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tholischen Kirche angebahnt werden füllte. Keine einzige evangelische Lehre wurde darin anerkannt. Nur der Laienkelch Und die Priesterehe wurde den Protestanten bis zum allgemeinen Konzil zugestanden, aber im übrigen sollte alles wieder auf den alten, vorreformatorischen Stand gebracht werden. Selbst den Landgrafen Philipp wüßte man durch unwürdige Behandlung und dockende Aussicht auf Freiheit zur Annahme des Interims mürbe zu machen. Wer wie ein Mann widersetzte sich das evangelische Volk. Ein gewaltiger Unwille ging durch die Lande und eine opferfreudige Begeisterung für die evangelische Sache durchzog die Gemüter auch der seither noch Schwankenden und Unentschlossenen. Zum äußersten Widerstande entschlossen, erklärten die hessischen Geistlichen ihrem geliebten, zur Mnnahme des Interims drängenden Landgrafen, daß sie, so schmerzlich ihnen des Landgrafen bitteres Los sei, doch lieber ihr Amt aufgeben, als ins Interim willigen wollteir. „Müssen wir," so schrieben fie, „darüber das Land räumen, so trösten wir uns, daß da geschrieben steht im 24. Psalme: Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist. Müssen wir die Welt räumen, so tröstet uns, daß der Herr Christus, der Sohn Gottes, sagt: in meines Vatsrs Haus sind viele Wohnungen. . . . Wenn wir aber also mit Gotttzs Hilfe b estän- dig bleiben, haben wir Menschen und Teufel zu Feinden, das ist gewiß. Aber die Menschen sterben und die Teufel werden verdammt. Fallen wir aber ab und verleugnen die Wahrheit, so haben wir Gott selbst, alle Engel und Heiligen zu ewigen Feinden, deren Zorn und Feindschaft ewig währt, wovor Gott unfern gnädigen Für - sten und H errn, alle lieb en Christen ünd uns gnädiglich bewahren ivoYIe ewiglich!" -
Und dieser Sturm bet Begeisterung, der wie alle evangelischen Hessen auch die Bewohner der landgräflichen und Riedeselschen Orte um Herbstein herum ergriff, brach sich auch nicht an den Mauern dieses Städtchens. Auch sie überflutend, riß er die Bewohner, die bis dahin noch zum alten Glauben gehalten hatten, mit sich fort, und während der Abi sich noch mit dem Gedanken trug, das Interim durchzuführen, erklärten auch die Bürger Herbsteins öffentlich ihren lieber! ritt zum Luthertum. Es geschah dies im Jahve 1548°) und als ersten protestantischen Pfarrer Herbsteins nennen uns die Chroniken den Joannes Leimingius* * * 6 * 8) ober Hans Leininger /f auch JohannA Sewing,8) Johann Seintng9 10) und Leinig") genannt. Wer es iift eine eigentümliche Sache mit diesem Uebertritt. Eine alte Herbsteiner Sage, die von einem früheren Herbsteiner Kapläne in Reime gebracht und in den Buchenblättern des Medizinalrats Dr. Schwarz von Fulda im Jahre 1850 und seitdem auch sonst abgedruckt worden ist, erzählt, daß Herbstein in der Reformationszeit im Gegensatz zu anderen Orten dem angestammten katholischen Glauben dauernd treu geblieben sei, weil der glaubenseisrige Pfarrer Retz und sein Vorgänger Saun die Lehre des Reformators nicht herein gelassen hätten. Darüber erbost, hätte eines Tages eine Schar verkappter Reiter, unter Führung eines Hans Leiniger, den ahnungslos vor der Stadt mit Heuwenden beschäftigten Pfarrer Retz Überfällen, gefesselt und mit verbundenen Augen kreuz und quer durch die Wälder in eine Räuberburg geschleppt und dort heimlich gefangen gehalten. Vergebens sehnte sich, wie erzählt wird, der Gefangene nach Freiheit, vergebens sorgten sich um ihn seine getreuen Psarrkinder. Schon nahte der Jakobustag, das Fest des Schutzpatrons von Herbstein. Inbrünstig flehte der gefangene Priester zu Gott um Erlösung. Da geschah ein Wunder. Die Ketten fielen dem Gefesselten von den Händen, und er fand einen Weg zur Flucht. Unbemerkt von den Räubern, kam er wieder nach Herbstein in dem Augenblick, als schon eine Anzahl Bürger sich mit 1000 Gulden, die der Bürgermeister in der Stadt gesammelt hatte, aus den Weg machte, um ihren Pfarrer loszukaufen. Denn die Räuber hatten durch einen ans Stadttor angehefteten Zettel der Stadt angesagt, wenn sie 1000 Gulden Lösegeld nach Ulrichstein schicke, solle Pfarrer Retz losgelassen werden. Nun hatten sie ihren Pfarrer wieder durch wtinder- bare göttliche Hilfe, und das Lösegeld konnten sie behalten.
-) So Büff in Zeitschr. f. d. hist. Th. 1846 S. 476,
Hassenkampin Hess. K. G. int Zeitalter der Ref. Bü. 2 S. 290.
Hermann, das Interim in Hessen. S. 90.
6) Diese NameNsform hat Bröwer, Fuld. Antiqu. Antw. 1612 S. 357.
’) Fuld. Chronik, Vacha 1839.
8) Gegenbaur, Gesch. der relig. Bewegung im Hochstift Fulda üsw. int Fuld. Gymnasialprogramm 1861 S. 14. ■
9) Komp, Fürstabt Johann Bernhard Schenk zu Schweinsberg usw. Fulda. 1878. S. 9.
10) Goeßntann, Beiträge zur Gesch. des vorm. Fürstent. Fulda. Fulda 1857. S. 188. (Johann Leinigius.) Die 5 zuletzt genannten Quellen nehmen nach dem Vorgänge Browers das Jahr 1568 als das Reformationsjahr Herbsteins an. Aber Wir werdet: im Folgenden nachweisen, daß diese Annahnie irrig ist.
u) Bezeichnend für die Denkungsart dieses Jesuitenpaters ist, daß er sich die Geschichtsbetrachtung eines gewissen katholischen Fanatikers Wollo von Vilbel ganz zu Ligen macht und Seite 334 ihn: mit Behagen nacherzählt, im Jahre 1517 habe der Ketzervater Martinus Luder (!) angefangen das Kist seiner Lehre auszuspritzen. Infolgedessen hätten bald die nach den reichen Klostergütern lüsternen weltlichen Fürsten Mönche und Nonnen zu unzüchtigen Ehen („incestas nuptias"} gezwungen (!) und die verlassene!: Klosterwohnungen sich angeeignet. Auf'diese Weise sei als „glückliche "Frücht des' neuen Evangeliums" ein „Geschlecht vvn Dieben und feilen Dirnen" entstanden, das zu nichts an- derm zu brauchen gewesen wäre.
Zum Danke für seine wunderbare Rettui:g hängte Pfarrer Retz die Ketten, mit denen man ihn gefesselt hatte, in der Stadtkirche auf zu Ehren des Jakobus. Eine Notiz in der Herbsteiner Stadtchronik, der ich obige Sage entnehme, besagt, daß der Pfarrer Ludwig Retz geheißei: und die Ketten 1558 dem Jakobus dem Aelteren gestiftet habe. Tatsächlich hängen ein paar alte Ketten, die aber gar keine Hanft- und Fußschellen sind, heute noch in einem Glaskasten in der Herbsteiner Stadtkirche. Der Kasten zeigt in guter Holzschnitz-- arbeit die Aufschrift: Non praevalebunt! (Sie werden nicht obsiegen!) Ich habe bei: Quellen dieser Sage nachgeforscht und gefunden, daß sie auf den gelehrten Jesuiten und Priester B r o w e r von Fulda zurückgeht. Derselbe hat im Jahre 1612 zu Antwerpen eine lateinisch geschriebene Geschichte des Stifts Fulda herausgegeben mit dem Titel: Fuldensium Antiquitatum Libri IV. (4 Bücher fuldischer Altertümer). Tarii: erzählt er auf S. 357 ft als Ereignis des Jahres 1550, daß Gott in diesem Jahre durch ein ausgezeichnetes Wunder gezeigt habe, daß er Beleidigungen und Verachtung seiner Priester nicht ungestraft lasse. Einleitend bewerft Brower, daß das 22000 Schritte westlich von Fulda in den buchonischen Borgen gelegene feste Städtchen Herbstein dank der Wachsamkeit Und Sorge des Conrad Saun bis zum Jahre 1568 im katholischen Glauben verharrt sei. In diesem Jahre aber sei!es von einem „schweinischen und schleppfüßigen Apostaten (a spurco ac loripede apostata) allmählich ins Schlechte verkehrt worden, indem man die Spuren des alten Ritus mit der Nichtigkeit Luthers übergossen habe." Nach dieser nicht gerade geschmackvollen Vorbemerkung") beginnt dann der jesuitische Priester zu erzählen: „In der Nachbarschaft dieser Stadt hatte ein wilder Räuber Joannes Leiningius, durch Schandtaten und üblen Ruf bekannt, fein Wesen. Dieser hatte es auf die viel- gerühmten irdischen Glücksgüter des frommen Herbsteiner Priesters Ludwig Reitz abgesehen, legte ihm eine» Hinterhalt und — dann folgt die Erzählung, wie sie heute noch die oben angeführte Herbsteiner Bolkssage wiedergibt, nur noch etwas mehr ins Mirakulöse ausgen:alt. Ulrichstein wird nicht genannt, dagegen wird erzählte daß Reitz auf der Flucht durch göttliche Eingebung, um seinen Verfolgern zU entgehen, nicht in der Richtung auf Herbstein, sondern 15 000 Schritte abseits nach Lichen- rod ins Jsenburgische geflüchtet und von dort durch Crainfelder Bauern nach Herbstein zurückgebracht worden sei. Als Zeugnis dieser göttlichen Wohltat habe der Priester Ludwig Reitz die Kette mit zwei Schlössern zum ewigen Denkmal seiner Befreiung in der Herbsteiner Kirche aufgehängt.
Dazu bemerke ich Folgendes. Die Erzählung, daß i. I. 1550 ein katholischer Priester Namens Ludw. Reitz, wenn auch nicht um seines Geldes, so doch um seines Festhaltens am katholischen Glauben willen auf eine Ritterburg beiseite geschafft und durch besondere Glücksumstände wieder losgekommen sei, ist von vorne herein als im Rahmen der geschichtlichen Möglichkeft liegend zuzugeben. Ulrichstein war damals int Besitze der Riedesel, die eifrig um die Einführung der Reformation bemüht waren und auch im Jahre 1604 nicht davor zurückschreckten, den von Fulda in Freiensteinau eingedrängten katholischen Pfarrer Rübsamen aufzuheben und nach vEisenbach in den Turn: zu setze:!. Warum sollte 1550 nicht etwas Aehnliches möglich gewesen sein, zumal die Riedesel damals mit Fulda in Fehde lagen und durch die Gefangennahme des katholischen Pfarrers timt Herbstein zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen konnten? Freilich findet sich vvn einem Herbsteiner Pfarrer Namens Ludwig Reitz sonst keine Spür in der gesamten «och vorhandenen gedruckten und ungedruckten Ueberlieferung. Aber das Zeugnis Browers kann uns genügen. Denn so verkehrt und albern er auch in feine:: geschichtlichen Urteilen _ ist, so liegt doch kein Grund vor, an der geschichtlichen Richtigkeit dieser erzähltei: Einzelheiten zu zweifeln. In Browers Darstellung erscheint Johannes Leining aber merkwürdigerweise gar nicht als potestantischer Pfarrer von Herbstein, fonbern als ^toilber Räuber", der in der Umgegend sein Wesen hatte und die verkappten Reiber anführte. Tatsächlich findet sich auch, abgesehen von den genannten, unkontrollierbaren gebrucften Quellen, keine Ke Ueberlieferung und in den Archiven keine Spur, die darauf eist, daß tatsächlich um diese Zeit in Herbstein ein Pfarrer Namens Johannes Leining angestellt gewesen sei. Dagegen läßt sich urtunNidj nachweisen, daß 1555 ein „Cinrad Lun", Pfarrherr und Altarist frien Altars" und als Stadtpsarret auch Vorsitzender des Hospitalvorstandes zu Herbstein gewesen. und in diesen Eigenschaften einen dem Spital gehörigen und einen an-


