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Vie ersten Stunden hinter GesSngnismauern.
Das Gefängms ist eine Welt für sich, deren Bild in strenger Abgeschlossenheit dem guten StaecksbÜrger «nf unmer verborgen bleibt. Wer wer sich in dressm Mflreu eingelebt hat, der findet auch hier die ewigen Gefühle und Leidenschaften des Menschen- h-erzens, nur dafi das Sonnenlicht spärlicher, ja Vatim in tvenmen Reflexen über die hohen Mauern fällt und die Schatten tßre trübe Tragik über dieses Reich der Strafe und Sühne breiten. Als ein Führer zu dieser Heimat der Enterbten und Musgestotzenen der Gesellschaft bietet sich nun ein warmherzig schilderndes und gerecht urteilendes Buch dar, das der ftühere Gefangnis-Fn- speklor Julius Schiwek unter dem Titel „Hinter Schloß und Riegel" bei dem Deutschen Verlagshausi Vita hat erscheinen lassen.
Eines der bezeichnendsten und ergreifendsten Kapitel, das uns so recht den klaffenden Abgrund zwischen dem .Leben in Freiheit und im Gefängnis vor Augen führt, handelt von den ersten Stunden, in denen sich der Gefangene abfinden muß mit der neuen Umgebung. Zwar treten die meisten Bestraften, dir sich bereits während der gerichtlichen Untersuchung mit dem Gedanken einer Freiheitsstrafe vertraut gemacht haben, mit einem, gewissen Gleichmut in das Gefängnis ein. , Doch gibt es auch viele Personen, „ftenen dieser Gang vielleicht schwerer fällt, als manchem Raubmörder der Weg zum Schafott. Diesen Unglücklichen — besonders den weiblichen Personen — sind deutlich die Spuren anzumerken, daß sie Tage und Nächte vor dem Gange in Tränen zugebracht haben. Die Augen sind rot und geschwollen, der Körper zittert an allen Teilen und fährt bei jeder Frage zusammen. Beim Betreten der Zell« machen sie den Eindruck, als wenn sie den Fußboden prüfen, ob er mit ihnen nicht einstürze — und dann ein Zusammenbrechen auf dem Schemel. Tränen haben sie nicht mehr." Erschütternder noch wirkt das Benehmen der meisten Untersuchungsgefangenen, die ja vielfach unverhofft durch eine Festnahme aus ihren Verhältnissen herausgerissen werden.
Während der Verhaftung, Vorführung, Vernehmung, Aufnahme in das Gefängnis haben sie wenig Zeit gehabt, über ihre traurige Lage nachzudenken,' nun in der einsamen, engen Zelle erwachen sie aus ihrer Betäubung! .ihre Lage kommt ihnen mit allen Schrecknissen voll zuni Bewußtsein und die Verzweiflung bricht mit aller Macht los. „Es ist vielfach etwas Furchtbares, die Unglücklichen jetzt (durch das kleine Beobachtungsfenster in der Tür) zu beobachten. Manche gebärden sich wie wilde Tiere. Wenn dieser Zustand hier und da falsch verstanden wird und zu Maßregelungen Veranlassung gibt, so ist das nur zu bedauern! Ich entsinne mich da eines hübschen ungarischen Arbeitsburschen, der aus Eifersucht von einem russisch-polnischen Arbeiter der Brandstiftung verdächtigt wurde, obwohl er selbst die Scheune in Brand steckte, um den Nebenbuhler zu beseitigen. Der Gendarm nahm den armen Burschen sogleich fest und führte ihn dem Gefängnis zu. Wie ein Panther sprang er zunächst in der Zelle umher. Und als der arme Mensch vor Müdigkeit zusammenbrach, da schlug.er einen heimatlichen Klagelaut an, den er fast die ganze Nacht fortgesetzt wiederholte. Wie das Klagen eines Kundes, der zum ersten Male an eine Kette gelegt wird, hörte sich das Jammern dieses Naturkindes an. Nach drei Tagen wurde der wirkliche Brandstifter eingeliefert und der Ungar entlassen. Wer wie sah der arme Mensch aus, zumal er während dieser Zeit nichts gegessen hatte!
Manche sitzen stundenlang -wie versteinert da und starren in das Leere. Andere weinen und klagen sich heftig an. In den meisten Füllen wird aber die Unschuld beteuert. Andere denken wiederum in ihrer Verzweiflung nur an ihre Angehörigen, denen sie so viel Kummer, Schmerz und Sorgen bereitet haben. Bei manchem Neueingelieserten drückt sich auf dem Gesicht ein großes Augst- und Schamgefühl aus! sonst ist er ganz ruhig. Bei nicht wenigen kommt nur Trotz und Verachtung zum Ausdruck. In der ersten Nacht, die für die Untersuchungsgesangenen die gräß- lichiten stunden bringt, wird wohl auch bei diesen Gefangenem Verzweiflung sich einstellen. Mütter schreien wie wahnsinnig wach ihren Kindern. In der ersten Verzweiflung werden sogar Selbltmordversuche unternommen; daher müssen die Beainten zu Anfang besonders auf die Gefangenen achten. Bei solchen mit sich selbst und der Welt zerfallenen Menschen aber wirkt ein teilnehmendes Wort, mitunter aber auch, nur ein stummer Händedruck Wunder, und neben der Anteilnahme des Inspektors und der Wärter erweist sich auch das Buch als ein willkommener Tröster. Das Lesen ist vielen eine wahre Wohltat, auch in den Nachtstunden, denen viele Untersuchungsgefangene mit besonderem Grauen entgegensehen, weil der Schlaf sich ihrer meist erst in den Morgenstunden erbarmt. i
„Ein Blick in den kleinen, verschlossenen Raum sagt uns, daß der Mensch, der Wer das Buch gebeugt ist, augenblicklich seine jammervolle Lage ganz vergessen hat; er verlebt durch die Vermittlung des Buches auch an diesem Orte eine schöne genußreiche Stunde."
geben über feine Beteiligung und fein Verhältnis zum „Standard Oil Trust«, vor allem aber über die Beziehungen der Truste m zahlreichen Nebengesellschaften. Bei dieser Gelegenheit erfuhr matt Näheres über das Einkommen Rocketellers und über fein Vermögen Er selbst freilich erklärte, er könne genaue Angaben über sch Gesamtvermögen nicht machen, er könne es nur schätzen und Irrtümer von 40 Millionen wären dabei unvermeidlich. Aber er gab im übrigen sehr klar und rückhaltlos über alles Auskunft. Aul Grund dieser Angaben hat die „New-Uork World" berechnet, dab John Rockefeller heute über ein Vermögen von rund 3600 Millionen Mark verfügt. Aber der Wert schwankt täglich um ein paar Dutzeu! Millionen, da mit jeder geringen Kursveränderung an der Bö» die Werte steigen oder fallen. Rockefeller „spekuliert" übrigens nicht: er legt sein Geld an, und wenn die Kurse sehr hoch stehe» verkauft er. Ebenso kauft er bei sehr niedrigem Kursstand unb leg, die erzielten Reingewinne wieder in billigen Papieren au. $ir größte Teil seines Vermögens ist in Petroleum-, Eisenbahn-, Bank- und Jndustrieaktien angelegt. Lustig ist die Taifache, daß Rockefeller durch das Gerichtsurteil, das seinerzeit die Auflösung bei Standard Oil Trustes verfügte, ein glänzendes Geschäft gemach, hat. Mit dem Urteil gingen die Kurse der dem Trust unterstehend!,, Tochtergesellschaften in die Höhe und Rockefeller verdiente dabei rund 400 'Millionen. Durchschnittlich hat der Petroleumkönig ein Jahreseinkommen von 240 Millionen Alk., im Jahre 1907 aber verdiente er nicht weniger als 550 Millionen. Tas war ein un- gewöhnlich günstiges Jahr. Gewöhnlich kann er mit einer MonM- einnahme vön 20 Millionen rechnen, sein Einkommen beträgt also in der Woche rund 4X Millionen, in der Minute 570 $if. unb in der Sekunde rund 8,50 Mk. Für wohltätige Zwecke und Bildmtgz. inslitute hat Rockefeller bisher insgesamt 698 Millionen Mark p stiftet; das Opfer war aber nicht groß, er bestritt die Stiftungen aus seinem Einkommen und tastete als vorsichtiger Hausvater |ä Kapital nicht an.
* (Sin deutscher Kabelschlüssel. »Carlowih-Code' heißt es zwar, aber es ist doch ein deutsches Buch, das nutet diesem Titel, verfaßt von Julius Kähler und W. Merkenschtager, bei Carlowitz & Co. in Hamburg herausgekommen ist. Kürzer und treffender wäre „Kabelschlüssel", da es Verkürzungen für den überseeischen Kabelverkehr bringt, und da das Wort „Code" gar nicht allgemein verständlich ist.' Was dieses Werk für unsere Bestrebungen besonders wertvoll und anziehend macht, schreibt Paul Stieb in der Zeitschrift des Sprachvereiits, das ist das bewußte Bemühen um einen guten deutschen Stil und bie~l!ertneitaig überflüssiger Fremdwörter. Bei einem so spröden Stoffe, wie er hier behandelt wurde, war das doppelt schivierig, und es ist daher ganz besonders anzuerkennen. Natürlich ging es nicht an, die vielen hergebrachten kaufmännischen Fremdwörter in der Wort- reihenfolge einfach fehlen zu lassen. Tort sind sie emgeretht, aber mit einem Hinweis auf das entsprechende deutsche Wort oder auf mehrere, wenn das Fremdwort eilten Doppelsinn hat, z. B. refüsieren siehe verweigern und ablehnen; franko siehe frei; Reserenz- muster siehe Ausfallmuster; Agent siehe Vertreter; force majenre siehe höhere Gewalt usw. Hierdurch wird das Buch geradezu erzieherisch ivirkeit. Gewiß hätten die Verfasser manchmal, ohne au- zustoßen, noch etwas weiter gehen können. So vermissen wir z.A bei Konnossement bett Hinweis auf Ladeschein, das sich auch sw den Seefrachtbrief schon sehr eingebürgert hat und ähnlich gebt« ist Ivie die englischen und französischen Bezeichnungen Bill of la- ding ober police de chargement Police hätte es für Versicherungsschein auch nicht nrehr heißen sollen, da heute wohl kenn deutsche Versicherungsgesellschaft dieses Wort mehr gebraucht Auch „Phrasen, cuuutUiereti, Tepefchenspesen, Tendenz und Survey hätten ohne Schwierigkeiten vermieden iverden können. Doch a es das sind Kleinigkeiten, die sich bei einer Neuauflage ändern lassen und bis dahin betn Wert des Buches für die Sache des Lpmch- Vereins keinen Abbruch tun. Es ist schon viel gewonnen, daß es jetzt überhaupt einen deutschen Telegrammschlüssel gibt, und dad betritt auch Verdeutschungen in weitgehender Weise durchgefuhu werden. Ta dieser Schlüssel auch sonst ganz auf der Höhe der Zeit steht — er gibt z. B. ein einziges Kabelwort für den Satz: .erbitten Angebot für Luftschiff Personenzahl 30" —, so ist ihm roeite|te Verbreitung zu wünschen.
Charade.
Ein kurzer Ruf ermahnt euch laut Vom Lager euch zu trennen;
Jtn Rätsel, das ihr hier erschaut, Müßt ihr zuerst ihn nennen
Die Silben 2 und 3 sofort Ruf ich, wenn ihr's getroffen! Ist euer Freund, wie's ganze Wort Dürft ihr das Beste hoffen.
Auflösung in nächster Nummer. -
Nermisehtes.
* 570 Mark Einkommen in d e r M i n n i e. Kürzlich erschien Rockefeller als Zeuge vor Gericht und mußte Auskunft !
Auslösung der Schach-Aufgabe in voriger Nummert
Weiß 1) 8 f 4 - e 2 Schwarz T f 2 - f 3
2) D c 4 — f 4 + T f 3 + f 4
8 e 2 - g 3 + und Matt.
Redaktion: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scb-n Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lana«. Gie^
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