Ausgabe 
13.4.1912
 
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Der König von Thule.

Roman von Paul Grabei u.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

In peinvollem Schweigen, immer noch im Kampf zwischen Pflichten und Wünschen stehend, stand er vor ihr; auch er blickte ernst mit bewegten Zügen und hielt ihre Rechte in seiner pressenden Hand.

Da entzog sie ihm schnell ihre Finger, noch ein letztes leises Lebewohl tönte ihm ins Ohr, und im nächsten Augen­blick sprengte sie davon.

Ihm war, als müsse er ihr nachrufen, sie zurückholen. Aber die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Mit düsteren Blicken starrte er ihr nach und lauschte mit einem dumpfen Angstgefühls aus den klappernden Hufschlag, der sie mit jedemmal ihm weiter entfernte. Es war ihm, als würde es plötzlich ganz öde und sinster um ihn, als entschwände da eilends ein freundlicher Lichtschein, der ihm das Grau seines Daseins hatte rosig durchleuchten wollen.

Finsteren Antlitzes, die Lippen fest zusammengepreßt, hielt er so regungslos, bis sie seinen Blicken um die Straßen­biegung drunten entschwand. Da hob sich seine gepreßte Brust in einem tiefen Atemzuge, der ihm doch keine Er­leichterung brachte. Langsam wandte er das Pferd herum und ritt im müden Schritt, gesenkten Hauptes, durch den Nebel dem freudlosen Hause zu, das da draußen einsam in der Steinwüste stand nach seinem Heim.

Heim?

Ein Echo voll tiefster, trostloser Bitterkeit weckte das Wort in seiner Brust, und von oen Lippen des Mannes kam wie ein unterdrücktes Stöhnen ein leiser Laut, der in der Einsamkeit verhallte.

VI.

Am hinteren Ende des langen Promenadendecks stand Frau Söllnitz, ganz allein. Die übrigen Reisenden drängten sich alle vorn auf der Back, wo eben die schwere Ankerkette aufgewunden werden sollte. DieHamburg" stand im Be­griff, Island zu verlassen.

Die junge Frau war eben erst aus ihrer Kabine herauf-' gekommen, wo sie fast den ganzen heutigen Tag zugebracht hatte. Sie fühlte sich nicht wohl. Ein dumpfer Kopfschmerz hatte sie wieder einmal befallen. Außerdem hatte es sie auch nicht mehr gereizt, an Land zu gehen, wo heute den deutschen Besuchern von der freundlichen Bevölkerung Reyk­javiks Pferderennen, Ringkämpfe und andere Sportschau- stellungen dargeboten worden waren, die allerdings unter dem schlechten Wetter sehr gelitten hatten.

Auch jetzt strömte der Regen hernieder auf das regungs­lose glatte Meer, das grau und trübselig vor ihr lag, tote drüben die Küste Islands, das nach dem Innern zu durch dicht« Nebelmassen dem Blick entzogen war-

Mit matten Augen sah Eva Söllnitz hinüber zum Land. Zum letztenmal schaute sie auf das Bild, das ihr im Laufe der Tage hier vertraut geworden war, trotz seiner Herb­heit und Eintönigkeit. Nie wieder würde sie es sehen, und mit diesem entlegenen Gestade nie wieder auch ihn, den sie hier kennen gelernt, an den sich ihre haltbedürftig« Seele so schnell gewöhnt hatte, und den sie mit wirklichem Schmerz entbehren würde sie fühlte es nur zu gut.

Wozu erst dieses grausame Spiel des Zufalls, das Menschen zusammenwarf, um sie im nächsten Augenblick, gerad' daß sie sich erfaßt, wieder auseinander zu treiben in alle Winde?

In schmerzliches Grübeln versunken, achtete die junge Frau nicht darauf, wie ein leises Zittern durch den Riesen­leib des Schiffes lief, von der Maschine her durch die lange Welle hinten zur Schraube hin, die nun mit langsamen schweren Flügelschlägen schaumwirbelnd das Wasser auf­peitschte und ganz unmerklich das noch vom Anker gehaltene Schrff im Kreise zu drehen begann.

Erst laute Hurrarufe von vorn her, wo mehrere Boote vom Land, Abschied nehmend, am Bug der.Hamburg" lagen, und nun der dumpfe, markerschütternde Baß der Dampfpseife, der ihr unvermittelt in die Ohren dröhnte, schreckten Eva Söllnitz aus ihrer Verlorenheit auf. Dreimal scholl das ohrenzerreißende Signal, fauchend und prustend mit furchtbarer Kraft, wie der Wutschrei einer gigantischen Bestie, und nun zeigte ihr ein Blick aufs Wasser, daß sie bereits dahinglitten es war vorbei! Wenn noch in irgend einem dunkeln Winkelchen ihres Herzens etwas wie eine törichte Hoffnung sich versteckt hatte, er könne es sich etwa anders überlegt haben und doch noch int letzten Augenblick an Bord kommen, so war das jetzt aus. Jeder Atemzug brachte eine neue Entfernung zwischen sie und das graue Land dort es war vorbei! Und das törichte Herz mußte sich eben auch an diese neue Enttäuschung gewöhnen lernen, wie an so vieles schon.

Eva Söllnitz raffte sich auf. Sie hörte die Schiffs­genossen, die lachend und laut schwatzend in kleinen Trupps den Gang heraufkamen. Sie trat dicht an die Reling und blickte so, den Nahenden den Rücken kehrend, hinaus, der Küste zu, die immer mehr im Nebel untertauchte.

Guten Abend, gnädigste Frau." Die unsympathische, geziert-vornehme Stimme des Regierungsrates klang da plötzlich neben ihr.Endlich einmal wieder den Vorzug! Gnädigste sind ja ganz unsichtbar geworden." Und er trat, die Mütze ziehend, zu ihr.

Mtr war nicht ganz wohl," antwortete sie leichthin, seinen Gruß nur flüchtig erwidernd.

Leider ja! Ich hörte es schon von Ihrer Stewardeß, da sie ja nicht zu den Mahlzeiten erschienen. Gnädigste Frau haben sich gewiß bei dem Parforceritt gestern etwas über­nommen."

Sie blickte unverwandt in die Ferne, aber sie hörte hinter dem anscheinend bedauerlichen Ton die geheime Bos-