Ausgabe 
12.10.1912
 
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sprachen hatte, es ohne meine spezielle Erlaubnis nie wieder zu tun; und noch dazu in einer Nacht, wo auch der be­herzteste Mann hnransKllgehen sich bedenken würde.

Das schien einfach unglaubhaft, toemt man nicht an- uehmen wollte, daß Marcella entweder verrückt ,ct (doch auch Geisteskranke sind von der Einwirkung von Giften nicht ausgeschlossen) oder das verdorbenste und undauk- barste Geschöpf auf Gottes Erdboden, weint nicht gar eine wirkliche Verbrecherin, was mir natürlich gleichfalls aus­geschlossen erschien. t

Endlich kam mir ein Gedanke, der mich zwar mit Entsetzen erfüllte, aber mir immer wahrscheinlicher vorkam, je mehr ich ihn ausspann.

Wie, dachte ich mir, wenn sie gleichfalls der Einwirkung des Giftes erlegeit, und, tvährend Helen und ich bewußtlos waren, mit Gewalt aus dem Hause entführt wäre? Diese Annahme wurde mir bald zur Gewißheit. Selbstverständ­lich konnte das nur im Einvernehmen mit dem Dienst­mädchen geschehen sein. Eine wahnsinnige Wut erfaßte mich, ich sprang aus dem Bett und wollte die elende Kreatur erwürgen. Doch plötzlich erkannte ich, wie töricht eine solch überstürzte Handlungsweise sein würde. Ich beschloß daher, lieber noch die Stunde zu warten, bis die Post öffnete, und dann nach Scotland Mrd zu telegraphie­ren und um den sofortigen Besuch des Inspektors Beale zu bitten. Natürlich, sagte ich mir, würde es unklug sein, Mary Ann auch nur im eutferntesten zu erkennen zu geben, daß ich sie in irgend welchem Verdacht hatte.

Die Morgendämmerung war mittlerweile etwa eine halbe Stunde angebrochen, und als ich die Jalousien hoch­zog, sah ich, daß jede Spur von Nebel verschwunden war. Wie zum grimmen Hohn meiner schrecklichen Verzweiflung schien die Wintersonne hell und klar auf die Gipfel der Bäume, der Himmel war stahlblau, die Spatzen, als bekannte Frühaufsteher, zwitscherten laut nach Frühstück, die ganze Natur zeigte Frieden und Freude, nur in meiner Brust herrschten Sturm und Leid, denn mein Liebstes war von mir genommen.

Helen war ebenfalls schon längst aufgestanden und be­gegnete mir aus der Treppe. Sie sah bleich und abgehärmt aus. Ich flüsterte ihr leise ins Ohr, was ich glaubte und vorhatte. Sie bemerkte nur dazu:

Danu laß aber auch Charley kommen. Ich habe das Gefühl, als ob ich seine Nähe heute nötig hätte.

Ich lächelte grimmig darüber und versprach es ihr wahrscheinlich würde ich's auch ohne ihr Bitten getan haben; denn, wenn ich seinen Rat und Beistand jemals brauchte, war es jetzt sicherlich der Fall in dieser ersten wirklichen Krisis meines Lebens.

Ms ich am Postamt ankam, wnrden die Schalter gerade geöffnet. Die junge Dame, die mir die Telegramme ab­nahm, sah mich groß an, als sie sie überlas. Das erste lautete:

Inspektor Beale, New Scotland Hard, London.

Dame gestern abend verschwunden; bitte sofort kommen, habe Dienstmädchen in Verdacht. Williams."

Das zweite, an Mortimer hatte folgenden Inhalt: Mortimer, Pump Court 92, Middle Temple, London.

Marcella fori; bin ganz außer mir; sofort kommen. Ted."

Ich kam zu dein Schluß, weiter keine Nachforschungen anzustellen, sondern ruhig die Ankunft des Inspektors ab­zuwarten. Unser Frühstück war an diesem Morgen nur sehr provisorisch und verlief totenstill. Unsere Blicke waren immer auf den leeren Platz an unserem Tische gerichtet, und als sie sich unwillkürlich begegneten, drückten sie un­seren gemeinschaftlichen Kummer beredter aus, als es Worte vermocht hätten. Während uns Mary Ann bediente, schien sie auf weitere Fragen nach Marcellas Verschwinden zu warten. Wir taten ihr diesen Gefallen jedoch nicht, zeigten auch keinerlei Groll gegen sie, Helen behandelte sie, wie ich bemerkte, im Gegenteil sogar außerordentlich freundlich.

Mortimer und Beale kamen mit demselben Zuge, und ich erzählte ihnen sofort die ganze Geschichte. Aber keiner von beiden schien sonderlich überrascht.

Sie sehen, sagte der. Inspektor, meine Befürchtungen haben sich bewahrheitet. Nun wissen Sie, mit welcher Art Leuten Sie zu tun haben. Sie schrecken vor nichts zurück, um ihr Ziel zu erreichen.

Das stimmt, erwiderte ich. Aber was ist' nun in der

Sache selbst zu tim? Ich fühlte mich für die Sicherheit der Dame persönlich verantwortlich.

Oh, versetzte er lächelnd, darüber brauchen Sie sich nicht zu beunruhigen; sie befindet sich bestimmt in Sicher­heit. Sic ist ein sehr wertvoller Besitz, diese Dame, und es wird Sie ein schweres Stück Arbeit kosten, sie den Klauen Ihrer Feinde " zu entreißen. Sie repräsentiert meiner Meinung nach 'nen Haufen Geld und wird dafür als sicheres Pfand festgehalten werden.

Aber, sagte ich, es sollte doch ganz unmöglich sein, etit Weib in dieser Weise direkt unter den Augen der Polizei fortzuzaubern, wie es hier der Full gewesen ist.

Wie? Was? Die Polizei konnte keine Handbreit sehen bei dem Nebel in der vergangenen Nacht, und es war absolut nicht schwer, sie wegzuschaffen, nachdem Sie als Arzt und Ihre Schwester sich hatten vergiften lassen. Und damit komme ich auf den springenden Punkt. Der Schlüssel zur Lösung dieses Rätsels muß, wenn es über­haupt eineu gibt, hier im Hause zu finden sein. Vor allen Dingen muß ich Ihr Dienstmädchen ins Verhör nehmen. Weiß sie schon von Ihrem Verdacht?

Ei, Gott behüte! Wir haben so getan, als ob wir ihren Versicherungen vollkommen Glauben schenkten, ver­setzte ich. Mir schien es so am besten.

Schön! Wo könnte ich sie denn mal allein sprechen?

Helen schlug das Eßzimmer vor, weil die trennende Schiebetür gerade geschlossen war. Sie geleitete den In­spektor dorthin, klingelte dem Mädchen und ließ die beiden oanu allein.

Es verging annähernd eine Viertelstunde, ehe er zurück-! kam. Ich bemerkte sofort an seinem Gesicht, daß die Unter­redung ergebnislos verlaufen war.

Ich kann nichts aus ihr 'rausbringen, sagte er. Sie weicht keinen Zoll breit von der Erklärung ab, die sie Ihnen gegeben hat. Ich habe alle Stränge mit ihr aufge­zogen. Ich bin fest überzeugt, daß sie lügt. Wir werden's ja bald sehen, denn, fügte er im Flüstertöne hinzu, sie wird wahrscheinlich zu fliehen versuchen ich werde sie aber nicht aus dem Gesicht verlieren lassen. Ich habe einen Mann draußen stehen, der dafür sorgen wird. .Nun, Herr- Doktor, fuhr er wieder lauter fort, wollen wir einen kleinen Spaziergang in die Stadt machen, wenn's Ihnen recht ist.

Sehr gerne, antwortete ich. Und was gedenkst du zu tun, Mortimer?

Oh, ich werde die Zeit schon hinbringen, sagte er; ich werde mich Helens annehmen, während du weg bist. Ich habe sowieso was mit ihr zu besprechen.

Diese Worte überraschten mich zwar einigermaßen, doch erwiderte ich nichts, sondern folgte den: Inspektor nach dem Polizeibureau.

(Fortsetzung folgt.)

Abenteuer de§ Brigadier Gerard.

Von C. Doyle.

(Fortsetzung.)

II.

W i e der Brigadier nach Minsk ritt.

Heute abend brauche ich einen schweren Wein, mes amib, eher einen Burgunder als einen Bordeaux. Mein Herz, das alte Soldatenherz, ist traurig in meiner Brust. , Das Alter ist ein sonderbares Ting, es kommt, und man weiß nicht wie, man be- greift's nicht; der Geist ist immer derselbe, und man wird nicht gewahr, daß der arme Körper schwach wird. Aber manchmal kommt's einem doch zum Bewußtsein, manchmal wird's einem! plötzlich kmr, und man merkt, was man war, und was man noch ist. Ja, so ging mir's heut auch, und ich Muß heute abend eine Flasche Burgunder trinken, weißen Burgunder Mvntrachet!

Ich war Heute früh auf dem Champ de Mars. Pardon, mes amis,- verzeihen Sie, daß ein alter Mann sein Leid erzählt. Sie werden die Revue gesehen haben. War sie nicht großartig? Ich gehö.rte zu den alten Offizieren, die ausgezeichnet roort>en sind. Ties Band auf meiner Brust war mein Passeport. Das Kreuz bewahre ich zu Haus in einem Lederetui auf. Man hat uns geehrt, denn wir wurden in der Nähe des Kaisers ausgestellt, und die Hofequipagen standen zu unserer Rechten.

Es sind Jahre her, seitdem ich bei keiner. Revue mehr ge­wesen bin, denn ich kann manches nicht gut Heißen, was ich ge­sehen habe. Ich kann z. B. nicht billigen, daß die Infanterie rote Hosen trägt. Die Infanterie hat stets in weißen Hosen gefochten. Rot ist die Farbe der Kavallerie. Wenn's i-o fort- geht, wird sie auch bald unsere Tschakos und unsere Sporen! haben wollen! Wenn ich zu den Revuen gegangen wäre, io