96
Dum Li war der Rivale Si So's, also des Vizekönigs Fuhsi Freund, und demnach Ping Lings Feind. Ans diesem Grund empfing er den General mit ganz besonderer Höflichkeit.
Nachdem die beiden Herren eine halbe Stunde lang die gegenseitigen Ahnen gelobt und den Segen des Himmels über die seligen Geister der respektiven Ururgroßeltern heruntergebetet hatten, lom1 Ping Ling schließlich auf das' zu sprechen, was ihn bedrückte Er ging hierbei von dem Standpunkte aus, daß, falls ihm etwas Unangenehmes drohe, der schadenfrohe Feind nicht verfehlen würde, ihm in den Ausdrücken süßlichsten Bedauerns hiervon Mitteilung zu machen. Ping Ling traute sich SDtoifdj-enfenntntö genug zu, den Palastgewaltigcn zu durchschauen, der als sehr gut unterrichtet galt und über die Absichten des Hofes, da es auch ferne Aufgabe war, den pp. Mandarinen und Würdenträgern kaiserliche sonder- botschaften und Gunstbezeugungen, als da sind: die seidene Schnur usw. zu übermitteln.
„Ja, mein Gönner," so redete Bum Li, „der Sohn des Himmels hat dein Schreiben erhalten und auch erneu Brief Fuhsis, des Vizekönigs, den der Himmel verderben wolle, weil er dem Feind ist. Seine Pfeile werden auf ihn zurückfliegen und ihn selbst "treffen, denn er klagt dich an, daß du mit den Rebellen, den verfluchten Taipings, in Verkehr ständest und selber ern Rebell seiest.
Ping Ling erbleichte. Eine derartige Anklage, geschickt an- Kracht, konnte den Tod bedeuten, denn ber Taiping aufstand war t Himmelssohn schwer auf die Nerven gefallen; das war bekannt.
„Du solltest dich nicht so erregen, Mer Gönner," fuhr der Gunuche mit heuchlerischer Teilnahme fort. „Glaube mir, das schadet deiner Leber. Sei getrost, dir wird deine Rache werden, denn jetzt gerade studiert unser erhabener Kaiser die vielen Schriften, die der falsche Fuhsi als Beweise deiner Schuld cmgeschickt hat, Und die natürlich nur seine eigene Schlechtigkeit beweisen.
Des Generals Gesichtsfarbe wurde grünlich und er bekam einen Schüttelfrost. „Wann," stotterte er, „werde ich gewürdigt, das erhabene Antlitz unseres Kaisers zu schauen?"
Yum Li wackelte mit dem Kopfe. „Wer kann sagen, tonS der Himmelssohn beschließt?" antwortete er diplomatisch, .„aber mir hat er aufgetragen, mich für eine Botschaft an dich, mein Gönner, bereit zu halten." ~ t ™
Dem braven Ping Ling erschien das Ziinmer des. Palastes, in dem sie sich befanden, wie eine unheimlich große, wässerige Masse, in der eine Schar teuflich grinsender Vize-Obereunuchen umher- schwamm. Ohne die Kraft zu einem Abschiedswort zu finden, verließ er taumelnd, und mehr tot als lebendig, den Saal und den Palast Wie aus weiter Ferne tönte noch der als guter Rat erteilt« Befehl an sein Ohr, sich zur Verfügung des Kaisers in ferne* Wohnung zu halten. v . r.,
Als Ping Ling bei seiner Sänfte anlangte, zwang er sich zum Nachdenken, denn er wußte, von einem guten ober schlechten Gedanken hing Leben oder Tod ab.
Ja, so konnte es gehen!
Außer den vier Sänftenträgern warteten zwei Diener auf den General. Ping Ling nahm den einen der Diener beiseite und flüsterte mit ihm, worauf der Mann eilends davonlief. Dann w stieg der General die Sänfte und ließ sich forttragen Unterwegs mußte der andere Diener zu ihm einsteigen. Staunend ob der..ungeheuren Ehre gehorchte der, stieg aber wieder aus, bevor die Trager bei dem Hause des Generals angelangt waren und entfernte sich eilig in derselben Richtung, die sein Kamerad eingeschlagen hatte
Kürze Zeit darauf verließen zwei Reiter die .Hauptstadt des Reiches der Mitte und ritten in rasender Eile nach Silben davon. Sie trugen die unauffällige Kleidung von herrschaftlichen Bedienten.
.Ich habe ein paar schöne Pferde bekommen. Aber woher hast du so schnell die Kleider, Herr?" fragte ber eine Reiter
„In der Sänfte gewechselt. Aber rede nicht, rette; denn dich Wird man auch nicht schonen." . . .
Der Diener faßte an seinen Hals, aber ,eute Neugier war groß. .„Herr, was hast du deinem Diener Muh aufgetragen, was soll er sagen, wenn Yum Li kommt?" r = m „
„Ich sei nach Nanking, um das Haupt des Rebellenfuhrers zu holen," antwortete Ping Ling grimmig. Plötzlich riß er. cm den Zügeln seines Pferdes, so daß das Tier in die Luft ging. >,Heiliger Konfuzius," stöhnte der General, „— — ich Sohn eines Esels! Der Schreck hat mich kopflos gemacht, nun habe ich meinen Weg verraten. Und bis wir in Nanking und in Sicherheit sind, haben wir noch fünfzehn Tagereisen, das heißt, wenn mir frische Werbe frieren "
1 Die Reiter suchten ihre Eile zu verdoppeln. Ping Ling sah im Geiste ständig das lächelnde Gesicht des Eunuchen Yum Li, der ihm mit den verbindlichsten Worten einen Gruß des Kaisers überbrachte und itzni ein dünnes! Schnürchen überreichte, mit denl Wunsche, daß es ihm, Ping Ling, bis an sein Lebensende wohl-- irtö^e
Als die beiden einen Hügel erklommen hatten, blickte sich der General um. Fern im Norden sah er die Häuser Pekings wie winzige Schächtelchen liegen. Als er seine Blicke auf die Ebene richtete, gewahrte er fünf Reiter. Fast wäre er vom Pferde gefallen. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn, zu sprechen vermochte er nicht, er streckte nur die Hand aus. Der -Diener wandte ebenfalls um. „Beim Drachen!" schrie er entsetzt, „das ist Yum Li jn der roten Jacke."
Die Verfolgten hieben auf die Pferde ein, die indessen schon deutliche Zeichen der Ermüdung zu erkennen gaben. Die Angst machte den General stumpfsinnig. Die Augen zu Boden geheftet, raste er dahin. Er war nicht imstande, erneu vernünftigen Gedanken zu fassen. Das einzige, was er dachte, war: „Diese Grashalme der Steppe schlingen sich ineinander wie lauter feibene Schnüre!"
Ping Ling sah erst auf, als das Pferd Halt machte. Die beiden Reiter — der Diener Hatte mit dem Herrn Schritt gehalten.—; befanden sich vor einem Keinen, reißenden Flusse, über den eine Hängebrücke aus Seilen, Bambus und Lianen führte, die für Rettet nicht ohne Gefahr zu passieren ist. Als die beiden trotzdeni glücklich drüben waren, kam auf einmal dem General ein Gedanke., Seine Augen blitzten, äls er sein Schwert zog und gewaltig aus die Befestigungsbrücke einhieb. Jn kurzer Zeit war das Zerstörungswerk vollendet und die Brücke sank ins Wüster. Aber es war auch die höchste Zeit, denn schon konnte Ping Ling die fette Gestalt des Eunuchen deutlich erkennen.
Weiter ging es bis Mr nächsten Ortschaft, wo eine kurze Rast gemacht wurde, die sich die Reiben gönnen konnten, denn Boote gab es auf dem Flusse nicht rnib die nächste Brücke befand sich fünf Stunden weiter westtich. Es gelang dem General, ein paar andere Pferde zu kaufen, und alsbald wurde die Flucht fortgesetzt.
Weiter, immer weiter trieb sie die wilde Jagd ums Leben.. Vier Tage und vier Nächte waren sie fast ununterbrochen geritten und noch hatten sie ihre Verfolger nicht wieder erblickt; urdest en wußte der General, daß dem Eunuchen in leber Ortfchaft flinke und frische Pferde zur Verfügung standen. Am vierten Tage, nbe^ schritten die Verfolgten den Hoangho, und da gewahtten fte auch wieder hinter sich die verhängnisvolle rote Jacke. Noch einmal gelang am nächsten Flusse das Experiment mit der Bruckenzer- störung. Aber dann führte der Weg bis Nanking durch ein wasfer- armes Gebiet. Nun würde nichts mehr helfen als die Schnelligkeit der Pferde. Immerhin war wieder ein tüchtiger Borsprung gewonnen, auch konnte noch einmal Pferdewechsel vorgenommeu werden.
Schließlich brauchten sie nur noch einen Tag zu reiten, dann war das Aufstandsgebiet erreicht. Dorthin würde fich Yum Li nicht wagen. . . ,. ,.r,.
Vor den Flüchtlingen lag letzt eine unabsehbare chmeiische Steppe, und an bereit südlichem Ende winkte die Rettung. Die müden Pferde bekamen Peitsche und Sporen zu kosten und liefen auch in der Tat einen vielversprechenden Galopp. Plötzlich sank das Pferd des Generals in die Knie, es war. in em Erdloch getreten. Zwar sprang es wieder hoch, doch mit dem Galopp Watz es nun vorbei. Der Diener auf seinem- gesunden Pferde überhorte, in der Eile weiterzukommen, die Rufe seines Herrn und Mtschwand bald dessen Blicken. Jn demselben Augenblick, als die.Gestalt des Dieners im Süden wesenlos wurde-, tauchte im Norden em roter und fünf blaue Punkte auf, die mit jeder Minute an Umfang zunahmeit.
Der General, der Nirgends mehr' eine Rettung sah, stieg jetzt vvm Pferde Er nahm eine würdevolle Haltung an, die fatalistische Stumpfheit des Orientalen kam über ihn, was aber nicht hinderte, daß ihn bis ins Mark hinein fror. , , „
Yum Li und seine Begleiter kamen heran. Der Gunuche hatte im Gesicht das Lächeln, das dem General die ganze Zeit während seiner Flucht vor Augen gestanden hatte-.. Jetzt stieg er L'omj Pferde und holte aus seinem Rock ein winziges Paket, das cr Nch unter vielen Verbeugungen und Segenswünschen ftir Ping Ling-, dessen Eltern, Großeltern, Urgroßeltern usw. zu öffnen anschickte.
Mit verglasten Augen starrte Ping Ling auf das uuheimlichei Paketchen. „Mach schnell," sagte er tonlos, „ich werde tun, was, der Kaiser will." „ m ... . = «n $
„Der Sohn des Himmels," so nahm Yum Li wieder das Work, „entbietet dir seinen Gruß und schickt dir die große Pfauenwder, indem er dich zum Mandarinen erster Masse und zum VizekomA von Singanfu an Stelle des verbannten Fuhsi ernennt?
Ping Ling machte ein Gesicht, als Habe er soeben den Gott Fohi radschlagen sehen. Doch er war ein Manu der Selb-st- wherrschung. Er verbeugte sich tief vor der Pfauenfeder, dem Zeichen der Gnade und der neuen Würde, wobei er eine hocherfreute, aber auch selbstverständliche Miene aufsetzte, als habe er dieses alles crivdTt et
_„DÜ hast uns unsere Botschaft schwer gemacht, mein Gönner" so meinte Yum Li und grinste unterwürfig, „man muß nie die Bescheidenheit zu weit treiben." .
Ohne daß Ping Ling an den ihm fatalen Yum tit toettcrä Fragen gerichtet hätte, ritt er in dessen Begleitung wieder nach Peking zurück und begab sich hier sofort Kl Sl Sv, dem -Obep- eunuchen, seinem Freunde. . . r,
„Mein Söhnchen," so sagte der Gunuche, „du wirst mir stets dankbar sein, denn ich Hatte einen schweren Stand, dein Sohne b:e§ Himmels klar zu machen, welch guter Patriot du bist.
Der alte Schranze machte etn pfiffiges Gesicht und fuhr fort» „Der Yum Li, der neidische Trottel, behauptete nanM,. du seiest M den Rebellen übergegangen. Der Nurn Li ist dein Feind, muH du wissen; Fuhsi, dein Vorgänger, hat ihn dafür bezahlt. Vergiß nun nicht, mein Söhnchen, daß ich ein armer Mann hm. Ich habe gedacht, die Halben Opiumzölle von Singanfu —--, na, W
weißt allein, was recht und biflig ist, nicht wahr?


