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Herzogs. Punkt 10 Uhr 30 öffnete er dann die Flügeltüren zum Audienzgemach. Es war ein ziemlich kleines Zimmer mit fast bürgerlicher Einrichtung. In der Mrtte stand quer ein großer Diplomatenschreibtisch, rechts und nnks davon kleine Regale mit allerhand Zeitungen und Schrift-. stücken bedeckt. Die rechte Seitenwand nahm etn riesiger Lederdiwan ein, über dessen Lehne auf einem Bord die deut- fchen Klassiker prangten. Kleine Tischchen, Staffeleien mit Jagd- und Kriegsbildern standen int Zimmer umher, so daß man sich mit ziemlicher Gewandtheit hirrdurchwmden mußte, um an den Schreibtisch zu gelangen. Ehrenschftder und Waffen aller Gattungen, auch große Portrats langst verstorbener Fürsten zierten die Wände.
Herzog Wilhelm Ferdinand saß vor dem Arbeitstisch. Er war mit einer bequenten Litewka bekleidet und hatte wohl soeben gelesen, denn als der Lakai meldet: „Fräulein Kathinka von Hämmerling 11 Uhr 30 zur Privataudienz befohlen," suchte er bedächtig nach einem Lesezeichen, legte dies zwischen die Seiten und klappte dann das Werk zu. Ehe Kathinka eintrat flüsterte ihr der Diener noch zu: „Reißen Sie man nischt um, Fräulein." Und nun stand sie vor dem Landesherrn.
Der Herzog hatte die Ellbogen aufgestemmt und stützte seinen Kopf am Kinn auf die Hände. Ms Kathinka sich von ihrer tiefen Hofverbeugung wieder aufrichtete nickte ihr der Herzog lächelnd zu. Väterliche Güte strahlten seine Augen.
„Nun gib mir eine Patsch, Tochting." Kathinka faßte seine dargebotene Rechte mit beiden Händen und küßte sie. Der alte Fürst zog sie neben sich auf einen Sessel und sagte: „Und nun erzähl mir recht viel von deinem alten, lieben Pater. Du weißt, wie gern ich ihm das letzte Geleit gegeben hätte, aber mein Podagra, das wirft mich hin, — und dann bin ich perdu."
Und nun plauderten sie lange von dem alten Haudegen. — Kathinka hatte bald alle Scheu vor dem Herzog verloren. Ihr heiteres und temperamentvolles Wesen brach durch, und als sie Sr. Hoheit ihren Empfang bei der Fürstin in ihrer drolligen Weise erzählte, lachte der alte Herr Tränen.
„Wirst du es denn aushalten können bei der alten Dame mit all ihrem Viehzeug?"
„Ich denke gewiß, Hoheit. Ich habe doch die Tiere so gern. Draußen, auf Ratings Gut, kannten mich alle Tiere. Die Rehe fraßen aus meiner Hand und wenn ich die Rotschwänzchen lockte und rief, flogen sie mir auf die SchtUter."
„Du gutes, liebes Mädel. Na, versuch es wenigstens, und wenn mein Junge eine Prinzessin heimführt, dann hast du andere Gesellschaft als Affen und Molche. Kennst du übrigens den Erbprinzen schon?"
„Ich hatte noch nicht die Auszeichnung, Ew. Hoheit." „Nicht? — Na dann aber schnell.
Im Vorzimmer schrillte ein Glöckchen aus. Der Lakai trat ein: „Ew. Hoheit befehlen?"
„Ich lasse Se. Hoheit den Erbprinzen bitten."
Zwei Minuten später standen sich Hans Jochen und Kathinka gegenüber. Das Mädchen war so erschrocken, daß es einen kleinen Schrei nicht unterdrücken konnte, und auch der Erbprinz ward verlegen. Aber im nächsten Augenblick faßte er sie und reichte Kathinka die Hand mit den Worten:
„Das ist ja gar meine kleine Patientin von gesterq abend!"
„Na nun. Ihr scheint euch doch nicht so fremd zu sein?" fragte der Herzog ein wenig erstaunt.
Kathinka bot bittend die Hände: „Ach, Hoheit, ich wollte Sie vorhin nicht belügen, — ich habe wirklich nicht gewußt, daß gestern abend Se. Hoheit. . ."
„Ich gläub's — ich glaub's, Tochting. Und nun erzählt. Beide kaum hereingerocheit ins Schloß und schon ein Abenteuerchen, was?"
„Bloß ein ganz kleines, Vater."
„Ja, ein ganz — ganz kleines, Hoheit."
Das klang so drollig naiv, daß beide Herren lachten und schließlich auch Kathinka ihr silbernes, herzliches Lachen erklingen ließ. Das Peinliche der Situation war' gebrochen. Herzog Wilhelm Ferdinand zog Kathinka wieder aus ihren Sessel nieder, wahrend sich der Erbprinz über den Schreibtisch lehnte und nun die Erlebnisse in der Hof- loge des Bankettsaales erzählte. Fräulein von Hämmer
ling hatte die Hände gefaltet und blickte verschämt in ihren Schoß:
„Du armes Kind. Das soll das erste und letzte Mal sein, daß du in meinem Schlosse Hunger gelitten hast — und zur Entschädigung hast du diesen — Ring."
Der Herzog entnahm einem Kästchen einen einfachen goldenen Reif. „Steck ihn nur an, — den hat dein Vater getragen, als er am Hofe Page war, — und aus Freundschaft hat er ihn damals mir geschenkt, vor 45 Jahren."
Kathinka führte den Ring an hie Lippen und dankts mit herzlichen Worten dem Herzog.
„Und nun leb wohl, mein Tochting, in einer Stunde sehen wir pns wieder zur Frühstückstafel."
Punkt zwei Uhr erklangen auf der versteckten Orchestergalerie die Fanfaren des Hoftrompeterkorps. Die großen weißen Türen verschwanden geräuschlos in den .Wänden und unter Vorantritt von sechs in blau gekleideten Pagen betrat der Hof den Saal. — Der Herzog führte Ihre Durchs taucht die Fürstin, während deren Hofdame vom Erbprinzen zu. Tische geleitet wurde. Die anwesenden Herren verneigten sich und traten dann ein jeder hinter seinen Stuhl. Der .Pagenmeister sprach das Tischgebet und als der Herzog noch einen Augenblick zögerte, seinen Platz einzunehmen, rief Kathinka: „Na, da wollen wir uns setzen." Sie schlug sich mit der Hand auf den Mund und' ward purpurrot. Die Herren bissen sich auf die Lippen, um nicht laut auszulachen, aber der Oberhofmarschall griff zitternd nach der Stuhllehne. Er wollte einen wütenden Blick nach der Etiketteufchäuderiu werfen, aber sie sah in ihrer lieblichen Verwirrung so reizend aus, daß er seinen Zorn mäßigte. Und außerdem schienen die allerhöchsten Herrschaften auch gar nicht bös aus die kleine Sünderin zu sein, denn der Herzog stimmte ihr huldvollst zu: „Du hast recht, Tochting, — und laß dirs schmecken, das erste Mal an meinem Tisch:"
Man war sprachlos. — Der Herzog nannte sie „du", er wünschte ihr eigenpersönlich guten Appetit. Mit dieser Dame mußte man es halten.
Der alte Herzog war gesprächiger denn je und Ihre Durchlaucht legte höchsteigenhändig dem Fräulein das beste Stück des Kapaunen vor. Obgleich sich Kathinka einen Verstoß nach dem anderen gegen das vorgeschriebene Zeremoniell leistete, blieb doch das Schloß in seinen Fugen und der Himmel verfinsterte sich nicht.
Der Herzog hob die Tafel auf und nachdem sich der Hof in Begleitung von Herrn Merkivitz und Kathinka zurückgezogen hatte, machte der Oberhofmarschall seinem Ingrimm Luft: „Nein, die Hämmerling. Ich bin sprachlos," stöhnte er.
„Aber Sie reden doch, Bester," höhnte der Staatsminister.
„Soll ich das nicht?" Soll man da nicht an den Wänden emporlaufen, angesichts solch schreiender Verstöße gegen unser geheiligtes Zeremoniell?"
„Versuchen Sie es doch, Exzellenz, wenn Sie Ihrer Durchlaucht fürstlichstem Affen Konkurrenz leisten wollen," sagte lachend Geheimrat Brian.
Der Marschall war so verblüfft, daß ihm sein Freund Graf Hollen zu Hilfe kommen mußte. „Ich finde einen Vergleich Sr. Exzellenz mit Ihrer Durchlaucht Affenvieh höchst unpassend."
„So, finden Sie? Und ich finde, daß man nicht so kleinlich sein sollte, sich über Fräulein von Hämmerling zu alterieren."
Mit diesen Worten wandte sich der Geheimrat zur Tür, aber der Minister hielt ihn zurück: „Sie haben mir aus dem Herzen gesprochen, mein lieber Brian."
Da trat der Hofmarschall zu Graf Hollen und flüsterte ihm zu: „Es bleibt bei unseren Abmachungen, Graf, wir brauchen einen anderen Minister."
Fünftes Kapitel.
Kathinka von Hämmerling hatte sich ihre Zimmer int Gartenpalais ganz nach ihrem Geschmack eingerichtet, traulich und gemütlich. Ihr natürliches, kindliches Wesen hatte sie bald zum Liebling des gesamten Hofes gemacht, und die Fürstin behandelte sie wie ihr eigenes Kind. Ausl jeder Ausfahrt mußte sie Ihre Durchlaucht begleiten uttbi bei jedem Empfang war sie zugegen. Sie hatte sogar die Fürstin zu bestimmen vermocht, allmorgendlich einen Spaziergang durch den Park und die Stadt zu unternehmen;


