Donnerstag, den \2. Dezemder
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Das Amethyst-Fläschlein.
Eine Erz-älMng von A. K. Green.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Herr Armstrong, der fein Erstaunen ebenso unverfälscht zeigte, tute jede andere Bewegung, schaute die leichte Gestalt, die von der Treppe herab die anderen beherrschte, an, und gab zur Antwort:
Dieser Herr besitzt jedes Recht, Fräulein Murrah. Er ist der Coroner*) in dieser Stadt und gewohnt, alle un- erwarteten Todesfälle zu untersuchen.
Dann, gab sie heftig wieder, wobei ihre blassen Wangen sich mit liefern Purpur übergossen, über dem ihre Augen in fast geisterhaftem Glanze leuchteten, dann wenden Sie sich nicht an Dorothea Camerden. Sie ist nicht der Zeuge, den Sie suchen, sotidern ich Bin es. Ich bin's, die jenen Schrei ausstieß; ich bin's, die unsere Tante sterben sah. Dorothea kann Ihnen nicht sagen, was in ihrem Zimmer und au ihrem Bette vorging, denn Dorothea war gar nicht dort; aber ich kann es!
Verblüfft — nicht, wie die anderen, über die Aussage selbst - sondern über die freimütige Art und Weise ihrer Aeußerung, betrachtete ich das erstaunliche Mädchen Mit steigender Verwunderung. Immer schön, immer geistreich und stolz, sah sie in jenem Augenblicke aus, als ob kein Hauch der Furcht oder auch mir der Unsicherheit sie berühren könnte. Sie schaute dem Erstaunen ihrer besten.Freunde mit völliger Furchtlosigkeit ins Antlitz, und ehe sich das allgemeine Gemurmel noch in Worte zu verdichten vermochte, fügte sie hinzu:
Ich halte es für meine Pflicht, so vor Ihnen allen zu reden, 'weil ich — indem ich schon zu Lange geschwiegen habe — einem falschen Gerüchte oder Eindrücke die Runde zu machen gestattete. Ich war vom Sehreck betäubt. Daher war es mir unmöglich, gleich bei diesem schweren Schlags zu sprechen. Außerdem habe ich selbst in gewisser Hinsicht eine Schuld an der Katastrophe, und es fehlte mir pn Mut, dies einzugestehen. Ich war es nämlich, die das kleine Amethystfläschchen in das Zimmer meiner Taute brachte. Ich war schon vom ersten Augenblick davon gebannt oder bezaubert — wie Sie es nennen tvollen — so bezaubert, datz ich das Verlangen hatte,.sie mehr aus der Nähe zu sehen und in der Hand zu halten. Aber ich schämte mich dieser Bezauberung — ich meine damit, es konnte jemand erfayreu, daß ich mich durch einen solch kindischen Beweggrund überwältigen ließ; daher entnahm ich de» Brosche, dre eher vermißt tuerden würde, einfach das kleine Fläschchen. Jetzt kann ich es kaum begreifen, inie ich dazu kam, es zu tun, abev ”Tsi? England und Amerika der Beamte, der bei verdächtigen Todesfällen die sofortige Untersuchung mit Hilfe einer Jury zu leiten hat.
als ich es tat, kam mir mein Verlangen darnach sehr natürlich vor; und mit entschiedener Befriedigung trug ich das unheilvolle Ding bei mir, bis ich auf mein Zimmer kam. Dann, als das Haus still geworden und meine Zimmergenossin schlief, nahm ich es aus dem Versteck und sah es mir an, und da ich ein unwiderstehliches Verlangen in mir trug, meine Cousine an meiner Unterhaltung teilnehmen zu lassen, schlich ich über den angrenzenden Balkon in ihr Zimmer, genau so wie ich es schon manchesmal getan, tveitn unsere Tante zu Bett gegangen und eingeschlafen war. Aber int Gegensatz zu früheren Abenden fand ich ihr Zimmer leer. Dorothea war nicht darin; da indes ihr Licht noch nicht heruntergeschraubt worden war, wußte ich, daß sie bald zurück sein würde, und so ging ich trotzdem in ihr Zimmer.
In diesem Augenblick vernahm ich die Stimme meiner Tante. Sie war noch wach und wollte irgend etwas haben. Offenbar hatte sie schon zuvor gerufen, denn ihre Stimme klang schrill vor Ungeduld, und ich hörte sie einige sehr unmutige Worte äußern. Als sie hörte, daß ich,. in Dorotheas Zimmer war, rief sie noch einmal. Da ich immer daran gewöhnt gewesen bin, ihren Befehlen Folge zu leisten, eilte ich an ihre Seite; die kleine Flasche hielt ich in der Hand verborgen. Da sie erwartet hatte, Dorothea und nicht mich zu sehen, fuhr sie in unvernünftigem Zorne auf, und fragte, !vo meine Cousine stecke und warum ich noch nicht zu Bett gegangen sei. Ich versuchte, ihr zu antworten, aber sie wollte nicht auf mich hören und hieß mich das Gas auf- vrehen. Dies tat ich auch.
Dann befahl sie mir, ihr das Haar wieder zu ordnen und es ihr ein wenig bequemer zu machen. Dabei blickte sie mir scharf ins Auge, als ob sie wüßte, daß ich etwas vor ihr zu verbergen trachtete. Ich konnte nun ihren Befehl nicht' ausführen, ohne das kleine Fläschchen abzulegen. Daher ließ ich es mit einer raschen Bewegung, die ihr, wie ich hoffte, entgehen würde, hinter einige Flaschen gleiten, die auf dem Nachtischchen standen und beugte mich über sie, um ihrem Wunsch zu willfahren. Aber der Versuch, ihrem forschenden Blick zu entgehen, war nutzlos. Sie hatte meine Handbewegung beobachtet und plötzlich begann sie — ohne daß ich es bemerkte — nach dem Gläschen herumzn- tasten, das ich vor ihr hatte verbergen wollen. Sie fand es. So habe ich es mir wenigstens nachher zu erklären versucht. Denn plötzlich hatte sie es in der Hand und lächelte mich dabei auf eine Weise an, die ich nie vergessen werde.
Was ist das? rief sie und zeigte über dis Kleinheit des Gläschens und seinen feinen Schliff ein so unverhohlenes Erstaunen, daß ich augenblicklich erkannte, daß sie nichts von dem AmetHystherzchen gehört, das uns Herr Sinclair in der Bibliothek gezeigt hatte. — Ich habe noch nie ein so kleines Fläschchen gesehen. Was ist denn darin? Warum erschrakst du so, als ich es sah? . , _
Während sie dies sagte, versuchte sie den Stöpsel herauszudreheu. Er gab ihren Versuchen nicht nach, und


