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die das Rasiermesser noch nicht kennen gekernt hatten, — was hatte er denn sonst von seinem Sohn?
Ms Hans ihn an diesem Tag verließ, um sich endlich wieder nach der Mutter und den Schwestern umzusehen, Die doch auch etwas von ihm haben wollten, suchte der Graf gleich seinen Gast ans. „Tun öie mir den einzigen Gefallen, Herr Baron, und vergessen Sie, was ich iienlich von Ihnen erbat! Halten Sie dem Haus nur keine Strasrede — ich weist nicht, welch tugendhafter Engel in ihn hineiugefahren ist- er spielt nicht mehr, er hat deni ganzen ^weiblichen Geschlecht ewige Feindschaft geschworen, er hat Geld — —. Dem jetzt noch Moralpredigten zu halten, wäre ganz falsch. Tun wir es dennoch, so können wir erleben, daß er die Uniform auszieht itnb in ein Nonnenkloster geht. Ich meine natürlich: in ein Mönchskloster. Wahrhaftig — das ist mein voller Ernst. Man kann so etwas bei der Jugend nie wissen, die fallen nur zu leicht von entern Extrem ins andere. • Und da meine ich, Herr Baron, wenn Sie jetzt Hans einmal! zu verstehen geben, daß es in seinem Alter auch nicht richtig ist, allen Freuden der Welt zu entsagen? Für mich als Vater ist das sehr schwer, da könnte er leicht glauben, ich wollte ihn wieder zum Bumtneln verleiten. Nichts liegt mir natürlich ferner — aber trotzdem — na, Sie verstehen mich schon."
Der Baron verstand. Und im Gegensatz zu bett anderen glaubte er auch Hans zu verstehen. Irgendetwas war da nicht in Ordnung. Die Heiterkeit war nicht ganz echt. Er hatte etwas auf dem Gewissen, entweder hatte er etwas zu beichten oder er wollte irgendetwas erreichen. Was es von diesen beiden Möglichkeiten war, das hatte der Baron noch nicht heraus. Aber so viel hatte er doch schon gemerkt, daß Hans feine Hilfe brauchte. Das hatte der Baron gleich erraten, als Hans ihm sagte: „Ich kenne Sie aus den Briefen meiner Eltern und meiner Schwestern schon so genau, daß Sie mir in keiner Hinsicht mehr frentd find. Und wie Sie allen hier int Hause — fast hätte ich gesagt — schon unentbehrlich geworden sind, so hoffe ich, daß auch wir einander nähertreten werden, trotz des Unter» schieds der Jahre."
Das war eine überraschende Rede gewesen, denn nur zu gut wußte der Baron, wie unendlich viel in seinen eigenen Äugen ein junger, reicher, adeliger Husarenleutnant ist, und wie wenig für den ein verabschiedeter Kamerad bedeutet — noch 8azu, wenn er für Geld arbeitet. So mußten diese Worte einen tieferen Sinn haben, und darin glaubte der Baron sich immer weniger zu täuschen. Nicht etwa, als ob Hans in auffälliger Weise absichtlich um seine Freundschaft warb; aber er versuchte doch, ihm zu gefallen.
Sehr begierig war der Baron natürlich gewesen, was Hans zu den Fortschritten seiner Schwestern im Reiten sagen würde. Er hatte mit Sicherheit darauf gerechnet, daß der sein Urteil in die Worte zusammenfassen würde: „Der Kerl hat keine Ahnung. Ist ja alles Unsinn. Wartet nur, bis ich meinen großen Urlaub habe, dann bringe ich euch in acht Tagen mehr bei, als der verkrachte Gentleman in acht Wochen." <
Aber auch da hatte der Baron sich geirrt: Hans hatte ihm aufrichtige Komplimente gemacht: „Am meisten wun- dert es mich, daß Sie Dagmar so weit gebracht haben. Die Mexa ist ja ein vernünftiges Mädel und läßt mit sich neben. Aber Dagmar hat ihren eigenen Kopf, und dann tut sie oft gerade das Gegenteil von dem, was sie soll, ost auch vou dem, was sie will, — mir um keine Lehren Lnnehmen zu müssen. Wirklich, ich bewundere Sie."
Das hatte offen und ehrlich geklungen, und der Baron hatte sich darüber gefreut, denn daß Haus für seine jungen Jahre ein sehr guter Reiter war, hatte er schon am ersten Tage gemerkt, als sie zusammen in der Bahn ritten.
Aber trotz alledem — irgendetwas war nicht in Ordnung. Aber der Baron beunruhigte sich darüber weiter nicht, Hans würde schon zu ihm kommen und sich ihm anvertrauen. Neugierig war er in seinem ganzen Leben noch iiicht gewesen, so sah er auch jetzt dem Geständnis des Herrn Leutnant mit Ruhe entgegen.
Für heute, beit vierten Abend, an dem Hans int elterlichen Hause weilte, hatten Weidemanns sich angemeldet. Der Gräfin war das nicht ganz recht, sie hätte sich lieber mit Hans und dem Baron zusammen „adelig" unterhalten, denn das hatte sie schon lange wieder ausgenommen, und der Graf war, wie er es vorausgesehen hatte, dagegen
wehrlos. Wenn er einmal Einspruch erhob', war ihre stehende Redensart: „Ich habe dir bewiesen, daß ich es selbst zugebe, wenn das Gespräch mich einmal zu sehr aufregt, und daß ich dann ein paar Tage ganz ausfetze." Und demgegenüber wußte er nichts einzuwenden.
Auch Dagmar war dafür gewesen, Weidemänns abzuschreiben. Sie wußte nicht so recht, woran das lag, aber seitdem sie mit Marianne die Wette abgeschlossen hatte, war der Verkehr zwischen ihnen nicht mehr so unbefangen wie früher. Es war eine kleine Entfremdung eingetreten, wenngleich natürlich keine von ihnen das zugab ober irgendwie zeigte.
Dazu kam noch etwas Furcht vor Marianne. Die hatte Dagmar in einem Briefe erklärt, daß sie selbstverstänblich alles tun würde, was in ihren Kräften stände, um ihre Wette zu gewinnen; bas sei ihr gutes Recht, und niemand könne ihr bas streitig machen. Trotzdem halte sie es aber für ihre Pflicht, dies der Freundin mitzuteilen, damit die nicht etwa glaube, sie selbst würde mit den Händen int Schoß dasitzen und zusehen, wie sich die Dinge entwickeln würden.
Dagmars erster Gedanke war gewesen, auf das leb- hafteste'dagegen zu protestieren. Aber sie sah dann doch ein, daß sie dadurch in die Gefahr kommen würde, zn verlieren. Das durfte sie aber nie und nimmer, und so schrieb sie denn der Marianne zurück: „Tu was du willst, es ist mir sogar sehr lieb, wenn du kein müßiger Zuschauer bist. Mein Sieg ist dann um so größer, wenn du trotz aller Anstrengungen, die du machst, ihn.zu. gewinnen, hinterher erklären mußt: ich habe verloren! Und ich selbst brauche mir dann um so weniger Borwürfe zu machen, wenn ich dich deines Schmuckes beraube."
Bis jetzt schien Marianne allerdings noch nichts unter- nommen zu haben, um das Schicksal nach ihren Wünschen zu leiten, aber bei ihrem lebhaften, impulsiven Temperament war man nie vor einer Ueberraschung sicher.
(Fortsetzung folgt.)
Haussuchung!
Skizze von A. A w e r t s ch e n k o.
Ins Deutsche übertragen von Stcfania Golden ring.
Iwan Wassiljewitsch Sizilistow stützte sich aus einen Ellenbogen und horchte auf:
„Die kommen zu uns," sagte er zu seiner im Einschlafen begriffenen Frau. „Endlich!"
„Laß sie herein. Wenn man durchnäßt ist, wartet man nicht gern auf der Treppe."
Sizilistow sprang aus und eilte halb ausgezogen ins Vorzimmer. Rasch öffnete er die Tür und sah auf die Treppe. Ein breites, fröhliches Lächeln umspielte seinen Mund. „Hallo!" rief er. „Ich habe sie schon vorgestern erwartet.....Sehr
erfreut! Wollen Sie gefälligst unsere Hütte betreten."
Der vorangehende Gendarmerieoffizier schützte sich gegen das blendende Licht. Sein Gesicht drückte aufrichtiges Staunen aus.
„Pardon! Sie haben wahrscheinlich falsch verstanden. Wir kommen, um bei Ihnen Haussuchung vorzunehmen!"
Der Hausherr lachte so heftig, daß er sich verhustetc.
„Ein Original . . . Amerika hat er entdeckt! Ich nehme dock: nicht an, daß Sie gekommen sind, mit mir eine Partie Skat zu spielen!" Er machte sich um den Besuch zu schaffen. „Erlauben Sie, daß ich Ihnen behilflich bin. Der Mantel ist ganz naß, er geht schwer herunter! Jetzt will ich Ihnen leuchten. — Vorsichtig: hier ist die Schwelle."
Der Gendarmeriewachtmeister und der Wachtmeister blickten einander erstaunt au. Der Offizier sagte uueutschlossen: „Lassen Sie uns zur Sache gehen. Hier ist der Befehl."
„Wer hat so 'was gesehen! Vom Regen, mit nassen Füßen direkt zum Geschäft, da holt man sich ja den Schnupfen. Gegen den wollen wir uns einmal sichern. Und Ihren Befehl können Sie der Großmutter schenken. Kann denn ein anständiger Mensch einem anderen anständigen Menschen nicht ohne Befehl trauen. Nehmen Sie Platz, meine Herren! Verzeihen Sie, wie ist Ihr Name?"
Der Offizier zuckte die Achseln mit einem zurechtweifenden Blick ans den Wachtmeister, dessen Mund sich bereits zu einem! breiten Lächeln verzog, und sagte, indem er sich bemühte, seinen Worten einen eisigen Ton zu verleihen: „Da ich osstziell 'beauftragt bin, eine Haussuchung zu unternehmen ..."
Der Hausherr machte eine abwehrende Handbewegung:
„Ich weiß, ich weiß! Ach, du mein Gott! Ms ob die Haussuchung ausreißen würde . . . Ich verstehe doch. . . Ich werde Ihnen später selbst behilflich feilt! Aber warum wollen wir nicht menschlich miteinander verkehren? Nicht wahr, Nikodem Iwanowitsch, wenn ich nicht irre . . . Haha! Ich habe Ihren Namen inzwischen erfahren! Sie würden nicht raten — woher i.


