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Er hatte noch so viel zu sagen. Vorwürfe und Mäh- uungen. Er hätte so gern die richtigen Worte gefunden, den rechten Schlussel zu dem jungen Herzen. Wer unter dem kühlen, klaren Blick von Signes Augen versagte ihm die Sprache. Er schwieg ein paar Sekunden, und dann überkam es ihn wie ein jäher Wutanfall: „Unehrlich und unedel ist das!" schrie er die Tochter an. „Ihr seid von- einander gegangen, wie zwei Liebesleute. Und nun — und nun — pfui, Signe — das elende Geld ist dir zu Kovfe gestiegen. Der Großinanusteufel hat dich ange-> krallt!"
Noch nie hatte! Signe den Vater heftig gesehen. Ihren ruhigen, sanften Vater.
Sie wich einen halben Schritt zurück, sie hob wie zur Wivehr die Hand. Aber dann kam gleich wieder ein kleines, gelassenes Lächeln auf ihr Gesicht. Vater war wohl nicht ganz ernst zu nehmen; wenn er .sich Luft gemacht, sich ein wenig ausgetobt hatte, würde er zu besserer Einsicht kommen. Schließlich: leicht war es ihr ja auch nicht geworden. Wahrhaftig nicht. Vorhin hatte sie's über-- rieselt. An den ersten Kuß von seinen Lippen hatte sie gedacht . . .
Ja — — wenn — —
Ja . . . man war eben um Jahre älter und reifer geworden. War nicht mehr das blutjunge Ding, das von heißen Süßigkeiten der Liebe träumte. . .
Armer Viktor! Und wenn ich's wollte, ich könnte nicht. Was aus ist, muß aus bleiben.
Da sprach sie's noch einmal laut aus: „Was aus ist, muß aus bleiben. Bitte, schreib das Herrn von Kal-- itenegg. Du wirst schon die rechten Worte finden. . . daß es ihm nicht weh tut. Kannst mich schlecht machen dabei, Papa, wie du willst."
„Mädel. . . Signe ... so hör doch! Neberleg's doch noch einmal." Vater war schon wieder ruhiger geworden. Er bat eindringlich: „Liebe Signe, solch ein ehrerhafter, lieber Mensch, der dich auf Händen tragen würde! All sein Leben lang. Du darfst das nicht so kurzerhand abweisen. Du mußt dich besser prüfen. . ."
Sie niochte Vater nicht in die Augen sehen. An ihn: vorüber sah sie auf die Wand drüben, bohrte den Blick in das häßlich vielverschlungene Goldoruament der Tapete Und dachte nun doch: „Ja. . . wenn er selber gekommen wäre, dich einfach an sich gerissen hätte. Vor acht Wochen . . vor vier Wochen . . . vielleicht sogar heut noch! Wer weiß ■— wer weiß! Aber anstatt seiner dieser Briefe . . . dieser korrekte Brief — nicht an mich, an Vater — rmd den Trotzkopf aufgesetzt: mich in seine bescheidene Lage hineinzwingen wollen, in das kleine Nest, in die Enge seiner Verhältnisse. Nein ■— nein." Und zum dritten Male sagte sie laut und entschieden: „Was aus ist, muß aus bleiben, Papa!" Uird ging, schnellen Schritts an dem Vater vorüber zur Tür.
4.
Mama Ida schmollte seit Tagen mit ihren: Alten Er war glattweg ungerecht. Den: Eberhard verweigerte er im:ner noch seine Zustimmung zur Versetzung in die Garde-Kavallerie; für Friedels Wünsche aber legte er sich mit aller Kraft ins Zeug.
Es war nicht anders: die klare, nüchterne Art von Friede! imponierte ihn:.
Zwar hatte es auch zwischen den beiden einen harten 'Kampf gegeben. Wegen der albernen Neustädter Geschtcht uänrlich. Vater wollte den Pfahlbürgern eine Summe überweisen, über deren Betrag wirklich jeder Verständige den Kopf schütteln nrußte. Er schlief neuerdings mchr mehr so gut wie früher, und in einer seiner schlechten Nächte hatte er sich die Idee einer Reinhard-Stiftung für Neustadt m den Kopf gesetzt, die mit dretnmlhunderttausend Mark dotiert werden sollte. Sogar ein langes Schreiben an den hochwohllöblichen Magistrat hatte er schon auf- gesetzt, als Friedel glücklicherweise dahinter kam. Und der wußte Vater zu nehmen.
. „Sieh mal, Papachen," hatte er gesagt, „wenn Onkel Remhard wirklich ernstlich seine Vaterstaot in so grandioser Werft hatte bedenken wollen, dann würde er das ganz gewiß ber Lebzeiten, rechtzeitig und rechtskräftig geregelt haben. Wir wissen heute doch, wo wir nun allmählich DÜbrr ^eberblick gewonnen haben, welch ein ausgezeichneter Geschäftsmann er gewesen ist. Solch ein Mann ordnet solch eine «ache m aller Form rechtens und zur rechten
Zeit. Ich will ja gar nicht in Abrede stellen, daß er den! guten Schildaern, wie er sie immer nannte, etwas Ordentliches zuwenden wollte — aber 300 000 Mark, ich bitt dich, das nimmermehr! Sei nicht ungnädig, alter Herr, aber du rechnest schlecht. Ich wünsch euch lieben Eltern ein recht, recht langes, gesegnetes Leben, aber wenn ihr einmal die Augen zutut, geht das Vermögen in vier Teile. Na, und wer weiß, ob dann 300 000 Mark nicht eine größere Rolle spielen, als du heut ahnst. Vergib, wenn ich sage: denk auch ein bissel an uns."
Und daun ivar's zu einen: förmlichen Handeln gekommen. Eberhard, der dabei saß, hatte heimlich gelacht: immer um weitere 50 000 Mark hatte Friedel Vater her- untergehandelt, bis auf die letzten. Wirklich bis auf 50 000 Mark. Die waren schließlich übrig geblieben und wurden der guten Stadt Neustadt mit einem feierlichen Anschreiben überwiesen. Worauf ein fo von ergebenem! Dank triefender Brief zurückkam, daß Friedel mit Recht sagen konnte: „Zwanzigtausend häcken's auch getan."
Kurz und gukAFriedel imponierte Vater, und darum ging er bereitwillig auf alle seine Wünsche ein und suchte ihm den Weg zu ebnen. Friedels Wünsche waren ja auch überaus verständig. Er wollte die diplomatische Laufbahn einschlagen, also zunächst in irgend ein Hilfsarbeiterpöstchen im Auswärtigen Amt. Die ganze Idee schmeichelte sich Vater ein. In Oesterreich, woher seine Familie vor hundert und etlichen Jahren nach Preußen eiugewandert war, war einmal ein Gudareza Gesandter bei der Hohen Pforte gewesen sogar in einer höchst diffizilen Zeit. Dieser Ahne war in der Geschlechtsgeschichte, die sonst fast nur simple Gutsbesitzer und Offiziere in untergeordneten Stellungen verzeichnete, gleichsam mit goldenen Lettern eingetragen. Daß nun wieder einmal ein Gudareza Diplomat werden sollte, lockte den alten Herrn gewaltig. Und Friedels ganze überlegene Art, fein verbindlich kühles Wesen, auch seine schlanke Gestalt mit dem interessanten Kopf, der manchmal an Signe erinnerte, schienen ihm für diese Laufbahn geeignet; zudem hatte der Junge ein brillantes Matunun! gemacht, einen sehr guten Referendar und jetzt eben glänzend den Assessor.
So suchte der Major unter seinen Jügendgenosfen, wer von diesen Friedel etwas fördern könnte, und fand einen Vortragenden Rat im Auswär.igen Amt, mit dem er einst! — lang, lang ivar's her — in fröhlicher Stimmung Brüderschaft getrunken hacke. Sie waren zwar seitdem vom Leben ganz auseinandergerissen worden, aber Friedel meinte: das tue nichts.
Leicht wurde Vater der Weg nicht. Ein wenig schüchtern war er immer gewesen, zumal wenn es aufs Bitten hinans- cam. Uni) er hatte auch trübe Erfahrungen in diesem Punkte gemacht. Als ihm der blaue Brief in Aussicht stand, war er nach, Berlin gefahren und hatte an verschiedene Türen angepocht: wenigstens in ein Bekleidungsamt wäre er gern noch für ein paar Jährchen untergekrochen. Aber alle Türen satte er verschlossen gefunden ober doch hinter ihnen nur Leute mit kaltem Achselzucken: ,^Tut mir leid, guter Gu- varcza, aber Sie glauben gar uckcht, wie man überlaufen wird. Ich tat ja gerne was für Sie, aber ich kann's nicht."
Nun verwunderte er sich baß, wie anders er diesmal aufgenommen wurde.
(Fortsetzung folgt..
SfO'iöesfeffdn.
Von A. Oskar K l a u ß m a n n.
Wiederum hat ein Mitglied des österreichischen Kaiserhauses/ Erzherzog Heinrich Ferdinand von Toskana, auf einen Teil seiner prinzlichen Vorrechte verzichtet, um sich ganz und gar der Kirnst zu widmen. Erzherzog Heinrich Ferdinand folgt damit dem Beispiel seines ältesten Bruders, der unter dem Titel Wölfling bekanntlich auf alle Standesvorrechte verzichtet hat.
. In.den letzten Jahren mehrt sich die Zahl der Prinzen und Prinzessinnen, die auf ihre Standesvorzüge verzichten und mit mehr oder minder großem Eklat sich in das Privatleben zurück- ziehen. In vielen Fällen erfolgt dieser Verzicht nicht etwg unter dem Truck der Verhältnisse, sondern durchaus freiwillig; denn diese Standesvorzüge, die den Mitgliedern regierender Familien heutzutage gewährt sind, bedeuten eigentlich Standes- fesseln, und man macht sich im Publikum ganz verkehrte Vorstellungen von der Stellung eines Prinzen oder einer Prinzessin aus regierendem Hanse zum Oberhaupte der Familie und zur Oeffentlichkeit.


