Ausgabe 
12.10.1912
 
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Samstag, den \2. Oktober

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Die Dame im Pelz.

.Roman von G. W. Appleton.

(Nachdruck tierboten.)

(Fortsetzung.)

Nachher folgten wie gewöhnlich kleine Musikvorträge. Ich streckte mich auf einer Chaiselongue ans und überließ mich angenehmen Empfindungen. Solange Marcella am Klavier saß, betrachtete ich die reizenden Konturen ihrer lieblichen Gestalt, den schöngeformten Nacken und die nied- licheu .Haarlöckchen, die ihre kleinen Oehrchen umspielten. Ich trank die goldene Melodie ihrer Stimme und fühlte, wie ich allmählich selbst hinüberschlummerte in jene Welt des Sonnenscheins, des Gesanges und der Blumen und schließlich des Vergessens.

Endlich fuhr ich erschreckt auf. Es kostete mich eine ge­wisse Anstrengung, die Augen zu öffnen. Ich fühlte ein eigentümliches Summen im Kopf, und dann schwirrte mir sofort der entsetzliche Gedanke durch mein noch umnebeltes Gehirn, daß ich vergiftet worden sei. Ich schaute mich um. Was Feuer war ausgegangen. Nur ein Häufchen graue Asche lag nort) auf dem Rost. Der Nebel war ins Zimmer ge­drungen, 'und graugrüne Schleier umgaben die Gasflammen. Ich sah nach der Uhr. Ich hatte fast drei Stunden ge­schlafen. In einem Lehnstuhl saß wie eine Leiche, den Kopf hintenübergebeugt und schwer atmend, meine Schwester. Marcella war nirgends zu erblicken. Was sollte das be­deuten? Ich ging zu Helen und rüttelte sie, beinahe un­sanft.

Wach auf! Wach auf! rief ich. Es ist 'n Unglück passiert!

Sie schlug die Augen auf und sah mich verstört und erschreckt in einer Weise an, die mir genug sagte.

Nimm dich zusammen. Wir sind vergiftet. Bezwing dich, steh auf!

Sie raffte sich mit aller Anstrengung auf.

Was ist? Was ist los? rief sie.

Ich weiß nicht. Guck mal nach der Uhr nach dem Feuer! Wir haben stundenlang geschlafen. Wo ist Marcella?

Ich weiß nicht, antwortete sie. Ich kann mich gar nicht erinnern. Wir waren doch alle zusammen, und sie spielte doch Klavier und oh, Ted! was mag vorgefall'en

Ich lief nach' der Klingel und zog sie wahnsinnig. Das Mädchen kam herein.

Wo ist Fräulein Marcella? schrie ich sie, an.

Ausgegaugen, Herr.

Ausgegangen!

Ja, Herr, schon vor länger als 'ner Stunde.

In einer solche Nacht wie heute?

Jawohl, Herr. Ich sagte ihr, es sei töricht, aber , wollte nicht auf mich hören. Sie meinte, es wäre wichtig,

und sie würde den Weg sicher finden. Sie schliefen beide> und sie wollte Sie nicht stören, sagte sie, als ich Sie wecken und es Ihnen mitteilen wollte; denn es kam mir merkwürdig vor, daß sie in so 'ner Nacht Weggehen wollte. Aber ich mußte 's ihr versprechen, und was sollte ich da-« gegen machen? Dann ging sie erst nach oben, zog ihren Mantel au und setzte ihr Barett auf, uud dann brachte ich sie nach der Gartentiir und zeigte ihr den Weg nach 'm Bahnhof.

Nach dem Bahnvf! rief ich entsetzt aus.

So sagte sie, Herr. Soviel icl; mir daraus nehmen konnte, wollte sie jemanden dort treffen. Aber dann müßte sie ja bereits wieder zurück sein. Sie wird doch nicht ttr1 gegangen sein?

Mein Gott! Helen, was soll das alles bedeuten? Warum hab ick; Gregorh heut abend Weggehen lassen! Haben fick) all die dunkeln Mächte gegen mein Unglück verschworen? Wo ist mein Hut? Ich war ganz von Sinnen. Ich muß sie suchen, sie wieder zurückbringen. Sie muß ganz wahnsinnig geworden sein. Sie wird sich verlaufen in diesem Nebel. Halt mich nicht, Helen. Ich muß 'naus!

Ich stürzte zum Haus hinaus, ohne Besinnung, blind­lings. Es ist mir heute noch ein Rätsel, wie ich nach der Station gekommen bin. Kein Mensch, auf den ihre Beschrei­bung paßte, war dort gesehen worden. Ich fragte jeden Schutzmann, den ich traf. Ich erkundigte mich in jeder Kneipe, die noch offen war. Es war alles umsonst; und nach langem Umherirren fand ich endlich wieder den Weg nach meiner Wohnung. Eine dumpfe Verzweiflung ergriff mich. Die Wahrheit drängte sich mir immer stärker auf. Ich konnte mich ihr nicht mehr verschließen. Marcella war verschwunden, wie ein Schatten in der Nacht.

11. Kapitel.

Meine Seelenqualen in dieser Nacht wären unbeschreib­lich. Daß ich wahnsinnig in Marcella verliebt war, konnte ich mir nicht länger verhehlen, und der Gedanke, daß sie mir durch irgend einen teuflischem Streich gerade in der Stunde meines höchsten Glücks entrissen sein sollte, schien mir unfaßbar. Die ganze schlaflose Nacht hindurch zer­marterte ich mein Gehirn, eine Erklärung für ihr Verschwin­den zu finden, aber alles Nachdenken half nichts, ich ver­mochte das Rätsel nickst zu lösen. ,

Das einzige, was feststand, war, daß Helen und ich vergiftet worden waren. Ebenso war es sicher, daß das nicht zufällig geschehen war. Aber wie kam es, daß Mar­cella nicht auch der Einwirkung des Giftes zum Opfer gefallen war? Sie hatte doch von denselben Speisen ge­gessen wie wir, und war dem Einfluß des Betäubungs­mittels ebenso gut unterworfen wie wir, und trotzdem war sie nach den Aussagen des Dienstmädchens, während wir beide ohnmächtig gewesen waren, bei vollem Bewußt­sein gewesen, hatte sich ruhig angezogen uud aus hem Hause entfernt und das, nachdem sie mir feierlich ver-