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Eines Tages trafen sie im $or$ den Herzog und den Erbprinzen zu Pferde.
„Na, Tochting, ich habe dich! bald vierzehn Tage nicht gesehen," begrüßte sie der Herzog.
Kathinka trug ein duftiges weißeS Kleidchen und als einzigen Schmuck eine Rose an der Brust. Die Herren reichten ihr die Hand. Dabei lüste sich die Blume und- fiel zu Boden, und der Zufall wollte es, daß des Erbprinzen Pferd sie im selben Augenblick zertrat.
„Ach, meine schöne Rose," rief sie bedauernd.
; „Ich werde mir erlauben, Fräulein von Hämmerling, Mhnen Ersatz dafür zu senden."
Hans Jochen errötete, als sie sich dankend verneigte, Und als daraus die Fürstin bar: „Du kannst die Rosen ja selbst bringen, Jochen; du bist so lange nicht b'ei mir gewesen," versprach er freudig, am Nachmittag in das Gartenpalais zu kommen.
Nachdem die Herren sich verabschiedet hatten, erzählte die Fürstin viel von Hans Jochen. Kathinka hörte schweigend zu, doch kurz vor dem Palais fragte sie Ihre Durchs-' taucht, wie alt denn eigentlich der Mbprinz sei.
„Achtund-zwanzig wohl oder so ähnlich, und es wird hohe Zeit, daß wir ihm eine Lebensgefährtin suchen. Der Herzog wünscht noch diesen Sommer seine Verlobung, und in der Schweiz sollen sich die beiden jungen Leute das erste Mal entgegentreten. Auf meine besonderen Vorstellungen hin unterbleibt die bei regierenden Häusern übliche Braut- schau, zum großen Leidwesen Grauls."
„Dars man fragen. . .?"
„Vorläufig Staatsgeheimnis, liebes Kind, doch wissen sollen Sie, daß Sie mich bei der Zusammenkunft der beiden Fürstenkinder begleiten sollen."
(Fortsetzung folgt.)
Der seltsame Vogel.
Eine vergnügliche Skizze aus' dem Artistenleben.
Von Alfred Funke.
Mit dem Frühzuge war ich vom Strande nach Oporko zurück- gekommen, und da mein Dampfer erst in zwei Dagen fällig war, jo schlenderte ich mit Muße durch die alte schöne Stadt. Vom Turm der Jefuitenkirche genoß iw den wundervollen Blick auf den grünen Dvurv, die Häuserterrassen mit ihren bunten Kachel- fronten, die dunklen Hänge der Serra do Marao und das ewige Meer.
Tann bummelte ich durch den Park der Eordoaria, toto die Rosen prangten und der Jasmin duftete, die Brunnen sprangen Und die Vögel sangen. Tann kehrte ich um und dachte daran, daß das Frühstück im Hotel de Paris gut sei, und prallte an der nächsten Straßenecke mit einem Manne zusammen. Der zog höflich den Hut und wollte weitereilen, die Straße zum Kristallpalast entlang. Ich faßte den stämmigen Mann aber ins Auge. Das volle runde Gesicht mit den braunen Augen kam mir bekannt vor, und ich rief: „He, Anselmo, alter Junge, nicht so eilig!"
Ta erkannte auch er mich: „Bei Gott! — Alfredo, Sie sind es?"
Tausend Fragen Hatte er auf den Lippen, Und da ich dem Grundsätze Huldige, daß das Erzählen bei einem Whlen Tropfen besser geht, so fragte ich Anselmo, ob er nicht eine gute Adresse wisse.
„Sim, Senhor, weiß ich. Gar nicht weit. Gleich am Largo de Viriato Hat der alte Chroo Fontoura sein Schild. Der besitzt einen Weinberg bei Regoa, in den des liehen Gottes gute Sonne besonders gern hineinschaut."
Tie Taberne des alten Fontoura war eine echt tusitanische Schenke, in der der leise Duft nach Knoblauch und Käse nicht fehlte. Aber der Wein war gut.
„Saude! Zum Wohl!" Wir stießen an.
Anselmo Pinto war von Geburt Portugiese, aber früh mit fahrendem Volk in die Welt gekommen. Ich hatte ihn in Berlin kennen gelernt, als er mit einer Korporalschaft dressierter Gänse drollige Exerzitien machte und seine Frau einen Truthahn, Juan Mit Namen, tanzen ließ.
Wir hatten öfter noch eine Stunde zusammengesessen, wenn Anselmo und Dona Manuela ihre Nummer in der Manege absolviert' hatten.
„Wie geht es Dona Manuela, Anselmo?"
-Danke, gut. Sie arbeitet nod) immer mit Juan. Wer er ist eigensinnig wie ein Steinesel, Und es kostet Mühe, ihm eine neue Nummer beizubringen. Aber er Muß! Jetzt tanzt er sogar Machiche! Wir Dresseure machen jede Mode mit. Tanzen die Wewer Machiche, so tanzt mein Truthahn auch Machiche. Sie werden m sehen, wenn Sie heute abend in den Kristallpalast gehen."
-,Und geht das Geschäft, Anselmo?"
"sE' ,^er Üb habe Aerger, viel Aerger."
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„Mit den Löwen uud dem. Engländer, diesem spleenigen Archibald Glutton, den ein Tonnenvetter siebenhundert Ellen in die Erde schlagen soll."
„Glutton? Wer ist das?"
, „Sie wissen doch, der verrückte Kerl, der uns auf Schritt und Tritt verfolgt. Ich kann ihm so grob kommen als ich will. Wo meine Frau auftritt, fitzt er in der Loge. In München und Wien, in Florenz und Moskau und nun hier — wie ein Schatten folgt er uns. Sobald meine Frau auftritt, kommt gewiß ein Billett, in dem er um eine Unterredung bittet."
„Äh, ich besinne mich. «Das war der lange Mensch mit Einglas Und grauem Zylinder, zu dem Sie in Berlin «damals-— na, sagen wir, deutlich wurden."
„Ganz recht, Senhor, nur hat es nichts genützt."
Ich selbst war Zeuge der Szene gewesen. Dona Manuela kam rm grauen Abendmantel aus ihrer Garderobe, als der Engländer sie höflich anredete. Die Andalusierin — Dona Manuela war fine rassige Spanierin aus Sevilla — verstand ihn nicht, und ich wollte gerade den «Dolmetscher machen, als Anselmo wütend dazwischenschoß. Er verbrach zunächst einen sieben Ellen langen Fluch, der mit „Carajo!" anfing und mit „Mil bombas!" endete. Was dieser gottverdammte Beefsteakfresser sich einbilde, dieser alte Whiskybrunnen?! Mr. Glutton aber faßte höflich an den Hut. Mr. Pinto möchte ihn doch nur anhören, er werde bezahlen, was er verlangte.
Aber Anselmo ließ ihn gar nicht ausreden. Ob er ihn sür einen Kuppler halte? Nattirlich, die Geldprotzen glaubten, sich gegen Attisten alles herausnehmen zu dürfen. Und als Dona Manuela erfuhr, was er dem Engländer gesagt, blitzten ihre schwarzen Augen, und sie fauchte wie eilte Wildkatze.
„Und ich sage Ihnen," schrie Anselmo, rot vor Wut, „wenn Sie mir noch einmal mit Jhrenr verdammten Scheckbuch kommen, nehme ich den Revolver und mache- Tampf, daß Sie in einen Minute dort sind, wo jemand schon lange auf Sie lauert!"
Ich hatte damals Mühe gehabt, das Ehepaar zu beruhigen, Mr. Glutton aber schüttelte den Kopf und sagte: „Seltsam! Höchst seltsam!"
„Und mit Löwen arbeiten Sie jetzt?" fragte ich nun.
„Nein! Ich habe sie in Marseille von Baptiste Lem-aire für eine Schuld annehmen müssen. Sie fressen mir die Haare vom Kopf, und ich will froh feilt, wenn Hagenbeck sie mir abkaust. Schöne Kerle übrigens, gelb wie Sand, schwarze Mähne, echte Berber!"--
Abends saß ich im Kvistallpalast, als Anselmo seine Tiere arbeiten ließ. Da flogen Tauben und Kakadus auf Kommando, Hunde machten kunstvolle Pirouetten, sechs Gänse marschierten mit Augen rechts an Anselmo vorbei, und der Gänserich, den ich in Berlin als den törichten Einjährigen Mayer belacht hatte, latschte nun als General vorauf. Alles lachte und klatschte Beifall. Tie Musik setzte aufs neue ein. Dona Manuela trat mit Juan auf. Seit Berlin hatte ich sie nicht gesehen. - Sie-war noch immer eine Schönheit. Im vollen, blauschwarzen Haar steckte neben der weißen Spitzemnantilla eine taufrische Rose. Blumen flogen auf die Bühne, alle Gläser hoben sich, aus der ersten Seitenloga kam ein Riesenstrauß von Rosen und Orchideen — richtig, da saß Mr. Glutton stocksteif im grauen Zylinder mit eingeklemmtem Einglas.
Die Musik spielte eine gravitätische Gavotte. Der Truthahn plustete sich auf, schlug ein Rad, verbeugte sich und machte ganz- feierlich seine Pas. Das Publikum klatschte vor Vergnügen/ Dona Manuela verneigte sich, dann tanzte sie. mit Juan einen Fandango. Das temperamentvolle Weib, die Kastagnetten in den kleinen Händen, im goldgestickten Bolero und buntseidenen kurzen Rock, blitzende Schnallen auf den -ausgeschnittenen Lackschuhen, tanzte, mit Feuer und Grazie den schönen Tanz, den nur die Sevillanerin zu tanzen versteht. «Dazu kollerte und spreizte sich der täppische Bogel, wippte und trippelte, machte mit gehobenen Flügeln seine Pas und legte sich zum Schluß seiner! Partnerin huldigend zu Füßen. Unendlich komisch !
Ich beobachtete den Engländer. Sobald Juan begann, würde der steife Engländ-er lebhaft, er klatschte Beifall und rief, nickte Und lachte.
Nun Letzte der Machiche mit seinem unruhigen Vierachtel- täkt ein. Dona Manuela begann: „Con eses ojos que tienes —“ Dann bog sie sich! wie eine Gerte hintenüber, machte ihre Pas vorwärts, gab sich den blitzschnellen Stoß nach vorn, wich zurück, und der plumpe Vogel machte die gleichen Schritte. Dort das verführerische Weib, die Kunst — hier die Persiflage, Hans Taps im Liebeskoller. Juan kümmerte sich nicht um das schallende Gelächter, machte ernsthaft seine Pas -und stand am Ende stocksteif/ als gehe ihn das tosende Klatschen und Rufen der Zuschauer nichts an. Die Nummer mußte wiederholt werden. Ich ging. —
Beim Kaffee am anderen Morgen durchstöberte ich die Zeitungen. Da stand eine Notiz in fetten Settern: „Ein Unglück im Zirkus — der Löwe hat den intelligenten Vögel, der uns durch seine Kunst Tränen lachen machte, zu gut getroffen —- Anselmo Pinto und Dona Mattuel-a untröstlich —
Ich ging spornstreichs ins Hotel da Suissa, wo die Artisten wohnten. Ta kam mir Dona Manuela unter Tränen entgegen: „Das arme Tier! Und er war so klug und gelehrig! Wenn ihn auch Anselmo ein stupides Vieh! schimpfte! ®er arme Schelm!"


