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Würde es geheißen Haben, daß ich, Etienne Gerard, so was gebilligt hatte. 'Deshalb bin ich weggeblieben. Aber jetzt vor dem Krim-Feldzug ist's eine andere Sache. Die Leute ziehen jetzt in den Krieg, und da bin ich nicht der Mann, der fehlt, wann tapfere Soldaten Abschied nehmen.
Wahrhaftig, sie marschieren fein, diese kleinen Infanteristen! Sie sind nicht sehr groß und stark, aber sie sehen kräftig aus Und halten sich gut. Ich nahm den Hut ab, als sie vorbeizogen. Dann kam die Artillerie. Sie hatte gute Geschütze, flotte Pferde Und stramme Leute. Darauf folgten die Genietruppen, vor denen ich auch den Hut abnahm. Es gibt keine braveren Leute als diese Truppengattung. Endlich ritt die Kavallerie vorüber, die Lan- ciers, die Kürassiere, die Chasseurs und die Spahis. Vor diesen allen konnte ich den Hut ziehen, nur nicht vor den Spahis.*) Der Kaiser hatte keine Spahis. Aber als sie alle vorbei waren, was meinen Sie, Messieurs, was zum Schluß noch kam? Eine Brigade Husaren stürmte vorbei! Oh, mes amis, dieser Stolz und dieser Ruhm und diese Pracht, das Blitzen und Funkeln, der Hufschlag und das Rasseln der Geschirre, die flatternden Mähnen, die edeln Köpfe, wie eine gewaltige Wolke, wie ein lebendiges stählernes Meer wogten sie vorüber! Mein Herz schlug ihnen entgegen, als sie an mir vorübergaloppierten. Und ganz zuletzt, war's nicht mein eigenes Regiment? Mein Auge erblickte die silbergrauen Jacken, die Satteldecken aus Leopardcn- fell, im Moment verschwand mein Alter, ich war mit eiuemmal wieder jung, sah meine eigenen prächtigen Mannschaften und Pferde vor mir, sah sogar, wie sic hinter ihrem jungen Oberst hersausten, in der Kraft und Schönheit unserer Jugend, tior' gerade vierzig Jahren. Mein Stock flog in die Luft. „Zur Attacke! Vorwärts! Vive l'Empereur!" Die Vergangenheit rief der Gegenwart zu. Aber, o weh, was für eine dünne, piepsende Stimme! War das die Stimme, die einst bei einer kriegsstarken Brigade von einem Flügel bis zum anderen gedonnert hatte? Und der Arm, der kaum einen Stock schwingen konnte! Waren das die Muskeln von Feuer und Stahl, die in der ganzen gewaltigen napoleonischen Armee keinen ebeubürttgen Gegner gefunden hatten? Sie lächelten mir zu, sie grüßten. Auch der Kaiser lachte und nickte mir zu. Aber die Gegenwart war mir nur ein dunkler Traum, wirklich waren für mich nur meine achthundert toten Husaren und der Etienne Gerard von lange entschwundenen Zeiten. Genug — ein tapferer Mann kann dem Alter und dem Schicksal ebenso ins Auge sehen wie Kosaken und Ulanen! Aber es gibt Stunden, wo der Montrachet eher am Platze ist als der Bordeaux.
Sie ziehen nach Rußland, und so will ich Ihnen eine Geschichte von Rußland erzählen, Messieurs. Ach, was für ein böser Traum. Blut und Eis. Eis Und Blut. Trotzige Gesichter mit Schnee in den Bärten. Blaue Hände ragen hilferufend in die Luft. Und durch die große, weiße Ebene eine einzige, lange, schwarze Linie vorwärtsrückender Gestalten, sich mühsam fortschleppend: einmal hundert Meilen, nochmal hundert Meilen, und immer noch dieselbe Weiße Ebene. Manchmal wurde sie von Kiefernwäldern begrenzt, manchmal schien sie den falten, blauen Himmel zu berühren, aber die schwarze Linie schlängelte sich vörwärts und immer vorwärts. Jene matten, zerlumpten, hungernden Männer, deren Lebensmut erfroren war, schauten weder nach rechts, noch nach links, sondern trotteten weiter und weiter, nach Frankreich zu, wie verwundete Tiere nach ihrem Lager. Sie sprachen kein Wort, man hörte kaum ihre Tritte im Schnee. Ich habe sie nur einmal lachen hören. Es war, als wir über Wilna hinaus waren, als ein Adjutant an die Spitze dieser gräßlichen Kolonne ritt und fragte, ob das die Grande Armbe wäre. Alle, die in Hörweite waren, guckten sich um, und als sie diese gebrochenen Mannschaften, diese vernichteten Regimenter, diese Gerippe und Pelzmützen sahen, die einstmals die Garde vorgestellt hatten, fingen sie an zu lachen, und dieses Lachen ging wie ein Lauffeuer durch den ganzen Zug. Ich habe manches Stöhnen, Schreien und Wimmern gehört in meinem Leben, aber nichts klang so fürchterlich wie dieses Lachen der Großen Armee.
Wer warum, werden Sie fragen, meine Herren, Haben hie Russen diese hilflosen Scharen nicht niedergemacht? Wie kams, daß sie nicht von den Kosaken aufgespießt oder umzingelt und als Gefangene in das Innere Rußlands getrieben worden find? Soweit Sie die schwarze Schlange sich über den Schnee dahinwrnden sahen, bemerkten Sie auch dunkle Schatten zu beiden Seiten, die wie flüchtige Wolken kamen und verschwanden. Das waren die Kosaken, die um uns ■ herumschwärmten wie Wölfe Um eine Schafherde. Aber der Grund, warum' sie uns nicht miederritten, war der, daß bei utanchen unserer Soldaten das ganze Eis des russischen Winters ihren feurigen Mut nicht hatte erstarren können. Es gab schließlich immer noch 'Leute, die stets bereit waren, sich diesen Barbaren entgegenzuwerfen und ihnen die Beute streitig zu niachen. Vor allen anderen wurde ein Mann mit zunehmender Gefahr immer größer und machte seinen Ruhm im Unglück größer, als ers durch Siege vermocht hätte. Ihm weihe ich dieses Glas — dem Marschall Ney, dem rotmähnigen Löwen, der dafür sorgte, daß ihm der Feind nicht zu nah auf den Racken kam. Ich kann ihn mir jetzt noch vorstellen, sein bleiches, breites Gesicht, seine
, *) Spahis, Bezeichnung der in Algerien und Tunis garni- sonicrenden Eingeborenen-RciterregimMter.,
hellblauen Augen, die nach allen Seiten Funken sprühten, feine gewaltige Stimme, die das Knattern des Gewehrseuers überdröhnte. Sein eisbedeckter, federloser Hut war das Zeichen, um.das sich ganz Frankreich scharte in jenen Unglückstagen.
Es ist allgemein bekannt, daß weder ich, noch das Conflans'schlS Husarenregiment mit in Moskau war. Wir mußten mit den Kommunikationstruppen bei Borodino bleiben. Wie der Kaiser ohne uns hat vorrücken können, ist mir imbegreiflich, und tatsächlich kam mir's erst damals zum Bewußtsein, daß seine Urteilskraft schwächer wurde, daß er nicht mehr der Mann ioar,- der er gewesen. Doch der Soldat hat Order zu parieren, und so blieb ich in in diesem kleinen Ort, der durch die Leichen von dreißigtausend Mann verpestet war, die in jener furchtbaren »schlacht das Leben verloren hatten. Ich benutzte die Tage des Spätherbstes meine Pferde in Stand zu setzen und meine Leute wieder ordent-: lich einznkleiden, so daß, als die Armee auf dem Rückmarsch wieder in Borodino eintraf, meine Husaren sich von der ganzen Kavallerie in der besten Verfassung befanden und unter Ney der Arrieregarde einverleibt wurden. Was hätte er ohne uns anfangen sollen in jener schrecklichen Zeit? „Ach, Gerard," fügte er eines Abends — doch, es kommt mir nicht zu, seine Worte zu wiederholen. Kurzum, er sprach das aus, was die ganze Armee fühlte. Tie Arrieregarde deckte die Armee, und die Constans'scheu Husaren deckten die Arrieregarde. Dieser Satz sagt die ganze Wahrheit. Die Kosaken waren uns stets auf den.Fersen, aber stets hielten wir sie ab. Es verging kein Tag, wo wir unsere Säbel nicht gebraucht hatten. Das Ivar ein echtes Soldaten-, leben! ,
Aber es kam eine Zeit zwischen Smolensk und.Wilna, wo unsere Sage verzweifelt wurde. Gegen die Kosaken, und zur Not auch gegen die Kälte, konnten wir uns wehren, aber nicht in gleicher Weise gegen den Hunger. Es mußten Nahrungsmittel beschafft werden, es mochte kosten, was es wollte. . In jener Nacht ließ mich Ney an den Wagen rufen, in dem er zu schlafen pflegte. Sein mächtiges Haupt war in seine Hände gesunken. Geisttg und körperlich war er zum Tode gebrochen.
„Oberst Gerard," sagte er, „es geht schlecht mit uns, sehr schlecht. Die Leute sterben Hungers. Wir müssen um jeden Preis Nahrungsmittel schaffen."
„Die Pferde," sagte ich andeutungsweise.
„Behalten Sie Ihre Handvoll Kavallerie, wir haben weiter keine."
„Die Spielleute," sagte ich dann.
Er mußte trotz seiner Verzweiflung lachen.
„Warum die Spielleute?" fragte er.
„Gefechtsfähige Männer sind von großem Wert."
„Gut!" sagte er. „Sie beabsichtigen das Spiel bis zur letzten Karte durchzuspielen; das will ich auch. Brav, Gerard/ brav!" Er drückte mir die Hand. „Wir haben noch eine Chance, Gerard." Er nahm eine Laterne von der Wagendecke und stellte sie auf eine vor ihm ausgebreitete Karte. „Südlich von uns," fuhr er fort, „liegt die Stadt Minsk. Ein russischer.'Deserteur hat mir 'versichert, daß dort noch viel Korn aufgespeichert liegt. Ich wünsche nun von Ihnen, daß Sie so viele Leute aussuchen, wie Ihnen gut dünkt, nach Minsk reiten, in der städtischen Getreidehalle die Frucht nehmen und so viele Wagen voll laden, wie Sie nur in der Stadt auftreiben können, und damit zwischen hier und Smolensk zu mir stoßen. Schlägts fehl, so ist.nur eine kleine Abteilung abgeschnitten, geliugts, so bedeutet es neues Leben für die ganze Armee." '
Er hatte sich nicht richtig ausgedrückt, denn, falls es mißglückte, war nicht nur ein Detachement verloren. Es kommt nicht nur auf die Quantität an, sondern auch auf die Qualität. Aber trotzdem, was für eine ehrenvolle Mission, was für ein ruhmreiches Wagnis! Wenn es sterbliche Menschen ferttgbringen konnten, würde das Getreide von Minsk sicher kommen. Tas beteuerte ich ihm und sprach einige zündende Worte von den Pflichten eines tapferen Soldaten, bis der Marschall so gerührt war, daß er ausstand, mich liebevoll auf die Schulter klopfte und zum Wagen hinausbegleitete.
Es war mir klar, daß ich, wenn mein Unternehmen gelingen sollte, nur eine geringe Streitkraft mitnehmen durfte und mich lieber auf einen glücklichen Zufall, als auf größere.Massen verlassen mußte, welche sich nicht verbergen, nicht leicht die nötige Fourage herbeischaffen könnten, und das gesamte russische Militär in der Nähe veranlassen würden, sich zu konzentrieren.und uns zu vernichten. Wenn dagegen ein kleiner Trupp Reiter ungesehen durch die Kosaken durchkommen konnte, wars wahrscheinlich, daß sich ihnen dann keine Soldaten in den Weg stellen würden/ denn wir wußten, daß die russische Hauptarmee noch.mehrere Tagemärsche hinter uns war. Das Korn war zweifelsohne zu ihrem Bedarf bestimmt. Ich nahm also nur eine Schwadron Husaren und dreißig Lanciers zu meinem Abenteuer mit. . Wir brachen noch in der nämlichen Nacht auf und ritten in südlicher Richtung nach Minsk zu. ; ,
Glücklicherweise war wenig Mondschein, und wir kamen durch, ohne vom Feind angegriffen zu werden. Zweimal erblickten wir große Feuer int Schnee, und drum herum eine Menge Stangen. Das waren die Lanzen der Kosaken, die sie in den Schnee gesteckt hatten, während sie schliefen. Es würde uns ein riesiges Vergnügen bereitet haben, dazwischenzusahren, denn wir hatten uns


