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lichen 'Gefühl herzlicher Zuneigung an dem Gutsnachbar hing.
Der alte Weidemann und Hans führten bei Tisch das große Wort und ließen eine Unterhaltung zwischen den einzelnen Personen gar nicht aufkommen. Beide waren übermütig, überboten sich gegenseitig in Geschichten und unglaublichen Erzählungen, und ihre harmlose Fröhlrch- keit steckte auch die anderen an. Man kam aus dem Lachen gar nicht heraus, ohne daß man eigentlich wußte, weshalb man lachte.
Die Einzigen, die nicht so ganz von Herzen mit ern- stiminten, wenn einmal wieder allgemeine Heiterkeit herrschte, waren der Baron und Dagmar. Sie hatte es vorausgesehen, daß sie auch heute wieder bei Tisch neben ijmr sitzen müsse, und das hatte ihr hon Anfang an die Stimmung verdorben. Sie war es ja gewohnt, daß er stets an ihrer Seite saß, es ging nun einmal in dem kleinen Kreise nicht anders, aber daß er auch jetzt ihr Tischherr war, heute, wo Marianne sie beide nicht einen Augenblick unbeobachtet lassen würde, das störte und reifte fic.
So war sie noch schweigsamer, noch zurückhaltender als sonst, und antwortete mir mit kurzen Worten auf die Fragen und die Bemerkungen des Barons. Und doch mußte sie ihm das Zeugnis ausstellen, daß, er ein amüsanter Gesellschafter war. Trotzdem sie doch jeden Tag bei den beiden Mahlzeiten und auch abends zusammen waren, verstand er es immer wieder, ein neues Thema anzuschlagen, eine Neue Diskussion anzuregen. Seine persönlichen Erinnerungen, die große Zahl interessanter Menschen, mit denen er zusammengetrosfen war, und über die er klug und amüsant zu erzählen wußte, schien ebenso unerschöpflich, wie seine teils ernsten, teils heiteren Reise-Erinnerungen. Er hatte ein gutes und sicheres Urteil über Musik und Malerei, er besuchte die Ausstellungen, und die Neuerscheinungen der Kunst in den letzten Jahren waren ihm ebensowenig fremd wie die Werke der alten Meister.
Dagmar hatte ihn wegen seiner Kenntnisse oft im stillen bewundert. Sie hatte längst erkannt, daß der Baron weit mehr war als nur ein Reitlehrer. An Bildung und Wissen überragte er die meisten Herren, mit denen sie bisher zusammen getroffen war, um ein Bedeutendes, und es gab Augenblicke, in denen sie es gar nicht mehr so unbegreiflich fand, daß der Baron es gewagt hatte, ihr im Berliner Tattersaal seine Huldigung darzubringen. —
Aber gewaltsam suchte sie dann doch wieder nach neuen Anklagepunkten, die sie gegen ihn erheben konnte, und da sie solche finden wollte, hatte sie diese auch stets sofort wieder zur Hand. Mochten die nun stichhaltig sein oder nicht, eins blieb doch immer bestehen: er nahm für dest Unterricht, den er erteilte, Geld und ritt gegen Bezahlung für andere Leute Pferde zu. Gewiß, das wär keine Schande. Aber es mußte doch schrecklich sein, wenn der Baron jemals heiraten sollte, und wenn sich dann seine Frau,in einer Gesellschaft von irgend einem Herrn sagen lassen mußte: „Ich kenne Ihren Gemahl von früher her sehr genau —■ ich habe ihm auch mal hundert Mark zu verdienen gegeben, habe sogar freiwillig noch fünfzig Mark draufgelegt, — denn er war damals ein armer Teufel. Na, Gott sei Dank, nun hat ers ja nicht mehr nötig."
Und Marianne konnte wirklich glauben, daß sie sich dazu hergeben würde, die Frau des Barons zu werden?
Ihr Stolz, ihre Eitelkeit empörten sich auch jetzt wieder. Und nur mit ihren Gedanken beschäftigt, ganz vergessend, daß sie nicht allein war, warf sie den schönen Kops hochmütig in den Nacken.
Das gilt mir, sagte sich der Baron. Aber das schadet nichts. Im Gegenteil, das ist ein gutes Zeichen.
Er hatte keinen Blick von ihr gewandt, obgleich er sich anscheinend gar nicht um sie kümmerte, während sie schweigend neben ihm saß.
Und noch einmal warf sie stolz die Lippen auf und machte mit Kopf und Schultern eine Bewegung, die da deut-ftch sagte: nie! niemals —!
„Doch — Komtesse."
Sie fuhr zusammen und sah ihn ganz erschrocken an. Für eine Sekunde verlor sie jegliche Fassung, dann sagte ste: „Ich verstehe Sie nicht — was sollen die Worte be- deuten — worauf beziehen sie sich?"
Ebenso verwirrt wie sie, ebenso ruhig war er. Nur «n übermütiges Lächeln umspielte wieder seinen Mund.
„Worauf sich mein Wort „doch" bezieht, Komtesse? Ohne ein Gedankenleser zu sein, habe ich Ihnen angemerkft daß Sie sich mit irgend einer Sache im Geiste beschäftigten,, die Ihnen im Augenblick unangenehm oder verhaßt erscheint. — Was es ist, toeijj ich natürlich nicht, — ich bin auch viel zu wenig neugierig, um danach zu fragen, auch wage ich es nicht, Ihnen meinen Rat und meine Hilfe anzubieten, aber so viel weiß ich doch: Ihr Widerstand ist vergebens, das Schicksal ist mächtiger, als Sie selbst. Was Ihnen bestimmt ist, werden Sie ertragen müssen — Sie werden unterliegen."
„Nie — niemals!"
Mit beinahe haßerfüllten Augen sah sie ihn an. Sie wußte: er hatte sie durchschaut. Er erriet, was sie vorhin gedacht hatte, und wenn seine Antwort auch ganz all- gemein gehalten war, so verstand sie dennoch den tieferen Sinn.--
Wieder entlockten ihre Worte ihm nur ein Lächeln, dann meinte er ernst werdend: „Mit dem Wort „niemals" sollte man etwas vorsichtiger sein, Komtesse, und es nicht so schnell in den Mund nehmen. Ich sagte schon vorhin: unser Schicksal, das einem jeden von uns besftmmt ist, ist stärker als wir selbst. Ich weiß nicht, ob Sie mir da beisttmmen, aber ich gestehe ganz offen ein, daß ich bis zu einem gewissen Grade abergläubisch bin. Nach meiner Auffassung ist unser Lebensweg uns vorgeschrieben — alles, was wir tun, tun wir unter einem höheren Einfluß, den wir stolz unseren Willen nennen, und der alles andere, nur nicht unsere eigene, freie Entschließung ist. Wir können also ost gar nicht so handeln, wie wir wollen — selbst wenn wir noch so trotzig unser „Nie!" sagen. Wir müssen uns dem fügen, was über uns beschlossen ist."
„Die Zukunft wird ja lehren, wie weit Sie recht hahen."
„Gewiß, Aber nicht wahr, wenn Has, was Sie befürchten, wenn das, wogegen Sie sich vorhin mit Ihrer stolzen Kopfbewegung aüflehnten, doch eingetreten ist, — wenn Sie sahen, daß Ihr „niemals" weiter nichts war als eine leere Drohung an das Schicksal, dann sagen Sie es mir, und wenn ich dann nicht mehr hier sein sollte, ver- sprechen Sie mir, eine Zeile zu schreiben?"
„Wenn Sie Wert darauf legen — gern. Aber es lohnt sich gar nicht, daß wir darüber so viele Worte machen. Wenn Sie wüßten, um welche Bagatelle es sich handelt, Sie würden lachen."
„Vielleicht doch nicht, Komtesse. Ans Kleinigkeiten setzt sich unser Leben zusammen. Ich erinnere mich, daß ein neuer Damenhut einmal einen Streit hervorrief, der meinem Freunde in einem Duell das Leben kostete, und die Geschichte lehrt, daß um Bagatellen schon Kriege entbrannten. Die Kleinigkeiten ernster zu nehmen, als es im ersten Augenblick nötig erscheint, — aber dafür auch die großen Dinge nicht gar zu sehr auf sich einwirken zu lassen —; das ist eine Lebensphilosophie, die den Menschen eigentlich -erst glücklich macht — —"
„Ich habe bisher gar nicht gewußt, daß Sie auch ein Philosoph sind."
Er hörte ihren Spott sehr wohl heraus.
„Man wird es durch das Leben, ohne es zu wollen/ und man braucht deshalb von Kant und den anberem großen Weltwetsen doch nicht mehr zu wissen als nur den Namen —
„Pardon, Herr Baron. Wie meintest du, Marianne? Ach so, dann habe ich mich geirrt —, ich glaubte, du hättest mir etwas zugerufen."
(Fortsetzung folgt.)
Vie Reformation nnd Gegenreformation in Herbstein und den ehemals landgräflichen und ritterschaftlichen Grien der östlichen und südöstlichen Vogelsbergs.
Don Pfarrer Zinn in Herbstein.
(Fortsetzung.)
Es kam der für die Protestanten unglückliche Ausgang des schmalkäldischen Krieges und die schmachvolle Gefangenschaft ihres Führers Philipps des Großmütigen. Bon jetzt an war von einer Durchführung der Reformationsordnung im Stift Fulda keine Rede mehr. Statt dessen suchte der Abt das berüchtigte kaiserliche „Interim", jene eigenmächtige kaiserliche Verordnung durchzuführen, wodurch weiterer Abfall vom katholischen Glauben verhindert und die allmähliche Rückkehr der Protestanten znr ka-


