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Und er — er hatte die Süchte zum Klappen gebracht.
Pah — was ging's ihn schließlich an? Einmal wäre der Krach ja doch gekommen!
Mer ekelhaft war's doch, zu wissen, däß man selber —:
Äeh... nichts mehr zu machen!
Vielleicht war ja überhaupt gar nichts passiert? Und die drei saßen da oben ganz friedlich und vergnügt zip, summen —!
Horch — da ging die Tür wieder auf... Schritte kamen die Treppe herunter... hastige Schritte — Flamberg —
Gesenkten Hauptes, unsichern Ganges tappte der Maler die Stiege hinab, ohne die beiden Herren zn bemerken, die sich unwillkürlich jeder in einen Stuhl fallen lassen und Stellungen harmloser Zwiesprache angenommen hatten.
Er schrrtt geradeswegs in den Garderobenraum, der vorn neben der Eingangspforte lag... kam gleiche darauf wieder heraus... den Helm schief auf den Kopf gestülpt... im Begriff, den Säbel umzugürten... Kaum konnten die fliegenden Finger die Zunge des Koppelriemens in die Schnalle bringen...
Msschauend bemerkte er die beiden Herren.
Er zwang sein tief erblaßtes, finster verzerrtes Gesicht zu einem verbindlichen Lächeln: „Nun, Quincke, gehn Sie noch nicht mit ins Dorf hinunter? — Wir müssen stns morgen um drei wecken lassen, außerdem fünfundvierzig Kilometer in Aussicht!"
„Haben ,©te sich denn schon von den Stäben verabschiedet?" ■
„Nee... ich bin müde, drücke mich französisch!... Na, wvll'n Sie mit...? Der Weg ist verdammt dunkel!"
„Ich habe .Blowitz versprechen müssen, auf ihn zu Warten —!"
„So — ? Nä, dann muß ich also in Gottes Namen allein —! Guten Abend, meine Herren! — Wohl bekommt !"
Säbelrasselnd, beherrschten Ganges schütt er von dannen.
„Donnerwetter! — sah der aus!" sagte Quincke, „was ist dem denn passiert?!"
„Was soll ihm passiert sein?" grinste Menshausen., „Kommen Sie — ich hab' einen scheußlichen Brand in der Kehle von dem verdammten süßen Zeug, der Pfirsiche bowle! Ein Schoppen Münchener wäre nicht zu verachten !"
Als die Herren durch den Speisesaal schlenderten, kam mit raschen, festen Schritten der Hausherr hinter ihnen her: „Na, jungen Leute, wie schaut's draußen aus? — Hat alles zu trinken?!"
Ein rauher, rostiger, geborstener Klang in seiner Stimme...
Menshausen wagte nicht, ihn anzuschauen...
Eine fressende Scham, ein Ekel vor sich selber würgte ihm in der Kehle... Zweifellos — morgen ... morgen... morgen floß Blut... irgendwo... im Wald... ein paar hundert Schritt vom Biwak des ganzen rheinischen Armeekorps. Blut... Menschenblut... Kameradenblut...
Und er... pfui Deubel... pfui Deubel... Er hätte äusspucken mögen vor sich selber.
In zechenden, plaudernden Gruppen standen die. Gäste draußen im Garten beisammen...
Als der Hausherr auftauchte, empfing ihn ein rasender Beifallssturm.
„Der Oberst rief: „Meine Herrschaften — unser ritterlicher, glänzender Gastgeber — hurra, hurra, hurra ---!"
Schmetternd widerhallte der Rus an den Felswänden... rollte weithin das dunkel träumende Waldtal entlang...
„Aber — wo ist die Königin unseres Festes, unsere schöne verehrte Hausfrau?!"
„Meine Frau ist leider nicht ganz wohl," sagte Brandeis im Ton ruhigen Bedauerns, „sie hat sich! gelegt ud> bittet die Herrschaften, sie entschuldigen zu wollen! —•, Uebrigens hat es nicht das Geringste zu sagens..."
Allgemeines höfliches Beileid.
Die Mädchen drängten sich an den Hauptmann heran: ,,Dürfen wir nicht mal zur ihr hinauf?!"
„Sehr liebenswürdig, meine Damen! Haben Sie schönsten Dank! — Mer es ist wohl besser, man läßt sie ganz in Ruhe! Es hat wirklich gar nichts zu sagen... nur ein bißchen Uebernmdungt — Bitte, bitte, meine Herrschaften, lassen Sie sich heute ja nicht stören!"
gWx neirh lieber .Brandeis, die Herren von drunten
wären ohnehin int Begriff, aufzubrechen! — UebtigenK wird's auch allmählich höchste Zeit... elf Uhr vorbei h heiliges Kanonenrohr!"
„Gewiß," bestätigte der Major, „wir ha bin mehr Pfirsichbowle intus, als wir vor Gott und Seiner Exzellenz dem Herrn Korpskommandeur verantworten können! —i Wenn das noch eine halbe Stunde so weiter geht, brechen wir uns auf dem Heimwäg Hals und Beine!"-
„Jch gebe den Herren selbstverständlich einen Burschen mit einer Laterne mit! — Aber bitte wirklich dritMnd, meine Herren — setzen wir uns wieder zu Biere! — Meine Frau würde untröstlich! sein, wenn sie wüßte, die Herren! ließen sich nicht halten..."
Gott sei Dank... sie gingen!... die von drunten...!
„Wer wenigstens die Schloßbesatzung wird doch! noch, ein wenig beisammen bleiben —! Das verlange ich einfach, Herr Oberst!"
„Lieber Brandeis, Ihr Wunsch ist mir heute Befehl —■ aber jetzt wird's wirklich Zeit für uns alle! — Also •—j gute Nacht, mein Verehrtester...! es war einfach feenhaft ... direkt chimborassomäßig! war's..; verstehn Sie mich... ? Aber nun Schluß! — Und meine Herren Adjutanten werden sich auch schlafen legen, sonst werden morgen meine sämtlichen Befehle falsch ausgerichtet!"
Gott sei Dank... nun wurde Ruhe... nun . konnte man denken... Entschlüsse fassen... die unvermeidlichen Entschlüsse...
Leise... ganz leise klinkte Fritz von Brandeis. die Tür zum Schlafzimmer auf... lauschte angespannt in das dunkle Gemach hinein... lauschte auf Cäciliens Atemzüge...
Vielleicht schlief sie wirklich... vielleicht hatte es sie übermannt... es wäre das Beste gewesen... er fühlte sich so todesmatt... so widerstandsunfähig...
Jetzt nicht mehr fragen... jetzt nicht mehr Antwort hören... und wägen müssen...!!
Gott, wenn sie doch schliefe! — Dann würde er sich in seinem Zimmer auf das ttihle Bismarcksofa werfen... sich in eine Decke wickeln... und schlafen... schlafen.., schlafen...
Wozu noch lange fragen?! — Was er wissen mußte, wußte er ja doch... Er wußte, daß Raub verübt worden war an seinem Allerheiligsten... wußte, daß er morgen Rechenschaft fordern würde für diesen Raub... morgen, wenn es Tag war... blutige Rechenschaft... Rechenschaft fordern mit Einsetzung seines eigenen Levens ... Und titel» leicht war's am besten für ihn, wenn's ihn dann traf... Sein Leben war ja doch besudelt... verspielt.., verloren ...
,Fortsetzung folgt.)
Zur Geschichte der Gießener VuchdruÄereieu: Die Universitätsbuchdrucker.')
Schon bei Gründung des „Gymnasium illustre" zu Gießen im Jahre 1605 wurde es als notwendig erachtet, für die Selbstzwecke der hohen Landesschule, zum Drucken von Schulbüchern', Abhandlungen und Programmen einen eigenen Buchdrucker zu haben. Der Marburger Universitäts-Buchdrucker Egenol- phus (Egeuolff) errichtete 1605 für die Zwecke des Gymnasiums in Gießen ein Zweiggeschäft und bezog dafür „70 fl. Wartgeld". Noch in demselben Jahre übertrug Egenolff das Gießener Geschäft seinem ehemaligen Gesellen und späteren Schwiegersohn Nikolaus Hampelius (Hampel). Dieser übernahm die Gießener Filiale um so lieber, als er hoffen konnte, bei der bevorstehenden Gründung der Universität die Stelle eines Universitäts-Buchdruckers zu erhalten. Die Stellung eines „Typographus Academiae" war eine günstige; er wurde „privilegiertes membrum Academiae". Das landesherrliche Privilegium von 1607 bestimmte: „Und weil zu einer Universität ein Notarius, Apotheker, Buchdrucker und Buchbinder vonnöthest, so wollen Wir dieselbige der bürgerlichen Beschwertue n auch befreiet haben." Diese bürgerliche Wohltat wurde dem Universitäts-Buchdrucker von neuem zuerkannt durch die landesherrliche Verfügung von 1668, die ausspricht: „Also declariren Wir, daß auch unsere Universität und alle bey derselben sich besuchende bey allen denjenigen privilegirte, resp. Jurisdiktion, Rechten und Gerechtigkeiten, Jm- munitäten und Frechheiten , . , von niemanden darin turbirt
*) Benutzt: Universitäts-Archiv-Akten, Uni V.- Bttchdrucker betr. —Akten des Haus- und Staatsarchivs zu Darmstadt. Dr. N Koennecke, Hessisches (ehemals kurtzessisches) B u ch d r u ck e r b u ch, W.ar- .burg 1894x


