Mittwoch, den U Dezember
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Das Amethyst-Fläschlein.
Eine Erzählung von A. K. Green.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Ich tvar gerade int Begriff, mich durch die verschickens» 'Gruppen nach der Bibliothek hindurchzuschlängeln, als ich auf allen Gesichtern, die mich erblickten, erneute Zeichen von Verlogenheit las. Frauen, die am Treppengeländerpfosten gelehnt Hattert, zogen sich zurück, und einige andere huschten In angrenzende Zimmer; alle machteit mir den Eindruck, als wollten sie plötzlich irgendwohin verschwinden. Dies war gewiß sehr eigenartig, insbesondere da diese Zeichen der Mißgunst nicht so sehr mir zu gelten schienen, als jemanden, der hinter mir stand. Wer konnte dieser jemand sein? Rasch drehte ich mich um und blickte die Treppe hinauf, vor der ich michgerade befand. Da bemerkte ich auf der obersten Stufe ein schwarzgekleidetes Mädchen, das zu zögern schien, unschlüssig, ob es heruitterkommeu solle oder iticht. Dieses Mädchen war niemand anderes als Dorothea. Camerden. Ein einziger Blick ans die Szene gab mir die Geivißheit, daß dieses Gefühl allgemeinen Mißmuts und diese Zeichen allgemeiner Verlegenheit nicht mir, sondern ihr galten.
8. Kapitel.
Da ich wußte, daß das arme Mädchen unschuldig war, fühlte ich mich durch die ihr angetane Beleidigung im Innersten ergriffen, und ich hätte wohl in der ersten Auf- wallung mich zu einer ttnklugen Aeußerung meiner Ent- rüstnng hinreißen lassen, iväre ich in diesem Momente nicht dem Auge des Herrn Armstrong begegnet, der mich von der Diele aus bedeutsam ansah. In seiner Miene, die halb Ueberraschnng, halb Schmerz attsdrückte, las ich, daß dieses Gefühl nicht von irgendwelcher Indiskretion auf seiner Seite ausgegangen !var. Er hatte das Vertrauen nicht betrogen, das ich auf ihn gefetzt hatte; aber es war ein Gerücht herumgegangen, durch das sie geradezu in Bann erklärt wurde, und statt wie gewöhnlich auf die aufmerksamen Blicke von Freunden zu treffen, fand sie nur abgewendetc Gesichter und ihr zugekehrte Rücken, und bald eine annähernd geleerte Diele vor.
Sie errötete, als sie sich des Ergebnisses ihrer Anwesenheit bewußt wurde und warf mir einen betäubten Schmerzeitsblick zu, der, vielleicht wider ihr Erwarten, jedes Gefühl der Ritterlichkeit in meinem Busen weckte. Ich eilte auf sie zu, traf mit ihr unten an der Treppe zu- sammen, ltud mit einem einzigen Wort hatte ich ihr das Selbstbewußtsein wiodergegeben.
.Haben Sie Geduld! flüsterte ich rasch. Morgen werden wieder alle nm Sie feilt! Vielleicht früher noch. Gehen Sie in den Palmengarten und warten Sie dort!
Sie drückte mir dankbar die Hand, während ich die
Treppe hinauseilte, entschlossen, daß mich nun nichts mehr abhalten sollte, Gilbertine aufzusucheit und ihr den Brief zu überreichen, den mir Sinclair anvertraut hatte.
Aber dies war leichter beschlossen, als ausgefichrt. Als ich den dritten Stock erreichte, wo ich noch niemals gewesen war, fand ich zuerst niemand, der mir sagen konnte, in welches Zimmer Fräulein Murray sich zurückgezogen hatte. Dann, als ich zufällig ein Zimmermädchen antraf und es mir mit einem Vielsagenden Blick die betreffende Türe gewiesen hatte, fand ich, daß es völlig unmöglich war, eine Antwort von innen zu erlangen, trotzdem ich 'im Innern des Zimmers jemand rasch und unruhig auf- und abgehen hörte. Dann und wann schlug auch ein unterdrücktes Schluchzen oder ein leises Weinen, an mein Ohr. Das Mädchen wollte mich nicht hören, trotzdem ich ihr sagte, wer ich sei und daß ich einen. Brief von Hern« Sinclair zu überbringen habe. Im Gegenteil verhielt sie sich nunmehr völlig still und ließ mich klopfen, so lange ich wollte, bis die Lage endlich lächerlich wurde, ttitbt ich mich notgedrungen zurückzog. ,
Ich wollte zwar nicht nachgebeu. Stein, ich wollte hier verharren, bis sie aus eigenem Antrieb die Türe öffnen, oder bis Herr Armstrong heraufkäme und sie mit Gewalt aufbrechen würde. Ein Mädchen, das bett Mittelpunkt des allgemeinen Interesses bildete, würde sicher nicht den ganzen Morgen in seinem Zimmer eingeschlossen bleiben dürfen. Ihre Stellung als Braut verbot ihr das schon. Ob sie schuldig war oder iticht, sie mußte sich in Bälde zeigen. Wie als Erfüllung meiner Erwartung erschien nunmehr eine Gestalt am andern Ende des Ganges. Es Ivar Dutton, der Hausmeister, der ein Telegramm in der Hand hielt. Er war offenbar erstaunt, mich hier zu sehen, ging aber mit einer einfachen Verbeugttug vorüber uitd hielt vor der Tür an, dis ich vor wenigen Minuten selber mit so wenig Erfolg bestürmt hatte.
Eilt Telegramm, Fräulein, rief er, als auf fein Klopfen keine Antwort laut wurde. Herr Armstrong hat mich beauftragt, es Ihnen zu bringen. Das Telegramm istz vom Bischof und erheischt eine sofortige Antwort.
Matt hörte ein Geräusch im Zimmer, aber die Türe Web geschlossen. Mittlerweile hatte ich den Brief, den ich in meiner Brieftasche bewahrt hatte, herausgezogen und zugeklebt.
Geben Sie ihr das ebenfalls, sagte ich ihm und deutete auf die Spalte an der Türschwelle.
Er nahm den Brief, legte das Telegramm dazu und schob die Papiere zusammen hinein. Dann stand er auf und faßte die unschuldige Türe ins Singe, mit dem Ausdruck eines Mannes, der nicht leicht von seinem Vorhaben abgeht.
Ich werde auf die Antwort warten! rief er durch, das Schlüsselloch. Dann trat er zurück und stellte sich an die gegenüberliegende Wand.
Hier konnte ich ihm nicht Gesellschaft leisten. Ich zog mich in ein großes Erkerfenster zurück und wartete dort


