Ausgabe 
13.1.1912
 
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vom Hofe. Dem renitenten Mitglieds der Herrscherfamilie wird ein bestimmter Ort, in manchen Fällen ein einsam gelegenes Schloß zu längerem Aufenthalte angewiesen, und eine Entfer­nung von diesem Aufenthaltsorte ist unter teuren Umstanden ohne Erlaubnis des Familienoberhauptes statthaft. Erne noch schärfere Strafe ist die Verbannung, die Verwerfung außer Handes. Mit dieser ist dann stets die Einziehung eines Teiles der Apanage, auch der sonstigen Privateinkünfte des betreffenden Mitgliedes des Herrscherhauses verbunden, und der Unterhalt, der gewahrt wird, ist natürlich ein sehr kleiner. Macht ein Prinz oder eine Prinzessin Schulden, so wird ihnen die Apanage einbehalten, nnt aus ihr allmählich die Schulden zu bezahlen. Laßt sich eilt Mitglied eines Herrscherhauses besonders schwere Verfeh­lungen zuschulden kommen, daun kann eventuell aus Entziehung der Standesrechte vom Familienoberhaupte erkannt werden: na­türlich erst nach Anhörung des Oberst-Kämmerers und Befragung jnristifcher Autoritäten. Eventuell l 'gt man der betrefsenden pnnz- lichen Persönlichkeit nahe, freiwillig auf die Stairdesvorrechto zu verzichten und sich mit einer kleinen Rente in das Privatleben

Ein Prinz oder eine Prinzessin sind also unter allen Um­ständen durch Rücksichten und Hausgesetze gebunden, sie mögen tun und lassen, was sie wollen. Von der Freiheit, ine em ge­wöhnlicher Staatsbürger hat, bekommen sie während ihres ganzen Lebens selten etwas zu kosten. Ganz und gar als freie Men­schen, als Herren im Hause können sie sich nur fühlen, wenn sie auf ihren Gütern leben, wenn sie im Kreise ihrer Familie Menschen sind und Menschen sein dürfen. Sonst tragen sie beständig schwere Fesseln, selten sichtbar für das außenstehende Publikum, und doch Fesseln, die so unerträglich schwer werden, daß manche fürstliche Persönlichkeiten, den össentlichen Eklat nicht scheuend uni) auf Ehren und pekuniäre Vorteile verzichtend, sich g;rn dazu bereit erklären, von der Hülse ihrer Standesvorzüge herabzusteigen und als gewöhnliche Menschenkinder einfach, aber frei und glücklich zu leben. Wer heutzutage in auskömmlicher Stellung und einigermaßen unabhängig ist, hat nicht die min­deste Veranlassung, Prinzen oder Prinzessinnen eines regieren­den Hauses um ihr Leben oder um ihre Stellung zu beneiden.

Wahltricks.

Derlistengewandte Odysseus" würde sich als geschlagen be­kennen müssen, wollte er mit denMachern" undDrahtzielfern" aller Sorten in Wettbewerb treten, die bei den Parlamentswahlen in den verschiedensten Landern durch kluge Manöver ihrem wacke­ligen Kandidaten auf die Beine helfen. Was nützt dasWahl­häuschen", dessen sich außer Deutschland auch noch England, Hol­land, Belgien, die Schweiz, die Bereinigten Staaten sowie einige südamerikanische Nationen erfreuen, wenn schließlich die richtige Urne durch einen sinnreichen Vertanschungskniff nach Schluß der Wahlhandlung wegpraktiziert und durch eine täuschend ähnliche mitgewünschtem Inhalt" ersetzt wird! Also geschehen im nord- amerikanischen Staate der Freiheit, wo die Wahlkommissionnach beendetem Gefecht" im Lokal einen künstlich arrangierten Krawall erregte, daraufzur Aufrechterhaltung der Ordnung" sämtliche Nnbeanemen Zuschauer an die Luft befördern ließ und die günstige Gelegenheit wahrnahm, die Urne beiseite zu bringen und zu ersetzen. 'Ser geniale Trick war dadurch ermöglicht^worden, daß jedesmal, wenn ein Wühler vorn im Lokal seine Stimme abge­geben hatte, in einem Versteck zur sei te ein Komplize einen ge­fälschten Wahlzettel in dieErsatzurne" legte die Anzahl der Stimmen blieb also richtig, alles warin schönster Ordnung", unb eine Reklamation wäre ganz aussichtslos gewesen.

Daß die Toten sich noch für die politischen Wahlen inter­essieren, gehört zweifellos zu den Merkwürdigkeiten, die selbst ge­wiegten Spiritisten Kopfzerbrechen machen könnten. Und doch er­eignet sich dieser seltsame Fall beinahe bei jeder Kammerwahl in Frankreich. Bei der Wahl im Jahre 1885 waren in einer süd- französischen Stadt von 15 000 Wählern, die in persona abge­stimmt hatten, nicht weniger als 330 längst verstorben. Bei den meisten von ihnen handelte es sich um Leute ohne festen Wohnsitz, Bewohner von möblierten Hotels ustv., die man ohne Kontrolle auf Angabe von dritter interessierter Seite hin einfach auf die Liste gesetzt hatte; die nötigen Strohmänner erschienen Sann, um für die TotenZeugnis abzulegen". Das Gegenteil, daß nämlich ein noch ganz lebendiger biederer Bürger plötzlich im Wahllokal erfährt, er sei doch schon längst ins bessere unpolitische Jenseits abberufen, ist im Lande der Brüderlichkeit auch schon mehr als einmal vorgekoinmen. Das Gesicht des entrüsteten Bourgeois mag man sich vorstellen, fein Wunder, daß fast nach jeder Wahl die Kammerfitzung von Klagen widerhallt, und die Franzosen eine bessere Organisation des Wahlmodus, u. a. auch dasWahl- hänSchen ohne Beiobachtungslöcher" verlangen.

Ein klassischer Trick, der gleichfalls im Lande der amtlichen Freiheit häufig gehandhabt wird, besteht darin, die Wahlzettel, die eingefährlicher" Wähler abgibt, auf irgend eine Weise bei der Empfangnahme kenntlich und dadurch ungültig zu machen. Der Präsident, der mit dem Kandidaten unter einer Decke steckt, sorgt einfach dafür, daß unter der Tischkante Fett oder Farbe

I angeklebt ist, mit der er diemißliebigen Stimmzettel" unauf­fällig beschmutzt. 'Da das Gesetz vorschreibt, daß der Stimm« zettel auf keine Weise von außen kenntlich sein dürfe, werden alle schmutzigen Zettel beanstandet und ungültig erklärt und der gewünschte Effekt ist erreicht. Bei einem Wahlskandal, der (gleich­falls in einer kleinen südfranzösischen Stadt) seinerzeit großes Aufsehen erregte, stellte sich heraus, daß der ehrenwerte Präsident den genannten Kniff fett mehr als zwanzig Jahren handhabte, um Snen politischen Freund in der Wahl durchzubringen; eine ganz« enge der angesehensten Bürger waren so seit Jahrzehnten um ihr Wahlrecht betrogen worden immerhin ein Rekord!

vermischte».

lck. Menschen mit Straußenmagen. Berichte darüber, daß im plagen eines Menschen Nägel, Nadeln oder andere Tinge, die durchaus ntchl in ihn hinein gehören, gehmben worden sind, werden gewöhnlich mit berechtigtem Mißtrauen ausgenommen. Die als durchaus zuverlässig bekannte englische medizinische Wochen« schriktVaucet" veröffentlicht nun ein paar hierher gehörige Wille, in denen man wirklich vonMenichen mit Straußenmagen" sprechen kann. Der unbegreiflichste Fall dieser Art slamint von den Aerzten Dr. Vandervot und Tr. i ills. Ihre Patientin, eine Mulaitm, wurde im Alter von 33 Jahre» wegen akuter Manie in ein Irren­haus gebracht; sieben Jahre später starb sie. Während der ganzen Zeit war ihr Plagen durchaus gesund gewesen; man hatte zwar oft beobachtet, wie sie Nägel, Stecknadeln in Vie Hand nahm, jedoch batte man sie nie beim Verschlucken solcher Gegenstände ertappt. Nach ihrem Tode zeigte sich bei der Leichenöffnung, daß sie eherne Gegenstände in geradezu unheimlichen Mengen verschluckt hatte. Diese waren alle im Plagen liegen geblieben, in dem eine Art Aus- beutelung entstanden war. Hierin fand inan Nägel, Nadel,t, Schrauben und andere Pletaflgegenstände, im ganzen 1400 Stück, die zusammen über 2000 Gramm wogen I Eint e spitze Gegen­stände hatten auch die Plagemvand durchbohrt, jedoch atich hier walen sie eingekapselt worden, so daß das Leben der Geisteskranlen nicht weiter gefährdet worden ivar. Die andere Fälle, die bie Laucet" entführt, sind nicht ganz so erstaunlich; jedoch ist eS immer hm merkwürdig, wenn man in menschlichen Mägen ein« gefabelte Na e ein vorfindet, die außer bei Berührung überhaupt keine Beschiveiben verursachen. Einer der Fälle der .Lancer", der aus der Praxis des Ehirurgen Beale ftanunt, betrifft eine Frau, in deren Plagen 43 Nadeln anfgeiimöen wurden. Es handelte sich um eine neurotische Patientin, bet der nicht eindeutig festzustellen war, auf welche Weise bie Nadeln in ihren Plagen gelangt waren.

* Verbessert. Fräulein:Ich bin auch schon einmal verlobt gewesen." Herr:Wer war denn der dumme Kerl . Fräulein:Aber, erlauben Sie mal! ..." Herr: . der so ein reizendes Schneckerl wieder aufgegeben hat?"

Schachaufgabe.

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5

4

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UM

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3

8

1

Weiß.

a b

Schwarz.

d e f g h

Weiß macht int zweiten Zuge mit dem Läufer Matt. Auslösung in nächster Nummer.

Auflösung des magischen Quadrats in voriger Niimmer:

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Redaktion: fi. Neurath. 5Rotation6br,<ct unb Reistag der Brühl'schen Universitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lang«, ®ie$en>