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Sie von Gründingen.
Roman von Freiherr von Schlicht.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
So sah Dagmar mit einiger Unruhe dem Abend entgegen, denn ihr Widerspruch war an Haus' gescheitert, der Marianne sehr gern hatte und sich aus ein Wiedersehen mit ihr freute.
Und daß Weidemanns kamen, bevor er ihnen seinen Besuch gemacht hatte, rechnete er ihnen hoch an. Gewiß, das waren keine „Form-Menschen", aber trotzdem hätte er den Weg zuerst zu ihnen finden müssen. Morgen hatte er auch zu ihnen gewollt, zum Unwillen seiner Mutter hatte er die Absicht, nur diesen einen Besuch zu machen. Die Gräfin wäre gern mit ihm auch auf die anderen Güter gefahren, aber Hans hatte widersprochen: „Ich bleibe doch nur reichlich acht Tage, und wenn ich mich überall zeige, dann fühlt man sich verpflichtet, uns einzuladen, da müssen wir alle wieder einladen, und dann kommen !vir — wie man im Kasino sagt — aus dem reinen Hemd und ber Sektflasche gar nicht mehr heraus. Bor allen Dingen sind wir dann immer unterwegs und haben nichts voneinander." Und zärtlich hatte er ihre Hand geküßt.
Die letzten Worte hatten die Gräfin ganz versöhnt, sie vergaß sogar darüber, Hans zur Rede zu stellen, daß er in ihrer Gegenwart von einem „reinen Hemd" sprach. Ms ob es überhaupt andere gäbe! Wirklich, Alexa hatte recht: Hans gebrauchte manchmal Ausdrücke, die sehr stark an die Reitbahn erinnerten, und sie nahm sich vor, morgen Mit ihm darüber zu sprechen, ihn zu bitten, wenigstens in Gegenwart der Schwestern „so etwas" nicht mehr zu sagen — Alexa war imstande, ihrerseits auch diese Kasino- Redensart aufzunehmen, und wenn sie, die Komtesse, dann einmal von ihrem „reinen Hemd" sprechen sollte — — die Gräfin war einer Ohnmacht nahe. ..Das war gar nicht auszudenken.
Weidemanns kamen wie immer eine halbe Stunde zu früh. Das wußte die Gräfin schon, und so konnte denn immer gleich gegessen werden, wenn Weidemanns' eintrafen. Der alte Weidemann hatte beständig Hunger, aber da er sehr oft am Tage aß — wenn auch nur etwas Obst oder einige Brötchen — so war er absolut kein starker Esser. Sein Hunger war meistens nur eine nervöse Magenverstimmung, die vorüberging, sobald er eine Kleinigkeit genossen hatte. Trotzdem war auch „Weidemanns ewiger Hunger" einer der vielen Gründe, die der Gräfin den Nachbar nicht sehr sympathisch machten, sie fand es unästhetisch, sich bestänoig nach leiblicher Nahrung zu söhnen, — ja, wenn es noch geistige gewesen wäre — dann ja. Mer so? shoking!
Der alte Weidemann sah aber nicht darnach aus, als Menn er sich aus geistiger Nahrung viel mache. Er war
ein Riese, groß und breitschulterig mit einem gewaltige^ Brustkasten. Auf den breiten Schultern saß ein kurzer Hals und ein mächtiger Kopf mit wettergebräunten Wangen, und ein langer Vollbart entschädigte ihn dafür,-daß sein Scheitel beinahe kahl war. Alles an ihm strotzte von Kraft und Gesundheit, trotz seiner sechzig Jahre. Er war die Gutmütigkeit selbst, er hatte die Seele eines Kindes, er konnte nicht einmal eine Fliege töten. Wenn die ihn nachmittags im Schlafe störte, fing er sie mit großem Geschick, macht« das Fenster auf und ließ sie von dannen fliegen. Bet seinen Leuten war er sehr beliebt. Aber zugleich hätten sie auch einen gewaltigen Respekt vor ihm.
Es war schon viele Jahre her, da hatte ein polnischer Erntearbeiter ihm einmal den Gehorsam verweigert. Der war groß und stark und mochte wohl seiner physischen Ueberlegenheit vertrauen, als er seinem Gutsherrn zu widersprechen wagte. Der hatte ihn ruhig zu Ende an- gehört und dann hell aufgelacht, daß „dieser Knirps" es wage, sich gegen ihn aufzulehnen. Und ehe der Andere wußte, wie ihm geschah, hatte er ihn mit der einen Hand an der Brust, mit der anderen an den Beinen gefaßt, ihn hoch über seinen Kopf gehoben und ihn dann wie einen Ball in einen großen Heuhaufen geworfen.
Das hatte gewirkt. Der Pole hätte eine ganze Zeitlang da gesessen mit einem Gesichte, als wisse er nicht, ob er wache oder träume. Dann hätte er sich erhoben und war — ohne ein Wort zu sagen, wieder an seine Arbeit gegangen.
Das war das erste und das letztemal, daß der alte Weidemann seinen Leuten eine Probe seiner Kraft gegeben hatte. Aber dieses eine Kunststück genügte auch vollständig, es lebte fort in der Erinnerung und wurde jedem neuen Arbeiter und jedem neuen Knecht als Erstes erzählt.
Stark und mächtig, wie seine Erscheinung, war auch seine Stimme. Selbst wenn er sich bemühte, leise zu sprechen, und das tat er zu Beginn der Unterhaltung stets, klang es, als wenn sich jemand mit aller Gewalt Gehör zu schaffen versuche. Uno nun erst, wenn er lebhaft wurde, wenn er ein paar Flaschen Rotwein zu sich genommen hatte! Denn mit ein paar Gläsern gab dieser Riese sich nicht ab. Der Gräfin gellten nach jedem Besuch immer noch ein paar Tage hinterher die Ohren. Einmal hatte sie unter dem! Vorwand, Schmerzen zu haben, sich Watte ins Ohr gesteckt, aber da hatte er in der Furcht, sie könne ihn nicht verstehen, noch lauter gesprochen, als sonst. — —
Noch lauter. Die Gräfin schauderte zusammen, wenn sie nur daran dachte.
Mar M. gern hätte sie heute abend einen anderen Tischherrn gehabt, aber das war ja nicht zu machen. Unmöglich konnte sie ihn bitten, Dagmar zu führen, um selbst den Baron zu nehmen. Das ging nicht, wenn sie nicht direkt unhöflich sein wollte, und das durfte sie auch ihrem Manne nicht antun, der mit einem ihr gänzlich unbeg reift


