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Erscheinung im Saal" — ... Ihr Fräulein Tochter näm- I lich. . ." Exzellenz Eberkron kam, faßte ihn vertraunch
färbe . ,
(Fortsetzung folgt.
so schön gewesen ...
Dazwischen sah er, bitnit und wann, auf Hoburg und sah die drei Erachats und das große Ordensband des fürstlichen Hausordens über seiner Brust. Was hatte Dodo doch gesagt: ein paar Orden werden die hohen Vettern ihm doch angehängt haben. Na •— reichlich' Und das breite Band war blau gewassert. Grade blau — Signes Lieblings-
Da schmunzelte der Major. Der mußte heute noch grad so getanzt werden, wie damals: Galopp nach dem Walzertakt! So verlangte es die Hofsitte, so forderte es die Tradition. Es lebe die Tradition!
Grad walzte Signe vorüber mit dem frischen jungen Horfeck. Nettes Kerlchen, tanzte famos und war auch einer von denen, die immer verliebte Augen machten,, wenn sie Signe nur von weitem sahen. Einer von den vielen. Ein Wunder war's ja nicht.
„Wunderlich, wie die Musik und die ganze Ballstimmung in die Beine geht. Selbst in so alte Beineken, wie die meinigen. Als ob die noch einmal mittun wollten. Na, das wär 'ne schnurrige Chose."
Gudarcza kam in ordentlich gehobene Stimmung. Er dachte selber: „Und du hast noch nicht mal 'n Glas Sekt getrunken." Am liebsten hätte er die Walzertakte leise mit
gesummt. ,
Dann bemerkte er mit einem Male, daß Prinz BUl neben ihm stand. Ausgerechnet dicht neben ihm: Prinz Bill Hoburg. Und er sah auch, der hatte ein melancho- liches Gesicht, und es klang auch ganz melancholisch, als er nun sagte: „Guten abend, Herr von Gudarcza. Amu-
„Herrltchj Durchlaucht!" gab der Major zurück und sprach einiges von seinen alten Erinnerungen aus. Sie kamen immer aufs neue über ihn. Dort drüben hatte er den Kronprinzen Friedrich in seiner ritterlichen Schönheit gesehen und den roten Prinzen; richtig, einmal war er auch, hier im Schloß, zu einem Hausball bei den: befohlen gewesen, beim Prinzen Friedrich Karl, und der hatte, ging die Sage, ein Eckchen im Saal polieren lassen/ glatt toie ein Spiegel, und amüsierte sich, ivenn ein junges Pärchen darüber zum Purzeln kam. Und die Prinzessin war
unter den Arm: „Die Mütter! Die Mütter! Hüten ,Sie sich vor den Müttern! Sie bersten vor Neid auf dte schönste aller Töchter. Eineu Goldkopf, ein Profil tote aus einer alten Kamee herausgeschnitten! Sie beneidenswerter Pater ■— hüten Sie sich vor den Müttern."
Manchmal flimmerte es Gudarcza vor den Augen. Er dachte zurück an die ersten Hofbälle, die er mrtgemacht, an seine ersten Debüts hier. Laug, lang war s her. l.n- ter dem alten allvcrehrten Herrn noch, ununttelbar nach dem glorreichsten aller Kriege. Damals war der weiße Saal 'noch nicht umgebaut, damals leuchteten die Wachskerzen anstatt hes strahlenden elektrischen Lichts. Und er selber war ein junger Leutnant, von vielen, aber auch einer, der gern schöne Frauen sah und zum Reigen führte: wenn's ihm glückte, einen Tanz zu bekommen. Und nun stand er hier als alt Eisen, in der Uniform noch, aber mit den Wzeichen der Verabschiedeten... ja. . . und seine Töchter tanzten, wo er einst getanzt. .,. und dre eine nannten sie die schönste im Saal. Im weißen Saal: ^m
Vie seidene Schnur.
Skizze von Alfred Manns (Bremen).
Es war zur Zeit des Taiping-Aufstandes. Tie Rebellen hatten Nankinq genommen. In dem kaiserlichen Singanfn residierte der Vizekönig Fuhsi. An seinem Hofe befand sich der General Pmg Lina, der, am Jangtse geboren, dem Vizekömg als so eme Art persönlicher Adjutant mit dem allerhuldvollsten Schreiben zugcschickt wordui^war^ar fciefen Gnadenakt des Himmelssohnes nicht übermäßig erbaut, beim Sing Ping War ein Günstling des Ober- eiinuchen Si So, der sein Feind war. Der Vizekönig wußte genau, daß der General ihm nur zu seiner Ueberwachnng auf den Hals geschickt war, und Piiig Ling wußte, daß der Vizekömg das wntzte, und der Vizekönig wußte, daß Ping Sing wußte, er, Fuhst, kenne seine wahre Mission, und Ping; Sing wußte; — —, na, und! so weiter.
Trotzdem, oder vielmehr, weil sich die beiden Würdenträger so genau kannten, war Ping Sing dem Vizekönig gegenüber der demütig Dienstbeflissene, während dieser seinerseits deir General mit fast kollegialer Herzlichkeit auszeichncte. Natürlich hinderte das nicht, daß jeder der beiden in seinen Berichten nach Peking den anderen recht gründlich anschwärzte; und so wollte es der Hoß
Ping Sing befand sich in der besseren Lage, denn seine Berichte! hatten gewissermaßen einen amtlichen Charakter. Das wußte er auch recht gut.
Eines Tages hatte Ping Sing wieder em langes Sundenregister des Vizekönigs an den Hof geschickt, und er war in rosigster Saune, die nicht im mindestens durch den Umltaiid beeinträchtigt wurde, daß, wie er wußte, Fuhsi gleichzeitig eine schwere Anklage gegen ihn abgesandt hatte. c
Wie erschrakt aber der General, als er eme Woche spater aüf- gesordert wurde, unverzüglich nach Peking zu reisen. . Mit seiner Ruhe und Sicherheit war es vorbei, und es siel ihin ein, daß fern chinesischer Würdenträger so recht eigentlich überzeugt sein kann/ daß er kaisertreu und loyal genug sei in diesen schweren Zeiten.. Denn so etwas weiß nur der Hof. ,,
Mit gemischten Gefühlen beurlaubte er, sich von Fulyi, der ihn noch gnädiger behandelte als sonst, in dessen Zügen der General aber eine schlecht verhehlte Schadenfreude zu entdecken glaubte.
Ms Ping Sing in Peking anlangte, war sein erstes, den Obev- eunuchen Si So, feinen Gönner, aufzusuchen, doch fand er diesen nicht, sondern wurde an den Vize-Obereunuchen Dum St gewiesen.
Ja — schön war das Bild doch! Heute toie damals. Wunderschön, dies leuchtende, farbenprächtige Bild im herrlichen Rahmen. Drüben die Majestäten; der prunkvolle Hofstaat; die Großwürdenträger; dann chie tanzenden Paare, Jugend, Schönheit, Frohsinn; die wiegenden Klänge. Wie damals, toie damals. Freilich: die gewaltigen Männer, deren Ruf und Rühm die Welt erfüllte, die damals um den alten Herrn sich bei den großen Hoffesten scharten, die Paladine — die fehlten. Die waren mit dem alten Kaiser dorthin gegangen, woher cs kein Wiederkommen gibt, zu den himmlischen Heerscharen. Aber da stand nun der Enkel . . . auch schon von blühenden Kindern umgeben, an der Seite der Kaiserin, hochanf'gerichtet, blitzenden Auges, ein Lächeln im Antlitz, das sonst so ernst blicken konnte, und sah auf die tanzende Jugend.
Ja . . . und das hatte man freilich damals nicht getanzt. Mennett! Gavotte! Das hatte auch der Kaiser wieder belebt, hatte die alten Tänze mit seiner Vorliebe für das Historische aus dem Schutt der Vergangenheit, aus halb vergessenen Ballettkünsten wieder zum Leben gehoben. Aber hübsch ist es. Anmutig, graziös, das gemessene Drehen, die kunstvollen Verbeugungen. Rechte Stümper waren wir damals. Der Lancier war der Gipfel unseres Könnens,
Und nun kam der Walzer . . .
Zollernschlossc! , , | Heien Sie sich?''
Lang, lang war's her. Damals war s ja auch hoch- I Herrlich fürstlich, königlich — nein, schon kaiserlich gewesen. Ja . . . kaiserlich . . . ganz jung kaiserlich . . . unter dem alten Herrn. So ziemlich wohl das gleiche Bild wie heute. Glänzende Toiletten, schimmernde Frauennackeu, glitzernde Steine, sanftes Perlenleuchten: dazu Uniformen, Umformen, Uniformen, dann und wann ein schwarzer Mann dazwischen, und Orden, Orden, Orden! War's wirklich dasselbe Bild heute? Oder hatte es sich doch verschoben? (Sin wenig wohl, die Fülle war größer, fast zu groß. Die Toiletten waren noch kostbarer geworden, die Juwelen- entfaltung gewaltiger; zwischen den Uniformen hier und dort etwas Exotisches, was damals noch eine Seltenheit gewesen war, Chinesen, Japaner, ein paar Türken mehr als sonst — ja . . . und die Orden ganz gewiß noch zahlreicher. Himmel, welch ein Segen! Und die Frauen? Das war wirklich ganz toie damals: manch schönes junges, aber erst recht manch reifes Gesicht, das die liebe Jugend verzweifelt fest zu halten suchte. Gudarcza mußte lächelu: genau wie damals, die Tiefe des Ausschnitts immer genau im Verhältnis der Jahre ... je älter, desto ausgiebiger . . . und die Malerei desgleichen. Wie hatte der berühmte Hofmaler gesagt: „Die Fürstin soll ich malen? Die malt sich ja selber!" Das stimmte auch heute noch.
Ganz langsam hatte er sich in die vordere Reihe geschoben. Ein bissel anstrengend war das Herumstehen; wie das die greisen Exzellenzen nur aushielten? Und er dachte wieder an ein Hofgefchichtchen aus seiner Jugendzeit, an die alte Hofschranze mit den großen, großen Füßen; der Greis war im Saale vom Schlage gerührt worden und aufrecht an die Wand gelehnt stehen geblieben, bis die Nächststehenden merkten, daß Seine Exzellenz verstorben seien. „Natürlich — hatten die Spötter geflüstert — „auf solchen Füßen konnte er selbst im Tode stehen bleiben."


