Ausgabe 
12.12.1912
 
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ich hoffte, es Werde ihr nicht gelingen, es M öffnen. Wer sie besaß eine ungewöhnliche Kraft, imlt> schon gab der Stöpsel nach und sie hielt das Gläschen geöffnet in der ^'Gelähmt vor Schrecken, hielt ich mich am Tischchen neben ihrem Bett fest, nm nicht umzusinken. Angenblich- lich verwandelte sich ihr neugieriger Blick in Verdacht. Sie wiederholte die Worte: Was ist darin? Was ist darin? ititb hielt das Gläschen an die Nase. Da. sie offenbar ans den: Geruch des Giftes nicht klar wurde, wollte sie es an die Lippen bringen. Dies gab mir mit einem Male den Gebrauch meiner Glieder wieder, trotzdem ich in diesem Augenblick erkannte, daß ihre Hand zu zittern begann. Dre Augen schienen ihr zuz>ufallen, und als sei ihr Mund nicht mehr fähig, geschlossen zu bleiben, öffnete er sich ein wenig. Vielleicht hatte sie der Geruch betäubt. Mitz Blitzeseile griff ich nach dem Fläschchen, aber es war schon ihrer Hand entglitten und das Tröpfchen Gift war ihr in den Mund geflossen. Ich wollte ihr noch zurufen, das Gift ja nicht zu schlucken; fürchterlich durchzuckte mich die Erinnerung an Herrn Sinclairs Worte, wonach der Tropfen genügend stark sein sollte, einen Mann §it töten; es war mir, als sei das Gift, das jahrhundertelang ohne Schaden cutzn- rrchten, in seinem Behälter geruht hatte, in meine eigene Kehle geflossen. Die Stimme versagte mir. Umsonst suchte ich die Ohnmächtige anfzurichten. Einen Augenblick später zog sie noch einmal die Augenlider in die Höhe, und ein Blick des Entsetzens und des Hasses traf den meinen, ein Mick entsetzlicher Anklage und unaussprechlichen Hasses, gemischt mit etwas, das wie ich halb ohnmächtig fühlte, das Zeichen des Todes sein mußte. Ein Berziveiflungs- schrei entrang sich jetzt meinen Lippen, worauf ich, von Panik erfaßt, davonfloh, als gälte es mein Leben, zurück auf mein Zimmer, den gleichen Weg, den ich gekommen war. Damit beging ich einen großen Fehler. Ich hätte bei meiner Tante zurückbleiben und kühn die Folgen der Tra­gödie abwarten sollen, die meine Torheit herbeigeführt hatte. Aber der Schrecken kennt keine Vernunft und kein Gesetz, und ivie ich schon einmal meine Zuflucht zum Ver­stecken genommen, wußte ich mir nicht anders zu helfen, als eine offenkundige Unkenntnis des Vorgefallenen auch weiterhin zur Schau zu tragen. Mit klappernden Zähnen und einem schrecklichen Herzklopfen riß ich mir mein Kleid vom Leibe und schlüpfte ins Bett. Fräulein Lane war nicht erwacht, aber sonst Ivar jedermann aus dem Schlaf gefahren, und bald ivar der Gang voller Leute. Dies erschreckte mich, noch mehr, und irn Augenblick fühlte ich, daß ich niemals würde die Wahrheit gestehen und mich zum Mittelpunkt all dieser Verwunderung und Neugierde machen können. So ließ ich zu, daß eine falsche Auf­fassung von der Begebenheit verbreitet würde, ein Akt von Feigheit, für den. ich nun alle Anwesenden um Verzeihung bitte, wie ich es schon bei Herrn Sinclair und unserem gütigen Freunde, Herrn Armstrong, getan habe.

Sie hielt inne und blickte uns - eine (Tente Weile mit stolzen Singen und flammenden Wangen an. Dann, in­mitten. eines Lärms, der sie nicht im geringsten zu kümmern schien, kam sie die Treppe, vollends herunter und näherte sich dem Manne, der, wie man ihr gesagt hatte, ein Anrecht auf ihr volles Vertrauen besaß. Diesem sagte sie, laut ge­nug, daß es alle hören konnten:

Ich bin bereit, Ihnen jedwede weitere Erklärung zu geben, wenn Sie eine solche wünschen. Soll ich mich mit Ihnen in den Salon begeben?

Der Coroner verbeugte sich, und als die beiden die große Diele verlassen hatten, schwoll das Stimmengewirr zu einem währen Tumulte an.

Unter gewöhnlichen Umständen würde ich in das Er­staunen und die Gespräche, die sich, an eilte so unerwartete Erklärung anschlvssen, eingestimmt haben. Aber zu jener Stunde war ich jeder Art von Unterhaltung abhold. Jievor ich. nicht Sinclair traf ijjtb in seinem Auge die glückliche Befreiung aus alt seinen Zweifeln las, würde ich, wie ich wußte, selber nicht wieder in meine gewöhnliche, mitteil­same Stimmung kommen. Aber Sinclair schien, soweit ich es beurteilen konnte, im Hintergründe bleiben zu wollen; während ich diese Absicht den anderen, ihm Fernerstehenden gegenüber wohl verstand, kam -es mir schrullenhaft von ihm vor, daß er mir keine Gelegenheit bieten wollte, ihn über die Wendung der Angelegenheit und die freimütige Haltung Wkbertines zu beglüchlv-ünscheu. Das sah ihm auch gar nicht

gleich. ' Ich gestehe, daß ich mich durch diese Nachlässigkeit' nicht gerade geschmeichelt fühlte. Aks die Zeit verstrich und er immer noch nicht erschien, verschwand nach und nach meine frohe Stimmung über ihre Erklärungen, und ich erkannte, daß sie in gewissen Beziehungen die Sachlage nicht gänzlich aufklarten; und ehe mir dies recht klar wurde, war ich schon wieder die Beute erneuter Unruhe jitnb frischer Zweifel, die ich, so gut ich konnte, zu unterdrücken suchte, nicht allein Sinclair zuliebe, sondern auch, weil ich mich immer noch allzusehr unter dem Einfluß von Gilber- tiues imponierender Persönlichkeit befand, als daß ich etwas hätte glauben können, das von dem abwich, was ihre flammenden Sätze verkündet hätten.

Sie hatte Wohl die Wahrheit gesprochen. Aber war es auch die ganze Wahrheit? Ich machte mir Borwürfe, daß ich diese Fragen stellen mußte, und weil ich ihr gegenüber kritischer verfuhr, als ich es mit Dorothea getan, die doch sicher ihre eigene Beteiligung an der Katastrophe nicht so klargestellt hatte, als einer wünschen, mochte, der sie liebte. Es war höchste Zeit, daß jemand Dorothea mitteilte, Gil- bertine habe sie öffentlich verteidigt. Nunmehr konnte sie erscheinen und. ihren Bekannten ohne Furcht und ohne Zagen ins Antlitz schauen. War sie wohl noch immer im Palmengarten? Ohne Zweifel. Aber es wäre vielleicht angezeigt, mich dessen zu versichern.

Ich wandte mich daher diesem Raume durch eine kleine Türe zu, die ihiu mit dem Gange, wo ich stand, verband-, und warf schnell einen Blick hinein. Da ich niemand dort erblickte, eilte ich zwischen, den Palmen hindurch zu der Stelle, wo ich wußte, daß die Lieblingsbesucher des Gartens zu sitzen pflegten.' Aber auch dort war niemand zu finden, so wenig wie in der anstoßenden Bibliothek. Als ich zurück- kchrte, stieß ich auf Dntton, bei* damit beschäftigt war, die Topfpflanzen wegzuräumen, -die ben Durchgang beengten. Ich fragte ihn, ob er wisse-, wo sich Fräulein Camerden befinde. Ohne sich zu besinnen, erwiderte er mir, daß er sie vor wenigen Minuten auf der Hinteren Diele gesehen habe, wo sie sich mit Fräulein Murray unterhielt, haß sie dann die kleine Wendeltreppe hinaufgegangen sei und ihm gesagt habe, wenn jemand sie sehen wolle, so befinde sie sich in dem kleinen. Boudoir über der Eingangshalle.

(Fortsetzung folgt.)

Abenteuer Les Brigadier Gerard.

Von C. D o y l e.

Wie sich der Brigadier {einc Medaille holte. (Fortsetzung.)

Ich bin ein vortrefflicher Soldat. Nicht etwa, daß ich von mir selbst eingenommen wäre, aber es ist nun einmal Tatsache. Klug und umsichtig, tote ich bin, fasse ich mit Blitzesschnelle alle Möglichkeiten ins Auge und treffe meine Entschließungen stets so glücklich, als ob ich wochenlang darüber gebrütet hätte. Fetzt wußte ich ganz gewiß, daß. ich verfolgt werden würde, ich, mit Violetta unter mir, die immerhin schon einen derben Ritt ge­macht ! Dann mochten sie mich aber wenigstens vorwärts treiben und nicht zurück, so daß ich, meinem Ziele näher rückte.

Also mutig drauf los! Kaum hatte ich die bärtigen Ge­sichter unter ihren Helmen erschaut, so gab ich meinem Pferde die Sporen, und nun giugs wie der Sturmwind dahin. Ta hätten Sie aber den Spektakel hinter mir hören sollen! Drei der Kerle schossen ihre Karabiner aus mich ab, und drei schwangen sich auf ihre Pferde. Eine der Kugeln schlug auf meinem Sattel auf, als -ob inän mit einem Stock -an eine Türe gedonnert hätte; Violetta jagte wie besessen dahin, so daß ich flirchtete, sie sei verwundet worden, aber glücklicherweise war es nur ein leichter Riß am linken Vorderfnß. Und meine liebe, kleine Mähre er­holte sich auch bald von ihrem Schrecken und verfiel wieder in ihren leichten gestreckten Galopp, wobei ihre Hufe wie die Kastag­netten einer spanischen Tänzerin klappertem Da konnte ich mich vor Freude nicht mehr lassen, ich drehte,mich im Sattel um und schrie:Vive l'Empereur!" und die Flut von Verwünschungen, dir als Antwort zurüchschallte, entlockte mir nur neuen Jubel.

Aber ich war noch nicht außer aller- Gefahr. Denn einer der Soldaten, ein blutjunger Offizier, war besser beritten, als feine Kameraden und kam mir mit jeder Sekunde näher. Tie . anderen zwei Reiter waren wohl vierhundert Schritte gegen ihn zurück, und der Abstand schien sich noch.immer vergrößern.

Ter Offizier ritt eine prächtige Falbe, mit.Violetta zwar nicht zu vergleichen, aber ein kräftiges Tier und offenbar noch ganz frisch. Nachdem er den übrigen ein -tüchtiges Stück voraus war, verlangsamte ich meinen Schritt ein ganz- >jklein wenig, so daß er denken konnte, er habe gewonnenes Spiel. Jetzt war et innerhalb Schußweite von mir gekommen, ich legte auf ihn an und beobachtete nun, was er wohl tzüt würde. -Er jwachte keine