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Stn Mützenfutter im Vorzimmer habe ich ihn gelesen! Haha! | Nun, Lisotschka! Das ist nämlich meine Frau. . . Ein vortreffliches Weib ! Ich werde Sie bekannt machen . . . Lisotschka, bring uns irgend etwas, — die Herren Offiziere müssen sich nach dem Regen erwärmen! Doch, doch. . . Wenn Sie abschlagen, beleidigen Sie mich aufs Tiefste!"
Aus dem Nebenzimmer kam eine reizende junge Frau. Während sie ihr prächtiges Haar in Ordnung brachte, lächelte sie und sagte, die verschlafenen Augen zusammenkneifend:
„Einem Manu können Sie vielleicht etwas abschlagen, aber einer Dame — pfui. Das wäre nicht gentkemenlike!"
Der Gatte stellte vor: „Meine Frau Eliseweta Petrowna — Nikodem Iwanowitsch! Herr Wachtmeister . . .- verzeihen Sie, ich habe nicht die Ehre. . ."
Der Wachtmeister wurde beim Anblick der hübschen Frau so verwirrt, daß er aufsprang, die Hacken gegeneinander schlug und sich übertrieben laut vorstellte: „Ktutilow, Walerian Petrowitsch!" „Freut mich sehr! Ich habe einen Sohn, der Walja heißt . . . Sucre!"
Als die Köchin erschien, befahl sie: „Führe die Zeugen und die Schutzleute vorläufig in die Küche! Mach die Pirogen warm, stelle Wurst und Gurken auf. . . Ein Achtel Schnaps ist auch noch da . . . Mit einem Wort, sorge für sie. Ich werde inzwischen für die Herrschaften hier alles zurechtmachen."
Lächelnd sah sie den sie anstarrenden Wachtmeister an und eilte hinaus.
Der Gendarmerieoffizier öffnete wie berauscht den Mund Und sagte: „Verzeihen Sie, aber . . ."
Hinter der Tür hörte man Lärm und Kinderstimmen, zwei Jungen von fünf und sechs Jahren stürzten jubelnd herein. „Haussuchung! Bei uns ist Haussuchung!" riefen sie im Takt zu den Sprüngen, in einem Ton, als ob sie sich über empfangenen Kuchen freuten.
Einer der Jungen lief, mit seinen bloßen Füßchen tapsend, zu dem Offizier und faßte seinen Finger: „Guten Tag! Schaukle Mich auf deinem 23eilt, so! Hopp, hopp!"
Der Vater nickte zerknirscht mit dem Kopf.
„Ach, Ihr Lumpenkerle!" sagte er. „Verzeihen Sie, meine Herren! Aber man hat sie in Odessa so verwöhnt. Fast zweimal wöchentlich gab eg bei mir Haussuchungen . . . das war das größte Vergnügen für die Buben! Mit allen haben sie sich angefreundet. Wollen Sie glauben, Schokolade und Spielzeug bekamen sie geschenkt . . ."
2H8 der Gendarmerieoffizier sah, daß der Junge seinen Mund nach seinem langen Schnurrbart ausstreckte, beugte er sich und fitßte ihn.
Der andere ritt auf dem Knie des Wachtmeisters, musterte die Epauletts und fragte in sachlichem Ton: „Wieviel Sterne hast du? Kann der Säbel herausgezogen werden? In Odessa habe ich ihn selbst herausgezogen, bei Gott!"
Ms die Mutter mit einem Teebtett boll bunter Flaschen und „Sakuski" eintrat, fagte sie in geheuchelt strengem Ton: „Wie oft habe ich dir gesagt, daß es eine schlechte Angewohnheit ist, zu schwören! Er belästigt Sie, Sperr; lassen Sie ihn doch herunter!"
„Schadet nichts. Wie heißt du denn, Mäuschen?"
„Mitja. Und du?"
Der Wachtmeister lachte. „Walja. Jetzt kennen wir uns, nicht wahr?"
Die Mutter schenkte mit liebenswürdigem Lächeln Kognak ein, schob dem Offizier 'Kaviar hin und sagte:
„Bitte, erwärmen Sie sich. Es tut uns so leid daß Sie sich bei so schlechtem Wetter zur Nachtzeit bemühen mußten."
„Walja! Gib mir Kaviar!" rief Mitja, indem er mit dem Finger den Küopf auf der Uniform des Wachtmeisters zerkratzte.
Eine Stunde später rauchte der Offizier, die Wange auf die Faust gestützt, die Zigarre des Hausherrn und hörte zu.
„Die Meinungsverschiedenheit," erklärte der Hausherr, „beruht hauptsächlich auf taktischen Fragen . . . Ferner unser Verhältnis zum Terrorismus . . ."
Der Wachtmeister hielt den schlafenden Jungen int Arm und setzte sich geräuschlos zurecht, damit das Kinddem Lampenlicht nicht geblendet werde.
Der Schutzmann Charlamow vergnügte sich unterdessen in der Küche, schlug die Karte auf 'den Tisch und sagte, den Daumen anfeuchtend: „Jetzt wollen wir den König überrumpeln! Sucie, Sie sind Königin!"
Ms die Gäste das Haus verließen, graute der Morgen bereits.
Der Erfolg.
Von Dr. Georg Martin Richter.
Es ist schwer, sich einen Menschen vorzustellen, der sich nicht mit ganzer Seele Erfolge wünscht. Jeder Mensch will siegen und seinen Sieg genießen. Nur die Kampfpreise sind verschieden, um die wir ringen.
Dem Untergang geweiht sind Menschen und Geschlechter, die die Kunst des Kämpfens und Siegens vernachlässigen.
Und doch Haben die Menschen $u verschiedenen Zeiten über den Wert von Erfolgen verschieden geurteilt.
Heute neigen wir dazu, den Erfolg über alles zu stellen. Wir betrachten ihn gewissermaßen als das höchste Gut, das einem Menschen zufallen kann. Wir beurteilen unbedenklich den Wert eines Menschen nach seinen Erfolgen. Wir hören, daß Herr X. im letzten Jahre in.seinem Geschäft achthunderttausend Mark umgefetzt hat, und wir staunen. Wir lesen, daß der Roman des Herrn D. die siebzigste Auflage erreicht hat, und wir denken: welch ein Hervorragender Dichter! Wir erfahren, daß unser Schulfreund Z. Minister geworden ist, und wir bewundern sein staatsmännisches Genie.
Wir sind Ersolganbeter.
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Es ist wahr, der Erfolg entscheidet — in der Politik und im täglichen Leben.
Aber ist der Erfolg auch wirklich das Kennzeichen einer überlegenen Kraft? Stehen nicht viele Erfolge in einem seltsam zweideutigen Verhältnis zum Zufall?
Die Dinge liegen nicht so einfach. Die Erfolglosen sind oft die wertvolleren Menschen. Unermeßlich groß ist die Zahl der genialen Menschen, deren Erfindungen, Ideen oder Kunstwerke erst nach ihrem Tode anerkannt und ausgebeutet wurden — zum Segen der Menschheit. Und die Erfolgreichen? Wie viele von ihnen ver- Saken nach einer kurzen Glanzzeit noch zu ihren Lebzeiten in den zean der Vergessenheit!
Der Erfolg ist etwas, das uns mit Mißtrauen erfüllen sollte. Von einem Komponisten wird erzählt, daß er sein neues Werk einem Kreis von Eingeladenen vorspielte. Als einmütiger begeisterter Beifall losbrach, wurde er ganz bestürzt.
Die Gleichung lautet nicht: maximale Leistung gleich maximaler Ersolg.
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Sollte uns dies nicht nachdenklich machen, daß die Erfolglosen oft wichtiger für die Allgemeinheit sind als die Erfolgreichen? Ein typischer Fall: Heinrich v. Kleist. Sein Leben, seine Arbeit war ein vollkommener Mißerfolg. Ein hoffnungslos unbrauchbarer Mensch! Aber heute ist er der einzige Dichter seines Zeitalters, dessen Dramen wir aufführen und lieben.
Man wird in einer fernen Zukunft Methoden ersinnen, um die Kraft und die Arbeit der Erfolglosen für die Menschheit nutzbar zu machen. Man wird dieses Verlustkonto auf ein Minimum reduzieren.
Man wird Zentralen für die Verwertung von Ideen schaffen.
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Vielleicht ist auch dies ein Weg: die Erfolglosen zu lehren, wie man Erfolge erringt. Denn, so paradox es klingt:■ der Erfolg ist lehrbar. ~
Es gibt eine Technik des Erfolges, v man könnte ihr Studium in den Lehrplan unserer Schulen aufnehmen, wenn man wollte. Das würde allerdings voraussetzen, daß unsere Schulen in einem anderen Geist geleitet würden, als es der Fall ist. Aus Dressur- anstalteu der Intelligenz müßten Zuchtstätten des Willens werden.
Einstweilen bleibt es dein einzelnen überlassen, aus schwer bezahlten Lebenserfahrungen das Unerläßliche zu lernen. Oder Ms Lehrbüchern. Denn es gibt heute bereits eine reiche Literatur über die Wissenschaft des Erfolges.
Wer ein Mathematiker werden will, muß sich in der Lösung zahlreicher Aufgaben versuchen. Natürlich genügt es nicht, einen Leitfaden durchzulesen wie einen Roman. Wer den Erfolg zwingen will, muß feinen Charakter in tausend Kämpfen stählen.
Wie kein anderes Volk find' die Amerikaner von der Idee des Erfolges beherrscht, ja gleichsam hypnotisiert. Das kommt auch in ihrer Sprache zum Ausdruck. Man sagt nicht, daß jemand Erfolg hat, sondern man sagt: he is a success. Er ist ein Erfolg. Man identifiziert den Erfolg mit dem Menschen. Der Erfolg ist Sache der Persönlichkeit.
Diese Anschauung liegt auch dem Buche des Amerikaners O. S. Marden zugrunde. Seine „Wege zum Erfolg", die im Verlag 'von Julius Hoffmann, Stuttgart, erschienen sind, find ein ausgezeichnetes Elementarbuch. Es enthält zahlreiche praktische Winke.
Die Amerikaner sind der Ansicht, daß man den Erfolg zwingen kann. Und man muß sagen: Amerika ist ein Erfolg.
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Der Erfolg ist etwas Großes, wenn er in schwerem Kampfe errungen worden ist. ■
Wer Außerordentliches erreichen will, muß. weniger darauf bedacht sein, rasche Erfolge zu erzielen, als sein Können zu steigern. In der Kunst des Kämpfens suche er, ein Meister zu werden. Er lerne, Menschen- und Schickfalswiderstände besiegen. Und käuip- fend sollten wir — wie ein fairer Sportsmann — gelegentlich lieber in guter Form unterliegen wollen, als in schlechter Form um jeden Preis gewinnen.
Den großen Könnern fällt der Erfolg in den schoß wie eine reife Frucht.
Den Mutlosen aber sei es gesagt: Der Erfolg ist nicht eine Sache des Genies, sondern des Willens.
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So denkt auch Marden. Ja, der Erfolg ist lehrbar, »ich ich glaube, daß .Lernbegierde unter Mordens Führung das erreichen können, wovon sie träumen, den Erfolg.


