Samstag -en 15. Januar
KsM
Glückslasten.
Kommt von Hanns von ZobeltiA (Nachdruck verboten,).
(Fortsetzung.)
Da war schon wieder das häßliche Gefühl: „Das wird ^etzt alles hinter meinem Rücken abgekartet. In all und jedem kehren die Kinder ihren Eigenwillen heraus. Grad daß sie mich noch anstandshalber um meine Meinung fragen, schließlich doch zu tun und zu lassen, was ihnen
Aber er wollte ihnen zeigen, daß er doch noch da war! Gerade Eberhard! Gerade jetzt, grade in diesem Fall! Ihm im Notfall den Brotkorb höher hängen. Ihm einfach verbieten —
„Nein, lieber Eberhard —" begann er.
Da ging die Tür, und Signe kam herein.
Sie war noch im Straßenrostüm, im lose anschließenden dunkelblauen Bolerojäckchen, mit dem mächtigen, breitrandigen, gleichfarbigen Hut auf dem goldig schimmerns den Haar, den gleichfarbigen Sonnenschirm mit der Goldkrücke in der Hand. „Tag, Papa," sagte sie im Eintreten. „Du hast mich sprechen wollen?" Flüchtig nickte sie zum Bruder hinüber, der unwillkürlich aufstand, und dann ging sie auf den Vater zu und bot ihm die Wange.
Nun, wäret! seine Gedanken schon wieder nur bei ihr. Er sah ihr in das schöne Gesicht, das heut ein wenig mehr Farbe als sonst Äeicjte, er ließ zärtlich seine Rechte über ihre Schulter und ihren Arm gleiten. „Ja, mein Kind. Es ist ein Brief da, der dich angeht . . ."
„Ein Brief, der mich angeht?" Auf einen Moment trat eine leichte Spannung in ihr Gesicht. Dann lächelte sie wieder gleichmütig. „Da bin ich aber neugierig!"
Gudarcza ging zum Schreibtisch Plötzlich zögerte er. Es widerstrebte ihn, Signe den Brief in des Bruders Gegenwart zu geben; es verdroß ihn, daß der den Brief überhaupt gelesen hatte. Er sah zu Eberhard hinüber. Der stand am Bücherschrank und studierte anscheinend höchst interessiert die Titel auf den Einbanddecken. „Merkwürdig .. . daß er es nicht als taktlos empfindet, im Zim- itter zu bleiben? Ich au seiner Stelle, ich wäre sicher gegangen !"
Es kochte doch in ihm über: „Bitte, Eberhard, laß uns eilt paar Minuten allein," sagte er ziemlich schroff.
Dec Sohn wandte sich um. „Ja so —" Er dehnte die beiden Silben, und seine Lippen krausten sich etwas spöttisch. Dann ging er. Und der Vater reichte Signe bett zufammengefalteten Brief.
Er tat es mit einer gewissen Feierlichkeit. Aber sie achtete nicht darauf. Sie sagte kurz: „Danke —," trat ans Fenster und faltete langsam den Bogen auseinander.
In ihm war ein Gefühl großer Unruhe; mehr als Neugier: ernstliche Teilnahme. „Wie sie's nur aufnehmen wird," dachte er immer wieder. Er konnte nicht stille stehen, trippelte hin und her und sah dabei unverwandt auf das Gesicht der Tochter, das sich im scharfen Profil gegen das helle Fenster abzeichnete.
Nur auf einen Moment hatte es gezuckt, als sie die Handschrift erkannte. Nun war es wieoer ganz ruhig. Signe hob das Blatt näher zu den Augen, ganz nahe, und las erst mit schnellem Ueberfliegen der Zeilen, dann langsam, sehr langsam. Jetzt spannten sich ihre Züge doch, die schön geschwungenen Brauen zogen sich zusammen, sie schob die Unterlippe zwischen die nagenden Zähne.
Da überkam den Vater plötzlich etwas wie helle Freude. Er hätte laut aufjauchzen mögen: „Gottlob, du bist doch mein rechtes Kinb. Ich seh's dir ja an, wie du kämpfst. Ringe dich durch! Ueberwinde dich. Du wirst's schon. Und du wirst glücklich werdeit!"
Es war wirklich wie ein Kampf in ihr. Das Blut stieg heiß in ihre Wangen und ebbte wieder zurück. Die Brust hob sich und senkte sich.
Sie mußte längst zum zweiten Male gelesen haben, aber sie hielt das Blatt immer noch in der erhobenen .Hand und starrte wie gebannt auf die Unterschrift. Endlich ließ sie die Rechte langsam sinken und ivandte das Gesicht ganz zum Fenster.
Solange der Vater ihre Züge vor sich gehabt batte und den wechselnden Ausdruck in ihnen, hatte"er geschwiegen. Ruit hielt er nicht mehr an sich. Er kant" auf die Tochter zu, legte seine Hand auf ihre Schulter und sagte bewegt: „Der gute, brave Viktor ■—"
Noch ein paar Augenblicke stand sie mit abgewandtem Gesicht. Dann drehte sie sich um, und mit einem Male wußte Vater, daß seine erste Befürchtung richtig, daß seine jäh aufgeflackerte Hoffnung vergeblich war: wenn Signe gekämpft hatte, so hatte sie sich gegen den Mann entschieden, der ihre erste Liebe gewesen war.
Vor den Augen des Vaters wandelte sich ihr Gesicht. Eben noch erspähte er einen trüben, traurigen Ausdruck darin, und nun lag plötzlich ein Zug ablehnenden Hoch-t muts um die Lippen, sprach aus bett Augen; der Nacken hatte sich gesteift, wie in jäh heraufgezwungenem Stolz. Signe zog die Achseln ein wenig hoch und sagte gelassen: „Du ersparst mir Wohl weitere Auseinandersetzungen, lieber Vater. Was ans ist. . . muß aus bleiben."
„Signe!" rief er erregt. „Signe, übereile nichts. Ich bitte dich, prüfe dich noch einmal. Du hast so sehr gelitten, als wir dir sagen mußten, daß. . . daß nichts! daraus werden könnte. " Siehst du! Und der brave^ liebe Kerl! Denk doch an ihn: wie er sich! Herausgearbeitet hat, immer nur in dem Gedanken an dich Signe, du kannst ihn doch nicht aus deinem Herzen herausgerissen haben! So — so wie man eine Pflanze aus dem Boden reißt. Das geht doch gar nicht. Kind — Kind —


