mußte um so mehr Zärtlichkeit für Claire zeigen, je weniger sie solche empfand.
Gewiß: leicht würde es ihr nicht werden. Aber nach außen hin würde sie sich in keiner Weise verraten. Was sie empfand, würde ihr Geheimnis bleiben.
Morgen wurde der Baron erwartet. Als Dagmar mit einer kleinen Verspätung zum Diner erschien, wurde gerade ein Brief des Barons erörtert: seine Schwiegereltern bedauerten außerordentlich, Claire nicht begleiten zu kön-


